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Roboterchens Marsfahrt

VON ROBERT GAST

Mehrere Expeditionen zum Mars scheiterten. Am 6. August wird der Rover »Curiosity« dort landen. Er soll Spuren außerirdischen Lebens suchen und die Vergangenheit unseres Nachbarplaneten ergründen.

Roboterchens Marsfahrt© Urbanus @ de.wikipedia - commons.wikimedia.orgDie Marsexpedition »Curiosity« soll neue Erkenntnisse zu möglichem früheren Leben auf dem roten Planeten liefern
Generalmajor Charles Bolden sieht nicht gerade wie ein Staubsaugerverkäufer aus. Er hat die Statur eines Quarterbacks. Sein Anzug wirkt maßgeschneidert. Dennoch steht er Mitte Juli auf der Bühne des Euroscience Open Forum in Dublin und will etwas verkaufen, das teuer ist, dessen konkreter Nutzen sich aber nicht jedem erschließt. »Letztendlich geht es uns um die Menschen, darum, ihr Leben besser zu machen«, ruft er den Journalisten und Wissenschaftlern im Auditorium zu.

Bolden war Kampfpilot im Vietnamkrieg, danach wurde er Astronaut. Jetzt ist er Chef der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. Dieser Tage ist das ein schwieriger Job, vielleicht vergleichbar mit dem eines Finanzministers in Südeuropa. Man kann ihn nur mit einer Prise Pathos bewältigen. Zwar muss Bolden nicht für marode Staatsanleihen werben. Aber für etwas, das spätestens seit der Finanzkrise bei Steuerzahlern ähnlich große Vorbehalte hervorruft: die Reise zu den Sternen.

Immerhin hat Bolden einen ziemlich beeindruckenden Staubsauger mitgebracht. Er ist so groß wie ein Kleinwagen und beinahe eine Tonne schwer. Fast fünf Kilogramm Plutonium, die langsam in seinem Innern verglühen, treiben ihn an. Und im Halbdunkeln erinnert das Modell an den Disney-Roboter Wall-E.

Der Name des Rovers ist Curiosity. Er soll am 6. August auf dem Mars landen. Per Fernsteuerung werden Nasa-Mitarbeiter das Gefährt dann über den roten Sand lenken, jahrelang. Der Rover wird Gesteinsbrocken aufbohren und den Staub zur chemischen Analyse in sein Inneres befördern. »Amaaaazing research«, nennt Bolden das.

Die großartige Forschung soll ein altes Rätsel lösen: Ähnelte der Mars vor vielen Milliarden Jahren einmal der Erde? Heute ist unser Nachbarplanet eine lebensfeindliche Wüstenwelt. Anders als die Erde schützen ihn weder ein Magnetfeld noch eine Ozonschicht, weswegen auf seiner Oberfläche pausenlos sterilisierende Strahlung niedergeht. Außerdem ist seine Atmosphäre so dünn, dass flüssiges Wasser dort rasch verdampft - trotz Höchsttemperaturen von gerade mal 20 Grad Celsius.

Man vermutete im roten Sand die Überreste einer Zivilisation

Aber ausgetrocknete Flussbetten und Abflussrinnen im Profil seiner Oberfläche zeugen davon, dass der Mars einmal anders aussah. Er könnte ein nasser und warmer Planet gewesen sein, glauben viele Forscher. Auf ihm könnte es Flüsse und Seen gegeben haben, vielleicht sogar einen Ozean in der nördlichen Tiefebene. Es soll regelmäßig geregnet haben, das Wasser soll Hunderte Millionen von Jahren geflossen sein. In solch einer Welt hätte ziemlich sicher Leben entstehen müssen, lange bevor es sich auf der Erde entwickelte.

Derartige Szenarien faszinieren Wissenschaftler und Laien seit den Kindertagen der Marsforschung. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete man im roten Sand die Überreste einer mächtigen Zivilisation, die einst Wasser aus gewaltigen Kanälen schöpfte. Immerhin bis in die 1950er Jahre war der Glaube an eine Fauna von Gräsern und Pflanzen auf dem Mars Kanon. Auch wenn heute klar ist, dass es dort allenfalls Mikroorganismen geben kann, hat das der Faszination für den roten Planeten keinen Abbruch getan. Vielleicht, so spekulieren Mars-Enthusiasten, schleuderte einer der vielen Meteoriteneinschläge dort vor vier Milliarden Jahren einen Brocken mit Bakterien ins All, der dann kurz darauf die biologische Evolution auf der Erde angestoßen hat. Sind wir am Ende alle Marsmenschen?

Jene, die für weltanschauliche Träumereien nichts übrig haben, will Generalmajor Bolden mit anderen guten Gründen vom Nutzen der Raumfahrt überzeugen. Nummer eins: Wie keine andere Disziplin könne sie junge Menschen für Technik begeistern, »wohin ich auch gehe, sehe ich dieses Feuer in den Augen von Schülern, die verstanden haben, wie wichtig Wissenschaft, Technologie und Mathematik sind«, ruft er ins Dubliner Auditorium.

Es ist die wackelige Logik eines Utilitaristen: Große Erfolge der Raumfahrt machen ganze Generationen zu Ingenieuren; diese lösen die Probleme der Welt. Doch der direkte Nutzen der Raumfahrt hat sich nie eindeutig belegen lassen. Weder anhand von Studentenzahlen noch mit der angeblichen Fülle von Patenten. Auch die berühmt-berüchtigte Teflonpfanne eignet sich nicht als Beispiel für einen Spin-off; ihre Beschichtung wurde Jahrzehnte vor der Mondlandung erfunden.

Um Menschen zu inspirieren, muss die Technik auch unter widrigen Bedingungen funktionieren. Befehle nimmt eine Marssonde mit einer Viertelstunde Verzögerung entgegen. Daher muss alles genauestens geplant sein, vor allem die Landung. Wegen der Anziehungskraft des Mars und der Reibung in seiner Atmosphäre verläuft diese ruppig. Und als wären die Fehlschläge der Vergangenheit (fünf der elf bisherigen Marslandungen scheiterten) noch nicht Grund genug zum Bangen, erprobt Curiosity auch noch eine neue Landetechnik. Statt ihn wie frühere Roboter auf einem Luftkissen abzufedern, muss der jüngste Rover wegen seines enormen Gewichts von einem fliegenden Raketenkran abgesetzt werden. Bis zur Bodenberührung wird es sieben Minuten dauern. In ihnen entscheidet sich, ob der zweieinhalb Milliarden Dollar teure Staubsauger eine gute Investition war. Charles Bolden nennt das bange Warten »sieben Minuten Terror«.

Glückt die Landung, ist der mediale Erfolg von Curiosity garantiert. Auch wenn die 3-D-Kamera des Titanic-Regisseurs und Mars-Enthusiasten James Cameron doch nicht mitgenommen werden konnte, wird Curiosity Aufnahmen von schillernder Wüstenromantik in nie da gewesener Qualität zur Erde funken, rosa leuchtender Streifen am Horizont inklusive. Schwerer wird es sein, neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu verkaufen. Denn der Rover ist in erster Linie ein trockener Historiker.

Wie vorherige Missionen gehorcht er einer simplen Direktive: Follow the water - folge dem Wasser. Denn auch wenn Leben ohne Sonnenlicht und im Schein von harter Strahlung entstehen kann (wie Organismen in der pechschwarzen Tiefsee oder Pilze im Reaktor von Tschernobyl), gilt: Ohne Wasser kommt der für Leben nötige Stoffwechsel nicht in Gang. Mittlerweile haben Forscher herausgefunden, dass es sich in vielen Regionen des Mars dicht unter der Oberfläche befindet - in Form von riesigen Eisfeldern. Aber wann ist es geflossen? Und vor allem: wie lange?

Für Curiosity haben die Nasa-Planer einen Landeort ausgewählt, der für Antworten auf diese Fragen prädestiniert ist: Der Gale-Krater gilt als Schatzkiste der Marsgeologie. Im Zentrum der knapp fünf Kilometer tiefen Senke von der Größe Bayerns ragt ein gewaltiger Berg empor. Er ist deutlich höher als der Montblanc und besteht aus Sedimentablagerungen, die sich über Milliarden von Jahren gebildet haben. Curiosity soll an seinem Hang in unterschiedlicher Höhe Gesteinsproben nehmen. »Wie in einem Geschichtsbuch lassen sich so die verschiedenen Epochen des Mars untersuchen«, sagt Ralf Gellert von der Universität im kanadischen Guelph. Gellert hat das Alphapartikel-Röntgenspektrometer entwickelt, mit dem sich die chemische Zusammensetzung des Marsbodens ergründen lässt.

Nun ist Geologie eine Wissenschaft, die Laien eher selten in ihren Bann zieht. Das Sezieren von Gestein aus den Kindertagen unseres Sonnensystems erfordert viel Geduld, und die daraus gewonnenen Erkenntnisse lassen oft verschiedene Interpretationen zu. So fanden die 2004 abgesetzten Rover Spirit und Opportunity allerlei Mineralien, die auf der Erde nur im Zusammenspiel mit fließendem Wasser entstehen können. Sie gelten daher neben Flusstälern als stärkstes Indiz für einen nassen und warmen Frühmars.

Eine Mission mit Retourticket wäre viermal so teuer wie Curiosity

Allerdings dauerte es nicht lange, bis andere Forscher diese Interpretation anfochten. Sie zeigten, dass es für die auffälligen Mineralien nicht unbedingt einer dichten, warmen Atmosphäre bedurfte. Womöglich wurde damals das Wassereis auf dem Mars nur vorübergehend durch Meteoriteneinschläge oder Vulkanausbrüche geschmolzen. Die entstandenen Sturzfluten formten Abflussrinnen und sammelten sich in dem ein oder anderen Krater. »Vielleicht waren die Wassermassen gar nicht so riesig, wie man denkt«, sagt der Geologe Ernst Hauber vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Für Hauber und andere Geologen stützen in den letzten Jahren immer mehr Indizien eine Interpretation, die den meisten Exobiologen nicht gefallen dürfte: Der Mars hatte vielleicht nie eine besonders warme und dichte Atmosphäre, er war also nie besonders lebensfreundlich.

Von Curiosity und seinem fahrenden Labor mit zehn Experimenten sind Fortschritte zu erwarten - aber keine definitiven Antworten. Um trotzdem Resultate präsentieren zu können, die medial besser verkäuflich sind als sonderbare Namen von Mineralien, sucht die Mission auch unmittelbar nach Relikten des Lebens. »Man hätte nicht so viel Geld ausgegeben, um einzig die Geologie des Mars zu studieren«, sagt Hauber. Konkret erhoffen sich die Forscher einen Nachweis von organischen Verbindungen, den Bausteinen des Lebens. Gibt es sie auf dem Mars, erscheint biologische Aktivität dort gleich sehr viel wahrscheinlicher. Allerdings finden sich Moleküle auf Kohlenstoffbasis bis hin zu Aminosäuren auch auf Kometen - ohne dass diese Leben tragen. »Curiosity ist nicht dafür ausgestattet, nach Leben zu suchen«, sagt Michael Khan, Missionsanalytiker bei der Europäischen Welt raumorganisation Esa. Insofern wird frühestens ein Nachfolger des Spähmobils die Frage nach der Marsbiologie beantworten können.

Wohl deshalb bringt Generalmajor Bolden in Dublin sein zweites Argument für die Raumfahrt: Sie schafft Arbeitsplätze! »Jeden Dollar, den wir für die Erkundung des Weltraums ausgeben, geben wir hier auf der Erde aus«, ruft er. Es ist vermutlich das wichtigste Argument für den amerikanischen Steuer zahler. Um die Kosten zu minimieren, ist die Nasa dazu übergegangen, ihre Raumschiffe von Privatfirmen bauen zu lassen.

Wie wichtig eine Preissenkung ist, zeigt der Blick in die Zukunft. Gewissheit über einstiges Leben auf dem Mars brächte wohl erst eine Gesteinsprobe, die zur Erde zurückgebracht und hier untersucht wird. Nur so könnten die feinen Spuren des Lebens zweifelsfrei nachgewiesen werden. Eine Mission mit Retourticket aber würde mindestens viermal so teuer wie Curiosity, schätzen Experten. Trotz dieser Zahlen hat im letzten Jahr ein Gremium der Nasa ein solches Projekt zum nächsten Meilenstein des Marsprogramms erklärt. Ihr Motiv war jedoch nur teilweise ein wissenschaftliches. »Eine Rückholmission wäre unerlässlich, um später Menschen zum Mars zu schicken«, sagt Robert D. Brown, ehemaliger Technologie-Chef der Nasa. Denn nur wenn man Marsgestein einmal auf der Erde analysiert hat, kann man ausschließen, dass es für Menschen toxisch ist.

Mitte der 2030er Jahre sollen Astronauten auf dem Mars landen, hat Präsident Obama vor zwei Jahren angekündigt. Er will nun das Forschungsbudget der Vereinigten Staaten aufstocken. Aber nicht das der Nasa: Sie muss schon dieses Jahr mit 700 Millionen Dollar weniger auskommen als noch 2011: 17,7 Milliarden wird ihr Etat 2013 betragen. Gespart wird vor allem bei der Mars-Forschung. Wie eine Rückholmission und anschließend eine bemannte Landung mit fast 40 Prozent weniger Marsbudget realisiert werden sollen, klärt dieser Tage ein Expertengremium der Nasa. »Man wird das Tempo etwas drosseln«, vermutet Brown.

Mancher Experte befürchtet, dass dabei kleinere Projekte auf der Strecke bleiben könnten. Erwischen könnte es etwa eine Mission, die seismografische Messungen auf dem Mars durchführen soll. Mit ihrer Hilfe könnte man eines Tages die Frage beantworten, ob der Mars tatsächlich einmal ein Magnetfeld hatte, das kosmische Strahlung abhielt. Dies würde die Theorie von einem bewohnbaren Frühmars stützen.

Die USA predigen Brüderlichkeit - und brüskieren Europa und China

Was für einen schweren Stand Marsvorhaben bei der Nasa derzeit haben, bewies diese Anfang des Jahres: Die Amerikaner stiegen aus einem Gemeinschaftsprojekt mit der Esa aus: Ein Rover namens ExoMars soll dereinst zwei Meter tief in die Marsoberfläche bohren können. Jetzt steht Europa in Verhandlungen mit Russland.

Unter diesen Vorzeichen klingen die Worte von Charles Bolden recht bizarr, als er seinen letzten Trumpf ins Dubliner Auditorium hinausposaunt: »Am Ende sitzen Menschen aus verschiedenen Ländern an einem Tisch und müssen entscheiden, ob sie gemeinsam eine komplexe Mission zur Erforschung des Weltalls zu einem Erfolg machen möchten.« Dieser Traum ist so alt wie die Fernsehserie Star Trek: Der Blick aus der Ferne auf den blauen Planeten stiftet Brüderlichkeit. Er habe bereits die Umweltbewegung inspiriert, behauptet Bolden, jetzt möge die Raumfahrt die Menschheit zusammenbringen. Weshalb es jedoch in den USA nach wie vor gesetzlich verboten ist, staatliche Gelder für gemeinsame Weltraumprojekte mit China auszugeben, thematisiert Bolden nicht.

Auch anderes lässt er außen vor: dass man über jeden seiner Gründe für die Reise zu den Sternen vorzüglich streiten kann. Außer über den, den er mit keiner einzigen Silbe erwähnt hat (womöglich weil er kultureller Natur ist und sich daher schlecht verkaufen lässt): die Freude am Entdecken und Verstehen, die Neugier. Immerhin ist die aktuelle Marssonde nach ihr benannt.

Aus DIE ZEIT :: 02.08.2012

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