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Rohstoffmärkte - Handel mit Kupfer und heißer Luft?

VON ROLF JAKOBI

Wenn sogar Großunternehmen sich zusammentun, um über eine gesicherte Rohstoffversorgung zu beraten, ist die Lage ernst. Doch nicht nur die Versorgung gibt zur Besorgnis Anlass - vielmehr scheint das gesamte Marktsystem des Rohstoffhandels aus den Fugen geraten zu sein.

Rohstoffmärkte - Handel mit Kupfer und heißer Luft?© iStockphoto.com - savas keskinerDie Rohstoffpreise explodieren - Krisenstimmung in der Chemiewirtschaft
Die Fundamentalsätze der Wirtschaft gelten im Gegensatz zu denen der Naturwissenschaften als rein empirisch. Funktioniert etwas nicht so, wie im Modell vorgesehen, spricht die Wirtschaft vom "Marktversagen". Dies ist der Fall, wenn die empirische Regel, nach der Angebot und Nachfrage den Marktpreis bestimmen, nicht gilt. Würde diese Regel gelten, sollten die Preise steigen, wenn Angebotsmangel herrscht, und fallen, wenn Überschuss vorhanden ist. Spräche die Chemie oder Physik vom Versagen des Massenerhaltungssatzes, wäre weltweites Gelächter die Folge. Doch bei den Massen- und Finanzströmen lebenswichtiger Rohstoffe scheint das anders.

Der ideale Markt

Commodities wie Seltene Erden und Kupfer werden auf dem Spotmarkt (sofort) und auf dem Futuresmarkt (auf Liefertermin) gehandelt. Futures und Optionen sind Preissicherungsgeschäfte und sinnvoll für Verkäufer wie Käufer. Neben der Preissicherheit erhalten damit Verkäufer eine Abnahme- und Käufer eine Liefersicherheit. Ein solcher Handel ist für beide eine Win-win-Situation und ein Gleichgewicht wäre schnell gefunden. Der reale Markt sieht jedoch anders aus.

Rohstoffmärkte - Handel mir Kupfer oder heißer Luft? © Nachrichten aus der Chemie Tab. 1. Preisspanne für Seltene-Erden-Oxide vom Jahr 2004 bis August 2013

Knappe Metalle mit chaotischen Preisen

Auf den Rohstoffmärkten fluktuieren die Preise seit dem Börsencrash im Jahr 2009 immer mehr. Schwankungen von tausend Prozent sind keine Seltenheit (Tabelle 1). Die Preisausschläge in den zeitlichen Charts ähneln einem chaotischen physikalischen System.

Strategisch wichtige Metalle wie Seltene Erden haben einen intransparenten Markt, und die Preisbildung ist gekennzeichnet durch politische Einflüsse der Besitzerstaaten. Der alte Fundamentalsatz der Betriebswirtschaftslehre, wonach eine Bündelung der Nachfragemacht den Einkaufspreis reduziert, funktioniert also hier nicht. Denn wenn 90 Prozent der derzeit abbaufähigen Ressourcen sich in China befinden, ist die Verhandlungsmacht der Käufer eine reine Papiergröße. Wenn viele Habenichtse ihren Mangel bündeln, bleibt am Ende nichts als großer Mangel. Entsprechend sind die Preise explodiert.

Bei Seltenen Erden sind Mengenbilanzen und Stoffströme so gut wie nicht ermittelbar, weil über Schwarzmärkte, geheime Lager und Handelshäuser in der Regel wenig Information verfügbar ist. Während hier die Preisfindung kaum nachvollziehbar ist, sollte sie für den Rohstoffhandel an öffentlichen Börsen transparenter sein. Dem ist leider ganz und gar nicht so.

Rohstoffmärkte - Handel mit Kupfer und heißer Luft? © Nachrichten aus der Chemie Tab. 2. Produktion (inkl. Recycling) und Verbrauch von Kupfer

Verwirrendes Kupfer

Der Handel mit Kupfer an den Commodity Exchange Börsen zeigt verwirrende Bilder. Kupfer hatte in den letzten zehn Jahren einen bis auf wenige tausend Tonnen ausgeglichenen Markt: Die Minen produzierten fast so viel, wie der Markt brauchte. Die Differenz deckten Recyclingmaterialien und Lagerbestände (Tabelle 2). Es waren also nur geringe Preisausschläge zu erwarten.

Im Gegensatz zum Modell zeigt das reale Langfristchart von Kupfer ab dem Jahr 2009 extreme Preisausschläge trotz ausreichend
Rohstoffmärkte - Handel mit Kupfer und heißer Luft? © Nachrichten aus der Chemie Abb. 1. Kupferpreis (blaue Linie) und Lagerbestände in London (LME), New York (Comer) und Shanghai (SHFE) zwischen 2001 und Okt. 2013
vorhandener Mengen: Die Abbildung berücksichtigt die größten Umschlags- und Lagerorte, nämlich London, New York und Schanghai; private Lager sind nicht erfasst. In der Zeit von 2009 bis 2013 gab es Lagerbestände von durchschnittlich etwa 0,6 Mio. Tonnen Kupfer. Dies ist ungefähr dreimal so viel wie zwischen 2005 und 2008 - bei ebenfalls ausgeglichenem Angebots-Nachfrageverhältnis. Trotzdem überstiegen die Preise im Jahr 2011 die von 2005 bis 2008.

Eine empirische Regel besagt, dass die heutigen Börsenkurse künftige Marktentwicklungen vorwegnehmen. Im Jahr 2009 gab es jedoch keine Hinweise darauf, dass sich der Kupferverbrauch im folgenden Jahr verdreifachen sollte. Dies hätte theoretisch die enorme Preiserhöhung erklären können. Allerdings lässt sich die weltweite Verarbeitungskapazität technisch nicht innerhalb weniger Monate vervielfachen. Andere Industriemetalle - vor allem Aluminium - zeigen ähnliche Effekte.

Die 23-fache Jahresproduktion

Allein in London wurden im Jahr 2012 etwa 38,5 Mio. Lots Kupfer gehandelt. Da ein Lot die standardisierte Kontraktmenge von 25 Tonnen enthält, ergibt sich eine theoretische Handelsmenge von 962 Mio. Tonnen. Selbst, wenn man diese Zahl durch zwei dividiert, weil einem Austausch jeweils ein Verkaufs- und ein Kaufkontrakt zugrunde liegen, ergäbe dies eine Menge von etwa 460 Mio. Tonnen, also das 23-fache der Jahresweltproduktion.

Virtueller Handel

Die Diskrepanz zwischen Produktion und Handel lässt sich nur durch Spekulation und Leerverkäufe erklären - einen Handel mit heißer Luft, einen Handel zwischen Marktakteuren, die das Material weder erzeugen noch verbrauchen. Die Spekulanten und Investmentbanker behaupten, dass dieser virtuelle Handel die Preise in der Realwirtschaft nicht beeinflusse. Wenn dem so wäre, sähe das Preischart jedoch anders aus.

Eine plausible Erklärung für die trotzdem steigenden Preise haben die Spekulanten nicht. Der Markt werde es schon wieder richten, denn der habe immer Recht. "Der Markt" - das erinnert an die Theorie des Phlogistons, oder ist dies möglicherweise ein Nachweis für die "unsichtbare Hand" von Adam Smith, die im Metallmarkt mitmischt? Sichtbar ist auf jeden Fall eines, nämlich der Schaden für die Realwirtschaft durch irrationale Preise.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Januar 2014