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Rolle rückwärts

Von Manuel J. Hartung

In Hessen will die SPD die Studiengebühren kippen. Sozial ist das nicht.

Rolle rückwärts: Studiengebühren Hessen© SPD - HessenDie Vorsitzende der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag ist Andrea Ypsilanti
Die hessische SPD hat am vergangenen Wochenende einen überraschenden Beschluss gefasst: Sie will ein Wahlversprechen halten.

In Punkt IV 1 des Leitantrages des Landesparteitages in Hanau bekräftigt sie, die Studiengebühren abzuschaffen; seit dem Herbst 2007 zahlen Studenten an hessischen Hochschulen 500 Euro pro Semester. Die SPD will nun Grüne und Linkspartei dafür gewinnen, eine Mehrheit im Landtag ist wahrscheinlich.

Eine Abschaffung der soeben erst eingeführten Studiengebühren wäre sowohl ein Dokument des Irrtums der Linken als auch ein Zeichen des Versagens der CDU-Hochschulpolitik. Und es wäre
ein zweifelhaftes Signal für andere Bundesländer.

Studiengebühren abzulehnen, dieser Erkenntnis verweigert
sich die deutsche Linke hartnäckig, hat mit sozialer
Gerechtigkeit nichts zu tun.

Das deutsche Hochschulsystem ist eines der selektivsten der Welt - der Filius eines Chefarztes nimmt mit viel größerer Wahrscheinlichkeit ein Studium auf als die Tochter einer Krankenschwester. Nichtsdestoweniger finanziert die Krankenschwester mit ihren Steuern das Studium des Chefarztsohns.

Gibt es keine Studiengebühren, bedeutet das, "den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten". Wer das schrieb? Karl Marx!

Aber auch die Konservativen haben bei der Einführung der Studiengebühren Fehler gemacht. Die hessische CDU war handwerklich ungeschickt und strategisch verblendet. Mit ihrer "Ein feste Burg ist unser Koch"-Mentalität schaute sie auf die Proteste von Studenten herab, statt diese ernstzunehmen; viele Stipendien und ein vernünftiges Kreditsystem hätten Studenten (und vielen Eltern mit studierenden Kindern) die Furcht vor Gebühren nehmen können.

Wenn nun aufgrund des Irrtums der Linken und des Versagens der Konservativen die Campusmaut fallen sollte, dann muss neu über einen Kernpunkt der Hochschulreform verhandelt werden. Bislang orientierten sich die meisten deutschen Universitätsreformer am erfolgreichen angloamerikanischen Modell, das ohne Studiengebühren nicht denkbar ist; die 500 Euro pro Semester galten vielen nur als Auftakt für ein viel teureres Bezahlstudium.

Vollführt Hessen in Sachen Studiengebühren nun die Rolle rückwärts, dann steht zu befürchten, dass andere Bundesländer nachziehen. Wie die deutschen Hochschulen aber besser und gerechter werden sollen, ohne dass sich die Studenten an den Kosten beteiligen - darauf hätte man denn doch gern eine Antwort.

Aus DIE ZEIT :: 03.04.2008

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