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Rotstift-Ranking

Von JAN-MARTIN WIARDA

Deutschland spart bei den Unis weniger ein als andere EU-Länder.

Rotstift-Ranking© Matt Jeacock - iStockphoto.comAn den Etats deutscher Hochschulen wird der Rotstift angesetzt
Hessen machte den Anfang. 30 Millionen Euro müssen die dortigen Hochschulen künftig pro Jahr einsparen. So rabiat die Taktik auch war, mit der Roland Kochs Landesregierung seine »Hochschulpakt« genannte Streichliste durchgesetzt hat, sie hat bereits Nachahmer gefunden. Schleswig-Holstein will sein Bildungssystem offenbar dermaßen zurechtstutzen, dass zwei der drei Universitäten im Bundesland bereits um ihre Existenz fürchten.

Die Empörung über die Pläne ist so groß, dass vergangene Woche der Universitätsrat Schleswig-Holstein geschlossen zurückgetreten ist. Sie seien nicht länger bereit, die akademische Selbstdemontage des Landes mitzutragen, verkündeten die neun Mitglieder des höchsten universitären Aufsichtsgremiums. Angesichts solcher Nachrichten wundert das Ergebnis einer Studie des europäischen Universitätenverbandes EUA, die Deutschland als eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen im europäischen Bildungsstreichkonzert darstellt. Um bis zu - kein Druckfehler - 48 Prozent (Lettland) haben unsere Nachbarländer der European University Association zufolge ihre Hochschuletats innerhalb eines Jahres abgesenkt, die Liste der Sparer ist lang und umfasst zum Beispiel Großbritannien, Italien, Irland und Polen. Andere Länder, kritisiert die EUA weiter, seien wie Österreich im Begriff, ihre Hochschulbudgets einzufrieren - was inflationsbereinigt einen Verlust bedeutet. Und dann seien da Frankreich, Deutschland und, man staune, Portugal, die ihre Uni-Ausgaben trotz Krise wie versprochen erheblich ausweiten wollten. Hat die EUA denn nicht den Aufschrei zwischen Kiel und Wiesbaden gehört?

Doch, das hat sie. Allein: Anderswo sieht es derzeit noch finsterer aus. Die bisherigen Einsparungen der Bundesländer werden durch die geplanten zusätzlichen Bundesmilliarden für die Bildung bislang überkompensiert. Wer das jetzt im Vorfeld des am 10. Juni anstehenden Bildungsgipfels für Luxus hält, den sich angesichts der Haushaltsnot keiner mehr leisten könne, hat eines nicht verstanden: Hier bietet sich die einmalige Chance einer Aufholjagd. Deutschland hat über so viele Jahre zu wenig in seine Schulen und Hochschulen gesteckt, dass die momentane Not unserer Nachbarn nur den Rückstand verkürzt, den die Bundesrepublik noch hat. Jedes weitere Sparpaket, ob von Bund oder Ländern, macht diese Chance zunichte.

Aus DIE ZEIT :: 02.06.2010

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