Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Rückkehr in die neue, alte Heimat - Ergebnisse einer GSO-Umfrage unter Professoren des Krupp-Förderprogramms

von Sabine Jung

Mit Hilfe von Rückkehr-Förderprogrammen wie dem der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gelingt es Deutschlands Universitäten besser, auf dem internationalen Berufungsmarkt konkurrenzfähig zu sein. Jüngst wurden die von der Krupp-Stiftung geförderten Rückkehrer gefragt, wie zufrieden sie z.B. mit den Arbeitsbedingungen in Deutschland und dem deutschen Hochschulstandort insgesamt sind.

Rückkehr in die neue, alte Heimat© Lisa Klumpp - iStockphoto.comWas sind die Beweggründe für Wissenschaftler und Forscher, nach einem Auslandsaufenthalt in die Heimat zurückzukehren?
52 deutsche Professorinnen und Professoren aus 13 Ländern sind im Rahmen des Förderprogramms "Rückkehr deutscher Wissenschaftler aus dem Ausland" an Universitäten in Deutschland zurückgekehrt. Ins Leben gerufen wurde dieses Programm im Jahr 2006 von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach- Stiftung und der German Scholars Organization (GSO). Ziel des Programms war es, deutsche Hochschulen im internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte zu stärken.

Um das zu erreichen, beschritt das Programm einen ebenso innovativen wie unbürokratischen Weg: Es setzte bei den Universitäten selbst an und stellte diesen zusätzliche, flexibel einsetzbare Mittel zur Verfügung. Bis zu 100 000 Euro pro Professur konnten die geförderten Hochschulen jeweils einsetzen, um dem gewünschten Kandidaten ein konkurrenzfähiges Berufungsangebot vorlegen zu können. Die Krupp-Stiftung investierte für das Programm einen Gesamtbetrag von 5,8 Millionen Euro. Nach einer Programmlaufzeit von sechs Jahren zogen Krupp-Stiftung und GSO im Rahmen eines Rückkehrer- Symposiums am 23. April 2012 in Berlin nicht nur eine Bilanz ihrer Fördertätigkeit. Sie stellten auch die Ergebnisse der von der GSO im Februar 2012 durchgeführten Umfrage unter den 52 Krupp- Professorinnen und Professoren vor.

Warum zieht es Forscher in die Ferne? Und warum wieder zurück? Wie erleben Rückkehrer das "Ankommen" in der neuen, alten Heimat? Und wie beurteilen sie den Wissenschaftsstandort Deutschland, insbesondere vor dem Hintergrund ihrer internationalen Erfahrung? Mit diesen Fragen trat die GSO an die 52 Krupp-Professoren heran.

Mobilitätsgründe

Wie die Umfrageergebnisse zeigen, verließen die Forscher mehrheitlich Deutschland, weil sie es für einen notwendigen Bestandteil einer Wissenschaftskarriere hielten und weil ihnen im Ausland bessere Forschungsbedingungen geboten wurden.

Zwei Drittel der Befragten geben zudem an, dass es für sie zum damaligen Zeitpunkt keine adäquate Position in Deutschland gab. So schreibt einer der Krupp-Professoren: "Die USA boten die Möglichkeit, mich als unabhängiger, eigenständiger Wissenschaftler selbst zu entwickeln und zu bewähren, auf einer Stelle mit potenziell langfristiger Perspektive." Dass es beim erfolgreichen "Abwerben" deutscher Wissenschaftler manchmal auch auf den Faktor Zeit ankommt, zeigt eine weitere Bemerkung: "Das Prozedere war sehr zügig: Von Bewerbung bis Angebot dauerte es nur knapp sechs Wochen!

Diese Schnelligkeit des Berufungsverfahrens gibt den angelsächsischen Hochschulen einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil, ohne dass sie auch nur einen Cent für diesen Vorteil investieren mussten." Ihren Auslandsaufenthalt bewerten alle Befragten im Rückblick für ihre Laufbahn als ausgesprochen förderlich. Fast jeder würde diesen Schritt wieder machen.

Gründe für die Rückkehr

Aufschlussreich waren auch die Angaben, warum es die geförderten Professoren wieder in die Heimat zog: Nur die wenigsten kehrten zurück, weil ihre Stelle auslief. Stattdessen hatten die Wissenschaftler echte Wahlfreiheit: In 86 Prozent aller Fälle gab es für sie neben dem Angebot ihrer jetzigen deutschen Hochschule ein Bleibeangebot im Ausland oder andere Rufe. Zwar spielten in rund der Hälfte aller Fälle auch familiäre Gründe eine Rolle für die Rückkehr nach Deutschland.

Doch immerhin 67 Prozent der Wissenschaftler geben an, dass sie sich nicht primär für oder gegen ein bestimmtes Land entschieden haben, sondern aus verschiedenen Optionen diejenige wählten, die ihnen die besten Arbeitsbedingungen bot. Eine Zahl, die deutlich zeigt, dass sich exzellente Wissenschaftler inzwischen ganz selbstverständlich auf einem internationalen Arbeitsmarkt bewegen - und dass deutsche Universitäten gefordert sind, sich aktiv um diese Kandidaten zu bemühen und ihnen ein wettbewerbsfähiges Angebot vorzulegen.

Die GSO-Umfrage liefert vor diesem Hintergrund wichtige Hinweise darauf, welche Faktoren und Strategien Universitäten bei der Gewinnung von Spitzenforschern erfolgreich machen. Zum einen gilt es, das Potenzial der jeweiligen Kollegen als "recruiting agents" systematischer zu nutzen. Denn in den Fällen, in denen die Krupp-Professoren aktiv von ihrer jetzigen deutschen Universität angeworben wurden, waren es zu fast 90 Prozent die Kollegen - und nicht etwa die Hochschulleitung - von denen die Ansprache ausging. Zum anderen ist in der Phase der Berufungsverhandlungen finanzielle Flexibilität entscheidend, wie sie durch die finanziellen Mittel der Krupp-Stiftung gewährleistet werden konnte. So geben zwei Drittel der Befragten an, dass das Krupp-GSOFörderprogramm eine sehr wichtige oder sogar entscheidende Rolle bei der Rufannahme spielte.

Einer der Rückkehrer erläutert: "Ohne die Krupp-Förderung hätte ich nicht mein Lieblingsprojekt in Deutschland beginnen, keine PhD-Studentin einstellen und nicht mit Max-Planck-Kollegen für zwei Jahre eine interdisziplinäre, erfolgreiche Arbeit beginnen können. Im Nachhinein war dies ein entscheidender Impuls." Die mit 85 Prozent überdurchschnittlich hohe Rufannahmequote, die im Rahmen des Förderprogramms ermittelt wurde, belegt dies.

Die Bedeutung der "weichen" Faktoren

Nicht zu unterschätzen sind jedoch auch die vermeintlich weicheren Faktoren. Zahlreiche Rückkehrer betonen in ihren Antworten und in vertiefenden Interviews, wie wichtig ihnen die Wertschätzung ihrer Arbeit und ihrer Auslandserfahrung gewesen sei, die durch die zusätzliche Förderung zum Ausdruck gebracht wurde. Für viele stellte sie in einem langwierigen Verhandlungsprozess, in dem mancher sich gar als Bittsteller fühlte, ein entscheidendes Signal des Entgegenkommens durch die Universität dar.

Noch deutlicher werden die Befragten, wenn es um das Thema "Dual career" geht. Knapp 40 Prozent bewerten die Unterstützungsangebote für ihren jeweiligen Partner, die man ihnen an ihrer deutschen Universität unterbreitete, nur mit den Noten "ausreichend" oder "mangelhaft". Auf einer Fünfer-Skala wird insgesamt nur der Durchschnittswert 3,5 erreicht. Gerade bei diesem Thema scheint die Erwartungshaltung - basierend auf positiven Erfahrungen meist in den USA - besonders weit von dem entfernt zu sein, was deutsche Universitäten (bislang) bieten können. "Dual career ist faktisch nur ein Stichwort, das die Universitäten kennen. In meinem Fall hat es gar nichts bewirkt", kritisiert ein Rückkehrer. Ganz ähnlich sieht dies auch ein weiterer Befragter: "Obwohl es im Internet eine "Dual career couples"- Sektion gibt, besteht diese faktisch nicht, und mir wurde nur allgemeine Unterstützung bei der Jobsuche meiner Frau angeboten."

Und manch einer muss sich von seiner Universität gar getäuscht fühlen: "Die Zusage der Hilfe für den Partner wurde nicht eingehalten, Nachfragen schlichtweg ignoriert." Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Universitäten, die auf diesem Gebiet bereits professionell agieren, einen wichtigen Wettbewerbsvorteil ausspielen können.

Alle anderen Aspekte des Berufungsverfahrens werden von den Rückkehrern nicht ganz so negativ eingeschätzt, erhalten jedoch bestenfalls mittelmäßige Noten: Die Schnelligkeit des Verfahrens wird auf einer Fünfer-Skala im Mittelwert mit einer 2,8 bewertet, die Transparenz und Professionalität der Prozesse mit einer 2,6. Einige geben explizit an, dass ihr Verfahren mehrere Jahre gedauert habe.

Blickt man nun auf die Phase des Ankommens am neuen Arbeitsplatz und in der neuen, alten Heimat, so scheinen die Rückkehrer weitgehend auf sich alleine gestellt zu sein. Nur ein Viertel der Befragten gibt der Unterstützung bei Wohnungssuche, Umzug und Behördengängen die Note "sehr gut" oder "gut" - der Mittelwert liegt hier nur bei 3,5. Auch auf Einarbeitungshilfen wie z.B. Leitfäden oder Einführungsgespräche mussten die Rückkehrer weitgehend verzichten. Die Möglichkeit, direkt mit der eigentlichen Forschungsarbeit beginnen zu können, wird von 45 Prozent der Befragten nur als "ausreichend" oder "mangelhaft" eingeschätzt (Mittelwert 3,1). "Ich stand vor leeren Laboren und noch zu räumenden Laboren und musste diese zuerst renovieren und neu aufbauen", beklagt etwa einer der Befragten. Noch deutlicher wird ein anderer Rückkehrer: "Unsere Uni-Verwaltung scheint sich auch weiterhin vor allem darin zu gefallen, Dinge maximal zu verkomplizieren und Probleme zu erzeugen, statt nach gemeinsamen Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Das war in den USA eindeutig anders." Auch hier gibt es für Deutschlands Universitäten also noch Nachholbedarf.

So regt ein Rückkehrer ganz konkret die Einführung eines Mentoren-Systems an, bei dem neue Professoren von erfahrenen Professoren gecoacht und bei der Eingewöhnung unterstützt würden.

Arbeitsbedingungen in Deutschland

Umso erfreulicher sind vor diesem Hintergrund die Antworten auf die Frage, wie die Rückkehrer ihre jetzige Position im Hinblick auf die beiden Punkte Forschungsbedingungen im Allgemeinen und Gestaltungsmöglichkeiten bewerten. 90 bzw. 75 Prozent der Krupp-Professoren zeigen sich mit diesen Aspekten "sehr zufrieden" oder "zufrieden". So schreibt einer der Rückkehrer: "Ich bin - trotz einiger verbesserungswürdiger Punkte - sehr glücklich, wieder in Deutschland mit seiner großartigen Forschungslandschaft zu sein."

Fragt man konkreter, so zeigt sich jedoch an einigen Punkten durchaus wieder größerer Unmut. Die beiden Aspekte Belastung durch Verwaltungstätigkeiten und Höhe der Besoldung erreichen auf der 5-stufigen Unzufriedenheitsskala mit einem Mittelwert von 3,5 jeweils die schlechtesten Werte, dicht gefolgt vom Lehrdeputat (Mittelwert 3,3). Es überrascht, dass zudem auch die Zufriedenheitswerte mit der Internationalität der Hochschule und der Qualität der Studierenden nur im Mittelfeld rangieren (3,0 bzw. 2,8). Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreicht nur den Wert von 2,7.

Hochschulstandort Deutschland

Diese Einschätzung der eigenen Hochschule findet sich auch wieder in der Bewertung des Hochschulstandorts Deutschland im Allgemeinen, dem sich der letzte Teil der Umfrage widmete. Gefragt wurde hier nach dem Reformbedarf an Deutschlands Universitäten - vor dem Hintergrund der jeweils eigenen internationalen Erfahrung.

Auf der Skala konnte in fünf Stufen zwischen "keinem Reformbedarf" (1) und "Sehr hohem Reformbedarf" (5) differenziert werden. Den höchsten Reformbedarf sehen die Krupp-Professoren bei den Verwaltungsstrukturen und -abläufen. Knapp 70 Prozent schätzen diesen als "hoch" oder "sehr hoch" ein (Mittelwert 3,9). Für ebenso wichtig halten die Befragten eine Reform der Wege zur Professur (Stichwort: "Tenure Track").

Auch dieser Punkt erreicht den recht hohen Wert von 3,9. Weit oben auf der Wunschliste der Reformen stehen zudem die Themen Lehrdeputat, Besoldungssystem und Berufungsprozesse. Zusammenfassend schreibt einer der Wissenschaftler: "Die Lehr- und Verwaltungsbelastung der Professoren in Deutschland ist erheblich und im internationalen Vergleich nicht wettbewerbsfähig. Gekoppelt mit einer niedrigen Bezahlung, die nur über Verhandlungen nach Erhalt eines Rufes aufgebessert werden kann, sind das keine rosigen Bedingungen. Dass in Deutschland trotzdem eine so hochkarätige Forschungslandschaft existiert, lässt sich vor allem mit dem unglaublichen Engagement der Wissenschaftler erklären."

Im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe kann Deutschland sich derartige Standortnachteile nicht leisten. Deshalb bleiben Initiativen wie die der Krupp-Stiftung und der GSO notwendig. Es wäre sehr wünschenswert, wenn nach dem Erfolg des privat finanzierten Rückkehrerprogramms nun öffentliche Mittel bereitgestellt würden, um dieses für den Wissenschaftsstandort Deutschland so wertvolle Programm zu verstetigen. In jedem Fall wird die GSO sich auch in Zukunft nicht nur für die Rückgewinnung von Spitzenwissenschaftlern engagieren, sondern auch dafür einsetzen, dass die Stimme der Rückkehrer in der deutschen Reformdebatte Gehör findet. Als Grenzgänger zwischen den Systemen können diese fundiert Vergleiche ziehen, "best practices" vermitteln und zugleich das Bewahrenswerte benennen. So kann aus der Rückkehr von einigen Fortschritt für viele entstehen.


Über die Autorin
Dr. Sabine Jung ist Geschäftsführerin der German Scholars Organization (GSO).


Aus Forschung & Lehre :: Mai 2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote