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Ruiniert eure Körper!

VON JENS JESSEN

Vegetarische Kantinen und rauchfreie Büros: Die Arbeitswelt ist zu einer Wohlfahrtsdiktatur verkommen. Ein Aufschrei.

Ruiniert eure Körper!© Dirk Hinz - photocase.deEine Verbotskultur ist das Resultat des neuen Gesundheitsbewusstseins
»Wie viele Packungen?«, fragte mein Chef bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wenn er einen Artikel gelesen hatte, den ich auf die letzte Minute noch hatte schreiben müssen. »Zwei«, antwortete ich wahrheitsgemäß, wenn auch nicht stolz. Der Chef wiegte den Kopf, in einer für die achtziger Jahre charakteristischen Mischung von Anerkennung und Mitgefühl. »Hat sich aber gelohnt«, sagte er. Ein Vorgesetzter, der mit Wohlwollen auf den kettenrauchenden Workaholic blickt, der seine Gesundheit zum Wohle des Betriebes ruiniert. Unvorstellbar heute. Aber ich schwöre: Ich habe diese Perspektive noch erlebt. Die Gesundheit hat heute die Unschuld verloren. Gesundheit ist nicht mehr eine Frage des persönlichen Wohlbefindens und Wünschens, sondern eine Forderung des Arbeitgebers, wenn nicht gar eine moralische Kategorie. Gute Menschen leben gesund, schlechte Menschen leben ungesund. Das ist insofern neu, als Moral früher an einen Nutzen für andere gekoppelt war, während Gesundheit nur dem Eigennutz zu dienen schien. Erst die Umlagefinanzierung der gesetzlichen Krankenkassen hat den ungesunden Menschen als Sozialschädling entdeckt - als Kostenfaktor für die Gemeinschaft. Seither müssen ungesund Lebende ein schlechtes Gewissen haben, während sportliche Asketen beim Blick auf die Waage oder den Pulsmesser auch ihre moralische Überlegenheit bestätigt bekommen. Aufschlussreich für Historiker, die sich mit Mentalitätswandel beschäftigen: Während früher bei der Arbeit der Kopf stimuliert wurde, durch Kaffee, Zigaretten, in Konferenzen auch durch Cognac, wird jetzt der Körper trainiert. Auf alten Bildern aus den siebziger Jahren sieht man leitende Angestellte noch im Tabakdunst schlaff auf weichen Polstern hängen. Heute hat das Fitnessbike den Aschenbecher abgelöst. Die naheliegende Idee dahinter: Das tendenziell Ungesunde, bloß Geistige der Büroarbeit soll einen physischen Ausgleich erfahren, anstatt durch aufputschende Mittel noch verstärkt zu werden.

Wir freuen uns über den Komfort, dabei dringt die Firma nur in unser Leben ein

Dahinter steckt aber noch etwas Tiefergehendes: Dem Körper des Angestellten, dessen Pflege und sportliche Ertüchtigung ehedem eine Sache der Freizeit war, soll jetzt schon während der Arbeitszeit Geltung und Aufmerksamkeit verschafft werden. Ähnlich wie in den neueren Formen der Arbeitsorganisation, mit Homeoffice, Gleitzeit und mobiler Erreichbarkeit, verschwimmt auch hier die Grenze zwischen Beruf und Privatleben - mit ähnlicher Pointe: Während der Arbeitnehmer noch glaubt, alles diene seinem Komfort, dringt in Wahrheit die Firma nur immer tiefer in sein Leben ein. Niemand wird sich wundern, dass die Firma Reemtsma ihren Mitarbeitern noch immer erlaubt, am Arbeitsplatz zu rauchen. Eine Tabakfabrik geriete in einen gefährlichen Selbstwiderspruch, wenn sie den Tabakgenuss aus Sorge um die Gesundheit ihrer Angestellten verböte. Genauso hätten Mercedes oder BMW ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie das Personal aus ökologischen Gründen zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verpflichteten.

Die Treue zum Produkt entbindet freilich nicht von der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Deshalb kann auch Reemtsma nicht als Traumarbeitgeber aller Raucher auftreten, sondern muss sämtliche Auflagen zum Schutz der Nichtraucher erfüllen, die sich die EU im Laufe der Zeit ausgedacht hat und die schließlich dazu führen, dass selbst der gesundheitsbewussteste Asket sich gerne bei dem Zigarettenproduzenten aufhält, es sei denn, er kann seine moralische Missbilligung partout nicht unterdrücken. Denn natürlich darf man sich nichts vormachen - es geht bei den Kampagnen gegen Tabak nur am Rande um Gesundheit, es geht vor allem um die Bekämpfung eines Lasters, einer Sucht meinetwegen, jedenfalls eines vormodernen Verhaltens der Selbstschädigung, das so gar nicht in unsere Zeit der Selbstoptimierung, der Körperfixiertheit und Effizienzsteigerung passt. Längst hat ein Wettlauf der Firmen eingesetzt um das gesündeste Kantinenessen, die besten Fitnessangebote, neuerdings sogar Bestückung der Büroräume mit Sportgeräten. Der letzte Schrei sind gemeinsame Yogaübungen; es werden aber auch schon Heimtrainer gestellt, auf denen sich der Angestellte im Büro betätigen kann, während er am Laptop arbeitet. Natürlich gab es auch damals bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon jene Kollegen, die mit hilflos wedelnden Handbewegungen den Zigarettennebel zu lichten versuchten, wenn sie ins Zimmer eines heftig Schreibenden traten. Dass hier nichts wirklich Gesundes geschah, war allen klar.

Rücksichtsloser Tabakkonsum als Zeichen rücksichtsloser, kühner Gedanken

Es war aber auch klar, dass im Schinden von Körper und Lunge eines der Geheimnisse der Kreativität lag. Rücksichtsloser Tabakkonsum konnte sogar Zeichen besonderer Rücksichtslosigkeit des Denkens sein - unvergesslich der Filmmitschnitt einer Vorlesung von Hannah Arendt kurz vor ihrem Tode an der FU Berlin: eine Zigarette beim Sprechen im Mund balancierend, eine zweite qualmend im Aschenbecher auf dem Katheder. Die kühne Zumutung ihrer Gedanken spiegelte sich geradezu in der unbesorgten Verschwendung der Glimmstängel - eine Form von Modernität, die alle Konventionen verachtete. Die modernen Menschen von heute würden dagegen in solchem Verhalten nur noch eine Disziplinlosigkeit und Verwahrlosung sehen, die ein trübes Licht auf die Arbeitsleistung wirft. Das Verhältnis von Gesundheit und Intellektualität, auch Gesundheit und Tüchtigkeit hat sich umgekehrt. Die Moral hat die Seiten gewechselt - von der Seite eines ausbeuterischen Verhältnisses zum eigenen Körper auf die Seite der nachhaltigen Selbstsorge. Gesundheit zu einem Anliegen von Wirtschaft und Gesellschaft zu machen und ungesundes Verhalten als sozialschädlich zu brandmarken wäre ohne diese moralische Aufladung nicht möglich gewesen. Und die moralische Aufladung wiederum wäre nicht durch eine volkswirtschaftliche Kostenrechnung allein gelungen. Hinzutreten musste jenes neue Ernährungsbewusstsein, das die Speisen selbst moralisch klassifiziert. Unmoralisch sind Nahrungsmittel aus Massentierhaltung und gentechnisch modifizierten Pflanzen; etwas moralischer sind sie aus Quellen artgerechter Haltung und biologischer Landwirtschaft; wirklich tugendhaft aber erst bei Verzicht auf Fleisch oder gar von engelhafter Unschuld, wenn gänzlich auf Produkte tierischer Herkunft verzichtet wird. Mit Steak und Salat, dem alten Ideal einer Gesundheitsdiät, käme man heute in die Hölle.

Denn heute gelten nur die moralisch hoch stehenden Speisen auch als gesund; mit welchem medizinischen Recht, steht hier nicht zur Debatte. Entscheidend ist, dass damit der Brückenschlag zwischen uneigennütziger Moral (Sorge um die Natur) und eigennütziger Gesundheit (Sorge ums Selbst) geschehen ist. Das zeitgenössische Ideal verbindet Gesundheit mit dem Versprechen eines sündenfreien Lebens; wenn nicht sogar heimlich der Glaube herrscht, Sündenfreiheit sei durch Ernährung herstellbar. Mögen spätere Zeiten diese religiöse Überhöhung als Ketzerei entlarven - im Hier und Jetzt wird jede Firma geneigt sein, in ihrer Außendarstellung und in der Konkurrenz um Arbeitnehmer dem Ideal zu huldigen. Und das heißt: vegetarisches, wenn nicht veganes Essen in der Kantine, Umweltengel und Bio-Zertifikate, wo immer sie sich anbringen lassen, Sportangebote, sanftes oder unsanftes Drängeln zu gesunder Lebensführung. Junge Leute werden eine solche Firma als modern empfinden und vielleicht erst nach und nach bemerken, dass sie sich einer Wohlfahrtsdiktatur ausliefern, die indes nicht die Wohlfahrt ihrer Mitarbeiter, sondern nur deren Gängelung zum Wohle der Firma im Auge hat.

So gesehen handelt eine Zigarettenfabrik, die ihren Leuten das Rauchen erlaubt, nicht nur selbstsüchtig im Sinne ihres Produktes - sie gibt auch ein Beispiel altmodischer Liberalität, insofern sie die Gesundheit in der Eigenverantwortung der Mitarbeiter belässt. Mag jeder seine Lunge ruinieren, solange er die seiner Kollegen schont. So hat man übrigens in Alteuropa Bürgerfreiheit einmal definiert: dass sie ihre Grenze erst dort findet, wo sie die Freiheit anderer Bürger gefährdet - und nicht etwa schon dort, wo sie auf moralische Missbilligung stößt. Denn das ist die große Schattenseite des neuen Gesundheitsbewusstseins: die Entstehung einer Verbotskultur, einer Neigung zu Bevormundung und Entmündigung, zum schamlosen Hineinregieren in persönliche Lebensentwürfe. Wer sagt überhaupt, dass für ein sterbliches Lebewesen Gesundheit ein Ideal sein muss? Wen macht sie glücklich, welches ist ihr Lohn? Nur für eine Firma lässt sich der Gesundheitswert der Mitarbeiter in Heller und Pfennig ausrechnen. Vielleicht sollten wir aufhören, in der Angestelltenexistenz den Endzweck unseres Lebens zu sehen.

Aus DIE ZEIT :: 23.03.2016

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