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Runderneuert

Zusammengestellt von Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda

Die deutschen Hochschulen stecken mitten in einem tief greifenden Veränderungsprozess. Hier die wichtigsten Neuerungen

Runderneuert: Veränderungsprozess an Hochschulen© lizerixt - stock.xchng
Was passiert ist: Früher hießen sie meistens Rektoren, heute nennen sie sich immer häufiger Präsidenten. Dass viele Uni-Lenker ihre Bezeichnung wechseln, ist kein Zufall: Sein Titel verspricht dem Rektor zwar Ansehen,doch seine Entscheidungsfreiheit ist häufig eingeschränkt, direkt durch den Einfluss des akademischen Senats, indirekt durch die Abhängigkeit von den Ministerien. Die Reformer hingegen glauben, dass es einer starken Führungspersönlichkeit bedarf, damit eine Hochschule im Wettbewerb um die klügsten Köpfe erfolgreich ist. Neue Präsidialverfassungen gestehen vielen Uni-Präsidenten eine Sonderfunktion zu. Sie sind nicht mehr Erste unter Gleichen innerhalb der Professorenschaft, sondern haben häufig das letzte Wort. Gleichzeitig erlangen die Hochschulen mehr Freiheit, manche werden gar zu Stiftungen, sodass ihre Präsidenten
auch formal nicht mehr den Minister als Vorgesetzten haben.

Wo es hakt: Auf dem Papier mag die Unabhängigkeit vieler Unis mittlerweile groß sein, doch die Ministerialbürokratie einiger Bundesländer tut sich in der Praxis schwer damit, loszulassen. Selbst in kleine Budgetentscheidungen versuchen manche Beamte hineinzufunken. Letzten Endes hilft nur die Entschlossenheit des Ministers, damit den schönen Worten Taten folgen. Gleichzeitig kann auch die größte Unabhängigkeit nichts an der Unterfinanzierung durch den Staat ändern. Schließlich müssen viele Präsidenten mit innerem Widerstand fertig werden: Kritiker sehen in ihrer Macht das Ende der Gremienuniversität.


Geld
Was passiert ist: Universitäten dienen dem zweckfreien Forschen sowie der Ausbildung der Studenten, und beides zahlt der Staat. Was außerhalb ihrer Mauern passiert, braucht die Hochschulen nur wenig zu interessieren. So war es früher. Heute müssen die Universitäten die Früchte ihrer Forschung vermarkten. Sie suchen nach Partnern in Wirtschaft und Gesellschaft, erkunden neue Einnahmequellen, gründen Unternehmen. Viele Hochschulen versuchen den Kontakt zu ihren Absolventen aufzunehmen und üben sich im Fundraising. So wollen sie sich nach außen hin öffnen und langfristig neue Sponsoren gewinnen. Allein staatliche Gelder, so wissen sie, werden nicht reichen, um mit reichen amerikanischen Universitäten zu konkurrieren. Zudem müssen sich Universitäten um neue Zielgruppen kümmern, etwa Schüler bei der Kinderuni oder bildungshungrige Rentner.

Wo es hakt: Die Universitäten sind auf ihre neuen Aufgaben kaum vorbereitet. Ihnen fehlen sowohl die Expertise als auch das Personal, um aus wissenschaftlichen Erkenntnissen produktfähige Ideen zu machen. Auch um neue Geldquellen zu erschließen, braucht es zudem erst einmal: Geld. Systematisches Fundraising zum Beispiel benötigt oft jahrelange Betreuung von potenziellen Spendern. Das ist teuer.


Bologna
Was passiert ist: 1999 haben 29 europäische Staaten vereinbart, alle ihre Studiengänge auf Bachelor und Master umzustellen. Mit dem Bachelor erreichen die Studenten schon nach drei bis vier Jahren einen Abschluss, der sie für den Arbeitsmarkt fit machen soll. Ein- bis zweijährige Master bauen auf dem Bachelor auf. Das Besondere ist, dass die erbrachten Leistungen über ein System von Credit-Punkten international vergleichbar werden: Pro 30 Stunden Studierzeit erhält der Student einen Credit, je nach Aufwand für Seminare oder Vorlesungen gibt es unterschiedlich viele Punkte. Bei allen Veranstaltungen besteht Anwesenheitspflicht. Der Vorteil: Studienbegleitende Prüfungen ersetzen die Hammerexamen. Für alle Ver anstaltungen besteht Anwesenheitspflicht. Mit Bologna verbinden sich viele Hoffnungen: Die Mobilität der Studenten soll sich erhöhen, ihre Betreuung besser werden, Abbrecherquote und Studiendauer sol len sinken.

Wo es hakt: Bis 2010 sollen alle Studiengänge umgestellt sein, doch gerade bei den Staatsexamina verläuft die Reform schleppend. Viele Bachelorprogramme sind mit Stoff überfrachtet, Auslandssemester sind so nicht einfacher, oft sogar schwieriger geworden. Die Betreuung hat sich nur teilweise verbessert, weil die Länder kaum Geld für mehr Personal lockermachen. Die Hochschulen klagen über den Papierkrieg bei der Akkreditierung der neuen Studiengänge, also der Anerkennung durch eigens geschaffene Agenturen.
Professorenbesoldung
Was passiert ist: Wer mehr leistet, soll mehr verdienen. Das gilt seit 2005 auch für Professoren. Bis dahin bestimmten die Dienstjahre ihren Verdienst. Mit der leistungsbezogenen Bezahlung erhöhen sich die Bezüge nicht mehr automatisch. Vielmehr bestimmt die Hochschule - wie international durchaus üblich - von Fall zu Fall über die Zuschläge. Wer sich hervortut bei der Betreuung der Studenten, sich in der Forschung oder in der Verwaltung engagiert, dem kann die Hochschule zum Grundgehalt einen Bonus zahlen. Jeder Professor hat die Möglichkeit, sein Gehalt zu erhöhen, indem er die Universität wechselt beziehungsweise ein Jobangebot (»Ruf«) ablehnt. Zudem gibt es eine neue Gehaltsnomenklatur: Aus C1-, C2-, C3- und C4- Professuren wurden W1, W2 und W3.

Wo es hakt: Ein Arbeitgeber, der seine fleißigsten Angestellten finanziell belohnen möchte, braucht dafür zusätzliches Geld. Den Unis fehlt dieses Geld; die Reform war nicht mit zusätzlichen Mitteln versehen. Um zumindest etwas verteilen zu können, setzte die Politik das Grundgehalt niedrig an: für einen Juniorprofessor (W1) auf rund 3500 Euro, die Höchststufe (W3) liegt bei 4800 Euro. Im internationalen Wettbewerb sind deutsche Unis mit einer solchen Bezahlung nicht konkurrenzfähig.


Exzellenzinitiative
Was passiert ist: Nur wenige deutsche Hochschulen haben das Potenzial zur internationalen Spitzenuniversität. Um herauszufinden, welche dies sind, veranstalteten Bund und Länder die Ex zel lenz ini tiative. Neun Universitäten wurden für ihr Zukunftskonzept ausgezeichnet, in dem sie darlegen, wie sie den Harvards dieser Welt Konkurrenz machen wollen. Gleichzeitig wollen Politik und Wissenschaftsorganisationen mit dem Wettbewerb zwei Trends beschleunigen: die Ausbildung von Doktoranden stärker zu strukturieren sowie Forschungsschwerpunkte zu setzen. Für die Schaffung sogenannter Graduate Schools und Forschungscluster erhalten die Hochschulen jeweils mehrere Millionen Euro. Insgesamt gilt: Deutsche Unis sollen sich in Zukunft stärker voneinander unterscheiden.

Wo es hakt: Insgesamt knapp zwei Milliarden Euro extra sind für deutsche Hochschulen eine Menge Geld - aber zu wenig, um den besten Unis der Welt Paroli zu bieten. Die Exzellenzinitiative hat die Beteiligten zudem viel Kraft gekostet: für unzählige Sitzungen und umfangreiche Anträge. Dabei ist noch ungewiss ist, welche Früchte die Großaktion hervorbringt. Es besteht zudem die Befürchtung, dass die Hochschulen, die leer ausgingen, geschwächt werden.


Studiengebühren
Was passiert ist: Anfang 2005 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Studiengebühren mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Seitdem haben sieben Länder die Campus-Maut eingeführt: Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Meist betragen die Gebühren 500 Euro pro Semester, in NRW dürfen die Hochschulen selbst entscheiden, ob sie ihre Studenten zur Kasse bitten. Die Gebühren haben mehrere Funktionen: Sie sollen zu einem zügigeren Studium anhalten. Gleichzeitig, so die Hoffnung, erhalten die Studenten durch die Zahlung Einfluss und erfahren eine größere Wertschätzung durch ihre Professoren. Zudem sollen mit dem Geld die Studienbedingungen und die Qualität der Lehre verbessert werden.

Wo es hakt: Das Problem der Sozialverträglichkeit ist ungelöst. Die Gebührenkredite werden kaum in Anspruch genommen, da sie als zu kompliziert und durch den hohen Zinssatz als zu teuer gelten. Dabei sind einige Modelle besser als ihr Ruf: In NRW etwa müssen Bafög-Bezieher häufig keinen Cent zurückzahlen. Unterdessen nehmen die Zweifel an der Verwendung der Gebühren zu. Bislang geben die Hochschulen das Geld hauptsächlich für Tutorien, Technik oder studentische Hilfskräfte aus. Neue Dozenten wären wichtiger, doch ihre Bezahlung ist Sache des Staates - der sich vornehm zurückhält. Noch zögern die Unis, mit den Gebühren in die Bresche zu springen.
Bewerbung
Was passiert ist: Früher war die Einschreibung einfach. Die Mehrheit der Fächer war zulassungsfrei, man legte sein Abi-Zeugnis vor und war drin. Für zulassungsbeschränkte Fächer war die ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) zuständig, sie verteilte die Plätze an die Bewerber mit den besten Abi-Noten oder den meisten Wartesemestern. Am wenigsten mitzureden bei der Auswahl ihrer Studenten hatte die Uni. Das hat sich vor zwei Jahren geändert: Selbst in den ZVSFächern werden nur noch 40 Prozent der Plätze nach Note und Wartezeit vergeben und 60 Prozent über uniinterne Verfahren. Die Macht der Hochschulen ist also gewaltig gewachsen, zumal vielerorts die zulassungsfreien Studiengänge komplett abgeschafft wurden. Die Chance: Erstmals können die Unis sich genau jene Studenten auswählen, die zu ihnen passen.

Wo es hakt: Anstatt maßgeschneiderte Auswahlverfahren zu entwickeln, verlassen sich viele Unis, häufig aus Personalknappheit, auch bei der hochschulinternen Auswahl fast ausschließlich auf die Abi-Note - eine bemerkenswerte Form der Selbstentmachtung. Inzwischen wird der Ruf nach externen Anbietern von Eignungstests lauter, deren Dienste die Bewerber bezahlen müssten. Ein weiteres Problem ist die Flut von Bewerbungen: Um ihre Chancen zu erhöhen, reichen Abiturienten ihre Unterlagen bei vielen Unis gleichzeitig ein, das Chaos ist enorm. Eine reformierte ZVS mit der Aufgabe, alle Bewerbungen an Hochschulen zu koordinieren, soll Abhilfe schaffen.


Lehre
Was passiert ist: Überfüllte Hörsäle, für Studenten unerreichbare Professoren, hohe Abbrecherquoten: Die Lehre ist seit Jahrzehnten das Stiefkind der deutschen Universität. Nun droht sich die Situation zu verschärfen, weil mehr Studierwillige an die Universitäten drängen. Deshalb haben Bund und Länder einen Hochschulpakt geschmiedet. Bis 2010 wollen sie mit rund einer Milliarde Euro 90 000 zusätzliche Studienplätze finanzieren. Einige Bundesländer richten mit dem Geld neue Lehrprofessuren ein. Diese sogenannten Lecturer müssen mehr unterrichten als Professoren heute.

Wo es hakt: Experten sind sich einig, dass die im Pakt vereinbarte Summe viel zu knapp berechnet ist. Die Universitäten fürchten deshalb, dass sich die Betreuung der Studenten weiter verschlechtert. Völlig ungeklärt ist, was nach 2010 geschieht, wenn die doppelten Jahrgänge von Schulabgängern durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre in die Universität drängen. Zudem gibt es weder für Professoren noch für Hochschulen große Anreize, die Lehre zu verbessern: Geld und Prestige bringen vor allem Erfolge in der Forschung. Die neuen Lecturer sind umstritten; Universitäten fürchten, hier könne ein neues akademisches Proletariat entstehen.

Aus DIE ZEIT :: 18.01.2008

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