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Sagt uns, wie es euch geht

VON ANANT AGARWALA, MANUEL J. HARTUNG, LEONIE SEIFERT

Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, dem drohen viel Arbeit, wenig Geld und eine unsichere Zukunft. DIE ZEIT und ZEIT ONLINE wollen von Doktoranden und Postdocs wissen: Wie sieht die Situation wirklich aus?

Sagt uns, wie es euch geht© KONG / photocase.deImmer mehr junge Wissenschaftler plagen unsichere Perspektiven
Berechtigte Klagen oder Jammern auf hohem Niveau? In der Debatte um die Situation junger Wissenschaftler in Deutschland spielen häufig Befindlichkeiten, gefühlte Wahrheiten und Polemik eine Rolle. Ausbeutung und unklare Perspektiven bemängeln viele Betroffene, Leidenschaftslosigkeit und Naivität wirft ihnen der ein oder andere Professor vor. »Das Thema Nachwuchs ist ins Zentrum der Wissenschaftspolitik gerückt«, sagt Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Aber wie geht es euch wirklich? Das fragen nun die ZEIT und ZEIT ONLINE - und starten eine Crowdsourcing-Aktion unter jungen Wissenschaftlern (Details und wie man mitmachen kann: unten in der Fußnote). Um folgende Problemfelder soll es in der Umfrage gehen.

Wie viel Opferbereitschaft muss sein?

Häufig heißt es, die dauerhafte Überlastung von Doktoranden und Postdocs beruhe auf ungerechten Angestelltenverhältnissen. 20 Stunden stehen meist im Vertrag, aber in der Regel fällt viel mehr Arbeit an, als auf einer halben Stelle abzuarbeiten ist. Für das, was man leisten müsse, habe man zu wenig Zeit und zu wenig Geld, sagt Anna Tschaut, Vorsitzende des Doktorandenvereins Thesis. Eigentlich sollte der Fokus auf der Promotion oder der eigenen Forschung liegen. Nur so gibt es die Möglichkeit, die Karriere voranzubringen und später auf eine Professur zu kommen. Doch häufig geht ein Großteil der Zeit für Arbeit am Lehrstuhl drauf: an Forschungsanträgen mitschreiben, Vorlesungen vorbereiten und halten, Verwaltungstätigkeiten und Zuarbeit für den Professor. »Ausbeutung ist das nicht«, sagt Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München. Den Umgang mit Studenten zu lernen und wie man Anträge richtig schreibt, das seien wertvolle Erfahrungen für das wissenschaftliche Berufsleben. »Wenn man allerdings so viel malochen muss, dass man fünf oder sechs Jahre für die Dissertation braucht, ist das ein Unding«, sagt Herrmann.

De facto liegt die durchschnittliche Promotionsdauer in vielen Fächern bei deutlich über vier Jahren. Schon das ist für junge Wissenschaftler sehr problematisch: Weil ihre Verträge oder Stipendien meist auf maximal drei Jahre befristet sind, stehen sie unter permanentem Druck, mit der Promotion voranzukommen, während die Arbeitszeit für andere Dinge draufgeht. Die Gefahr, mit einer halb fertigen Dissertation, aber ohne Geld dazustehen, setzt der Psyche zu. Das gilt auch für Postdocs, deren Vertragslaufzeiten zu kurz sind, um ihre Forschungsprojekte zu schaffen.

Muss der Prof immer bereitstehen?

Wenn ein Professor an seinem Lehrstuhl zwei Doktoranden beschäftigt, kann er diese vernünftig betreuen. Aber was, wenn er fünf hat, zehn oder zwanzig, vielleicht sogar dreißig? Reicht seine Zeit dann auch für eine gute Betreuung? Schwer zu sagen. Und was heißt überhaupt gute Betreuung? Tägliche Mailwechsel? Wöchentlicher Austausch? Einmal im Monat, dafür intensiv? Auch hier: schwer zu sagen. »Das hängt vom jeweiligen Fach und auch vom jeweiligen Professor ab«, sagt TU-München-Präsident Wolfgang Herrmann. Eine Obergrenze an maximal zu betreuenden Doktoranden lehnen im Wissenschaftssystem fast alle ab. Stattdessen fordert der wissenschaftliche Nachwuchs individuelle Betreuungsvereinbarungen. »Von vornherein festzulegen, wie die Betreuung durch den Professor aussieht, würde extrem helfen«, sagt Anna Tschaut von der Doktorandenvereinigung Thesis. Auch der Deutsche Hochschulverband, quasi die Professorengewerkschaft, empfiehlt Betreuungsvereinbarungen - auf freiwilliger Basis. »Versuche, Hochschullehrern die Vereinbarungen per Gesetz vorzuschreiben, sind ein unzulässiger Eingriff in die Autonomie der Fakultäten«, sagt ihr Präsident Bernhard Kempen. Zu viel sollte man von seinem Doktorvater oder seiner Doktormutter laut Kempen auf jeden Fall nicht erwarten: »Die Dissertation muss ihren Charakter als eigenständige wissenschaftliche Leistung behalten. Die Beratung ist daher auf grundlegende Fragen zu beschränken.«

Baby und Karriere - geht das?

Bei Thesis scherzt man: Befristete Verträge sind die beste Antibabypille. Denn wenn unklar ist, wo man im nächsten Jahr wohnt und ob man überhaupt noch einen Job hat - gründet man dann eine Familie? Eher nicht. In dieser Situation befindet sich eine große Mehrheit wissenschaftlicher Mitarbeiter, rund 90 Prozent von ihnen haben einen befristeten Vertrag, die Mehrheit hat sogar Verträge mit weniger als einem Jahr Laufzeit.

Eine wesentliche Maßnahme, um für mehr Sicherheit und somit auch für mehr akademische Babys zu sorgen, ist der Tenure Track. »Bei einer Tenure Track-Stelle weiß man, dass man mehrere Jahre in einer Stadt bleiben kann, und man hat außerdem die Aussicht auf eine Professur«, sagt Emanuel Towfigh von der Jungen Akademie, einem Zusammenschluss herausragender Nachwuchswissenschaftler. Noch ist der Tenure Track allerdings nicht weit verbreitet, in Deutschland gibt es nur wenige Hundert solcher Stellen. »Aber das Thema Beruf und Familie ist langsam auch in den Universitäten angekommen«, sagt Wolfgang Herrmann von der TU München. Dort gibt es knapp 50 Wissenschaftler auf einem Tenure Track.

Unternimmt die Politik genug?

Die fehlende Planbarkeit der Karriere ist das Überthema, in dem die vielen Probleme junger Wissenschaftler zusammenlaufen. Wer zu wenig Zeit für die Promotion hat, verspürt Stress, wer von seinem Professor abhängig ist, fühlt Ohnmacht, wer eine Familie gründet, aber nicht weiß, ob er je eine feste Stelle bekommt, denkt an den Ausstieg. »Wir verlieren zu viele junge Wissenschaftler, die sich aufgrund der unsicheren Perspektiven gegen die Wissenschaft entscheiden«, sagt Jürgen Mlynek, als ehemaliger Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft ein langjähriger Beobachter des Wissenschaftssystems. Die geplante Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, das bislang Kettenverträge erlaubt und somit die prekären Verhältnisse ermöglicht, geht vielen nicht weit genug. Andreas Keller, Vizechef der Bildungsgewerkschaft GEW, sagt: »Nachbesserungen sind dringend nötig. Wir fordern drei Jahre Mindestlaufzeit für Verträge.«


Mitmachen!


Wie viele Stunden stehen im Vertrag, und wie viel Arbeit fällt wirklich an? Kümmert sich der Professor? Diese und weitere Fragen stellen ZEIT und ZEIT ONLINE Postdocs und Doktoranden.

Sie finden das Crowdsourcing-Projekt unter der Adresse www.zeit.de/doktoranden. Die Ergebnisse lesen Sie am 3. Dezember in der ZEIT

Aus DIE ZEIT :: 03.09.2015