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Sammeln, planen, prüfen

VON SWANTJE WALLBRAUN

Nicht Wall Street, sondern Zentral-Java: Finanzexperten werden auch in der Entwicklungszusammenarbeit gesucht

Sammeln, planen, prüfen© Dmitriy Aseev - iStockphoto.comOb Fundraiser für die Welthungerhilfe oder Beraterin indonesischer Kleinunternehmer-die Jobchancen für Finanzexperten in der Entwicklungshilfe sind vielfältig
Fitri Rahmawati braucht dringend Geld. Die Händlerin verkauft in ihrem Klontong, einem kleinen Tante-Emma-Laden auf der indonesischen Insel Java, von Reis über Kugelschreiber bis Shampoo alles, was man im täglichen Leben braucht. Jetzt will sie ihr Geschäft vergrößern. Nur: Wer würde ihr Geld leihen? Helfen kann ihr eine junge Deutsche: Anne Gossner, Mitarbeiterin der Berliner Consultingfirma LFS. Sie berät indonesische Banken bei der Vergabe von Mikrokrediten - Darlehen, die an Kleinunternehmer wie Fitri Rahmawati gehen. Gemeinsam mit den indonesischen Bankern fährt Gossner per Moped zum Klontong von Fitri Rahmawati, lässt sich die Ware zeigen, fragt nach den monatlichen Einnahmen und Ausgaben, spricht mit der Familie. Häufig trennen die Kleinunternehmer nicht zwischen Geschäftseinnahmen und Familienkonto. Was Ehemann und Verwandte aus dem gleichen Haushalt einnehmen, landet in einer gemeinsamen Cashbox - aus der dann auch neue Ware bezahlt wird. All das vermerken Anne Gossner und ihre indonesischen Kollegen, um daraus das Kreditrisiko zu berechnen. »Almosen gibt es bei uns nicht«, sagt Anne Gossner.

10 000 Kilometer entfernt ist genau das Carsten Scholz' Problem: Sein Arbeitgeber lebt davon, dass Leute Geld geben, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen - im Vertrauen darauf, etwas Gutes zu bewirken. Der 44-jährige Betriebswirt arbeitet als Fundraiser für die Welthungerhilfe in Bonn. »Bei uns läuft vieles über Emotionen«, sagt er. Eine Gratwanderung: »Bilder von Kindern funktionieren immer - aber wir sind kein Kinderhilfswerk. Unseriös darf unsere Werbung nicht sein.« Derzeit plant Scholz, wie potenzielle Spender in der Weihnachtszeit angesprochen werden können: Für E-Mail-Werbung, Internetbanner, Plakate und Anzeigen werden Leitlinien festgelegt, eine Agentur übernimmt die Umsetzung. Mit dem Geld aus Deutschland baut die Welthungerhilfe ein Jugendzentrum für peruanische Straßenkinder, bohrt Brunnen für äthiopische Dörfer oder organisiert Friedensbegegnungen in Sri Lanka. Anne Gossner und Carsten Scholz haben sich für die »harte«, die monetäre Seite der Entwicklungszusammenarbeit entschieden - und das ganz bewusst. Gossner sagt sogar: »Mir gefällt der kommerzielle Ansatz meiner Arbeit.«

Finanzexperten wie sie sind in der Branche gefragt. Ob es um Spenden geht, die Budgetplanung in großen Hilfsprojekten oder die Konzeption von Mikrokrediten: Wie in der freien Wirtschaft legen Organisationen diese Aufgaben in die Hände professioneller Fundraiser, Controller und Berater. Volkswirtin Anne Gossner ist nach einem Praktikum bei der KfW in Mosambik und ihrer Diplomarbeit über Mikrofinanz in der Branche gelandet. Auch aus Abenteuerlust, sagt sie, vor allem aber, weil sie ihre Arbeit als sinnvoll empfindet: »Ich habe zwei Jahre in Afrika gearbeitet und dort Einblick in die Arbeit einiger Nichtregierungsorganisationen bekommen«, sagt die 29-Jährige. »Zum Teil wird dort viel Geld in die falschen, korrupten Kanäle gepumpt.« Mikrokredite dagegen kommen bei denen an, die das Geld wirklich brauchen. »Wir bauen außerdem in den Ländern die nötige Infrastruktur auf, um der breiten Masse Zugang zu Einlagenkonten, Überweisungen und Schecks bieten zu können«, sagt Bernd Zattler, geschäftsführender Gesellschafter von LFS. Seine Kollegin Gossner fügt hinzu: »Um uns nach und nach selbst zu ersetzen, bilden wir unsere lokalen Mitarbeiter weiter aus. Für mich ist das wirkliche Aufbauhilfe, und zwar auf Augenhöhe.«

Auch in Deutschland ist man kritischer geworden. Viele wollen bestimmte Projekte fördern, etwa den Bau einer Schule in Haiti. Carsten Scholz und sein Team forschen dann bei Kollegen nach, ob gewährleistet werden kann, dass die Spende tatsächlich dafür eingesetzt wird. Später informieren sie die Spender regelmäßig über den aktuellen Stand des Bauprojekts. »Der Kampf um Spenden ist in den vergangenen Jahren härter geworden«, sagt Carsten Scholz. Seit der Staat weniger für Schulen, Kitas und sozial schwache Familien ausgebe, gebe es mehr Konkurrenz zwischen den Hilfsorganisationen und kleinen, lokalen Initiativen, die für die Neugestaltung eines Schulhofs oder Weihnachtspäckchen für Kinder von Hartz- IV-Empfängern sammeln. Auch Organisationen aus anderen Ländern wenden sich zunehmend an deutsche Spender. Es geht immerhin um mehr als drei Milliarden Euro, die die Deutschen jährlich spenden - Tendenz steigend. Scholz' Job aber ist es, stets unzufrieden zu sein: »Man muss im Fundraising leider damit leben: Egal, wie viel man einnimmt - es ist nie genug.« Anne Gossner bemüht sich derweil in Indonesien um Härte.
»Ich darf nicht denken: "Die arme alte Frau kann das Geld nicht zurückzahlen - also erlasse ich ihr die Schulden"«, sagt sie. »Wir müssen unseren Ruf als fairer, aber konsequenter Vertragspartner verteidigen.« Sonst würden die Kreditausfallraten, die normalerweise bei ein bis zwei Prozent liegen, schnell steigen. Ein Familienmitglied muss in der Regel als Bürge mit unterschreiben, Haushaltsgeräte werden als Sicherheit mit in den Vertrag aufgenommen. Spätestens wenn ein Pick-up vorfährt, um den Kühlschrank zu pfänden, ist die Scham vor den Nachbarn so groß, dass viele Kreditnehmer doch zahlen. Bei Fitri Rahmawati wird das hoffentlich nicht nötig sein. Ihr hat die Bank einen Kredit über drei Millionen Rupiah gewährt. Das entspricht etwa 300 Euro - für die Händlerin und ihren Klontong die Chance für einen Neustart.

Aus DIE ZEIT :: 23.09.2010

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