Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Sammeln, sortieren, enträtseln

Von HANNO RAUTERBERG

Ein gutes Museum braucht nicht nur gute Kunstwerke. Mindestens ebenso wichtig sind neugierige Wissenschaftler. Doch oft gerät ausgerechnet die Forschung in den Hintergrund.

Sammeln, sortieren, enträtseln© TommL - iStockphoto.comMuseen bieten eine einzigartige Mischung aus Bilden und Genießen
Wozu braucht es noch Museen? Ist nicht das Internet längst das viel größere, viel bessere, viel demokratischere Archiv der Bilder und Dinge?

Spätestens wenn Google alle Bibliotheken dieser Welt in sich aufgesogen hat, werden auch die Museen von oben bis unten abgescannt und ins Reich des Digitalen verlegt werden. Schon heute lassen sich viele Gemälde des Prado in Madrid am heimischen Bildschirm besser, detaillierter und in weit größerer Ruhe betrachten als im Museum. Seltsam nur, dass bei aller Begeisterung fürs Digitale die Zahl der kultur- und naturhistorischen, volks- und heimatkundlichen Sammlungen stetig wächst und sich allein in Deutschland binnen weniger Jahrzehnte verdoppelt hat, auf mittlerweile über 6500. Seltsam, dass auch die Besucherzahlen stetig gestiegen sind, sodass heute weit mehr Menschen in die Museen als in die Fußballstadien gehen. Seltsam, dass ausgerechnet das Museum eines der populärsten Bildungs- und Genussmittel der Gegenwart ist.

Vielleicht liegt es eben daran: an der einzigartigen Mischung aus Bilden und Genießen. Wohl nirgends sonst kommen sich Wissen und Vergnügen so nahe wie im Museum. Und weil sich die Realwelt immer mehr im Virtuellen verflüchtigt, weil sich vieles nicht mehr greifen lässt und nur abstrakt existiert, als flüchtiger Elektroimpuls, wächst offenbar die Sehnsucht nach Orten des Bleibens, nach Orten, an denen die Dinge noch als Dinge zu besichtigen sind, ganz handfest, real und authentisch. Und an dem sie aufgeladen sind mit Bedeutung.

Je gehetzter, je zufälliger vielen Menschen ihre Existenz erscheint, desto populärer wird das Museum, in dem sich das Zufällige in Sinn verwandelt. Jedenfalls stellt sich das Museum den Beliebigkeiten der Postmoderne entgegen, es trifft eine Auswahl, es ordnet und systematisiert, es zeigt, in welcher Beziehung Gestern und Heute, das Nahe und das Ferne stehen. Es ist eben viel mehr als nur ein Riesenspeicher wie das Internet, viel mehr auch als ein Tempel der Schaulust. Es ist ein Ort der Erkenntnis. Darum soll es gehen am »Tag der Forschung«, den die wichtigsten deutschen Kunstmuseen an diesem Sonntag mit Vorträgen, Führungen und Ausstellungen feiern wollen.

Zumindest für ein paar Stunden stehen nicht wie sonst die Exponate im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die aus einer Ansammlung von Objekten überhaupt erst ein Museum machen. Nur die wenigsten Besucher ahnen, wie groß der wissenschaftliche Aufwand ist, der im Hintergrund getrieben wird, in den Bibliotheken und Arbeitszimmern, in den Labors und Restaurierungswerkstätten. Viele sehen die Ausstellungen und meinen, die Hauptaufgabe eines Museumskurators bestehe darin, in seinem Depot die schönsten Stücke auszuwählen und sie dann anregend zu präsentieren. Dabei ist das Sammeln, Sortieren und Konservieren mindestens ebenso wichtig. Und ohne die Forschung wäre das Museum nichts als ein finsteres Lager der Willkürlichkeiten.

Erst die Neugier des Wissenschaftlers, seine Fragen, seine Zweifel setzen die angesammelten Dinge unter Spannung, erst sie spüren jene Zusammenhänge auf, entdecken jene Geschichten, stiften jenen Sinn, den viele Besucher im Museum suchen. Gewiss, viele Objekte stehen auch für sich. Ein Rembrandt oder ein Totempfahl sind in ihrer ästhetischen Eigenmacht nicht angewiesen auf Erklärungen oder Einordnungen. Und doch unterscheidet sich ein Museum von einer privaten Liebhabersammlung eben dadurch, dass sich hier niemand mit der Freude am Schönen und Interessanten zufriedengibt. Das Museum will nicht allein staunen, es will auch wissen: Sein Fundament ist die Forschung.


Seit einiger Zeit allerdings zeigt dieses Fundament etliche Risse, hier und da bröckelt es sogar gefährlich. Und so ist der »Tag der Forschung« wohl auch eine Art Selbstermutigung. Erstaunlich viele Museen haben in den letzten Jahren ihre wissenschaftliche Tiefenarbeit nur gelegentlich noch ernst genommen. Viel wichtiger ist es geworden, immer mehr und immer schneller immer größere Ausstellungen zu präsentieren. War es lange üblich, eine Dürer- oder Beckmann-Retrospektive über vier, fünf Jahre vorzubereiten und sämtliche Quellen noch einmal zu befragen, so können die Kuratoren heute oft froh sein, wenn sie die Hälfte der Zeit zugestanden bekommen. Auch ist der Mut zu komplexen Phänomenen und gewagten Thesen deutlich gesunken. Worauf es heute ankommt, sind Besucherzahlen - ein gutes Museum ist ein gut besuchtes Museum. Ob es auch gut forscht, scheint zweitrangig zu sein.

Daran sind die Kuratoren der Museen meist nicht ganz unschuldig. Viele scheuen die Zusammenarbeit mit Universitäten und Akademien, und der wissenschaftliche Austausch, wie sonst in akademischen Kreisen üblich, ist häufig unterentwickelt. Selbst die Basisaufgaben werden oft in den Hintergrund gedrängt: Vielen Museen fehlen aktuelle, gründlich erarbeitete Kataloge ihrer Sammlungen. Und das bedeutet: Sie wissen nicht, wer sie sind. Sie können Ausstellungen nicht so umsichtig, so klug kombinierend und hintergründig planen, wie es möglich wäre und sein sollte. Entsprechend sehen dann auch viele Kataloge aus, die zwar oft dick und sehr bunt sind, deren Gehalt aber zwischen den vielen Seiten kaum mehr zu finden ist.

Nun spricht nichts dagegen, dass viele Museen ihr Geld in Werbung und Pressearbeit investieren, dass sie auch der Besucherforschung mehr Aufmerksamkeit schenken als früher und überhaupt das Publikum stärker im Blick haben. Schließlich ist ja gerade das die Herausforderung für jeden Museumsforscher: Er arbeitet nicht im luftleeren Raum der Diskurse, sondern muss sich am Konkreten reiben, an den Objekten der Sammlung. Und muss zusehen, wie er die oft verwickelten Befunde und Theorien so aufbereitet, dass sie in einer Ausstellung vorführbar und allgemeinverständlich werden. Gerade darum aber muss die Forschung an den Museen viel mehr gewürdigt und von politischer Seite viel besser ausgestattet werden als bisher. Oft ist ja in jüngster Zeit davon die Rede, dass an allem gespart werden dürfe, nur an der Bildung nicht. Dort jedoch, wo sich Wissenschaft und Alltag am intensivsten begegnen könnten, wo hoch abstrakte Forscherarbeit auf ein wissbegieriges Publikum trifft und sich bewähren muss, dort werden oftmals die Gelder gekürzt, Kuratorenstellen nicht wieder besetzt oder gleich ganz gestrichen.

Wer Bildung als höchstes Gesellschaftsgut preist, der ist im Museum richtig. Hier geht es nicht um nackte Wissensverabreichung, auch nicht um Belehrung von oben herab. Hier geht es darum, eine zweite Welt aufzuschließen, in der die ästhetische Erfahrung mindestens so wichtig ist wie die kognitive. Wohl nirgends finden Herzens- und Hirnbildung so intensiv zusammen wie im Museum.

Damit das aber gelingt, müssen aus dem Tag der Forschung viele Forschertage und -jahre werden. Heute sind die meisten Museumsdirektoren allein damit beschäftigt, Sponsoren zu beknien und Verwaltungsvorschriften abzuarbeiten. Wenn überhaupt, kommen sie nur am Wochenende oder im Urlaub noch dazu, sich ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Ähnlich ergeht es oft ihren Mitarbeitern, die mit der Abwicklung des Ausstellungsbetriebs mehr Zeit verbringen als in den Archiven und Bibliotheken. Sollte man ihnen nicht zugestehen, was für viele Wissenschaftskollegen an den Universitäten selbstverständlich ist: dass sie hin und wieder ein Forschungsfreisemester einlegen dürfen? Sollten nicht auch die Stiftungen und Akademien die Museen viel stärker als bisher als Orte der forschenden Weltannäherung begreifen und fördern?

Viele Avantgardekünstler des 20. Jahrhunderts forderten noch lautstark, diese Orte wegzureißen. Brennt die Museen nieder, war ihr Schlachtruf. Im 21. Jahrhundert brennt im Museum vor allem die Neugier. Was einst als verstaubt und altertümlich galt, scheint die Zukunft zu gewinnen. Ohne Forschung allerdings wird das Museum vertrocknen oder allenfalls noch als Schatten seiner selbst fortbestehen: fern der Realwelt, im Internet.

Aus DIE ZEIT :: 01.07.2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote