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Sammeln und Horten - eine menschliche Eigenart?

von Thomas Junker

Viele Tiere sammeln und horten Nahrung. Menschen haben diese Strategie perfektioniert und auf neue Bereiche übertragen, indem sie Erfahrungen in Form materieller Objekte speichern. Wie einzigartig sind sie mit diesem Verhalten? Welchen evolutionären Sinn hat die Leidenschaft für das Sammeln von Wissen?

Sammeln und Horten - eine menschliche Eigenart?© Alexandru Magurean - iStockphoto.comAnders als diese Honigbiene sammeln Menschen nicht nur Nahrungsmittel, sondern vor allem Wissen. Doch ist dies tatsächlich nur eine typisch menschliche Eigenart?
Eichhörnchen und Bienen sind für ihren Sammelfleiß bekannt, aber auch Vogelarten wie Elstern und Saatkrähen sorgen vor, um nicht auf das karge Angebot der Wintermonate angewiesen zu sein. Nicht anders verhalten sich Menschen, wenn sie Vorräte anlegen und großen Einfallsreichtum beim Konservieren und Einlagern von Nahrungsmitteln beweisen. Und sie haben die Tendenz, Energiereserven direkt im Körper in Form von Fettpolstern anzulegen. Menschen sammeln nicht nur Nahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs, sondern auch eine Vielzahl an Kulturgütern und Naturgegenständen - Bücher, Kunstobjekte, Tiere, Pflanzen, technische Instrumente, Haushaltsgegenstände und vieles mehr. Anders als Nahrungsmittel werden diese Objekte nicht verbraucht und konsumiert, sondern in Museen, Bibliotheken und Sammlungen aufbewahrt und als Wissensspeicher genutzt. Als Teil des kulturellen Universums geben sie diesem Substanz und Dauerhaftigkeit. Und so ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Menschen das tiefe und instinktive Bedürfnis haben, Wissen zu sammeln und zu horten. Sind sie in dieser Hinsicht einzigartig?

Auf den ersten Blick wird man die Frage vielleicht bejahen, da es im Tier- und Pflanzenreich nichts gibt, was mit Museen, Bibliotheken oder anderen Sammlungen vergleichbar wäre. Oder doch? Lässt man sich nicht von der Oberfläche der Erscheinungen blenden und betrachtet den grundlegenden Vorgang, dann muss die Frage anders beantwortet werden. Aus biologischer Sicht ist das Sammeln und Aufbewahren von Erfahrungswissen keine späte Erfindung der Evolution, die erst mit den Menschen in die Welt kam, sondern das Grundphänomen des Lebens schlechthin. Die Evolution und die Vielfalt der Organismen beruhen auf dem Anhäufen von überprüften Erfahrungen, von genetischer Information, wie es in der Biologie heißt. Auch die im Erbmaterial jedes Lebewesens in Form großer chemischer Moleküle (DNA) gespeicherten Erfahrungen sind eine Form des Wissens. Sie stellen die Bauanleitung für den Körper und seine Bestandteile bereit, so dass eine Pflanze 'weiß', dass sie zu einer bestimmten Jahreszeit Knospen bilden, zu einer anderen die Blätter abwerfen sollte. Ihre Reaktionen unterscheiden sich nicht grundlegend von genetisch determiniertem Verhalten bei Menschen und anderen Tieren. Auch diese wissen instinktiv, dass sie bei Hunger essen müssen und was die geeignete Nahrung ist.

Die genetische Information entsteht im Laufe der Evolution, indem diejenigen Bauanleitungen (Gene) erhalten bleiben, die für geeignete Überlebensmaschinen (Zellen, Körper) sorgen; andere Gene sind weniger erfolgreich und verschwinden. Seit Charles Darwin nennt man diesen Mechanismus 'natürliche Auslese' oder Selektion. Da jedes Lebewesen von einer ununterbrochenen Reihe erfolgreicher Vorfahren abstammt, haben die Gene kein Gedächtnis für Misserfolge und keinen Sinn für die Zukunft. Sie produzieren relativ schematische Reaktionen, und sie können sich nur langsam durch Mutation, Rekombination und Selektion von einer Generation zur nächsten verändern.

Erlerntes Wissen

Im Gegensatz dazu sind erlernte Verhaltensweisen flexibler. Dies kann von Vorteil sein, wenn sich ein Tier in einer wechselhaften Umwelt bewegt. Und so entstand in der Evolution eine zweite, schneller veränderbare Form des Wissens - die in den Nervenzellen des Gehirns gespeicherten Erfahrungen der einzelnen Individuen. Im Gegensatz zur genetischen Information ist dieses Wissen für ein Lebewesen nicht unbedingt notwendig. Einzeller, Pflanzen und niedere Tiere kommen auch sehr gut ohne es aus. Ein schwerwiegender Nachteil des erlernten Verhaltens ist, dass die Erfahrungen von jedem Individuum immer wieder aufs Neue gemacht werden müssen. Das aber kann mit großen Risiken verbunden sein. Und so ist in der Evolution eine dritte Form des Wissens entstanden, die flexibler ist als genetisches, aber beständiger als individuelles - kollektives Wissen, das systematisch von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Bei Arten mit Brutpflege wie bei verschiedenen Vögeln und Säugetieren haben Jungtiere die Möglichkeit, ihre genetische Information und die individuellen Erfahrungen dadurch zu ergänzen, dass sie von ihren Eltern, Verwandten oder anderen Mitgliedern ihrer sozialen Gruppe lernen.

Kulturelles Wissen

Die Fähigkeit des sozialen Lernens ist eine biologische Anpassung, die Vorteile der genetischen Information mit solchen der individuellen Erfahrung verbindet und zugleich einige ihrer Nachteile vermeidet. Wie beim individuellen Lernen erfolgt die Speicherung in den Nervenzellen des Gehirns, sie ist also vergleichsweise flexibel; auf der anderen Seite gehen die Erfahrungen beim Tod des Individuums nicht notwendigerweise verloren, sondern sie können - ähnlich wie Gene, aber unabhängig von ihnen - von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Es handelt sich also um eine Form der Vererbung. Da Erfahrungen und Wissen (die Kultur) weitergegeben werden, spricht man von 'kultureller Vererbung'. Biologisch gesehen ist Kultur also die Antwort auf ein Problem, vor dem alle Organismen stehen: Wie lassen sich Erfahrungen langfristig, präzise und gleichzeitig flexibel speichern?

Solange das kulturelle Wissen, die Erfahrungen der Vorfahren, nur mündlich weitergegeben wurde und memoriert werden musste, war es schwierig und mühevoll, die Zuverlässigkeit der Übermittlung zu gewährleisten. Erst mit der Koppelung an materielle, konservierbare Gegenstände, an Objekte der Kunst und Wissenschaft, an Bücher und Bilder wurde die Wissensspeicherung stabiler und verlässlicher. Insofern lassen sich die Sammlungen als eine Verbesserung der biologisch angelegten Weitergabe von Erfahrungen zwischen den Generationen verstehen. Im Gegensatz zur genetischen Information können nicht nur erfolgreiche Versuche, sondern auch Irrtümer und Fehlversuche gespeichert werden. Es gibt aber auch viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Arten der Vererbung von Wissen. Allgemein kann man sagen, dass die Menschen mit ihren wissenschaftlichen, historischen und künstlerischen Sammlungen ein Prinzip weitergeführt und perfektioniert haben, das die Evolution schon seit ihren Anfängen mit höchst eindrucksvollen Ergebnissen vorangetrieben hat.


Über den Autor
Thomas Junker ist Wissenschaftshistoriker und Evolutionsbiologe. Er lehrt seit 2006 als apl. Professor an der Fakultät für Biologie der Universität Tübingen. Zu seinen Publikationen und Büchern gehören u.a. "Die Evolution des Menschen" (2006), "Der Darwin-Code: Die Evolution erklärt unser Leben" (mit S. Paul) (2009), "Die 101 wichtigsten Fragen: Evolution" (2011).

Aus Forschung & Lehre :: April 2012

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