Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Sauerkrautsaft macht fremdenfeindlich! Warum Experimente in Sozialwissenschaften zu immer mehr unsinniger Forschung führen

Von Mathias Binswanger

Die Forschungs- und Drittmittelstärke einer Universität und eines Wissenschaftlers gilt heutzutage als Zeichen für Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit. Doch ein genauerer Blick hinter die Kulissen und auf öffentlich präsentierte Forschung zeigt, dass die Ergebnisse einer kritischen Überprüfung nicht immer standhalten bzw. sogar unsinnig sind.

Sauerkrautsaft macht fremdenfeindlich!© leicagirl - photocase.deUnsinnigen Ideen wird versucht einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen
Wer Sauerkrautsaft trinkt, neigt zu fremdenfeindlichen und antisemitischen Einstellungen und zeigt sich gegenüber Behinderten weniger solidarisch. Das haben jüngst Forscher um Professor Claude Messner vom Institut für Marketing und Unternehmensführung an der Universität Bern herausgefunden und im Juli dieses Jahres in der Zeitschrift Psychology (Nazis by Kraut A Playful Application of Moral Self Licensing, Psychology 6, S. 1 144-1149) publiziert. Grundlage dieser Erkenntnis bildete ein Experiment. Von 111 Studenten erhielten ein Drittel Sauerkrautsaft, ein Drittel Nestea und ein Drittel nichts zu trinken. In der anschließenden Befragung unterstützten die Sauerkrautsafttrinker häufiger Aussagen wie "Ausländer, die in der Schweiz leben, belasten unser Sozialsystem". Dieses Ergebnis wird dann als ein "Beweis" für "Moral Licensing" interpretiert. Wenn man etwas Gutes tut (in diesem Fall für die eigene Gesundheit, da Sauerkrautsaft als besonders gesund gilt), dann kompensiert man dieses Verhalten nachher, indem man das Gefühl hat, man hätte jetzt das Recht, sich auch unmoralisch zu verhalten und dürfe deshalb jetzt fremdenfeindlich reagieren.

Als normal denkender Bürger würde man zwar vermuten, dass Menschen, die Sauerkrautsaft trinken müssen, nachher einen übersäuerten Magen haben und deshalb der Welt gegenüber generell etwas unfreundlicher gesinnt sind. Aber mit so naheliegenden Erklärungen gibt sich die Wissenschaft nicht ab. Um das festzustellen, bräuchte es ja gar kein Experiment. Also muss eine Erklärung her, die, wenn sie nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert wäre, kein vernünftiger Mensch je ernsthaft in Erwägung ziehen würde. Dieses Beispiel zeigt eindrücklich, wie in der Wissenschaft immer mehr Unsinn erforscht wird. Es werden Antworten auf Fragen gegeben, die niemand gestellt hat und deren Antwort auch niemand wissen will. Aber das spielt keine Rolle, denn der Inhalt ist in der Forschung oft nur noch Nebensache. Ob Menschen nach Sauerkrautsaftkonsum zu mehr Fremdenfeindlichkeit neigen oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Es zählt nur, dass Forschung betrieben wird, die zu Projekten und zu Publikationen führt. Was aber treibt Forscher dazu, sich mit offensichtlichem Unsinn zu beschäftigen? In heutigen auf Exzellenz getrimmten Universitäten geht es immer weniger um Erkenntnis. Moderne Universitäten sind vielmehr einerseits Fundraising-Institutionen, die es darauf anlegen, möglichst viele Forschungsgelder für sich abzuzweigen. Und andererseits sind sie Publikationsfabriken, die versuchen, ihren Publikationsoutput zu maximieren. Demzufolge ist der ideale Professor eine Mischung aus Fundraiser, Projektmanager und Vielpublizierer, bei dem der messbare Beitrag zur wissenschaftlichen Exzellenz im Vordergrund steht.

Nicht wenige Universitäten, die sich nach außen als großartige Tempel der wissenschaftlichen Exzellenz darstellen, sind intern zu Kindergärten verkommen, wo Professoren sich gegenseitig mit Publikationslisten und der Menge eingeworbener Forschungsgelder zu übertrumpfen versuchen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden Projekt- und Publikationsolympiaden veranstaltet, wobei die Gewinner dann statt Medaillen mit Elite- und Exzellenzstatus, Befreiung von Lehrverpflichtungen und im "besten Fall" auch noch mit höheren Salären belohnt werden. Und das, obwohl viele Projekte und Publikationen für den Rest der Menschheit nicht die geringste Bedeutung besitzen. Eine Folge davon ist, dass Exzellenz durch Nonsens entsteht. So ist die Publikation des Artikels "Nazis by Kraut" in der Zeitschrift Psychology ein messbarer Beitrag zur Exzellenz der Universität Bern, obwohl der Inhalt Nonsens ist. In dem künstlich geschaffenen, kompetitiven Umfeld der modernen Universität müssen also permanent Projekte akquiriert und Artikel publiziert werden, auch wenn man in Wirklichkeit nichts zu sagen hat. Gerade Experimente haben sich in neuester Zeit als besonders geeignet erwiesen, um auch unsinnigen Ideen einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen. Das funktioniert vor allem aus folgenden Gründen:

- Experimente täuschen eine empirische Exaktheit vor, die derjenigen in den Naturwissenschaften gleicht. Dabei wird übersehen, dass sich naturwissenschaftliche Experimente in den meisten Fällen unter genau kontrollierbaren Bedingungen stets wiederholen lassen. Erst wenn ein Ergebnis reproduzierbar ist, erhält es den Charakter eines empirisch erbrachten Beweises. In den Sozialwissenschaften werden Experimente aber typischerweise nur einmal unter bestimmten Bedingungen durchgeführt.

- Experimente in Sozialwissenschaften werden von anderen Forschern praktisch nie repliziert, weil dies teuer und uninteressant ist. Je höher die Kosten eines Experiments sind, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderer Forscher das gleiche Experiment noch einmal durchführt. Renommierte Forscher können sich deshalb durch besonders teure und aufwendige Experimente de facto dagegen absichern, dass ihr Ergebnis durch ein weiteres Experiment unter gleichen Bedingungen falsifiziert wird. Es bringt für einen Forscher im Allgemeinen viel mehr Prestige, wenn er sich ein neues Experiment für eine andere Hypothese ausdenkt.

- Experimente erlauben völlig willkürliche Settings (als raffinierte Forschungsdesigns bezeichnet), mit denen man gewünschte Resultate erreichen kann. Hypothetische Situationen liefern hypothetische Ergebnisse. Also lässt sich praktisch jede Hypothese durch ein ausgeklügeltes Experiment bestätigen. Und wenn das Experiment nicht zum erwarteten Ergebnis führt, wird das Setting eben solange angepasst, bis sich das Wunschresultat doch noch einstellt. Nicht überraschend kommt deshalb bei praktisch allen Experimenten immer das heraus, was die Forscher vorher als Hypothese formuliert haben.

Vor allem die Psychologie ist so zu einem Massenprogramm von beliebigen Experimenten verkommen, und hat ihren Ruf als Wissenschaft weitgehend eingebüßt. Eine großangelegte Analyse unter der Leitung des Psychologen Brian Nosek hat vor kurzem versucht, das Problem zu beziffern. Die Ergebnisse sind im Fachjournal "Science" im August dieses Jahres erschienen (Estimating the reproducibility of psychological science): Von 100 Studien, die 2008 in drei Psychologie-Journalen erschienen waren, ließen sich nur 39 bestätigen. Im Klartext bedeutet dies: man kann den größten Teil der Forschung in der Psychologie einfach vergessen. Doch auch andere Sozialwissenschaften werden zunehmend von der Experimenteuphorie erfasst. Das trifft insbesondere auf die Wirtschaftswissenschaften zu. Dort werden Experimente als eine Wiederannäherung an die Realität gefeiert, nachdem die orthodoxe ökonomische Theorie immer mehr zu realitätsferner Science Fiction geworden war. Doch mit dieser in Labors erzeugten Realität ist es auch nicht immer weit her. Während die herkömmliche Ökonomie durch realitätsfremde Annahmen zu Science Fiction wurde, wird die experimentelle Ökonomie dadurch zu Science Fiction, dass in Labors raffinierte Pseudorealitäten geschaffen werden, welche sich an den gewünschten Forschungsergebnissen orientieren. Um den hier geschilderten Trend zu immer mehr unsinniger Forschung durch Experimente zu durchbrechen, müssen erstens die heute bestehenden perversen Anreize im Wissenschaftssystem eliminiert werden. Exzellenz darf nicht mehr anhand der Zahl der Publikationen (bzw. Zitationen) und Projekten gemessen werden. Stattdessen muss der Inhalt wieder im Vordergrund stehen. Und zweitens geht es darum, die Reproduzierbarkeit der Resultate von Experimenten sicherzustellen. Resultate von Experimenten sollten erst dann in angesehenen Zeitschriften publizierbar sein, wenn sie unter ähnlichen Bedingungen mehrfach reproduziert werden konnten. Entsprechende Standards müssen erst noch festgelegt werden. Doch zumindest in der Psychologie wird das jetzt ernsthaft diskutiert.

Aus Forschung & Lehre :: Dezember 2015

Ausgewählte Stellenangebote