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Schafft die Vorträge ab!

VON DANIEL HORNUFF

Auf akademischen Tagungen demonstrieren alte Professoren ihre Macht und junge Forscher biedern sich an. Was soll das?

Schafft die Vorträge ab!© Thaut Images - Fotolia.comAkademische Tagungen in ihrer aktuellen Form verfehlen ihren Sinn - Diskussion und Austausch
In der besten aller Welten ist es so: Ein Nachwuchswissenschaftler fährt auf eine hochrangig besetzte akademische Tagung. Dort präsentiert er mit Eifer und Begeisterung Ideen und erste Thesen zu seinem neuen Forschungsvorhaben. Wie erwartet, trifft er auf etablierte und daher besonders neugierige Kollegen. Er trägt vor, diskutiert mit und kommt inspiriert, motiviert und besser vernetzt zurück. Nur drei Tage, und der Nachwuchs hat an Format gewonnen. Doch ereignen sich solche Tagungen nicht in der besten aller Welten, sondern in einem System aus Universitäten. Dort geht die Geschichte anders: Ein Nachwuchswissenschaftler fährt auf eine hochrangig besetzte akademische Tagung. Er trägt schüchtern bis beschämt Auszüge seiner bereits veröffentlichten Dissertation vor. Wie erwartet, trifft er auf etablierte und daher gelangweilte Kollegen - sofern diese überhaupt noch vor Ort sind. Denn vor allem die Männlichen unter den Etablierten verstehen sich oft als Tagungsbestäuber und reisen daher nur für den Höhepunkt der Tagung an: ihren eigenen Vortrag.

Der Nachwuchswissenschaftler beginnt seinen Vortrag mit einer Kaskade an Entschuldigungen. Er bittet um Verzeihung: In der Kürze der vorgesehenen Zeit könne er nur Ansätze seines überaus komplexen Themas vorstellen; im Grunde sei es ihm nach dem bislang Gesagten auch unmöglich, irgendetwas Neues beizutragen; und schon jetzt müsse er um Nachsicht bitten, sollte er zu leise, zu schnell, zu undeutlich sprechen. Man möge ihn dann sofort unterbrechen. Kaum hat er vorzulesen begonnen, kommt er ins Stocken, verweist erneut darauf, dass dies alles viel zu kurz greife, in der Diskussion könne man ja darauf zurückkommen. So mutiert sein Vortrag zu einer Geste der Unterwerfung, zu einer kruden Mischung aus Fremdbeweihräucherung und Selbstverzwergung.

Die anschließende Diskussion verdient die Bezeichnung nicht - es handelt sich um ein Belehrungsritual. Einige loben, andere tadeln, Nachbesserungsbedarf gibt es in jedem Fall. Der Nachwuchs lässt es über sich ergehen und kommt mit der Formatvorlage für den geplanten Sammelband zurück. Ganze drei Tage Konferenz, und nun kann er beginnen, seinen Vortrag zu formatieren. Was sich auf akademischen Tagungen, besonders in den Geisteswissenschaften, mitunter abspielt, ist sozial verheerend. Dies hat nichts mit den Veranstaltungen an sich, nur in Ausnahmefällen mit den beteiligten Personen und fast nie mit den Themen zu tun.

Das Problem ist ein strukturelles: Auf solchen Tagungen trifft der Professor - verbeamtet, etabliert, selbstbewusst - auf den jungen, neuen, unsicheren und befristet beschäftigten Wissenschaftler. Der eine demonstriert seine Macht, der andere biedert sich an. Doch greift es zu kurz, diesen Umstand allein diesen beiden Personengruppen anzulasten. Vielmehr steckt jeder, der sich an akademischen Tagungen beteiligt, in einer systemischen Zwangsjacke - von den Organisatoren über die Teilnehmer bis hin zum Publikum. Die Pflege der feinen Unterschiede akademischer Hierarchien ist jedem aufgetragen, unabhängig davon, welchen Status er besitzt. Demnach sieht sich nicht nur der Nachwuchs, sondern schlicht jeder Tagungsreferent mit zwei Herausforderungen konfrontiert: einer hermeneutischen und einer performativen. Die hermeneutische besteht darin, aus der Positionierung im Tagungsprogramm die jeweils zugewiesene Rolle ablesen zu können.

So wird von einem Abendvortrag Grundsätzliches und Überspannendes erwartet, wohingegen ein Vortrag am späteren Samstagnachmittag allenfalls zarte Ergänzungen beisteuern sollte. Die performative Herausforderung schließt unmittelbar daran an, indem der Referent darauf geprüft wird, ob er die ihm zugedachte Rolle auszufüllen vermag. Verzichtet der Abendvortragende auf die große Geste des Universalgelehrten, gilt er als Enttäuschung. Übt sich der Nachwuchs hingegen in zu forscher Thesenbildung, wirkt er anmaßend. Die Kunst der Tagungsorganisation besteht darin, die Choreografie der Rollen möglichst passgenau vorzuzeichnen. Nachwuchsleute werden daher meist auf Zeiten gesetzt, in denen sich Hunger mit nachlassender Konzentration und Abfahrtszeiten von Zügen überschneidet. Die akademischen Top-Acts wiederum eröffnen Sektionen, stemmen einen Solopart oder den Impulsvortrag zum Tagungsauftakt. So besitzt jede Rolle ihre eigene Uhrzeit.

Es ist also höchste Zeit, die traditionellen akademischen Tagungsrituale und ihre wie in Stein gemeißelten Abläufe um alternative Formate zu ergänzen. Voraussetzung dafür wäre eine umfassende Anerkennung dessen, was die Literaturwissenschaftlerin Sibylle Peters 2011 in ihrer Studie Vortrag als Performance aufgezeigt hat: dass nämlich ein mündlicher Beitrag nichts anderes ist als ein »wissenspoetisches Szenario«. Will heißen: Wissen kann nicht einfach präsentiert werden. Vielmehr bildet sich Wissen erst durch die jeweilige Art und Weise seiner Präsentation - und Rezeption! Peters stellt die entscheidende Frage: »Wie kommt im Vortrag Wissen als Wissen zur Erscheinung und konstituiert sich dadurch als solches?« Ihre Studie ist ein Plädoyer für szenische Sensibilität: Das Setting von Tagungen bestimmt darüber, welchen Status die dabei verhandelten Inhalte einnehmen. Der soziale, situative und institutionelle Kontext eines Vortrags übt einen direkten Einfluss auf den vermittelten Inhalt aus.

Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, dass die klassische Struktur einer Tagung auf der Korrelation von Wissen und Macht aufbaut. Das Wissen der Etablierten, Arrivierten und Hochdekorierten erscheint als intellektueller Fluchtpunkt: Allseits bekannt die Tagungen, an denen Teilnehmende den grotesken Ehrgeiz entwickeln, den Keynote-Sprecher ausschweifender und penetranter als alle anderen zu zitieren. Solche Treffen verkommen zu pseudoreligiösen Ritualen, an denen mehr nachgebetet wird als frei gedacht und an denen vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs lernt, zu Huldigungsgesten greifen zu müssen. So beginnt sich die Macht des Wissens zu habitualisieren. Dem Nachwuchs wird bis hinein in gestische Gepflogenheiten ein Wissenschaftsverständnis eingeimpft, das auf die Anerkennung von Überlegenheit geeicht ist. Er richtet sein Wissen nach den Vorlieben der Machtinhaber aus, um irgendwann - nach seiner eigenen Berufung - andere durch sein Wissen unterzuordnen.

Ein solches Tagungsformat beerdigt die Kritik, weil die strukturellen Voraussetzungen fehlen, diese zu praktizieren. Dass es häufig genau solche Tagungen sind, die besonders elaboriert mit dem Label kritischer Interventionen werben, muss als Ausverkauf intellektueller Redlichkeit gewertet werden. Wo Kritik durch Machtgebaren unterbunden wird, sollte sie auch nicht mehr als spezifischer Qualitätsausweis etikettiert werden. Man mag einwenden, dass Machtspielchen zu den üblichen Phasen akademischer Biografien gehören. Aber gerade im Fall akademischer Tagungen, nicht selten von der öffentlichen Hand finanziert, ist die Frage nach dem Ertrag zu stellen.

Das vortragsweise Aufkochen abgeschlossener Forschungsarbeiten gehört dabei zu den größten Ärgernissen. Solche Zweitverwertungen sollten grundsätzlich vermieden werden oder lediglich in eigens eingerichteten Foren Platz finden. Ohnehin sind sie nur Ausdruck eines verzagten Schutzverhaltens: Was von irgendwem schon mal abgesegnet worden ist, scheint das Risiko einer Widerrede in Grenzen zu halten. Erforderlich wäre eine Prämierung des Unfertigen. Akademische Tagungen sollten vor allem dann veranstaltet werden, wenn dort Vorhaben präsentiert werden, die gerade erst geplant, zumindest aber noch bearbeitet werden. Damit wird zwar kein universitäres Machtgefälle aufgehoben. Doch wenn die Beteiligten die Voraussetzungen ihrer Beiträge angleichen - wenn also jeder mit Unabgeschlossenem anreist -, können sie auf Augenhöhe darüber diskutieren.

An die Stelle der Proklamation wahrer Aussagen träte das Ringen um evidente Argumente. Wie das eigene Thema aufgebaut ist, welche Sprachformen zur Anwendung kommen, wie unterstützende Medien eingesetzt werden und in welcher Weise überhaupt vorgetragen wird - all dies würde über die Überzeugungskraft der Argumente entscheiden. Die Ergebnisse einer solchen Entwicklung liegen auf der Hand: In der besten aller akademischen Welten wäre der Tagungsvortrag ein historisches Relikt. Vorträge kämen nur noch dort zum Einsatz, wo es entweder um Wissenschaftsunterhaltung, Selbstmarketing oder Faktenwiedergabe geht. Tagungen würden einzig mit dem Ziel veranstaltet, den wissenschaftlichen Streit zu beleben.

Denn der Streit, die Keimzelle aller wissenschaftlichen Arbeit, benötigt Gesprächsrunden, Debattenclubs, Tischgesellschaften, Lesezirkel, kurzum, eine Renaissance des Symposions. Der wissenschaftliche Nachwuchs ist deshalb - wie alle anderen auch - aufgefordert, erweiterte Streitkompetenzen zu erwerben. In einer solchen Welt hat keiner mehr Zeit, bereits Veröffentlichtes vorzutragen. Zu sehr sind alle Beteiligten damit beschäftigt, sich inhaltlich mit ihren Thesen auseinanderzusetzen. Denn erst eine solche Kultur des Streits ermöglicht es ihnen, abzuwägen, nachzudenken und neue Erkenntnisse zu bilden.


Über den Autor
Daniel Hornuff arbeitet als Kunstwissenschaftler an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

Aus DIE ZEIT :: 29.09.2016

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