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Schluss mit dem Kungeln!

VON JÜRGEN OVERHOFF

Damit die besten Forscher Professor werden, müssen die Platzhirsche Macht abgeben.

Schluss mit dem Kungeln!© Panaroid - iStockphoto.comDas Berufungsverfahren in Deutschland erweist sich als rückständig und langwierig
Deutsche Professoren, die sich selbst gern als »Gelehrte« bezeichneten, seien ganz gewiss die »unbändigste und am schwersten zu befriedigende Menschenklasse - mit ihren ewig durchkreuzenden Interessen, ihrer Eifersucht, ihrem Neid, ihrer Lust zu regieren, ihren einseitigen Ansichten, wo jeder meint, dass nur sein Fach Unterstützung und Beförderung verdiene«. So urteilte und klagte einst Wilhelm von Humboldt in einem Brief an seine Frau Caroline. Man schrieb das Jahr 1809, und der weltläufig gebildete preußische Freiherr, der lange in Paris und Rom gelebt hatte, war von seinem König soeben beauftragt worden, Hochschullehrer an die neu zu gründende Berliner Universität zu berufen.

Dass es Humboldt gelang, die besten dieser oftmals nur um sich selbst kreisenden Köpfe nach Berlin zu holen, war den umfassenden Vollmachten zu verdanken, mit denen er im Moment der Universitätsgründung im Unterrichtsministerium ausgestattet war. Zu den glanzvollsten Namen seiner Berufungsliste gehörten der Jurist Savigny, der Theologe Schleiermacher, der Philosoph Fichte, der Historiker Niebuhr, der Agronom Thaer und der Chemiker Klaproth - allesamt Männer, die sich aus freien Stücken vielleicht niemals aufeinander zubewegt hätten.

Wie ist es gegenwärtig - zweihundert Jahre nach Humboldt - um die Berufungspolitik der deutschen Universitäten bestellt? Nicht immer zum Besten. Das lehren mich meine eigenen Erfahrungen, die ich in den vergangenen Jahren nicht nur hierzulande sammeln konnte, sondern auch in den USA und vor allem in Großbritannien, wo ich als Historiker akademisch sozialisiert und nachhaltig geprägt wurde. Erst nach meinem Studium an der London School of Economics und der Promotion in Cambridge kehrte ich zurück nach Deutschland, um mich dort in Hamburg zu habilitieren. Anschließend forschte ich an den Universitäten Potsdam und Regensburg, hielt mich auch für längere Zeit an verschiedenen amerikanischen Forschungsinstitutionen auf, bewarb mich jedoch gezielt auf vakante Professuren in meiner deutschen Heimat, der Familie wegen. Das war eine frustrierende, doch immerhin augenöffnende Zeit.

Ungezählte Bewerbungen, die ich zunächst hoffnungsvoll verschickte, stießen auf völliges Desinteresse. Sie wurden ignoriert, Jahr um Jahr. Wie konnte das sein? Hatte ich nichts anzubieten, genügte mein Lebenslauf nicht den Anforderungen, waren die von mir vorgeschlagenen Lehreinheiten und Forschungsprojekte, die ich als Professor umzusetzen gedachte, ganz und gar irrelevant? Ich war ratlos. Als ich mich in dieser heiklen Phase bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) um ein Stipendium für Habilitierte bemühte, führten mir die auch hier einhellig ablehnenden Gutachten, die mir in längeren Auszügen vorgelegt wurden, die wahren Gründe des Misserfolgs vor Augen.

Die deutschen Gelehrten, die hier anonym als Gutachter fungierten, sprachen offen aus, was sie dachten. Mein »wissenschaftlicher Werdegang« mit sehr guten Abschlüssen an den britischen Eliteuniversitäten in London und Cambridge entspreche zwar »durchaus den Exzellenzkriterien«, die einen Professor kennzeichnen sollten. Auch meine angekündigten Projekte seien allesamt »höchst interessant« und »förderungswürdig«, dazu auch »kompetent und überzeugend« dargelegt. Doch seien meine in den geisteswissenschaftlichen Traditionen der USA und Großbritanniens angesiedelten Forschungsmethoden in Deutschland »momentan nicht erwünscht«. Das mindere meine »Berufungschancen« nun »ganz erheblich«. Deshalb wolle man mich auch nicht fördern.

Doch sei man sich wiederum sicher, dass ich »aufgrund der Auslandskontakte« meine Forschungsvorhaben bestimmt »karriereträchtig vorantreiben« werde - in England oder in Amerika, aber eben nicht hier. Nicht nur ich habe es erleben müssen, dass der Weg, der einen jungen deutschen Wissenschaftler zunächst zu seiner großen Freude nach Cambridge, Oxford, Harvard, Yale oder Stanford führt, seine Chancen auf eine spätere Rückkehr in die Wissenschaftslandschaft der alten Heimat eben nicht vergrößert, sondern eher schmälert. Entgegen allen Beteuerungen bei Fest- und Feiertagsreden, in denen es heißt, dass man das im Ausland erworbene Wissen dereinst mit Schwung in Deutschland zur Anwendung bringen solle, erweist sich dieser Weg allzu häufig als unfreiwilliger Abschied. Vor allem dann, wenn man zu eigenständig agiert. Einem Studienfreund, dem nach seiner Promotion in Berlin überraschend eine Stelle als Gastforscher mit gutem Gehalt in Oxford angeboten wurde, gratulierte sein Doktorvater dazu bezeichnenderweise nicht. Er freute sich auch nicht für ihn. Stattdessen sagte er ihm nur in knappen Worten: »Wenn Sie die Stelle in Oxford annehmen, wird es mit einer Rückkehr nach Deutschland schwer.« Und dieses Diktum hat sich zwischenzeitlich bewahrheitet.

Wer sich aus Neugierde, Forscherdrang und Lust am Einleben in die akademischen Traditionen Großbritanniens und der USA zeitweilig fortbewegt, darf sich bei späteren Bewerbungen um eine Professur in Deutschland nichts vormachen: Viele Chancen erhält er nicht, egal, wie interessant und originell seine Projekte auch sind.

Dafür gibt es eine Erklärung, und auch diese wurde mir von meinen DFG-Gutachtern in aller Deutlichkeit mitgeteilt: Man müsse den Standards und Erwartungen der »zünftigen« Wissenschaft in Deutschland entsprechen, sonst sei man aus dem Rennen. Tatsächlich wird ein geisteswissenschaftliches Fach, das man im Englischen auch als profession bezeichnet, in Deutschland von seinen wichtigsten Vertretern noch immer mit Vorliebe als »Zunft« verstanden. Zunftmeister aber gewähren niemandem Zutritt zu ihrem Kreis, wenn er sich nicht zuvor bei ihnen und nach ihren Regeln angedient hat. Das gilt nicht nur für Bewerber aus dem Ausland, sondern auch für Außenseiter oder Querdenker im Inland, die neue Forschungsansätze abseits des Mainstreams erproben wollen.

In England und in Amerika ist das starre, hierarchische und wettbewerbsfeindliche Denken, für das eine ausgewiesene Zunftpolitik steht, in der akademischen Welt hingegen verpönt. Denn Freiheit, Selbstständigkeit, Neugierde, Wagemut, Witz, Schlagfertigkeit und Originalität - Tugenden, von denen die Wissenschaft doch lebt - gedeihen vor allem in einem liberalen und streitfreudigen Kontext. Der britische Historiker Patrick Collinson, einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs, bekannte einmal, dass sein Prinzip bei der Kandidatenauslese stets gewesen sei: Lasst alle Blumen blühen! In einem exzellenten Universitätsinstitut solle immer eine Vielfalt der besten Forschungsansätze vertreten sein. Und erst vor wenigen Wochen bestätigte mir ein Kollege aus Cambridge, dass die Professoren seiner Universität bei Neuberufungen sehr wohl wüssten, wie wichtig und belebend Konkurrenz im eigenen Haus sei.

Die Berufung

Wer in Deutschland Professor werden will, muss sich in einem aufwendigen Verfahren gegen seine Mitbewerber durchsetzen.
  • Etwa 1.700 vakante Professuren werden in Deutschland jährlich besetzt.
  • Professuren werden öffentlich ausgeschrieben - zum Beispiel durch Zeitungsannoncen.
  • Die Berufungskommission setzt sich mit den Publikationen der Bewerber auseinander, holt Gutachten ein oder lässt die Kandidaten Probevorlesungen halten.
  • Mittels einer Vorschlagsliste teilt die Kommission der Fakultät mit, wen sie für die geeignetsten Kandidaten hält.
  • Der Fakultätsrat nimmt zu diesem Vorschlag Stellung.
  • Auch der Senat der Hochschule prüft den Vorschlag und nimmt Stellung.
  • Die Hochschulleitung erteilt einen »Ruf« an ihren Favoriten - in der Regel ist das der Erstplatzierte auf der Liste.
  • Der potenzielle neue Professor führt mit der Hochschulleitung Verhandlungen über Leistungsbezüge und die Ausstattung der Professur.
  • Nach erfolgreichen Verhandlungen wird die Stelle besetzt.
In Deutschland ist die Mentalität der selbstbewussten Offenheit für herausfordernde oder abweichende Meinungen nicht in gleicher Weise verbreitet. Ein amerikanischer Kollege, der sich in unserem Universitätssystem sehr gut auskennt, teilte mir folgende Beobachtung mit: »In America you want to be in the best department - whereas in Germany you want to be the best in your department.« Mit anderen Worten: Es sei in den USA erstrebenswert, im Institut mit den renommiertesten Mitarbeitern zu arbeiten, um sich - an ihnen reibend und durch sie inspiriert - auch selbst möglichst gut fortentwickeln zu können. Es sei doch langweilig und kläglich, etwaige Nebenbuhler nicht als Mitarbeiter zuzulassen, nur um selbst der unangefochtene Platzhirsch zu bleiben.

Nun lässt sich ein seit Jahrhunderten stark zünftig geprägtes akademisches Milieu, mit dem ja schon Humboldt seine liebe Not hatte, nicht einfach über Nacht ändern. Der Wandel von Mentalitäten ist ein langwieriger Prozess. Doch können und sollten die Berufungsverfahren in Deutschland endlich grundlegend reformiert werden. Denn die Gepflogenheiten, die bei dieser zurzeit doch sehr umständlichen Prozedur üblich sind, begünstigen nicht diejenigen, die eigenständig Neuland betreten und abseits gewohnter Bahnen arbeiten wollen, sondern eher solche Bewerber, die den Amtsinhabern deswegen genehm sind, weil sie keine Gefahr darzustellen scheinen und deren Projekte - wie man oft in einem unschönen Wort sagt - im Institut »anschlussfähig« sind.

Bislang verhält es sich in Deutschland jedenfalls so, dass bei der Auswahl eines neuen Universitätsprofessors den in der Berufungskommission versammelten Hochschullehrern das entscheidende Stimmgewicht zukommt, also den zukünftigen Kollegen. Sie skizzieren das Stellenprofil, und sie entwerfen den Ausschreibungstext. Dabei können natürlich bereits Formulierungen Verwendung finden, die unerwünschte Kandidaten ausgrenzen. Treffen dann die ersten Bewerbungen ein, können etliche Einsendungen schon zu diesem Zeitpunkt gezielt aussortiert werden, um die Kandidatur derer, die durchkommen sollen, nicht einmal im Ansatz zu gefährden.

Kein Wissenschaftsministerium und keine Hochschulleitung kann so etwas bislang ernsthaft verhindern. Wenn dann nach erfolgter Sichtung der Bewerbungen ein Kreis von Wissenschaftlern zu Vorstellungsvorträgen eingeladen wird, erstellt die Kommission nach der Anhörung eine Liste: Auf ihr erscheinen die Namen von drei oder vier Personen, die für berufungsfähig gehalten werden. Nun wird die Liste mit den Bewerbungsunterlagen noch an zwei auswärtige Fachvertreter verschickt, die in vergleichenden Gutachten aussagen sollen, wer ihres Erachtens der beste Bewerber sei. Natürlich hängt viel davon ab, welcher Gutachter gefragt wird, ob der Kommissionsvorsitzende ihn gar kennt und somit einschätzen kann, wen er bevorzugt. Am Rande von Konferenzen lässt sich ja über solche Dinge unauffällig reden.

Treffen die Gutachten ein, versammelt sich die Kommission erneut, um auf der Grundlage der Urteile der Fachkollegen über die Platzierung der Kandidaten zu beratschlagen. Dann wird von der Kommission die endgültige Liste erstellt. Der gewünschte Kandidat ist der Erstplatzierte. Wenn die zuständige Fakultät und der Akademische Senat der Universität keine gravierenden Einwände mehr erheben, ergeht an ihn der Ruf auf die Professur. Dieser Ruf wird vom Rektorat der Universität ausgesprochen, in einigen Bundesländern muss das Wissenschaftsministerium noch zustimmen. Gefolgt wird dabei aber in der Regel stets den Vorschlägen der Kommission, also dem Urteil der zukünftigen Kollegen, der Professoren, die - um noch einmal an Humboldts Einschätzung zu erinnern - nur ihr Fach im Blick haben, und dies allzu häufig mit einer viel zu großen Einseitigkeit.

Dazu kommt, dass die Dauer eines deutschen Berufungsverfahrens mitunter ans Absurde grenzt, weil Gutachten zu spät angefertigt werden, Fristen nicht eingehalten und auch von niemandem eingeklagt werden oder weil die Kommissionsmitglieder sich gegenseitig blockieren und behindern. Ich selbst habe mich im Jahr 2009 auf eine Professur beworben, die bis heute noch nicht besetzt ist - und das Verfahren dauert noch an. Würde es in diesem Jahr durch Ernennung eines Professors endlich abgeschlossen, dann wären von der Ausschreibung bis zur Einstellung fünf Jahre vergangen. Und es gab durchaus schon Berufungsverfahren, die noch mehr Zeit beanspruchten. Was ist das für ein leichtfertiger Umgang mit Nerven, Gesundheit und Lebenszeit der Nachwuchswissenschaftler? Das alles wird von den Beteiligten zwar bedauert, doch viel zu häufig achselzuckend hingenommen. Über den Fortgang derart langatmiger Verfahren werden die Bewerber im Übrigen nur sehr schleppend und in völlig unzureichender Weise informiert. Manchmal behandelt man sie wie lästige Bittsteller. Transparenz sieht anders aus. Und echtes Interesse an unbedingt zu gewinnenden Professoren auch.

Kollegen in Großbritannien oder in den USA, wo von der Ausschreibung einer Professur bis zur Einstellung des neuen Hochschullehrers oft nur wenige Monate vergehen, wo Kandidaten zudem umworben und über den Fortgang des Verfahrens rasch und zuvorkommend unterrichtet werden, machen demgegenüber ganz andere Erfahrungen. Es ist dort sogar möglich, dass sich ein vielversprechender Dozent an einer Universität in Forschung und Lehre in so herausragender Weise bewährt, dass er am Ort seines Wirkens zum Professor befördert wird. Auch haben die Universitätspräsidenten bei Besetzungen ein Initiativrecht, sie können geeignete Kandidaten gezielt zur Bewerbung ermuntern, um so die interessantesten Wissenschaftler zu dem Zeitpunkt einzustellen, an dem sie noch zu haben sind. Können wir in Deutschland unsere Professoren nicht zukünftig in ähnlicher Weise berufen?

Die entscheidende Veränderung aber, die bei uns als Erstes vorgenommen werden müsste, wäre die stärkere und deutlich frühere Einbindung der Hochschulleitungen in den Berufungsprozess. Humboldt konnte im 19. Jahrhundert deshalb erfolgreich Wissenschaftler berufen, weil er mit besonderen Vollmachten ausgestattet war und weil er das Wohl und das Ganze der Universität im Blick hatte, vor allem aber, weil er sich nicht um Animositäten oder Eitelkeiten rivalisierender Wissenschaftler scherte. In ganz ähnlicher Weise müssten heute Vertreter der Rektorate und der Präsidien bereits bei der Sichtung der Bewerbungen zugegen sein, dann weiterhin auch als Teilnehmer der Berufungskommissionen agieren, das Berufungsverfahren begleiten und darauf achten, dass interessante Bewerbungen nicht unter den Tisch fallen können. Zu achten hätten sie auf die internationale Sichtbarkeit eines Bewerbers, sein Renommee, seine Originalität und sein Talent, nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre.

Im vergangenen Jahr bin ich in Münster zum Professor ernannt worden, eine glückliche Wendung in meinem Leben, für die ich dankbar bin und mit der ich gar nicht mehr gerechnet hatte. Die Freude darüber lässt mich jedoch nicht vergessen, dass der Weg zur Professur in Deutschland zu lang ist und dass jüngere Nachwuchswissenschaftler noch immer an den Unzulänglichkeiten unserer Berufungsverfahren leiden. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, dass wir die Mängel der Berufungsverfahren beseitigen. Denn das sind wir dem Land schuldig, das Humboldt hervorgebracht hat und sich noch immer auf sein Bildungsideal akademischer Freiheit und universitärer Vielfalt beruft.


Über den Autor
Jürgen Overhoff ist Professor für Historische Bildungsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Aus DIE ZEIT :: 20.03.2014

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