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Schluss mit dem Spagat!

VON CHRISTIAN HEINRICH

Forschen oder therapieren: Mediziner an Uni-Kliniken müssen sich entscheiden.

Schluss mit dem Spagat!© Ryan Jorgensen - Dreamstime.com Forschung und Krankenversorgung gleichzeitig scheint heutzutage aussichtslos zu sein
Hinter vorgehaltener Hand nennen die Schwestern ihn den »Geist«. Der Oberarzt von Carsten Hille* ist nur selten auf seiner Station. »Er kommt früher als alle anderen, geht in sein kleines Labor, zwischendrin macht er Visite, dann geht er wieder zurück und forscht«, sagt Hille, Arzt in einem Universitätsklinikum in Süddeutschland. Er selbst versucht ebenfalls zu forschen. Aber als Stationsarzt kann er nur nach Feierabend und an freien Tagen ins Labor, tagsüber ist er mit den Patienten beschäftigt. Ab und zu haben Hille und sein Oberarzt Veröffentlichungen in kleineren Fachmagazinen, wirkliche Erfolge aber stellen sich nicht ein. Kein Wunder: Die Art und Weise, wie Hille und sein Oberarzt forschen, gehört längst einem überholten Modell an.

Der Ärztemangel macht neue Strukturen notwendig

»Morgens im kleinen Labor forschen, nachmittags auf Station Visite machen, das ging früher vielleicht noch«, sagt Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Uni-Klinikums Schleswig-Holstein. Aber angesichts der weltweiten Konkurrenz und der gestiegenen Anforderungen komme dabei zu wenig rum. Wer heute in der medizinischen Forschung etwas erreichen wolle, der müsse mit mehreren Fachdisziplinen zusammenarbeiten und sich vernetzen. »Man braucht Geräte, die viel Geld kosten, und Kooperationen zwischen verschiedenen Kliniken und Instituten, um überhaupt etwas zu erreichen«, sagt Scholz.

Darauf versucht sich seine Uni-Klinik einzustellen. Statt viele kleine »Kellerprojekte« zu fördern, hat man in Kiel, Lübeck und anderswo größere Plattformen aufgebaut, um die Forschung zu bündeln: Eigenständige Gebäude auf dem Gelände der Universitätsmedizin sollen die Infrastruktur und Ausstattung bereithalten, um in der globalen Liga der Wissenschaft mitzuspielen. Bekam früher jedes kleine Labor eine eigene medizinisch-technische Assistentin (MTA), teilen sich heute in den Zentren größere Gruppen von Medizinern und Biologen nicht nur die Ausstattung, sondern auch die MTAs. Einzelne medizinische Fachbereiche können so an größere Projekte in den Forschungszentren »andocken«, um relevante Fragestellungen in Angriff zu nehmen, die sich mit einer Handvoll Medizinern nicht realisieren ließen.

Die neuen Strukturen wirken sich auch auf die Krankenversorgung an der Uni-Klinik aus: Der Patient sieht wie zuvor täglich seinen Arzt; aber der Arzt, der die Patienten behandelt, eilt nicht mehr zwischendurch ins Labor, sondern bleibt den ganzen Tag bei der Krankenversorgung. »Das Motto ist nicht "Forschung und Krankenversorgung", sondern "Forschung oder Krankenversorgung"«, sagt Scholz. »Diejenigen Mediziner, die forschen wollen, stellen wir heute dafür frei, anders ginge es gar nicht.« Dadurch forscht zwar nicht mehr jeder Arzt - die es aber tun, machen es konzentrierter.

Auch die Universitätsklinik in Leipzig bündelt ihre Kräfte - unter anderem deshalb, weil die Forschung nicht allein aus Landeszuschüssen finanziert werden kann. Leipzig hat sich bei Geldgebern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik um Drittmittel beworben - in zwei Fällen besonders erfolgreich: Mit Mitteln der Europäischen Union und des Freistaats Sachsen wird jetzt mit 40 Millionen Euro ein Zentrum für Zivilisationserkrankungen gefördert, seit Kurzem ist an der Universitätsklinik auch eines von acht sogenannten Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren (IFB) ansässig. »Für das Zentrum bekommen wir in fünf Jahren 25 Millionen Euro Förderung«, sagt der Dekan der medizinischen Fakultät in Leipzig, Joachim Thiery. Ärzte werden zum Forschen mindestens ein Jahr freigestellt.

Die Trennung zwischen Forschung und Krankenversorgung an den Uni-Kliniken wird auch durch den Ärztemangel und die Gesundheitsreform befördert. Heute müssen weniger Ärzte die Patienten schneller behandeln. Den personellen Spagat, dass etliche Ärzte auch noch mit einem Bein in der Forschung stehen, können sich die Kliniken nicht mehr leisten. Schließlich ist die Krankenversorgung für die Uni-Kliniken die finanziell tragende Säule, während das Geld für die Forschung knapper wird. Trotzdem ist die Wissenschaft gerade für exzellenten Ärztenachwuchs reizvoll.

Wer sich für die Forschung entscheidet, wird schlechter bezahlt

In der Universitätsmedizin Greifswald versucht man daher, mit dem Modell »Wissenschaft auf Zeit« zu locken. Das Gerhard-Domagk-Programm bietet Stipendien für Studenten und Ärzte, die sich ein Jahr lang ganz der Forschung widmen und einen Master in Biomedical Science erwerben können. »Wir versuchen damit, überdurchschnittliche und motivierte Studenten und Ärzte hierherzubewegen«, sagt Reiner Biffar, der Prodekan.

»Eine Medizin, die nicht forscht, ist im Stillstand«, sagt Rudolf Henke, Internist und Vorsitzender der Ärzte gewerkschaft Marburger Bund. Für die Naturwissenschaft bilden die Mediziner im Labor die Brücke zur praktischen Anwendung. Für die Patienten wiederum ist der forschende Arzt die Verbindung zu den neuesten Erkenntnissen moderner Medizin. Umso absurder sei es, sagt Henke, dass, wer forsche, finanziell bestraft werde. 2006 hatte der Marburger Bund einen eigenen höheren Tarif für die Ärzte erkämpft und durchgesetzt, sodass sie einige Hundert Euro mehr pro Monat verdienen. Davon profitieren bis heute jedoch an den meisten Uni-Kliniken nur die Ärzte, die auch tatsächlich in der Patientenversorgung arbeiten. »Wer stattdessen dauerhaft in die Forschung wechselt, der verdient meistens mit einem Schlag 800, 900 Euro weniger pro Monat«, sagt Henke. Ähnlich sieht es in den klinisch-theoretischen Fächern wie Physiologie und Anatomie aus. Auch hier werden die Ärzte nach dem weit niedrigeren allgemeinen Tarifvertrag bezahlt. Denn ob ein Mediziner ins Labor geht oder nicht - davon hat die kaufmännische Leitung einer Universitätsklinik zunächst wenig.

Carsten Hille würde es gern in Kauf nehmen, weniger zu verdienen. Er hat sich bei einem Programm seiner Universität beworben und auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wenn eine Zusage kommt, kann er ein Jahr ganz der Forschung widmen - das wäre für ihn der pure Luxus.

Mehr über das Gehalt eines Assistenzarztes erfahren Sie hier.

*Name von der Redaktion geändert


Aus DIE ZEIT :: 23.08.2012

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