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Schneller, höher, weiter?

Von Corinna Onnen

Der materielle Wohlstand und das Streben nach "mehr" haben ihren Preis; die Folgen davon wirken bis in die kleinste Einheit, die Familie, hinein. Für viele wird es zunehmend schwierig, Arbeit und Familienleben auszubalancieren. Wie reagieren Frauen und Männer auf diese Herausforderung? Zeigen sie unterschiedliche Verarbeitungsstrategien?

Schneller, höher, weiter?© Jan Wolffgang - iStockphoto.comStändiges Streben nach wirtschaftlichem Wachstum beeinflusst nicht nur das Arbeits- sondern auch das Familienleben
Wachstum ist eng verknüpft mit Globalisierung, die wiederum zieht fundamentale Veränderungen sowohl für die Arbeitswelt als auch für Familienbeziehungen nach sich. Doch die Auswirkungen der Globalisierung sind nicht neu - schon Marx und Engels beschrieben in ihrer Kapitalismuskritik Mitte des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis des kapitalistischen Großbürgertums - der Bourgeoisie - "nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte" und das damit verbundene Jagen "über die ganze Erdkugel". Wirtschaftliches Wachstum wurde und ist zum Ziel moderner Volkswirtschaften geworden; Volkswirtschaften, die nicht wachsen, verarmen, fallen im globalen Wettbewerb zurück. Wirtschaftswachstum vermeidet Arbeitslosigkeit durch Ausgleich von Rationalisierungen und steigert die Produktivität.

So weit, so ökonomisch. Auch auf die Lebensqualität der Menschen scheint wirtschaftliches Wachstum Einfluss zu haben; das Bruttoinlandsprodukt korreliert hoch mit dem Human Development Index - dieser misst zusätzlich zur Lebenserwartung der Menschen auch noch deren Grad der Bildung. Niklas Luhmann postulierte, dass Wirtschaftswachstum so lange eine Wunschvorstellung sei, bis das Knappheitsparadoxon (der Reichtum des Einen zieht die Verarmung des Anderen nach sich) überwunden und unsichtbar ist.

Dass diese Sichtweise spätestens seit dem Lehman Brothers-Debakel im Jahr 2008 als einseitig anzusehen ist, bedarf keiner expliziten Betonung und lässt sich selbstverständlich auch auf private Lebensverhältnisse übertragen. Es kann z.B. trotz wirtschaftlichen Wachstums steigende Arbeitslosigkeit geben, die aus der Perspektive privater Lebensformen und der Familie negativ ist. Die eindimensionale Betrachtung ökonomischen Wachstums lässt fundamentale Aspekte wie Nachhaltigkeit unberücksichtigt. Gleichwohl ist eine Ökonomisierung des Lebens festzustellen; sie bezieht sich auf alle Bereiche und Dimensionen des Lebens von Individuen, Gruppen, Organisationen und eben auch Familien und geht unmittelbar mit einer starken Zweckrationalisierung einher. Das moderne Credo lautet "alles muss sich rechnen", und das Individuum soll sich seinen eigenen Weg durch die verschiedenen Anforderungen bahnen. Diese beiden Seiten einer Medaille werden zurzeit allerorts simpel unter dem Schlagwort "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" formuliert. Irritierenderweise wird diese Thematik meistens als von Frauen zu lösendes Problem betrachtet.

Die Frage lautet allgemein: Wie kann das Individuum die arbeitsmarktspezifischen und betrieblichen Anforderungen mit seinen eigenen Lebensvorstellungen, -wünschen und -zielen vereinbaren? Aus der strukturellen Perspektive betrachtet, müssen sich Hochschulen z.B. den wirtschaftlichen Faktoren beugen: Forschungsfinanzierung durch Bundes- oder Ländermittel reicht zur Finanzierung der Organisationen nicht aus, Forschende sind gehalten, Drittmittel einzuwerben; diese sind wiederum in Programmen strukturiert, die zu den individuellen Forschungsprofilen passen müssen. Auf zahlreichen Kongressen, Tagungen, Workshops, Arbeitsgruppentreffen sind dann Forschungsergebnisse zu präsentieren, hier reicht der nationale Raum bei weitem nicht mehr aus - mindestens europäisch, besser noch international soll Forschung heute aufgestellt sein. Doch lässt sich das Knappheitsparadoxon überwinden? Geht das wirtschaftliche Wachstum zu Lasten des Privatlebens und der Familie?

Ideale Biographie und Realität

Orte, an denen, bzw. Zeiten, zu denen moderne Menschen ihrer Arbeit nachgehen, haben sich in den letzten beiden Jahrhunderten kontinuierlich verändert, auch die Tätigkeiten an sich stellen neue Anforderungen an die Erwerbstätigen. Die Anforderungen sind so stark entformalisiert, dass sie keinen klaren strukturierten Rahmen mehr bieten: neue selbstorganisierte Arbeitsformen und flexibilisierte Beschäftigungsverhältnisse sowie eine normative Subjektivierung von Arbeitsverhältnissen bewirken, dass die Erwerbsarbeit für viele einen überdurchschnittlich hohen Anteil in ihrem Leben einnimmt und sich damit oft immer weiter ins Privatleben hineinschiebt. Verbunden ist dies i.d.R. mit einer Beschleunigung der Arbeit: Es gibt kaum noch eine Tätigkeit, die ohne Zeitdruck ausgeführt werden kann. Verantwortlich dafür sind insbesondere die Entwicklung von Technologien und dadurch bedingte Organisationsstrukturen, die häufig einen 24-Stunden-Betrieb erfordern. Auf der anderen Seite ermöglicht zum Beispiel die moderne Computertechnik neue Formen der Heimarbeit. Doch dann ragt die Arbeit - wie traditionell in der Landwirtschaft - nicht mehr nur zeitlich, sondern auch räumlich in den privaten Lebensraum hinein; das Ausbalancieren dieser beiden Bereiche wird den Individuen überlassen. Oftmals unflexible Arbeitszeiten, fehlende innerbetriebliche Kinderbetreuungseinrichtungen oder die Forderung nach nahezu unbeschränkter Mobilität des Einzelnen führen zu unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien von Männern und Frauen im Lebenslauf. Männer stehen in ihrer idealen Biographie vor der Herausforderung, eine Balance zwischen betrieblicher Belastung und dem Privatleben samt Ausgleichsaktivitäten für das gesundheitliche Wohlbefinden zu erreichen. Ein Problem wird für sie zumeist, dass sie mangels genügender Anwesenheit in ihrer Familie und ihrer Partnerschaft ins Hintertreffen geraten können. Dass Männer mit Familie meist erfolgreicher und auch zufriedener als männliche Singles sind, dürfte die familialen Nachteile durch zu wenig Anwesenheit, die vor allem die Kinder spüren, nur bedingt ausgleichen.

In empirischen soziologischen Studien zeigt sich die ideale Biographie für junge Frauen als Gefüge aus unterschiedlichen Ansprüchen: in einer "glücklichen Familie" zu leben und gleichzeitig in einem qualifizierten Beruf zu arbeiten. Dieses stellt heute ein offizielles Ideal dar, wie uns die politischen wie auch betrieblichen Kampagnen zur "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" zeigen. Aber eine Familiengründung beinhaltet auch heute noch ein unterschiedlich hohes berufliches und familiales Risiko für Männer und Frauen, denn die Frage nach der Vereinbarkeit ist noch stärker mit dem weiblichen als dem männlichen Lebenslauf gekoppelt. Für Frauen bedeutet eine Familie zu haben meistens, dass sie ihre Berufstätigkeit sequentiell einrichten: In jungen Jahren sind sie berufstätig, in mittleren leben sie nur in der Familie, ohne Vollzeit erwerbstätig zu sein, und ab 50 Jahren arbeiten sie wieder im Beruf. Dass sich dadurch für sie Karrierewege verschließen, erklärt sich von selbst. Auch hinsichtlich der Rollenstrukturen sind Arbeits- und Familienwelt inkompatibel. Zwar haben sich die traditionellen Rollenklischees zwischen Männern und Frauen erheblich gelockert; die entscheidende "Sorgearbeit" in der Familie leisten aber auch heute noch meistens die Frauen, die sich nicht nur mental, sondern auch mit ihrem gesamten Zeitbudget viel stärker als die Männer auf das Familienleben einstellen.

Die Balance zwischen Beruf und Familie bleibt für die meisten Familien unbefriedigend. Empirische Studien zeigen drei unterschiedliche Strategien im Umgang mit diesem Umstand:
  • Insbesondere für hoch qualifizierte Frauen entwickelt das berufliche Fortkommen zunächst eine stärkere Attraktivität, so dass sie eine Familiengründung aufschieben, oftmals so lange, bis sie aufgrund der biologischen Schranken nicht mehr möglich wird.
  • Die anderen, meistens die Älteren und Etablierten, folgen vielfach traditionellen Rollenbildern und leben in klar getrennten Welten, die für Männer oft einhergeht mit eindeutiger Priorisierung des Berufs- und für Frauen mit Priorisierung des Familienlebens.
  • Die dritte und größte Gruppe ist durch Beruf und Familie doppelt belastet. Das führt dazu, dass die Schnittstelle zwischen diesen beiden Lebensbereichen möglichst perfekt zu planen und zu managen ist.

Das "Knappheitsparadox" überwinden

Die Familie gerät leicht in eine "Versachlichungsfalle". Die Freizeit muss ständig möglichst perfekt organisiert werden. Das geht vor allem zulasten der Beziehung zwischen Vater und Kindern sowie der Partnerbeziehung, die oft nur noch aus Interaktionen zum Zwecke familiärer Koordination besteht. Eine US-amerikanische Studie mit Mitarbeitern auf unterschiedlichen Hierarchieebenen in einer Firma, die viele Angebote wie flexible Arbeitszeiten, Betriebs-Kindergärten usw. bereitstellt, um eine optimale Balance zwischen Beruf und Familie zu erreichen, zeigt es noch extremer: Die Befragten hatten gar keine Lust, nach Hause zu ihren Familien zu gehen und dort ihre Zeit zu verbringen. Im Beruf fanden sie nämlich eine gut strukturierte Situation vor, in der sie sich sicher bewegen konnten, während im häuslichen Milieu vielfältige unberechenbare und unstrukturierte Ansprüche gestellt werden. Für Topmanager etwa schien es eine wunderbare Erfahrung zu sein, wenn sie für ihre Mitarbeitenden fast rund um die Uhr wie ein "guter Vater" fungieren konnten. Das war besonders dann befriedigend, wenn sie sich zu Hause mit einem pubertierenden Sohn auseinandersetzen mussten oder die Frau vom Vater der Kinder mehr Zeit für die Kinder einforderte. Als ausgesprochen angenehm wurde von Führungskräften in TOP-Positionen auch die "verantwortungsfreie Zeit" im Hotelzimmer bei Dienstreisen erlebt - vor allem dann, wenn die Frau zu Hause alles zusammenhielt, die Kinder herumfuhr, den Haushalt organisierte und auch noch das perfekte Zusammenspiel innerhalb der Partnerschaft lobte.

Seit den 1970er Jahren hat die Vielfalt privater Lebensformen mindestens genauso stark zugenommen wie die Anforderungen an die Wachstumsorientierung der Wirtschaft. Nach wie vor steht das Familienleben an oberster Stelle der Lebensziele. Für eine demokratische Gesellschaft ist es daher wichtig, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (z.B. die Arbeitszeitstrukturen, die Infrastruktureinrichtungen für die Kinder- und Altenbetreuung) so zu verändern, dass die Menschen ihre Partnerschafts- und Familienvorstellungen miteinander verbinden und gestalten können. Und wenn sie dann zusätzlich Aspekte der Nachhaltigkeit und des sozialen Miteinanders stärker gewichten und die an sie gestellten ökonomisierten Erwartungen damit in Einklang bringen können, wird das Knappheitsparadox überwunden. Denn das Wachstum - oder besser: die Ökonomisierung - des einen Bereiches geht nicht zu Lasten des anderen, und Familie und Beruf wären vereinbar.


Über die Autorin
Corinna Onnen ist Professorin für Allgemeine Soziologie mit Schwerpunkt Familiensoziologie und Gender Studies sowie Direktorin des Instituts für Sozialwissenschaften und Philosophie an der Universität Vechta.

Aus Forschung & Lehre :: April 2013

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