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Schnitt nach vorn

VON SUSANNE KAILITZ

Sachsen erlebt den größten Studenten-Ansturm aller Zeiten. Ausgerechnet jetzt sollen die Unis bluten.

Schnitt nach vorn© misterQM - Photocase.comAuch an Dresdens Hochschulen wird gekürzt und gestrichen, ohne dass ein höherer Plan erkennbar wäre
Seit 1994 lehrt Ingo Kolboom in Dresden. Wie blickt er auf die Zeit zurück? »Ich hätte genauso gut schlafen können«, sagt der Professor. »Oder zur Kur fahren. Ich frage mich, warum ich 17 Jahre lang Forschungs- und Lehrberichte geschrieben habe.« Wenn Kolboom im nächsten März die TU Dresden verlässt, wird sein Lehrstuhl für Frankreichstudien und Frankophonie nicht wiederbesetzt werden. Stattdessen wird er mit der Professur für Französische Literaturwissenschaft zusammengelegt. Für Kolboom ist das eine Torheit: »Französischlehrer müssen ihren Schülern landeswissenschaftliche Themen vermitteln können«, sagt er. »Die sollen sich auskennen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unseres Nachbarlandes. In den sächsischen Lehrplänen ist das verankert - aber nicht in der Lebenswirklichkeit der Universitäten, die die Lehrer ausbilden sollen.« Jahrelang habe Dresdens TU sich mit seiner, mit Kolbooms Arbeit geschmückt. Mit internationalen Veröffentlichungen und Ehrungen ihres Professors geworben. Nun wische sie mit einem Handstreich alles weg, wofür er stehe.

Vielleicht könnte Kolboom leichter mit der Entscheidung seines Rektors leben, wenn der ihm inhaltliche Gründe nennen würde. Doch es geht in Sachsens Bildungsplanung gerade nicht um Inhalte. Es geht um Geld. An den Hochschulen sollen, so die Prognose der Staatsregierung, bis 2020 mehr als 1000 Stellen gestrichen werden. Zum Vergleich: So groß ist die Personalausstattung der gesamten TU Chemnitz. Bis 2015 müssen die Unis in einer ersten Phase Hunderte Arbeitsplätze abbauen. Der Kahlschlag beginnt zu einem absurden Zeitpunkt. Seit Jahren werben die ostdeutschen Länder mit aller Kraft um West-Abiturienten. Sie schicken PR-Trucks nach Bayern und Baden-Württemberg, sie holen Schulabgänger im Trabi aus Hamburg ab, sie buchen sündhaft teure Werbeagenturen. Die Botschaft lautet: Bei uns studiert man fürstlich - kommt alle nach Sachsen! Hier ist noch Platz in den Hörsälen. Das wirkt: Mehr als 5600 westdeutsche Studienanfänger zählte man zwischen Görlitz und Chemnitz, zwischen Leipzig und Dresden im aktuellen Wintersemester; mehr als dreimal so viele wie noch vor wenigen Jahren. Die doppelten Abiturjahrgänge in manchen Ländern und der Wegfall der Wehrpflicht sorgen längst auch an Sachsens Unis für Kapazitätsprobleme.

Kaum rübergelockt, dürften sich viele der Erstsemester verdutzt die Augen reiben, wenn sie selbst Pflichtveranstaltungen nicht mehr besuchen können, weil die Teilnehmerlisten wegen Überfüllung geschlossen sind. Und sie können sich sicher sein: Es wird auch nicht mehr besser werden. Reingefallen! Für das Dresdner Wissenschaftsministerium ist die aktuelle Studentenwelle nur ein Zwischenphänomen. Lieber argumentiert man mit dem Geburtenknick der Nachwendezeit, mit zwanzig Prozent weniger Studienanfängern aus Sachsen in den kommenden zehn Jahren. Der Freistaat, der pro Student ohnehin deutlich weniger ausgibt als die anderen Flächenländer, will weiter sparen. Das Wissenschaftsministerium, das gerade am Hochschulentwicklungsplan bis 2020 feilt, betont sogar, fast zynisch, die »großen Gestaltungsspielräume«, die sich aus der »strategischen Verteilung von Mitteln, Infrastruktur und Personalstellen« ergäben. Weil der Stellenabbau mit drei Prozent deutlich geringer ausfallen werde als der erwartete Rückgang der Studentenzahlen, würden die Unis sogar gewinnen.

Die TU Dresden kürzt und streicht, ohne dass ein höherer Plan erkennbar wäre

An Sachsens Hochschulen mag sich dieser Lesart nicht jeder anschließen. Allen Prognosen zum Trotz vermelden diese seit Jahren regelmäßig Bewerberrekorde. Vor allem geisteswissenschaftliche Fächer sind überlastet. Der Fachschaftsrat der Philosophischen Fakultät an der Dresdner TU kommt etwa zu dem Schluss, es seien nur noch wenige Studiengänge »überhaupt als studierbar zu bezeichnen«. In der Soziologie, der Politikwissenschaft und den Kommunikationswissenschaften liege die Auslastung bei deutlich über 150 Prozent. Doch Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos), selbst Lehrstuhlinhaberin für Völkerrecht in Dresden, verlangt: Die Fakultäten sollten nicht jammern, sondern endlich effizienter werden. Den Abbau erklärt sie »zur Stärkung der Profilbereiche«. Was gut klingt; nach Struktur und Plan. Doch die Realität, die Ingo Kolboom und seine Kollegen erleben, ist eine andere. Die TU Dresden kürzt und streicht, ohne dass ein höherer Plan erkennbar wäre.

Jeder wisse, sagt der Dresdner Philosophie-Professor Gerhard Schönrich, »dass an alle Stellen, die in den kommenden Jahren durch Altersabgänge frei werden, ein kw-Vermerk kommen wird«: künftig wegfallend. Schönrichs Institut besteht aus sechs Professuren, 2019 sollen davon noch zwei übrig sein. Mit sofortiger Wirkung gestrichen ist die Professur für Wissenschaftstheorie und Logik. »Allein das ist schon ein Wahnsinn«, sagt Schönrich, »darauf kann man nicht verzichten; das sind Grundlagen.« Das Fach schlage Brücken zu den von der Staatsregierung als so wichtig erachteten MINT-Fächern: »Unsere Veranstaltungen sind wichtig für Mathematiker, Biologen oder Informatiker.« Schönrich bangt nicht nur um sein Institut, das mit der anvisierten Minimalausstattung überhaupt nicht mehr die Anforderungen erfüllen könne, die für eine Akkreditierung der Studiengänge gestellt würden. Er fühlt sich auch persönlich betrogen: »Die Auslastungszahlen des Instituts liegen inzwischen bei 200 Prozent. Eigentlich sollen Professoren je zur Hälfte forschen und lehren. Aber bei der immensen Zahl an Studenten haben wir seit gut zehn Jahren die Zeit für unsere Forschungsaktivitäten von unseren Freizeitkonten abgezogen.« Es gebe eine stillschweigende Abmachung mit der Politik, sagt der Professor, »dass wir diese Forschungszeit bei abnehmenden Studierendenzahlen zurückbekommen. Was jetzt erfolgt, ist ein gigantischer Diebstahl.«

Zeitweise wollte man in Leipzig sogar die Politikwissenschaft abschaffen

Die Kürzungen tun auch deshalb insbesondere den Geisteswissenschaftlern weh, weil deren Fakultäten ohnehin völlig überlaufen sind - und nur wenige der begehrten Drittmittel einwerben können. In Dresden ist zudem alles auf Exzellenz ausgerichtet: Bis über die Elite-Uni-Bewerbung der TU entschieden ist, wird dort niemand jene vor allem naturwissenschaftlichen Forschungsbereiche antasten, die den Titel bringen sollen. Auch die Uni Leipzig forscht noch nach Stellen, die sie streichen kann; vorerst 74 müssen es bis 2015 sein. Der Anspruch ist hoch: Man wolle »einen intelligenteren Weg finden« als jene Hochschulen, die einfach jede Professur tilgten, die frei werde, sagt der Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie, Günter Bentele. Eine Anspielung auf die Verhältnisse in Dresden?

Bentele denkt gerade über eine Umstrukturierung des Instituts für Politikwissenschaft nach. Von fünf Professuren sind hier, aus verschiedenen Gründen, derzeit nur zwei besetzt - die drei vakanten Stellen werden zur Verlockung. Denn an jedem Professor hängen weitere Jobs: von Sekretärinnen, Assistenten, Hilfskräften. Man stoppte deshalb die fast abgeschlossenen Berufungsverfahren und verhängte ein Moratorium. Mindestens eine Professur soll entfallen; das Institut wird sich auf die Ausbildung von Gemeinschaftskundelehrern zu konzentrieren haben. Die Direktorin des Instituts, Heidrun Zinecker, ist froh, dass wenigstens die Idee, die Politikwissenschaft abzuschaffen, vorerst vom Tisch ist. Trotzdem rätselt sie, wie die Studentenmassen mit den knappen Kapazitäten bewältigt werden sollen. Mehr als 500 junge Menschen sind am Institut eingeschrieben, im Wahlbereich der anderen Fächer seien die Angebote der »Powis« rund »sechs- bis siebenmal so hoch nachfragt, wie wir es bewältigen können«, sagt Zinecker. Sie sitzt in 18 Ausschüssen und Kommissionen. »Wenn ich meine Lehre vernünftig machen will, bleibt für Forschung keine Zeit.« Die jedoch ist wichtig, wenn es darum geht, Geld einzuwerben.

Nicht immer ist es die richtige Strategie, den Forderungen der Rektorate einfach nachzugeben. Auch wenn er sich »vollkommene Ohnmacht« bescheinigt, was seinen Einfluss auf die Personalplanung der Uni betrifft, konnte der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt Lehraufträge für seinen Lehrstuhl sichern, die die Universität eigentlich nicht genehmigen wollte. Als er seinem Dekanat mitteilte, er werde den Umfang der Ausbildung einschränken, wenn die Universität das Lehrpersonal nicht bereitstelle, wurde sein Antrag zumindest teilweise bewilligt. Universitätsintern dürfte Patzelt sein Profil damit geschärft haben - ganz so, wie es ministeriell verlangt wird.

Aus die DIE ZEIT :: 27.10.2011

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