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Schöne neue Arbeitswelt - Wir sind gut zu dir

VON LEONIE SEIFERT

Fair, flexibel, demokratisch - damit werben Firmen um Berufseinsteiger. Und die Realität? Sechs Versprechen im Test.

Schöne neue Arbeitswelt - Wir sind gut zu dir© s_karau - Fotolia.comWelche Versprechen werden in der Arbeitswelt eingehalten und welche sind dem Mitarbeiter besonders wichtig?

1. Bei uns arbeiten Sie, wo Sie wollen!

Bei Microsoft in München sitzen nur 20 bis 30 Prozent der Mitarbeiter während der Kernarbeitszeit in ihren Büros, der Rest arbeitet woanders - zu Hause, im Café, irgendwo auf der Welt. Das erlaubt eine Betriebsvereinbarung. Mit dem Smartphone und einem Internetanschluss ist Arbeit nicht mehr an einen Ort gebunden.

Noch ist das nur in den wenigsten Firmen in Deutschland üblich. Zwar bietet jedes zweite Unternehmen seinen Mitarbeitern Homeoffice-Arbeit an, das geht aus einer Studie des Centre of Human Resources Information Systems (Chris) der Uni Bamberg hervor. Aber gleichzeitig nutzen immer weniger Deutsche ihr Wohnzimmer als Büro. Nur acht Prozent arbeiten von zu Hause aus, heißt es beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Schweden, Franzosen, Briten oder Österreicher: Alle arbeiten häufiger im Homeoffice. In den Niederlanden gilt sogar ein Gesetz, das ein Recht auf Heimarbeit garantiert. Der Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom DIW glaubt nicht, dass die Deutschen keine Lust haben, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber die Heimarbeit habe hierzulande unter Chefs und Kollegen keinen guten Ruf. »Die gehen davon aus, dass die Mitarbeiter zu Hause auf dem Sofa liegen«, sagt er. Dabei scheint es genau andersrum zu sein, wie eine Studie von Forschern aus Stanford nahelegt: Die Beschäftigten arbeiten konzentrierter und länger. Brenke erklärt das so: »Sie wollen beweisen, dass sie wirklich arbeiten.«

Fazit: Das Versprechen wird nur halb eingelöst. Viele Firmen bieten flexible Arbeitsorte an, sind aber nicht konsequent genug.

2. Bei uns arbeiten Sie, wann Sie wollen!

Den Urlaubsflug im Büro buchen oder sonntags auf dem Sofa die Arbeitsmails checken - für viele, die ihren ersten Job antreten, ist das ganz normal. Sie wollen nicht strikt zwischen Freizeit und Arbeitszeit unterscheiden. Sieben von zehn Berufseinsteigern würden ein Jobangebot sogar nur dann annehmen, wenn das Unternehmen flexible Arbeitszeiten ermöglicht. Das geht aus der Chris-Studie hervor.

Immer mehr traditionelle Arbeitgeber versuchen deshalb ihren Mitarbeitern mehr Flexibilität zu ermöglichen. Die Arbeitszeitmodelle sehen aber überall anders aus. Beim Technikkonzern Bosch etwa heißt es seit vergangenem Jahr in der Betriebsvereinbarung: »Nutzen Sie die Flexibilität der Arbeitszeit, und finden Sie heraus, zu welcher Tageszeit Sie am produktivsten sind.« Dort kann man jetzt etwa wegen der Einschulung seines Kindes mal drei Stunden mittags wegbleiben - und dafür abends länger arbeiten. Eine Genehmigung des Chefs ist nicht nötig.

Bei Premium Cola, einer Hamburger Getränkemarke, kann man statt tagsüber auch nachts arbeiten. Gründer Uwe Lübbermann sagt: »Bei wichtigen Absprachen hat es anfangs gestört, wenn der entsprechende Kollege gerade schläft.« Aber mittlerweile wäre der Kollege bei Entscheidungen, die schnell und tagsüber getroffen werden müssen, eben nicht mehr eingebunden.

Auch der Maschinenbauer Trumpf gilt als fortschrittlich. Dort entscheiden Mitarbeiter alle zwei Jahre, wie viel sie arbeiten wollen. Ein Berufseinsteiger arbeitet zum Beispiel mehr, um schnell aufzusteigen. Dabei zahlt er die Mehrarbeit auf ein Konto ein, von dem er später abheben kann: wenn er Kinder bekommt oder seine Eltern pflegen muss.

Fazit: Das Versprechen wird eingelöst.

Schöne neue Arbeitswelt - Wir sind gut zu dir Welche Faktoren sind Arbeitnehmern besonders wichtig?

3. Bei uns bestimmen Sie mit!

»Unternehmen müssen demokratischer werden. Mitarbeiter werden künftig ihre Vorgesetzten wählen und nicht umgekehrt.« Das sagt Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Vorstand. Er ist ein großer Verfechter der Mitbestimmung. Berufseinsteiger sind es gewohnt mitzureden: Auf Internetportalen bewerten sie Hotels, Restaurants und auf der Webseite Kununu.com sogar ihre Arbeitgeber. Warum sollten sie im Job den Mund halten?

Eine repräsentative Umfrage der Technischen Universität München zeigt, dass sich Arbeitnehmer flache Hierarchien wünschen und keinen autoritären Chef. Rund zwei Drittel der Befragten wollen mehr Mitbestimmung, wie etwa ihren Chef selbst wählen und über die Firmenstrategie mitentscheiden.

In einigen Unternehmen ist das schon Wirklichkeit, aber die Beispiele sind rar: Bei der Digitalagentur Elbdudler wählen die etwa 40 Mitarbeiter den Chef. Ihr Gehalt handeln sie jeden Monat aufs Neue mit ihren Kollegen aus: Wer viel arbeitet und Verantwortung trägt, verdient mehr als jemand, der weniger tut. Auch kann jeder so viel Urlaub machen, wie er möchte - solange er seine Arbeit erledigt. Julian Vester, der Chef von Elbdudler, sagt: »Wenn ein Kollege meint, er braucht Urlaub, müssen wir ihm das ermöglichen.« Die Idee: Nach dem Urlaub ist der Mitarbeiter entspannter - und auch produktiver.

Viele Unternehmen wollen sich demokratischer organisieren. Aber ist es sinnvoll, dass Mitarbeiter bei Personal- und Firmenentscheidungen mitreden? Der Arbeitssoziologe Klaus Dörre von der Uni Jena bezeichnet demokratische Konzepte als »Schönwettermodelle«. Er sagt: »Wenn die Geschäfte schlecht laufen, funktioniert Mitbestimmung nicht.« Dann nämlich müssten Mitarbeiter, die neuerdings selbst Leute einstellen können, diese auch wieder entlassen. »So was zersprengt jedes Team«, sagt er. Außerdem sei nicht jeder dafür gemacht, sich selbst zu organisieren und für die ganze Firma Verantwortung zu übernehmen. »Den Einzelnen kann das überfordern«, sagt Dörre.

Fazit: Das Versprechen wird noch nicht eingelöst. Nur wenige Firmen haben bisher neue Formen der Mitbestimmung umgesetzt.

4. Wir sorgen uns um Ihre Gesundheit!

Den Arbeitgeber kostet jeder Fehltag seines Mitarbeiters viel Geld. Klar, dass er deswegen ein Interesse daran hat, dass es den Kollegen gut geht. Als hilfreich gelten dabei Bürokonzepte, die Bewegung in den Alltag bringen: Der Drucker, der nicht im Arbeitszimmer steht, sondern einmal den Flur runter. Die Wohlfühloase in Form einer Café-Lounge, in der ein Sofa steht, auf dem man sich ausstrecken kann. Einige Unternehmen gehen noch weiter: Sie bieten Ernährungsberatung an, gesundes Kantinenessen oder Kurse wie Pilates, Badminton oder Bauch-Beine-Po.

Was der Arbeitgeber sich davon verspricht: Wer in der Mittagspause eine halbe Stunde Yoga macht, ist danach produktiver. Überraschend ist, dass bislang lediglich 23 Prozent aller Unternehmen Betriebssport anbieten. Das haben Forscher vom Zukunftsinstitut in München herausgefunden. Gleichzeitig nehmen nur neun Prozent der Beschäftigten das Angebot der Firmen an. Laut Thomas Huber, dem Leiter der Studie, gibt es vor allem eine Schwierigkeit: Die Kurse fänden meist zu festen Uhrzeiten statt. »Aber vielleicht steht dann spontan ein Meeting an«, sagt Huber, der noch ein ganz anderes Problem sieht: Mit den Angeboten wächst auch der Druck auf Beschäftigte, sich zu bewegen. Wer will schon den Fahrstuhl nehmen, wenn der Chef die Treppe hochrennt?

Fazit: Das Versprechen ist eingelöst, wenn auch in ganz unterschiedlicher Form.

5. Wir behandeln Frauen und Männer gleich!

Vater, Mutter und Kind spielen im Wohnzimmer - das ist ein Standardmotiv auf den Websites von Unternehmen. Es suggeriert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Mit der Realität hat das indes wenig zu tun. Viele junge Paare klagen über mangelnde Gleichberechtigung in Job und Familie, besagt eine neue Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Nach der Elternzeit setzt bei den meisten wieder die alte Rollenverteilung ein: Nur in 15 Prozent der Familien arbeiten beide Partner in Vollzeit. In allen anderen Fällen arbeitet der Vater Vollzeit, die Mutter Teilzeit oder überhaupt nicht, obwohl sie sich Arbeit und Kinderbetreuung gern teilen würden. Doch das gestaltet sich oftmals schwierig: Kitaplätze fehlen genauso wie passende Jobs, die es Frauen ermöglichen, ihre Arbeit flexibel zu gestalten.

Die vom Bundestag beschlossene Frauenquote soll künftig mehr Frauen in eine Führungsposition bringen. Ein weiteres Gesetz ist geplant, das Unternehmen dazu zwingen soll, die Gehälter aller weiblichen und männlichen Angestellten zu veröffentlichen. Durch den direkten Vergleich könnte künftig die Bezahlung gerechter werden. Durchschnittlich verdienen Frauen in Deutschland nämlich 22 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, wie das Statistische Bundesamt berechnet hat. Dies liegt einerseits daran, dass Frauen häufig in Branchen arbeiten, in denen schlechter bezahlt wird, und auch seltener in Chefetagen zu finden sind. Doch rechnet man diese Faktoren heraus, bekommen Frauen immer noch etwa sieben Prozent weniger Gehalt als Männer. Ein Unterschied, der nur am Geschlecht liegt.

Viele Unternehmen legen nun ihrerseits Förderprogramme für Frauen auf, in denen diese speziell auf Führungspositionen vorbereitet werden. Das ist lobenswert - aber Forscher haben im vergangenen Jahr herausgefunden, dass diese Programme eher als Karrierekiller wirken. Die Begründung: Während die Männer die Chefposten untereinander aufteilen, sitzen die Frauen im Coaching fest.

Fazit: Das Versprechen ist nicht eingelöst.

6. Wir zahlen faire Gehälter

In etwa der Hälfte aller Stellenanzeigen finde man Formulierungen wie »faire Bezahlung«, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Doch was heißt das? Und wie wichtig ist Geld im Vergleich zu anderen Faktoren wie Sicherheit oder Spaß an der Arbeit?

Das Institut forsa kommt in einer neuen Studie zum Ergebnis, dass fast allen Beschäftigten eine positive Arbeitsatmosphäre und das Verhalten des Chefs wichtiger sind als das Gehalt. Trotzdem wird in vielen Unternehmen zum festen Gehalt ein variabler Anteil gezahlt, als Motivationsspritze, abhängig von der Leistung des Mitarbeiters. Bei BMW etwa heißt es: »Wer gute Leistung bringt, der soll auch eine gute Gegenleistung erhalten.« Indem die Tantieme von Spitzenmanagern und Mitarbeitern vom Fließband mit derselben Formel berechnet wird, sollen sich Mitarbeiter fair behandelt fühlen.

Gleiche Gehälter für alle sind übrigens nicht unbedingt das, was Mitarbeiter sich wünschen. Der Amerikaner Dan Price, Chef der Firma Gravity Payments, hatte gehört, dass die Zufriedenheit eines Angestellten mit jedem Dollar steige, bis zu einem Gehalt von 75.000 Dollar. Also kürzte er sein eigenes Gehalt von 120 Millionen auf 70.000 Dollar - um dafür das seiner Mitarbeiter auf 70.000 Dollar zu erhöhen. Zwei seiner wichtigsten Angestellten kündigten daraufhin, weil sie es als ungerecht empfanden, dass sich für Berufsanfänger das Gehalt verdoppelte, für sie als langjährige Mitarbeiter aber nicht.

Fazit: Das Versprechen kann nicht eingelöst werden, weil jeder etwas anderes als fair empfindet.

Aus DIE ZEIT :: 03.09.2015