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Schotten dicht

VON VOLKER MEYER-GUCKEL

Die Uni Hamburg will sich nicht mehr an Umfragen und Rankings beteiligen. Ein Eingeständnis der Schwäche.

Schotten dicht© David AusserhoferHochschulrankings haben sowohl Befürworter als auch Gegner - Prof. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, entscheidet sich gegen eine Teilnahme an weiteren Rankings und Umfragen
Wenn ein Schiff die Schotten dicht macht, dann fürchtet es unterzugehen. In der Hafenstadt Hamburg hat das Präsidium der Universität beschlossen, sich grundsätzlich nicht mehr an Umfragen zu beteiligen, »die geeignet sind, deutsche und internationale Universitäten gegeneinander auszuspielen«. Über Ausnahmen entscheide der Präsident.
Der Beschluss erinnert sprachlich auf den ersten Blick an »Hausordnungen«, die zur Erheiterung des Arbeitsalltags in manchem Büro hängen: 1. Der Chef hat immer recht. 2. Sollte der Chef einmal nicht recht haben, tritt automatisch Paragraf 1 in Kraft.

Aber das sind Stilfragen. Ist inhaltlich nicht etwas dran an dieser Verweigerung? Hat die Uni nicht recht, wenn sie als Begründung anführt, sie werde inzwischen mit derart vielen Anfragen überflutet, dass sie zu ihren Kernaufgaben kaum noch komme? Gibt es in der deutschen Hochschullandschaft womöglich eine klammheimliche Freude über diesen Vorstoß? Nach dem Motto: Endlich traut sich mal einer, dieser Beforschungs-Evaluierungs-Ranking-Flut ein Ende zu setzen.

Eine öffentlich finanzierte Institution will sich der Forschung entziehen

Hoffentlich nicht. Denn legal mag der Beschluss sein, aber legitim sicher nicht. Die Kernaufgaben einer Universität sind Lehre und Forschung. In den Sozialwissenschaften und anderen empirisch arbeitenden Disziplinen sind Umfragen und Datenerhebungen eine unverzichtbare Methode, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Was würde der Präsident der Uni Hamburg, Dieter Lenzen, ein renommierter Bildungsforscher, dazu sagen, wenn Schulen sich seinem Forschungsinteresse in gleicher Weise entzögen? Und vor allem: Wo kämen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen hin, wenn sich der Rest der Welt so verhielte? Was für ein befremdliches Selbstverständnis ist es, wenn Einrichtungen, die der Forschung verpflichtet sind, sich einer Erforschung ihrer selbst nicht stellen?

Gewiss: Viele Studien haben methodische Mängel. Aber diese muss man im wissenschaftlichen Diskurs erörtern. Gerade Wissenschaftler sind dazu in der Lage und werden dafür öffentlich alimentiert. Das Argument, Hochschuluntersuchungen seien methodisch mangelhaft, hat ein Geschmäckle, wenn es von den Untersuchten selbst vorgebracht wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Universität sich schützen will gemäß dem Prinzip: Angriff ist die beste Verteidigung.

Über den Sinn und Unsinn von Rankings kann man natürlich mit Fug und Recht streiten. Schon das allererste Spiegel-Ranking über die Qualität von Hochschulen 1990 erregte die Gemüter. Aber statt sich selbstkritisch mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und sich der Frage zu stellen, warum Studierende mit ihrer Hochschule zufrieden sind oder auch nicht, gab es vor allem Kritik an der Methode. Trotzdem haben sich Rankings durchgesetzt, und viele Hochschulvertreter geben, wenn auch hinter vorgehaltener Hand, zu, wie wichtig solche Rankings für die eigene strategische Ausrichtung und das Qualitätsmanagement sind.

Was an dem Beschluss der Hamburger Hochschulleitung neben dem Stil empört, ist vor allem der Sachverhalt selbst: dass sich eine öffentlich finanzierte Universität der Forschung entzieht und selbst darüber entscheidet, ob ein Forschungsvorhaben in ihrem Interesse ist. Universitäten sind vor allem deshalb öffentlich finanziert, weil sie dem öffentlichen Interesse verpflichtet sind - und darüber entscheidet nicht der Präsident der Universität Hamburg. Das Anliegen des Präsidiums, die Universität vor unberechtigten Schlussfolgerungen schützen zu wollen, die der Universität zum Schaden gereichen könnten, ist durchaus ehrenhaft. Nur: In der Konsequenz würde das bedeuten, die Öffentlichkeit auszusperren. In einer offenen, pluralistischen und, ja, auch wettbewerblichen Gesellschaft und in einem ebensolchen Hochschulsystem kann es keine Garantie dafür geben, dass irgendwer irgendeine Aussage, wie begründet sie auch sein mag, nicht zum Anlass nimmt, die eine Hochschule gegen eine andere auszuspielen.

Wer die Mauern hochzieht, stellt sich selbst ins Abseits

Doch was heißt überhaupt »gegeneinander ausspielen«? Im Verständnis der Universität Hamburg ist offenbar jeder Vergleich ein potenzieller Angriff und jede Bewertung eine potenzielle Beleidigung.

Man darf gespannt sein, unter welchen Bedingungen der Präsident in Zukunft ausnahmsweise eine Datenerhebung an seiner Universität gestatten und welche Garantien er verlangen wird. Das Ergebnis der Studien, so muss man die Mitteilung der Hochschule verstehen, sollte im Vorfeld bekannt sein und die Uni Hamburg in ein gutes Licht rücken.

Wie wenig das noch mit Wissenschaft zu tun hat, wissen sicher auch die Wissenschaftler in Hamburg. Der Beschluss des Präsidiums ist wohl vor allem ein Eingeständnis von Schwäche. Nur wer meint, unberechtigten Anwürfen nichts entgegenzusetzen zu haben, wird Mauern hochziehen, hinter denen er sich verstecken kann. Damit verstärkt er jedoch den Eindruck, an den angeblich ungerechtfertigten Behauptungen sei doch etwas dran, und gibt Gerüchten und Vorurteilen Raum. Wo das am Ende hinführt? Ins Abseits. Weg aus einer lebendigen Wissenschaft. Und letztlich weg von der staatlichen Finanzierung: Welches Interesse sollte die Freie und Hansestadt Hamburg an einer Institution haben, die derart isoliert ist? Was sollen Studierende von einer Hochschule halten, die den Vergleich scheut? Auf welcher Grundlage sollen Geldgeber entscheiden, ob sie mit der Universität Hamburg zusammenarbeiten wollen? Ist das alles wirklich ernst gemeint? Die Universität entscheidet über gute und schlechte Forschung: Gute Forschung ist, wenn »an deren Zustandekommen die Universität Hamburg ein Interesse hat«, schlechte Forschung ist, wenn sie »gegebenenfalls geeignet ist, den Mitgliedern der Universität zu schaden« und wenn »deren Folgen nicht beherrschbar sind« - beherrschbar durch die Universität, wohlgemerkt.

Ob das Präsidium die Folgen seines Beschlusses beherrschen kann, bleibt abzuwarten.


Über den Autor
Volker Meyer-Guckel ist stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.
Der Verband ist für Umfragen und Untersuchungen auf Daten und Informationen der Unis angewiesen.

Aus DIE ZEIT :: 27.09.2012

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