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Schreiben und schreiben lassen

von Benedikt Laubert

Wie kommt ein Mensch dazu, für andere Seminararbeiten zu schreiben und diese dann auch noch dafür zu verachten? Was passiert, wenn der Ghostwriter schließlich selbst als Dozent in der Hochschule lehrt und trotzdem weiter Anfragen erhält? Aus dem Leben eines Ghostwriters.

Schreiben und schreiben lassen© mema - Fotolia.comDie Arbeit der Ghostwriter widerspricht nicht nur wissenschaftlichen Grundsätzen, sie ist vor allem als Betrug zu werten
Als Student fertigt Johannes Langner Hausarbeiten für andere. Als Ghostwriter verdient er viel Geld, aber er zweifelt, ob das richtig ist. Dann wird er selbst Dozent und bekommt den größten Auftrag seiner Karriere. Für seine Kunden hat er nur Verachtung übrig.

Als Johannes Langner (Name von der Redaktion geändert) von der 1,3 erfährt, wünscht er sich, er hätte die Hausarbeit nie geschrieben. Die Note ist ihm fast peinlich, schließlich hat er nie ein philosophisches Seminar besucht. Und insgeheim hatte er auf eine 3,0 gehofft, schon, weil Julia Greiß (geänderter Name) es nicht besser verdient hat. Die Kommilitonin, deren Name auf dem Deckblatt steht.

Johannes Langner, 27, ist heute Dozent eines geisteswissenschaftlichen Faches irgendwo in Bayern. Und er ist ein Betrüger: Als Student hat er die Seminararbeiten anderer Studenten geschrieben, der Auftrag von Julia Greiß, das war sein neunter. Stolz ist Langner nicht auf das, was er getan hat: "Mit meiner Arbeit verschaffe ich reichen Studenten einen Vorteil, die auf die Wissenschaft pfeifen und die eigentlich nichts können." 500 bis 1.000 Euro verlangt der dunkelhaarige Mann mit der Brille und dem Dreitagebart für eine Hausarbeit. Die erste schreibt er für eine Freundin, die droht durch ihr Studium zu fallen. Sie zeigt sich erkenntlich und drückt ihm ein paar Euro in die Hand. Dass Langner für andere schreibt, spricht sich schnell herum, immer öfter fragen ihn fremde Studenten, ob er ihnen bei einer Hausarbeit helfen könne. Gegen Geld. Die Angebote kommen ihm gelegen, er hat Schulden.

Straftatbestand Wissenschaftsbetrug

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) hatte im August 2012 den Bundesministern für Justiz und Forschung vorgeschlagen, einen Tatbestand "Wissenschaftsbetrug" in das Strafgesetzbuch einzufügen. Nach Ansicht des DHV sei es nicht allein mit Sicherheitsvorkehrungen innerhalb der Universität zu bewerkstelligen, einen im Wege des Ghostwritings erschlichenen akademischen Grad zu verhindern. Weder eine stärkere Einbindung, Kontrolle und Betreuung der Doktoranden noch das Verlangen einer eidesstattlichen Erklärung über die Nichtzusammenarbeit mit einem Promotionsberater reichten aus. Der DHV schlug deshalb folgende Formulierung für den Straftatbestand vor:

Wissenschaftsbetrug

"(1) Wer eine Qualifikationsarbeit, die der Erlangung des akademischen Grades oder eines akademischen Titels dient, für einen Dritten verfasst, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer eine Qualifikationsarbeit im Sinne von Abs. 1, die von einem Dritten ganz oder teilweise verfasst wurde, als eigene ausgiebt, wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Sowohl Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als auch das Bundesbildungsministerium hielten die Schaffung eines solchen Straftatbestandes "zurzeit für nicht weiterführend". Gebe ein Doktorand etwa eine eidesstattliche Versicherung ab, könne er strafrechtlich verfolgt werden, wenn sich herausstelle, dass die Arbeit doch nicht aus seiner Feder stamme.
Viele Ghostwriter-Karrieren verlaufen so wie seine. Einige verlassen sich auf Mundpropaganda, andere bieten in Aushängen "Hilfe beim Schreiben" an oder werben auf ihrer Internetseite für sich. Die meisten Ghostwriter arbeiten für einschlägige Agenturen wie Dr. Franke-Consulting oder GWriters, die zwischen Kunde und Autor vermitteln und Provision verlangen. Offiziell fertigen die Schreiber der Agenturen nur wissenschaftliche Arbeiten an - davon, dass ihre Kunden diese als eigene Arbeiten abgeben, wollen sie nichts wissen. Der Deutsche Hochschulverband geht davon aus, dass "bis zu zwei Prozent aller Dissertationen unter tatkräftiger Mitwirkung von Promotionsberatern" verfasst werden.

Langner arbeitet mit keiner Agentur zusammen, das erleichtert ihm das Fälschen: Von seinen Kunden lässt er sich alte Hausarbeiten geben, um ihren Schreibstil zu studieren. Wie Schauspielern sei das, sagt er. Der eine Kunde hat Lieblingswörter, die er häufig benutzt, der andere liebt verschachtelte Sätze oder macht viele Rechtschreibfehler. Immer wieder vergleicht Langner sein Werk mit den alten Hausarbeiten, im Zweifelsfall bessert er nach. "Du schlüpfst in eine Rolle, du musst beim Schreiben ein Anderer sein", sagt er. Dass er das so gut kann, das ist der einzige Aspekt seiner Arbeit, auf den er stolz ist.

Geschichte, Jura, Politik, Soziologie, Pädagogik und Philosophie gehören zu Langners Repertoire. So beeindruckend die Bandbreite erscheint, so üblich ist es, Arbeiten in vielen Fächern zu schreiben - ohne sie je studiert zu haben. Wer wissenschaftlich arbeitet, für den macht es kaum einen Unterschied, ob er sich in volkswirtschaftliche oder philosophische Themen einarbeitet. Fragt man Ghostwriter aber nach ihren Auftraggebern, bekommt man häufig dieselbe Antwort: Die meisten Kunden studieren Wirtschaftswissenschaften oder Jura.

Während einige Ghostwriter feste Beträge für bestimmte Noten verlangen, garantiert Langner seinen Kunden nur, dass sie nicht durchfallen. Für alle Besprechungen trifft er seine Kunden persönlich - in Mails, SMS oder am Telefon darf die Arbeit nie erwähnt werden. Wenn sie nach einer Woche fertig ist, trifft er seinen Auftraggeber und überreicht ihm die Arbeit auf einem Datenstick. Als Johannes Langner sein Studium abschließt, eine Doktorarbeit beginnt und selbst Dozent wird, denkt er neu über seinen Nebenjob nach. Er muss nun damit rechnen, selbst von Studenten hinters Licht geführt zu werden.

Angst aufzufliegen hat er zwar keine. Aber er fragt sich: "Kann ich das Ghostwritern vor mir selbst weiter rechtfertigen oder schädige ich damit die Wissenschaft, der ich mich nun verschrieben habe?" Mitten in der Phase seiner Selbstzweifel bekommt er das größte Angebot seiner Ghostwriter-Karriere: Für eine Pädagogik-Studentin soll er eine ganze Diplomarbeit schreiben. Rund 100 Seiten, für ein hohes vierstelliges Honorar.

Annehmen oder ablehnen? Die Arbeiten, die er für Studenten geschrieben hat, sind wissenschaftlich gesehen wertlos, weil sie keine neuen Erkenntnisse liefern. Wenn die Texte aber keinen besonderen Wert haben, warum dann nicht einfach weiterschreiben als Ghostwriter?

Hier kommt ein anderer Punkt ins Spiel: Langner gönnt seinen Kunden den Erfolg nicht. Er nennt sie den "akademischen Bodensatz", immer wieder. Er verachtet sie. Seine Auftraggeber leisteten nichts, sagt er, sie hätten keinen Respekt vor wissenschaftlichem Ehrgeiz und bekämen ihre Diplome weder für ihren Fleiß noch für ihr Können. Sie bekämen sie nur, weil sie sie kaufen können, nicht selten mit dem Geld ihrer Eltern. Johannes Langner entscheidet sich dann doch für das Geld der Studentin.

Das Angebot ist einfach zu verlockend, und Skrupel kennt er längst keine mehr. Bisher habe es ja auch geklappt, denkt er sich, nach dieser Arbeit solle aber endgültig Schluss sein. Gute zwei Monate schreibt er, immer wieder muss er dabei seinen Ehrgeiz bremsen, soll doch hinter der Arbeit eine genervte, überforderte Studentin stehen und kein ehrgeiziger Dozent. Langner baut hier und da absichtlich Fehler ein, lässt Lücken in seiner Argumentation, schreibt in Umgangssprache.

Während der Ghostwriter Langner an einem Auftrag arbeitet, unterrichtet der Dozent Langner seine Studenten - und bestraft sie, wenn sie sich nicht an die Regeln der Wissenschaft halten. Texte, die wie seine Arbeiten "akademischer Müll" sind, bekommen eine schlechte Note. Ein Stück von einem Ghostwriter ist ihm noch nicht begegnet. Würde er eines entdecken, würde er nicht zögern, den Studenten durchfallen zu lassen und den Vorfall der Universität zu melden.

Gegen Ende der Diplomarbeit wachsen Langners Zweifel: Am Anfang waren es nur Hausarbeiten - und bei Hausarbeiten trickst jeder ein wenig. Aber eine Abschlussarbeit von 100 Seiten? Als Student war er in die Arbeit hineingerutscht. Es war ein Erlebnis wie im Rausch: Viel Geld in kurzer Zeit, das Gefühl, beim Schreiben eine andere Person zu sein, die Bewunderung der Kunden. Jetzt, als Dozent, fürchtet er, dass ihm alles entgleitet, dass er immer weitermacht und dabei sich und seine Ziele verrät. Dass er ein anderer Mensch wird, ohne es zu wollen. Johannes Langner hat seit einem Jahr keinen Auftrag mehr angenommen.

Der Text ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 2. August 2013.

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