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Schreibtisch APPgeräumt

VON ANJA REITER

Gern lassen sich Büroarbeiter am Computer ablenken und unterhalten - neue Programme sollen sie disziplinieren. Funktioniert das?

Schreibtisch APPgeräumt© Maksim Kostenko - Fotolia.comMit Selbstvermessung im Büroalltag zu mehr Effizienz und Disziplin?
Wie viele Minuten haben Sie heute schon mit dem Beantworten von E-Mails verbracht? Und wie oft haben Sie dabei die Löschen-Taste betätigt? Wenn Sie diese Fragen exakt beantworten können, gehören Sie sicher zur Avantgarde der Selbstoptimierer, die es auch im Büro nicht lassen kann, ihr Verhalten zu verbessern. Sich selbst mithilfe spezieller Software zu beobachten und zu analysieren ist im Sport und im Gesundheitsbereich schon fast alltäglich: Jogger überwachen mit dem Smartphone Laufzeit, Puls und Herzfrequenz; wer abnehmen will, konsultiert eine App, die errechnet, was man noch essen darf. Inzwischen hat die Optimierungspraxis, manche sagen: der Optimierungswahn, auch die Büroarbeiter erreicht. Was eigentlich nur logisch ist: Wer ohnehin den ganzen Tag am Computer sitzt, kann mit diesem auch gleichzeitig kontrollieren, wie produktiv und effizient er ist.

Die erste und einfachste Stufe ist die Dokumentation der getanen Arbeit. Dabei helfen kostenlose Programme wie zum Beispiel RescueTime. Sie verfolgen das Klickverhalten am Bildschirm und erstellen dazu Grafiken: 159 Minuten pro Tag auf Nachrichtenseiten im Netz vertrödelt? 34 Prozent der Arbeitszeit damit verbracht, E-Mails zu beantworten? Der Blick auf die eigene Produktivität zeigt, wo am Ende eines Arbeitstages all die Stunden geblieben sind. Abhilfe schaffen Programme wie Freedom oder Anti-Social, mit denen man sich selbst den Zugang zum Netz sperren kann. "Wie viele Minuten Freiheit möchtest du?", fragt Freedom, bevor das Programm den Internetzugang für einen bestimmten Zeitraum blockiert. Die Software für den gewünschten Netzausfall kostet zehn Dollar.

Es ist schon paradox: Erst schafft das Internet ein Übermaß an Verführungen, und dann braucht man wiederum digitale Werkzeuge, die den getriebenen Büromenschen zähmen und ihm mehr Ruhe und Konzentration verschaffen.

Sabria David erforscht am Slow-Media-Institut in Bonn, wie die digitale Technik unsere Arbeitswelt verändert - und wie sich der Berufsalltag wieder entschleunigen lässt. Das nennt sich digitaler Arbeitsschutz. Durch die neuen Medien seien Büroarbeiter viel mehr selbst gefordert, sich bewusst von Dingen fernzuhalten und Prioritäten zu setzen, sagt David. Wer an einem komplexen Problem arbeitet, hat wenig Gehirnkapazität für Skype-Konversationen mit Kollegen. "Der Mensch muss die Entscheidungshoheit wieder zurückgewinnen", sagt David. "Im Moment lassen wir uns zu sehr von der Technik treiben."

Warum lassen wir uns überhaupt so schnell am Bildschirm ablenken? Der Medienpsychologe Markus Appel sieht die Gefahr insbesondere bei kreativer Arbeit. Sitzt man vor einer leeren Seite oder sucht nach einem Geistesblitz für ein mathematisches Problem, ist jede eintrudelnde E-Mail eine willkommene Abwechslung. Rein instinktiv richten wir unsere Aufmerksamkeit stets auf Dinge in unserer Umgebung, die sich bewegen. Diese Orientierungsreaktion war früher überlebensnotwendig, im modernen Büroalltag lauern jedoch nur noch selten Säbelzahntiger hinter der Bürotür. Digitale Störenfriede am Desktop sind stattdessen aufblinkende E-Mails und Chat-Fenster. Einschlägige Programme wollen auch diese Ruhestörer außer Gefecht setzen: Volltext-Editoren wie FocusWriter oder WriteRoom bringen die Utopie des spartanischen Schreibens und der ultimativen Einsamkeit in die digitale Welt. Im WriteRoom textet man schnörkellos auf schwarzem Hintergrund mit giftgrünen Lettern. Das minimalistische Design muss man mögen, Ablenkungen gibt es aber tatsächlich keine: Alle störenden Pop-up-Nachrichten werden ausgeblendet.

Selbstdisziplinierung ist eine Möglichkeit, effizienter zu arbeiten. Noch weiter geht die Selbstvermessung. Selbstvermesser sammeln möglichst viele und exakte Daten über sich selbst, um das Beste aus sich herauszuholen: Schlafenszeiten, Konferenzdauer, physische Befindlichkeiten. Kleine elektronische Sensoren übernehmen die Messungen, das handliche Smartphone saugt die Daten auf und wertet sie in farbenfrohen Diagrammen und Kurven aus. Diese Art der Selbstoptimierung ist eine Teildisziplin der "Quantified Self"-Bewegung, die 2007 in Kalifornien gegründet wurde und seit 2010 auch in Deutschland Anhänger hat.

Die Optimierungspraxis offenbart zwei der großen Tendenzen unserer Zeit: das unbeirrbare Vertrauen in die Segnungen digitaler Technik und das menschliche Streben nach Perfektion. Dabei geht es nicht um Leistungsüberwachung aus der Chefetage. Die Selbstvermesser überwachen sich selbst und wollen dadurch beruflich erfolgreicher sein. Sie tragen Schrittzähler und überwachen ihre Schlafphasen mit Apps wie Sleep-Time. In Kombination mit anderen Daten wollen sie dadurch herausfinden, wie sich Tiefschlafphasen und körperliche Aktivitäten auf ihre Konzentration auswirken. Kaum ein Lebensbereich, den nicht schon eine App erfassen und optimieren könnte. Wie viel Kaffee ist meiner Produktivität zuträglich? Wie viel Zeit verplempere ich in Konferenzen? Sogar Emotionen lassen sich mittlerweile erfassen. Tools zur emotionalen Selbstanalyse sollen es den Nutzern erleichtern, sich ihrer eigenen Gefühle bewusst zu werden und dadurch vermeintlich bessere Entscheidungen zu treffen.

Und welche Schlüsse lassen sich nun aus all den Daten ziehen? Ist Selbstvermessung im Büro bloß ein Fetisch von Datenjunkies? "Systematische Selbstanalyse kann durchaus sinnvoll sein, um sich über das eigene Arbeitspensum und die eigene Arbeitsroutine bewusst zu werden", sagt der Organisationspsychologe Cornelius König von der Universität des Saarlandes. Doch wie immer kann man es auch übertreiben mit der Selbstvermessung, weil die digitalen Werkzeuge selbst zum Zeitfresser werden können. Und letztendlich sollte man auch nicht vergessen, dass hinter all den Zahlen und Diagrammen immer noch ein Mensch steckt: man selbst.

Aus DIE ZEIT :: 24.04.2014

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