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Schweizer verspüren ein "diffuses Unbehagen"


Von Christine Böhringer

Die Schweiz sollte deutsche Arbeitnehmer besser integrieren.

Schweizer verspüren ein "diffuses Unbehagen": Integration© Shelly Perry - iStockphoto.com
Die Schweiz hat Angst. Auch vor den Auswirkungen der Finanzkrise. Aber noch mehr: vor den Deutschen! Denn die, so meinen Herr und Frau Schweizer, fallen in die Eidgenossenschaft ein und nehmen ihnen die Arbeitsplätze weg. Schon im Frühjahr beklagte Stefan Fischer, damals Präsident des Studentenrates der Uni Zürich, die "Germanisierung" der Hochschulen, nachdem seine Institution an einem Tag acht neue Professuren mit Deutschen besetzt hatte. Nun legt der Beobachter nach.

Die Zuwanderer sorgten für "diffuses Unbehagen", schreibt die Zeitschrift und hat unbehagliche Zitate zur Hand: "Ich muss seit Monaten zusehen, wie mir bei der Jobsuche von deutschen Chefs deutsche Bewerber vorgezogen werden." - "Der Hass auf jeden Deutschen, der im Tram etwas zu laut spricht, ist bereits mit Händen zu greifen." Und ein "Betroffener " erzählt vom Bäckereibesuch: "Ich kriege ein Brötchen." - "Sie kriegen hier gar nichts."

Tatsächlich ist der Zustrom der Deutschen ungebrochen, seit die Schweiz vor acht Jahren die Einwanderung aus den alten EU-Staaten erleichtert hat und vor einem Jahr die "uneingeschränkte Personenfreizügigkeit " beschloss. 2007 ließen sich rund 30.000 Deutsche in dem Alpenland nieder - so viele wie noch nie, angelockt durch die boomende Wirtschaft, hohe Gehälter und gute Arbeitsbedingungen. Sie arbeiten jedoch vor allem in Berufen, die in der Schweiz keiner ausüben will: als Kellner, Gipser, Maurer, Pfarrer oder Hausarzt.

Von den Universitäten werden deutsche Professoren gern genommen, weil sie im Schnitt besser qualifiziert sind als ihre Mitbewerber - die Schweiz selbst hat ihren akademischen Nachwuchs lange vernachlässigt. Unternehmen suchen in Deutschland gezielt Mitarbeiter. Und während die Verkehrsbetriebe Zürich in Berlin neue Busfahrer rekrutieren, beschweren sich andere gleichzeitig darüber, dass die Haltestellen in Zürcher Bussen auf Hochdeutsch angesagt werden.

Was hat das Klima so vergiftet? Vielleicht ist es die Angst vor einer Rezession, aber für die Schweizer sind die Deutschen schuld: Zu arrogant träten sie auf, entschieden selbstherrlich, holten als Chefs weitere Deutsche nach und passten sich nicht an. Doch wer seine Grenzen öffnet und gezielt um Menschen wirbt, damit sie helfen, das Wirtschaftswachstum zu bewältigen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, muss auch mit den Folgen leben - und mit ihnen umgehen können.

Er darf nicht nur von den Einwanderern erwarten, dass sie sich integrieren, sondern sollte versuchen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich wohl fühlen. Polemik, Angst- und Meinungsmache sind dafür der falsche Weg.

Aus DIE ZEIT :: 23.10.2008

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