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Science Slam: Forschung auf der Bühne

Das Gespräch führte BIRK GRÜLING

Wenn Wissenschaft den Elfenbeinturm verlässt, wenn Forscher plötzlich nicht mehr kompliziert erklären, wenn Forschungsvorträge zur Abendunterhaltung werden, dann ist es Science Slam. Im Interview mit academics sprechen Science Slam Pionierin Julia Offe und Moderator Andreas Laurenz Maier über den Reiz für Publikum und Wissenschaftler und die Zutaten für einen guten Vortrag.

Science Slam Forschung auf der Bühne© paiphoto - Photocase.deScience Slams bringen Wissenschaft und Forschung vom Labor auf die Bühne
academics: Was macht den Reiz von Science Slams aus?

Julia Offe: Wenn abends zur besten Partyzeit junge Leute Konzertsäle füllen, um sich wissenschaftliche Vorträge anzuhören, dann muss der Science Slam etwas Besonderes haben. Der Reiz liegt meiner Meinung nach darin, dass die Wissenschaft an einem Ort präsentiert wird, wo man es nicht erwartet. Es ist die Mischung aus Location, Stimmung und kurzweiligen Vorträgen von Menschen, die wie Rockstars für ein Thema brennen. Und damit erreicht der Science Slam ein Publikum, das man mit Uni-Vorträgen oder Ringvorlesungen nicht erreichen würde.

academics: Woher stammt die Idee?

Julia Offe: Ende 2006 gab es den ersten Science Slam in Darmstadt, Vorbild war damals der Poetry Slam. Dann gab es 2008 unabhängig von Darmstadt den ersten Science Slam in Braunschweig, und ich habe meinen ersten Science Slam 2009 in Hamburg organisiert. Inzwischen gibt es fast in jeder größeren Universitätsstadt regelmäßige Veranstaltungen.

academics: Wie seid ihr beide zum Science Slam gekommen?

Julia Offe: Ich bin promovierte Biologin und habe nach meiner Doktorarbeit in der Wissenschaftskommunikation gearbeitet. Auf einer Konferenz habe ich das erste Mal von dem Konzept "Science Slam" gehört und war sofort Feuer und Flamme, selbst einen Slam auf die Beine zu stellen.

Andreas L. Maier: Ich bin ausgebildeter Schauspieler und hatte mit Wissenschaft vorher wenig am Hut.
Vor einigen Jahren suchte Julia aber für den Kölner Science Slam einen Moderator und hat mich um Unterstützung gebeten. Die Zusammenarbeit machte viel Spaß und inzwischen geben wir auch gemeinsam Präsentationstechnik-Seminare für Wissenschaftler.

academics: Julia, hast du selbst jemals an einem Science Slam teilgenommen?

Julia Offe: Nein. Als ich anfing Science Slams zu organisieren, war meine Promotion schon ein paar Jahre her - und wie es dann so ist, wenn man damit fertig ist, möchte man sie nicht nochmal aufschlagen (lacht).
Aber ich habe mich mal beim Poetry Slam auf die Bühne gestellt, um zu wissen, wie sich das anfühlt.

academics: Kann jeder Forscher an einem Science Slam teilnehmen?

Julia Offe: Grundsätzlich ja. Beim Poetry Slam muss man seine eigenen Texte vorstellen und beim Science Slam dementsprechend seine eigene Forschung.

Andreas L. Maier: Genau, man kann nicht einfach über Schwarze Löcher sprechen, weil man sie so cool findet.

Julia Offe © Foto: Stefan Flach Julia Offe hat den Science Slam in Deutschland bekannt gemacht
Julia Offe: Es muss also das eigene Forschungsthema sein und die Anbindung an eine Hochschule ist auch eine Voraussetzung. Außerdem nehmen wir nicht so gerne Professoren. Sie neigen dazu, die Forschung der letzten zehn Jahre und 30 Doktoranden zusammenzufassen. Authentisch wird der Vortrag oft erst durch die tägliche Arbeit an einem wissenschaftlichen Problem.

Andreas L. Maier: Sind diese Voraussetzungen erfüllt, folgt der Sprung ins kalte Wasser. Einen Testlauf oder eine Qualitätsprüfung, ob das Thema auf der Bühne gut funktioniert, gibt es bei uns nicht.

academics: Wie groß ist die Nachfrage seitens der Forscher?

Julia Offe: Wir haben keine langen Wartelisten, müssen aber auch keine Forscher mit sanfter Gewalt auf die Bühne zwingen. Dank der gestiegenen Popularität haben wir einen konstanten Zulauf, suchen aber auch immer neue Science Slammer.

academics: Wo und wie oft werden Science Slams veranstaltet?

Julia Offe: Ich glaube, in fast jeder Universitätsstadt gab es irgendwann mal einen Science Slam. Regelmäßige Veranstaltungsreihen kommen eher aus Großstädten wie Hamburg oder Berlin. Das liegt auch an dem großen Aufwand, der hinter der Organisation eines Science Slams steckt.

academics: Was zeichnet einen guten Science Slam-Vortrag aus?

Julia Offe: Ich habe festgestellt, dass ein persönlicher Bezug zum Thema enorm wichtig ist. Viele gute Science Slammer erzählen zum Beispiel Anekdoten aus ihrem Forscherleben oder erklären, wie sie zu dem Thema gekommen sind, und vermitteln so die eigene Begeisterung für Wissenschaft. Eine gute Portion Selbstironie schadet auch nicht. Niemand will selbstverliebte Forscher auf der Bühne sehen.

Science Slam: Forschung auf der Bühne © Foto: Stefan Flach Andreas L. Maier führt als Moderator durch den Abend des Science Slams
Andreas L. Maier: Ein guter Slam-Vortrag beschreibt die eigene Suche nach Antworten und will das Publikum nicht im Schnellkurs belehren. Wenn der Forscher zeigt, an welchen Punkten er selbst verzweifelt war und woran er lange arbeiten musste, wirkt das unglaublich sympathisch. Wissenschaft ist nicht immer einfach, weder für das Publikum noch den Forscher, der oben so locker flockig über seine Arbeit witzelt. Wenn dann noch die Inhalte verständlich verpackt werden, hat man gute Karten.

academics: Gibt es Themen, die beim Publikum besonders gut ankommen?

Julia Offe: Biologie und Medizin kommen immer gut an, andererseits scheinen auch Quantenphysik und Mathematik die Menschen zu begeistern. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man jedes Thema Slam-tauglich aufbereiten kann: Wir kennen Slammer, die mit dem Thema Umsatzsteuer oder mit der Rechtsprechung an internationalen Schiedsgerichten das Publikum gerockt haben.

Andreas L. Maier: Ich habe beobachtet, dass der Entertainment-Faktor und die Popkultur-Tauglichkeit des Vortrags oft entscheidender sind als das wissenschaftliche Fachgebiet.

academics: Wie steht eigentlich die Forschungs-Community zum Thema Science Slam? Medialpräsenten Wissenschaftlern wird ja oft unterstellt, zu wenig zu forschen.

Julia Offe: Bei vielen Professoren spürt man immer noch eine gewisse Skepsis. Die jungen Forscher sind da deutlich offener. Ich glaube, es ist alles eine Frage des gesunden Mittelwegs. Wenn ein Wissenschaftler mehr Zeit auf der Bühne verbringt als im Labor, hat niemand etwas davon. Grundsätzlich sollte man sich als Professor/in doch freuen, wenn die Mitarbeiter die Forschung an ihrem Institut in der Öffentlichkeit präsentieren.

academics: Ist Erfolg beim Science Slam förderlich für die eigene Karriere?

Julia Offe: Für fast jeden Karriereweg kann man beim Science Slam auf jeden Fall etwas lernen.
Fast alle unserer Science Slammer sind wirklich begeisterte Wissenschaftler, und man muss das eigene Forschungsthema ja nicht nur beim Science Slam kurz und prägnant darstellen, sondern auch um Forschungsgelder einzuwerben, um Mitarbeiter zu motivieren, um Kontakte zu knüpfen oder, wenn man in der Wirtschaft arbeitet, auch um Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen. Und eine ganze Reihe von Science Slammern sind heute in der Wissenschaftskommunikation tätig.

Andreas L. Maier: Allerdings nutzen viele Teilnehmer den Science Slam, um den einen oder anderen Seitenweg auszuprobieren. Einige Slammer haben zum Beispiel Buchangebote von Verlagen bekommen oder traten in TV-Sendungen auf. Bei solchen Zielen kann ein Science Slam sicher hilfreich sein.

academics: Was können Wissenschaftler vom Science Slam für ihren Berufsalltag lernen?

Julia Offe: Sie lernen, komplexe Dinge auf den Punkt zu bringen und dabei auch noch Menschen für sich einzunehmen. Außerdem bekommen die Forscher Routine darin, vor großen Gruppen zu sprechen.

Andreas L. Maier: Ein wichtiger Punkt ist auch der Gewinn fürs Selbstbewusstsein. Auf einem Science Slam machen junge Wissenschaftler die Erfahrung, dass sie mit ihrer Forschung wirklich viele Menschen begeistern können.

Julia Offe: Es geht also mehr um die grundlegenden Kompetenzen. Die Inhalte und die Präsentation für einen Science Slam muss man natürlich ganz anders aufbereiten als für eine Fachkonferenz. Aber die Routine beim Vortragen hilft sicher.

academics: : Ihr beide gebt auch Seminare zum Thema "Wie halte ich einen guten Vortrag?". Was vermittelt ihr den Wissenschaftlern dort?

Andreas L. Maier: Unsere wichtigste Lektion ist: Findet verständliche Worte und fokussiert Euch auf wesentliche Aussagen! Das sind Bemühungen, die sich bei einem Vortrag vor Fachpublikum genauso auszahlen wie bei einem Gespräch auf einer Party. Außerdem zeigen wir viel Handwerkszeug für Präsentationen: Wie gehe ich mit Störungen um, wie bereite ich den Raum vor oder wie beziehe ich mein Publikum mit ein? Und dann bleibt nur noch eines: Üben, üben, üben!


Über die Interviewten
Julia Offe: Jahrgang 1973, hat in der Neurobiologie promoviert und arbeitet seit 2005 in der Wissenschaftskommunikation. Sie hat den Science Slam in Deutschland bekannt gemacht. Julia Offe organisiert und entwickelt Formate, um Menschen für Wissenschaft zu begeistern. Neben dem Science Slam sind dies unter anderem Veranstaltungen wie "Skeptics in the Pub" und "Nerd Nite". Sie lebt in Hamburg.

Andreas Laurenz Maier: Jahrgang 1973, Diplom-Schauspieler (Hochschule der Künste, Berlin) und zertifizierter Körper- und Bewegungslehrer nach BMC©; trainiert seit vielen Jahren Führungskräfte in Auftreten und Wirkung, arbeitet neben seiner Tätigkeit als Schauspieler und Sprecher für Funk und Fernsehen auch als Rollenlehrer und Privatdozent und moderiert bundesweit Veranstaltungen (z.B. Science Slams). Maier lebt in Köln. www.andreaslaurenzmaier.de

academics :: März 2015

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