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Selbstkontrolle in der Wissenschaft

Von Kirsten Hüttemann

Seit Ende der 1990er Jahre beschäftigt sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft intensiv mit wissenschaftlichem Fehlverhalten und der Sicherung der wissenschaftlichen Selbstkontrolle. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der "Ombudsman"? Wie steht es um die Akzeptanz der Selbstkontrolle in der Wissenschaft? Wie erfolgreich sind diese Maßnahmen?

Selbstkontrolle in der Wissenschaft© pischare - Photocase.comWie kann die Selbstkontrolle in der Wissenschaft gewährleistet bleiben?

Ein Fall - drei Bewertungsschemata

Ein derart prominenter Fall war lange nicht Gegenstand einer "Kommission zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens". Der Verdacht eines Plagiats in einer Doktorarbeit, der über Wochen die politische Debatte bestimmte und nach parteipolitischen Regeln entschieden wurde, für den sich in der Bevölkerung eine eigene Werteskala ausgebildet hat und der im Wissenschaftsbetrieb wiederum nach eigenen Regeln und Maßstäben bewertet wird. Nicht erst seit der "Causa Guttenberg" gibt es in der Wissenschaft Regularien zur Überprüfung derartiger Vorwürfe eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens, und nicht erst seit der Rezension von Andreas Fischer-Lescano funktioniert die sogenannte "Selbstkontrolle in der Wissenschaft". Aber seit diesem Vorfall ist das Interesse, nicht nur der Medien, am Umgang mit Unredlichkeit in der Wissenschaft und ihren Konsequenzen erneut in den Vordergrund getreten und hat nicht zuletzt eine "besondere" Verbindung zwischen Politik und Wissenschaft begründet.

Die Zeit vor "zu Guttenberg"

Nachdem Ende der neunziger Jahre die Grundfesten der Wissenschaft durch einen besonders schwerwiegenden Fall wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach erschüttert worden waren und eine breite Diskussion in Politik und Wissenschaft über die Frage der Kontrollmechanismen in der Wissenschaft erfolgte, wurde unter dem Vorsitz des damaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Wolfgang Frühwald, eine Kommission mit dem Auftrag einberufen, den Ursachen von Unredlichkeit im Wissenschaftssystem nachzugehen und insbesondere Empfehlungen zur Sicherung der wissenschaftlichen Selbstkontrolle zu geben.

Das Ergebnis dieser Kommissionsarbeit sind die - auch in den aktuellen Medien häufig zitierten - "Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis". Es handelt sich dabei um sechzehn Empfehlungen, gerichtet an die verfassten Institutionen der Wissenschaft wie an jeden einzelnen Wissenschaftler, gerichtet an den wissenschaftlichen Nachwuchs wie an den etablierten Wissenschaftler. Die Empfehlungen fassen inhaltlich nicht nur Grundannahmen wissenschaftlichen Selbstverständnisses in klare Worte, sondern benennen auch Umstände, die zu Unredlichkeit im Wissenschaftssystem führen können: So sollten Originalität und Qualität als Bewertungsmaßstab stets Vorrang vor Quantität haben.

Flächendeckendes System

Konkret waren nun die Hochschulen und Forschungseinrichtungen gefordert, ein Regelwerk zum Umgang mit guter wissenschaftlicher Praxis und den Folgen bei Nichtbeachtung an ihrer Einrichtung zu implementieren. Dies insbesondere auch als Voraussetzung für die künftige Beantragung und Bewilligung von Drittmitteln. Die Hochschulrektorenkonferenz erarbeitete eine Muster-Verfahrensordnung für die Hochschulen, die exemplarisch für die universitären Verfahrensordnungen wurde. Inhaltlich geprägt wurde diese Muster-Verfahrensordnung von der zeitgleich verfassten Verfahrensordnung der Max-Planck-Gesellschaft. Fortan sollten universitäre Kommissionen, bestehend aus mehreren Vertretern der Hochschule, und Untersuchungsausschüsse an Forschungseinrichtungen Fälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der jeweiligen Institution behandeln und ahnden. Ergänzend zu diesen Kommissionen trat der sogenannte "Ombudsman". Der Ombudsman, als neutrale und unabhängige Vertrauensperson, ist in der Regel die erste Ansprechperson bei Fragen guter wissenschaftlicher Praxis, hier also bei Fragen zu wissenschaftlicher Unredlichkeit. Jede Hochschule und Forschungseinrichtung benennt einen oder ggfs. mehrere Ansprechpersonen für derartige Konfliktfälle im Wissenschaftskontext. Manchem "Rat-Suchenden" wäre in einem ersten Schritt schon geholfen, wenn die Person des Ombudsman auf der Internetseite seiner Einrichtung einfacher auffindbar wäre. Wer die örtliche Vertrauensperson nicht kontaktieren möchte, kann alternativ den überörtlichen Ombudsman, den "Ombudsman für die Wissenschaft" mit seinem Anliegen befassen.

Der Senat der DFG hat aufgrund der genannten Empfehlungen im Jahre 1999 eine unabhängige Instanz eingerichtet, die allen Wissenschaftlern zur Beratung und Unterstützung in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis und ihrer Verletzung durch wissenschaftliche Unredlichkeit zur Verfügung steht. Das dreiköpfige Gremium firmierte bis 2010 unter dem Namen "Ombudsman der DFG". Die Namensänderung sollte das Verfahren des Ombudsman für Ratsuchende und Verfahrensbeteiligte transparenter und nachvollziehbarer von dem eigenen Verfahren der DFG abgrenzen. Denn neben den universitären und außeruniversitären Verfahren sowie der Kontaktierung der Ombudspersonen führt die DFG ein "Verfahren zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten" durch. Richten sich konkrete Verdachtsmomente wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen Antragsteller und Bewilligungsempfänger oder gegen Gutachter in einem Begutachtungsprozess zu einer Förderentscheidung, leitet die DFG auf der Grundlage einer eigenen Verfahrensordnung ein Verfahren zur Überprüfung der Verdachtsmomente ein. Hält der aus vier Wissenschaftlern des Hauptausschusses bestehende Ausschuss zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens ein Fehlverhalten für hinreichend erwiesen und eine sogenannte Maßnahme für erforderlich, wird der Vorgang dem Hauptausschuss der DFG zur abschließenden Entscheidung vorgelegt. Der Hauptausschuss kann je nach Schwere des Fehlverhaltens eine sanktionsähnliche Maßnahme gegenüber dem Wissenschaftler treffen, exemplarisch seien der Ausspruch einer schriftlichen Rüge und der Ausschluss von der Antragsberechtigung bis zu acht Jahren genannt.

Immanentes System

Das deutsche System der Selbstkontrolle unterscheidet sich grundlegend von Verfahren anderer Staaten. Während es dort in der Regel staatliche Einrichtungen für die Fragen der Verletzung von redlicher Wissenschaft gibt - exemplarisch die in 2008 gegründete "Agentur für wissenschaftliche Integrität" in Österreich - ist in Deutschland ein wissenschaftsimmanenter Weg gewählt worden: die Überprüfung durch die Community - nicht durch staatliche Behörden. Kritiker dieser Selbstkontrolle könnten entgegnen, dass sich hier "die Wissenschaft also selbst kontrolliert". Wer aber, so ist zu entgegnen, kann besser als die Wissenschaftler selbst mögliche Verfehlungen bei komplizierten, komplexen, diffizilen Vorwürfen aufklären und untersuchen? Staatliche Behörden müssten für ihre Entscheidungsfindung ebenfalls wieder auf die Expertise von fachnahen Wissenschaftlern zurückgreifen.

So wurden auch in die österreichische "Kommission für wissenschaftliche Integrität" wiederum namhafte Wissenschaftler berufen, die sich nun mit den konkreten Verdachtsmomenten des wissenschaftlichen Fehlverhaltens befassen. Eine Untersuchung innerhalb der Wissenschaft, durch Wissenschaftler selbst, erzeugt nicht nur eine höhere Akzeptanz einer Entscheidung unter den Wissenschaftlern. Jeder Wissenschaftler, der in eine Kommission berufen oder als Ombudsman tätig wird, weiß um die Sensibilität und die Konsequenzen seiner Aufklärung. Eine nach Objektivität besetzte Kommission kann auch den Vorwurf der Befangenheit zurückweisen. Wer ein wissenschaftliches Fehlverhalten begeht und damit die Grundwerte der Wissenschaft verletzt, erleidet nicht nur einen erheblichen Verlust seiner Reputation. Die Ordnungen sehen akademische, arbeits- und disziplinarrechtliche Maßnahmen vor. De facto können wissenschaftliche Karrieren aufgrund eines festgestellten wissenschaftlichen Fehlverhaltens enden.

Funktionierendes System

Der Blick in die jährlich veröffentlichten Berichte des "Ombudsman für die Wissenschaft" macht deutlich, dass das System der Selbstkontrolle angenommen wird. Der Ombudsman wird stetig bei zahlreichen Konflikten, wie bei Fragen der Autorenschaft, um Rat und Lösungen gebeten, weist zugleich aber auch immer wieder auf Mängel im Wissenschaftsbetrieb, so in Fällen fehlender Leitungsverantwortung und unzureichender Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, hin. Mit der Beratung und Konfliktlösung einerseits, dem Aufzeigen von Defiziten und Kritik im eigenen System andererseits, wird das System der Selbstkontrolle gelebt. Auch die steigende Anzahl von Verdachtsmomenten, die der DFG jährlich angezeigt und bekannt werden, spiegelt den kritischen Umgang mit der "Währung der Wissenschaft", der Ehrlichkeit sich und anderen gegenüber, wider.

Ob das Fehlverhalten in der Wissenschaft tatsächlich in den letzten Jahren zahlenmäßig zugenommen oder lediglich das zur Kenntnis bringen von Verdachtsmomenten zugenommen hat, ist offen und spekulativ. Ein zunehmendes Bewusstsein für den Stellenwert ehrlicher Wissenschaft lässt sich hingegen an der Zunahme der Fälle und Verfahren ablesen. Die Motivationslage der anzeigenden Wissenschaftler ("whistleblower") reicht vom ernsthaften Interesse an ehrlicher Wissenschaft, dem Bemühen um zielführende Konfliktlösungen, der verzweifelten Suche nach Klärung einer "verfahrenen" Situation auch bei zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten bis hin zu "Konkurrenzdenken" und Querulanz.

Die Zeit nach "Guttenberg"

Das System der Selbstkontrolle der Wissenschaft und in der Wissenschaft wird angenommen und gelebt. Es funktioniert gut. Die Basis für ein redliches Miteinander ist in Empfehlungen und Ordnungen detailreich formuliert und umgesetzt. Ein "prominenter" Fall des wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist geeignet, die vorhandenen Standards zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Entscheidender ist aber, dass sich alle Beteiligten der Gefährdung des Wissenschaftsbetriebs durch solche Regelverstöße bewusst sind und künftig noch aktiver an der Selbstkontrolle in der Wissenschaft mitwirken.


Über die Autorin
Dr. Kirsten Hüttemann ist Justitiarin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).


Aus Forschung und Lehre :: April 2011

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