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Geheimakte Supergift - Selbstzensur riskanter Forschungsergebnisse?

von Inge Kutter

Erstmals haben Forscher in einer Veröffentlichung aus Sicherheitsgründen auf entscheidende Details ihres Forschungsergebnisses verzichtet. Sollten Forscher riskante Ergebnisse selbst zensieren?

Geheimakte Supergift - Selbstzensur riskanter Forschungsergebnisse?© NOBU - Fotolia.comSollten riskante Forschungsergebnisse zum Schutz der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten werden?
Wie gefährlich dürfen Forschungsprojekte sein, und was passiert mit dem Ergebnis? Diese Frage wird diskutiert, seit der niederländische Virologe Ron Fouchier im vergangenen Jahr ein Virus gezüchtet haben will, das die tödliche Wirkung der Vogelgrippe mit der hohen Ansteckungsfähigkeit der Schweinegrippe verbindet. Einmal aus dem Labor entkommen, könnte ein solcher Erreger eine Pandemie auslösen, warnten Fachleute, in Terroristenhand würde er zur Biowaffe. Das amerikanische Gremium für Biosicherheit empfahl, die Veröffentlichung der genetischen Schlüsseldaten des angeblichen Supererregers einzuschränken. Indes: Seine Gefährlichkeit wurde damals wohl kräftig übertrieben.

Jetzt hat sich ein Forscherteam selbst an die US-Regierung gewandt, bevor es sein Resultat zugänglich machte. Die Mediziner des California Department of Public Health in Sacramento haben angeblich das stärkste bislang bekannte Gift gefunden: ein neues Botulinumtoxin. Ihre Veröffentlichung im Journal of Infectious Diseases verzichtet allerdings aus Sicherheitsgründen auf entscheidende Details. Es ist der erste Fall, in dem das passiert. Vorbildliche Vorsicht oder gefährliche Selbstzensur?

Botox - sein alltäglicher Einsatz in der Schönheitsindustrie lässt vergessen, worum es sich bei diesem Stoff handelt: um eine Gruppe toxischer Eiweiße, die die Signalübertragung von Nervenzellen hemmen. Erzeugt werden sie von Bakterien, die sich im sauerstoffarmen Klima, etwa in dem von Konserven, wohlfühlen. Der Konsum führt zu einer Vergiftung, die ohne Behandlung tödlich enden kann.

Die neue, extrem toxische Substanz dieses Typs fanden die Mediziner im Kot einer Patientin. Für einen Menschen wäre bereits die Injektion von nur zwei Milliardstel Gramm tödlich, schreiben sie. In Tests war es ihnen nicht möglich, Mäuse gegen das Superbotox zu schützen. Als Nächstes wollen die Forscher versuchen, neue Antikörper gegen das Toxin zu entwickeln. Erst wenn ihnen dies gelingt, wollen sie die Gensequenz des Erzeugerbakteriums publik machen.

Aber ließe sich ein Gegenmittel nicht schneller finden, wenn viele dabei hülfen? Wenn alle Wissenschaftler, die daran arbeiten wollen, Zugang zu den Informationen hätten? Das ist immerhin eines der wichtigen Argumente für die Forschungsfreiheit. Außerdem ist fraglich, ob das neu gefundene Gift tatsächlich ebenso gefährlich ist wie zum Beispiel ein hochpotentes Virus. Ansteckend ist es schließlich nicht, die produzierenden Bakterien brauchen besondere Bedingungen, und die Mediziner haben den Stoff nicht einmal selbst entwickelt. Hervorgebracht hat ihn allein die Natur. Die Frage, wie weit Forschung gehen darf und welche Regeln für sie gelten, stellt sich weiterhin. Und sie wird jedes Mal neu diskutiert werden müssen. In diesem Fall aber hat die Selbstzensur zu schnell gegriffen.

Aus DIE ZEIT :: 24.10.2013

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