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Seltsame Liebesgrüße eines Fans

VON ROBERT GAST

Mit 27 Millionen US-Dollar zeichnet der Russe Juri Milner Physiker aus. Fast alle jagen nicht überprüfbaren Ideen nach.

Seltsame Liebesgrüße eines Fans© Dariusz Sas - iStockphoto.comDer russische Milliardär Juri Milner hat seiner alten Leidenschaft, der Physik, den weltweit höchstdotierten Wissenschaftspreis gestiftet
Physikstudenten wissen: Wer einmal viel Geld verdienen will, wird nach der Doktorarbeit Unternehmensberater. Das gilt insbesondere für theoretische Physiker, die mit komplexer Mathematik ambitionierte Gedankengebäude errichten. In der freien Wirtschaft schätzt man ihre analytischen Fähigkeiten und zahlt ihnen Einstiegsgehälter, die Juniorprofessoren neidisch machen. Für Nachwuchswissenschaftler bleibt hingegen nur eine selbstbestimmtere Arbeitsweise - und die vage Hoffnung auf einen wissenschaftlichen Durchbruch, wenn nach langem Warten ein brillanter Einfall experimentell bestätigt wird.

Dem russischen Milliardär Juri Milner war das offenbar zu wenig Ansporn für jene, die »unser Wissen über das Universum auf dem tiefsten Level« vorantreiben. Also hat er einen Physikpreis gestiftet, der dieses Jahr 27 Millionen US-Dollar an neun prominente theoretische Physiker ausschüttet. Von 2013 an soll es einen Nachwuchspreis geben. Zudem wird jährlich ein Spitzenforscher mit umgerechnet 2,4 Millionen Euro pro Kopf geehrt. Das macht Milners Preis zur höchstdotierten wissenschaftlichen Auszeichnung der Welt. Der altehrwürdige Nobelpreis, dessen Prämie oft unter zwei oder drei Forschern aufgeteilt wird, bringt von 2012 an nur noch 960.000 Euro.

Für Juri Milner ist es das späte Bekenntnis einer Teenagerliebe. Ende der achtziger Jahre versuchte er sich an einer Promotion in theoretischer Physik, laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes brach er sie aber unvollendet ab. Stattdessen arbeitete er bei der Weltbank in den Vereinigten Staaten, ehe er als Internetmogul in Russland - unter anderem durch Investitionen in Facebook und Google - sein Vermögen mehrte. Aber aus der Ferne blieb er offenbar ein Physikfan. Seine größten Helden hat er nun nach Beratungen mit dem Nobelpreisträger Steven Weinberg aufs Podest gehoben. Vom nächsten Jahr an sollen die glücklichen Neun zukünftige Preisträger auswählen, basierend auf Vorschlägen aus dem Internet.

Damit dürfte sichergestellt sein, dass der größte Physikpreis auch künftig überwiegend an Forscher aus einem bestimmten Physikzweig geht: Sechs der neun Preisträger haben wichtige Arbeiten zur sogenannten Stringtheorie verfasst. Sie versucht die Welt als eine Symphonie aus unvorstellbar kleinen, schwingenden Fäden zu beschreiben, die sich in bis zu sieben für den Menschen nicht einsehbaren Raumdimensionen verstecken. Ihr Ziel ist eine Art Weltformel, mit der sich alle Grundkräfte des Universums beschreiben lassen. Dem ist die Stringtheorie seit etwa 30 Jahren jedoch nicht wesentlich näher gekommen, konstatieren Kritiker. Sie monieren insbesondere, dass die Theorie keine experimentell überprüfbaren Vorhersagen macht.

Ihre Anhänger hingegen schwärmen von ihrer mathematischen Eleganz. Die Galionsfiguren der Stringtheorie gelten als lebende Legenden, etwa der als »living Einstein« gefeierte Edward Witten oder sein argentinischer Kollege Juan Maldacena. Dass sie nun ausgezeichnet wurden, dürfte ihre Zunft begeistern.

Viele andere Physiker stimmt die Ehrung wohl eher skeptisch. Nicht nur weil Witten & Co. bereits mit allerlei teils hoch lukrativen Orden behängt wurden. Auch forschungspolitisch hat die Ausrichtung des Preises einen bitteren Beigeschmack. Seit Jahren kämpfen nämlich fast alle experimentellen Großprojekte mit chronischem Geldmangel. So belastet etwa der Nachfolger des Hubble-Teleskops »James Webb« den US-Forschungshaushalt massiv. Auch der Bau des umstrittenen Kernfusionsreaktors Iter wird kommendes Jahr 360 Millionen mehr aus dem EU-Budget verschlingen als vorgesehen. Die Leidtragenden werden voraussichtlich zahllose kleinere Forschungsvorhaben sein. Manchen von ihnen hätten Juri Milners Millionen das Überleben sichern können.

Derzeit bringen vor allem ausgeklügelte Experimente, geplant und durchgeführt von Dutzenden im Team arbeitenden Forschern, die Physik voran - und nicht spektakuläre Ideen, die vielleicht nie verifiziert werden können. Dem wichtigen Prinzip der Überprüfbarkeit folgt auch die Vergabe der Nobelpreise: Der 83-jährige Schotte Peter Higgs darf sich erst Hoffnungen auf die Stockholmer Auszeichnung machen, seit im Juli nach 48 Jahren Wartezeit das von ihm vorhergesagte Elementarteilchen (vermutlich) nachgewiesen wurde. Es wäre im Sinne der Physik, wenn ihr größter Preis dieser ureigenen Logik folgte - statt ohnehin berühmte Theoretiker weiter zu vergolden.

Aus DIE ZEIT :: 09.08.2012

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