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Sensation, Sensation! - Wissenschaft und Öffentlichkeit

VON HOLGER WORMER UND PETER WEINGART

Was in der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Öffentlichkeit schief läuft - und was sich ändern muss.

Sensation, Sensation!AllzweckJack © photocase.deWo liegt die Grenze zwischen Information und Eigenwerbung in der Wissenschaft?
Die Geschichte von Frau M. ist bezeichnend für das, was schieflaufen kann in der Wissenschaftskommunikation. Glaubt man einer Pressemitteilung der Fraunhofer-Gesellschaft, die Anfang des Jahres verbreitet wurde, hat sie ein schweres Schicksal: »Frau M. verbringt etwa 15 Stunden pro Woche im Krankenhaus - sie ist Dialysepatientin. Ihre Nieren funktionieren nur noch eingeschränkt, sie filtern Giftstoffe nicht mehr aus dem Blut. Die Dialyse muss die Blutwäsche künstlich übernehmen. Durch die Therapie ist Frau M. in ihrer Lebensqualität stark beeinträchtigt. Dreimal pro Woche fährt sie in die Klinik. Ein mehrtägiger Urlaub ist nur mit großem Aufwand möglich ... .«

Doch zum Glück verheißt die Pressemeldung Hoffnung für Frau M. und die sechs Millionen Nierenpatienten in Deutschland: Forscher des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Rostock hätten nämlich gemeinsam mit einer Biotechfirma einen effektiven Wirkstoff entwickelt. Er basiere auf Tonerde aus Mecklenburg-Vorpommern - Mineralen, die vor 60 Millionen Jahren durch Meeresablagerungen von Vulkanasche entstanden sind. Und diese Tonerde, so erfährt man in der Pressemeldung, wirkt heilend und hilft chronisch Nierenkranken.

Für viele Journalisten in kleinen Redaktionen, insbesondere von Lokalzeitungen in Mecklenburg-Vorpommern, klingt so eine Mitteilung aus der Wissenschaft verlockend. Schließlich kommt sie aus dem Hause der angesehenen Fraunhofer-Gesellschaft und ist auch noch so eingängig formuliert, dass man die Geschichte von Frau M. einfach übernehmen kann. Berichte über heilende Naturprodukte kommen schließlich gut an bei den Lesern, und so dürfte sich so manche Redaktion in Zeiten schwächelnder Auflagenzahlen ihrerseits heilende Aufmerksamkeit von den urzeitlichen Tonmineralen erhoffen.

Dumm nur, dass die Geschichte von Frau M. frei erfunden ist; schade auch, dass es mit der angekündigten Hoffnung für Dialysepatienten nicht weit her ist: Denn zu der »heilenden Tonerde« gibt es noch keinerlei klinische Studien an Menschen. Der angebliche Wunderstoff ist - wie man erst im weiteren Verlauf der Pressemitteilung erfährt - lediglich in Labortests untersucht, an Zellkulturen und im Tierversuch. Ob damit tatsächlich eines Tages Patienten geheilt werden können, weiß momentan niemand zu sagen. Ein Journalist, der den Inhalt dieser Pressemitteilung unkritisch übernimmt, könnte sich also, wie es im Pressekodex heißt, einer »unangemessen sensationellen Darstellung« eines medizinischen Themas schuldig machen und unbegründete Hoffnungen beim Leser wecken. Im Extremfall könnte er sich sogar eine Rüge vom Presserat einfangen, weil er »Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen« darstellt. Fragt sich nur: Warum gilt das nur für Journalisten, nicht aber für die Vertreter von Pressestellen und andere Wissenschaftskommunikatoren, die heutzutage auch gerne zur Übertreibung neigen? Und warum übertreiben die überhaupt?

Nicht nur der Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, sondern auch der Wissenschaftsbetrieb und die Selbstdarstellung von Forschungseinrichtungen. Ebenso wie Redaktionen gegen sinkende Auflagen und die digitale Konkurrenz kämpfen, stehen auch Universitäten und Forschungsinstitute heute in einem viel schärferen Wettbewerb als früher. Forschungsmittel sind knapp, Öffentlichkeit und Politik wollen Ergebnisse sehen, und der Druck, sich selbst gut zu präsentieren, ist enorm gestiegen. Die Exzellenzinitiative war nur eines der Programme, das die Universitäten zu besonderer Eigenwerbung motiviert hat. Zunehmend prägt heute die Wettbewerbserfahrung den Hochschulalltag und wird, wie eine neuere Untersuchung des Kommunikationswissenschaftlers Frank Marcinkowski zeigt, in erster Linie als »Zwang zu einer forcierten Imagepolitik wahrgenommen«. Dementsprechend haben auch Bedeutung und Umfang der Pressestellen von Forschungseinrichtungen wie Universitäten dramatisch zugenommen, nicht selten sind sie dabei immer stärker gepaart mit Marketingabteilungen. Und das kann dazu führen, dass die Wissenschaftskommunikation unter Umständen mehr von Eigenwerbung als von Aufklärung geprägt ist.

Was ist Information? Was Werbung? Die Maßstäbe verschieben sich

Auch die Medien stehen unter ökonomischem Druck. Redakteursstellen werden abgebaut (wobei die Wissenschaftsressorts mangels ausreichender Lobby oft zu den ersten Opfern gehören), es fehlen Zeit und Geld für gründliche Recherchen, sodass Journalisten immer mehr auf mundgerechtes Material angewiesen sind. Viele freie Wissenschaftsjournalisten, die noch zeitintensive Beiträge recherchieren, tun dies inzwischen eher aus Lust an der Wahrheitssuche als wegen des schmalen Honorars.

Die öffentlich-rechtlichen Sender schielen mehr auf Quoten und Marktanteile als darauf, jenen Teil ihres Programmauftrags zu erfüllen, der mit Bildung und Information zu tun hat. Ein aktuelles Beispiel liefert die ARD: Das Wissenschaftsmagazin W wie Wissen, gemeinschaftlich von BR, HR, NDR, SWR und WDR produziert, rückt von September 2014 an vom Sonntag- auf den Samstagnachmittag. Intern rechnet man mit einem Drittel weniger Zuschauern für die Wissenssendung - und einer häufigeren Verdrängung durch Sportsendungen. Die ARD-Wissenschaftssendung Kopfball am Sonntagmorgen, eines der wenigen aufwendigen Wissenschaftsformate der Öffentlich-Rechtlichen, soll Platz machen für gefälligere Sendungen wie zum Beispiel Unterhaltungsshows. Ziel solcher »Maßnahmen zur Schema-Optimierung«, wie sie bei der ARD heißen, ist eine Steigerung der Marktanteile am Sonntag durch massenwirksamere Sendungen.

In dieser Situation verschieben sich vielerorts die Maßstäbe. Was aufklärerischer Journalismus ist und was eher interessengeleitete PR, was Information und was gezielte Werbung, das scheint so manchem der beteiligten Akteure nicht mehr so recht bewusst zu sein. Der Vorwurf, das sei nur ein Problem der »Journaille«, greift zu kurz. Gefragt sind nicht nur Journalisten, sondern auch Pressestellen, Forscher, Universitätsleitungen und nicht zuletzt die Politiker. Denn sowohl Wissenschaft wie Journalismus sollten sich einer sachlich-aufklärerischen Kommunikation verpflichtet fühlen. Beide gehören zu den »unverzichtbaren Eckpfeilern einer demokratischen Gesellschaft«, die auf unterschiedliche Weise »Politik und Gesellschaft mit vielfältigen und möglichst zuverlässigen Informationen versorgen (...) und eine Basis für begründete politische, wirtschaftliche und technologische Entscheidungen liefern sollen.« So heißt es in den Empfehlungen Zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien, die in dieser Woche von den deutschen Wissenschaftsakademien vorgestellt wurden.

Die Empfehlungen sind ebenso kritisch im Hinblick auf die Medien wie auch selbstkritisch im Hinblick auf die Wissenschaft und ihre Kommunikation. Sie enthalten unter anderem Vorschläge zur Errichtung eines Wissenschaftspresserats und eines unabhängigen Science Media Centers, die die Qualität der Berichterstattung über wissenschaftliche Sachverhalte unterstützen sollen. Sie wenden sich aber auch gegen die ausufernde Werbekommunikation der Universitäten und Forschungsinstitutionen und fordern die Politik auf, der Sicherung des Qualitätsjournalismus mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Und die öffentlich-rechtlichen Sender werden nachdrücklich dazu ermahnt, in ihrem redaktionellen Angebot den Informationsauftrag gegenüber dem Unterhaltungsauftrag wieder deutlich zu stärken.

Angesichts der allgegenwärtigen Marktschreierei muten solche Forderungen vielleicht naiv an, andere mögen in einigen Empfehlungen Selbstverständlichkeiten sehen. Allerdings formieren sich unter den Mitarbeitern der Wissenschaftspressestellen selbst warnende Stimmen. Vergangene Woche hat sich auch der Siggener Kreis, eine Denkwerkstatt von Kommunikationsbeauftragten in der Wissenschaft, für eine Verbesserung der Wissenschaftskommunikation ausgesprochen. Zu Recht: Man muss sich nur einmal fragen, was es für Politik und Gesellschaft, was es zum Beispiel für nierenkranke Patienten bedeutet, wenn gleich zwei der Wahrheitssuche und Aufklärung verpflichtete Akteure (Wissenschaft und Medien) nicht (mehr) so funktionieren, wie sie das sollten. Wie die fiktive Frau M. gibt es viele Bürgerinnen und Bürger, die verlässliche Informationen brauchen, mit deren Hilfe sie Entscheidungen treffen können. Ebenso beruhen politische Entscheidungen mit Folgen für die Allgemeinheit oft auf verlässlichem Wissen. Weder die Wissenschaft noch die Medien dürfen durch den härter werdenden Kampf um Aufmerksamkeit das Vertrauen in sie aufs Spiel setzen.


Über die Autoren
Holger Wormer ist Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund,
Peter Weingart ist Soziologe und lehrte bis 2009 an der Uni Bielefeld.
Beide Autoren sind Mitglieder der AG Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien der deutschen Akademien der Wissenschaft. Von der ZEIT ist daran Ulrich Schnabel beteiligt.

Aus DIE ZEIT :: 19.06.2014

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