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Sie brauchen das Geld

Die Fragen stellte ANNE KUNZE

Beruf, Familie, Freizeit: Was junge Frauen und Männer sich wirklich wünschen. Ein Gespräch mit der Soziologin Jutta Allmendinger.

Sie brauchen das Geld© David AusserhoferJutta Allmendinger sieht die Generation Y als treibende Kraft für eine Veränderung der Arbeitswelt
DIE ZEIT: Wird die Generation Y die Unternehmen und die Arbeitswelt verändern?

Jutta Allmendinger: Der demografische Wandel, global agierende Unternehmen, rechtliche Rahmenbedingungen und moderne Geschlechterrollen werden ein »weiter so« nicht möglich machen. Die Generation Y ist hier eine treibende Kraft, aber bei Weitem nicht die einzige.

ZEIT: Ist die Generation Y mehr als nur eine Lebensphase?

Allmendinger: Diese Generation wird ein anderes Leben führen. Ermöglicht wird es auch von Älteren, die im Rückblick sehen, dass wir tief greifende Veränderungen brauchen. Die Jungen selbst klopfen auf gesellschaftlicher Ebene nur sachte an. Ein gutes Beispiel ist die Frauenquote, die viel stärker von meiner Generation als von der heutigen Generation Y gefordert wird. Als ich jung war, habe ich ja auch gedacht, dass sich diese Fragen von selbst lösen.

ZEIT: Wie möchten junge Menschen heute arbeiten?

Allmendinger: Erstens wird Arbeit in einem umfassenden Sinn verstanden, gemeint sind bezahlte wie unbezahlte Tätigkeiten. Zweitens steht Stabilität weit oben. »Finanzielle Sicherheit« und einen »sicheren Arbeitsplatz« wollen fast 100 Prozent der Befragten. Drittens soll die Erwerbsarbeit »ein eigenständiges Leben ermöglichen«. Das sagen über 90 Prozent. Viertens soll die Erwerbsarbeit eine zeitliche Flexibilität ermöglichen. Auch dieser Wunsch nach Zeitsouveränität eint die allermeisten jungen Menschen, die Zustimmung liegt bei über 80 Prozent. Sicherheit, Geld und Zeit für ein Leben neben der Erwerbsarbeit zu haben, das sind die großen Themen.

ZEIT: Was ist den Mitgliedern der Generation Y im Leben besonders wichtig?

Allmendinger: Feste soziale Bindungen. Alle, wirklich alle halten Freunde für sehr wichtig, dicht gefolgt von Eltern und Geschwistern und einer festen Beziehung. Wir sehen: Im Erwerbsleben wie im Privaten strebt diese Generation sehr nach Sicherheit und Beständigkeit.

ZEIT: Wie wollen insbesondere junge Frauen heute leben?

Allmendinger: Frauen wollen Erwerbstätigkeit und Familie. Geld und Zeit. Geben und Nehmen. Das »und« steht im Vordergrund - und ist für die jungen Frauen ganz selbstverständlich. Haben wir in den vergangenen Jahren noch deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gesehen, verbunden mit starken Stereotypisierungen des jeweils anderen Geschlechts, ähneln sich heute die Einstellungen zu allen Bereichen des Lebens sehr stark. Gleichzeitig beobachten wir aber ein starkes Auseinanderfallen zwischen den persönlichen Werten und Werten, die man anderen zuschreibt. Ein Beispiel: Weit über 80 Prozent der Frauen und Männer ist eine eigene Familie mit Kindern sehr wichtig. Fragt man jedoch nach der Wertigkeit von Kindern für Männer und Frauen im Allgemeinen, erhält man eine wesentlich niedrigere Zustimmung.

ZEIT: Wollen die jungen Frauen und Männer Familie? Oder lieber Karriere? Oder gibt es einen Umschwung zu ganz anderen Werten?

Allmendinger: Wir haben Frauen und Männer vor knallharte Entscheidungen gestellt und gefragt, worauf sie für ihre Arbeit verzichten würden. Das ist eine ganze Menge. Die Hälfte würde umziehen, ein Fünftel Freundschaften vernachlässigen, gute zehn Prozent würden auf Kinder verzichten. Männer und Frauen unterscheiden sich hier nicht. Wir haben natürlich auch gefragt, worauf man für seine Kinder verzichten würde. Hier unterscheiden sich Männer und Frauen sehr deutlich. 15 Prozent der Frauen würden auf eine Partnerschaft verzichten oder sich vom Partner trennen. Bei den Männern sind das gerade einmal zwei Prozent. Aufhören zu arbeiten würden 25 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer. Was heißt das? Kinder und Erwerbsarbeit sollte man bei Frauen, zunehmend aber auch bei Männern, nicht gegeneinander aufstellen. Beide wollen ein Miteinander von Beruf und Familie.

ZEIT: Gibt es weitere Unterschiede bei den Geschlechtern?

Allmendinger: Viele Beobachter hatten vorhergesagt, dass sich junge Frauen und Männer über die Jahre auseinanderentwickeln und in ihre traditionellen Rollen schlüpfen werden. Tatsächlich sehe ich das Gegenteil. Unterschiede in den Lebensentwürfen bauen sich massiv ab, wir finden sie nur noch in den Arbeitszeiten und der Dauer der Elternzeit.


Über die Interviewte
Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und befragt seit 2007 junge Frauen und Männer zu ihren Lebensentwürfen.

Aus DIE ZEIT :: 07.03.2013

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