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Sie sind zu langsam!

VON KLAUS HURRELMANN

Junge Frauen sind längst die Bildungsgewinner, in der Schule und an der Universität. Aber im Beruf machen immer noch die Männer das Rennen. Was muss passieren, damit auch das sich ändert?

Sie sind zu langsam!© Sozpa - photocase.deNoch erweist es sich als Karrierehindernis, eine Frau zu sein
Die Generation Y wird erwachsen. Junge Menschen, zwischen 1985 und 2000 geboren, sind dabei, verantwortliche Rollen in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik zu übernehmen. Sie gelten als krisenerprobt, pragmatisch und flexibel, haben politische Spannungen, Terroranschläge und globale Kriege miterlebt und wissen, wie wenig die Politik wirksam handeln kann und wie unsicher das öffentliche Leben geworden ist. Sie haben erfahren, wie ungewiss der Übergang in den Beruf sein kann, und jetzt sind sie dabei, seit Generationen etablierte Rollenbilder außer Kraft zu setzen. Dabei fragt man sich immer noch: Wer macht das Rennen, Mann oder Frau? Und warum dauert es so lange, bis sich die Veränderungen in den Büros und Chefetagen wirklich zeigen?

Ausbildung, Beruf, Hochzeit, Kinder - noch die Eltern der Generation Y folgten klar strukturierten geschlechtsspezifischen Mustern. Heute muss jeder, egal ob Mann oder Frau, biografische Entscheidungen selbst fällen. Die Frage nach dem Warum, nach dem Sinn, wird dabei zum Kompass des Lebens. Dabei scheinen die jungen Frauen mit den gesellschaftlichen Veränderungen besser zurechtzukommen als die Männer. Das zeigt eine tiefer gehende Datenanalyse der aktuellen Shell Jugendstudie. Frauen sind zwar insgesamt besorgter im Blick auf die Zukunft, kommen aber insgesamt zu einer positiveren Bilanz und schauen optimistisch in die Zukunft. Gezielt investieren sie in Bildung und optimieren ihre Ausgangschancen für den Beruf. Die jungen Frauen schneiden in allen Bildungs- und Ausbildungsbereichen inzwischen eindeutig besser ab als die jungen Männer. Sie entwickeln sich schneller, werden früher eingeschult, bleiben seltener sitzen, schwänzen die Schule kaum, arrangieren sich müheloser mit den sozialen Regeln, haben die besseren Schulleistungen, stürmen die Universitäten und dominieren Studiengänge wie Medizin und Jura. Junge Frauen sammeln immer mehr Bildungszertifikate und schneiden bei fast allen Prüfungen im Schul- und Hochschulsystem besser ab als die jungen Männer. Sie erwerben die Mehrzahl der hochwertigen Schulabschlüsse - in Deutschland schon fast 55 Prozent beim Abitur - und in vielen Fächern auch Hochschulabschlüsse. Die Leistungen der jungen Männer hingegen haben sich in den letzten 20 Jahren kaum verbessert.

Eine generationenlange Tradition der Rangordnung der Geschlechter gerät ins Rutschen. Im Bildungsbereich dreht sich die Geschlechterhierarchie um. Das ist gesellschaftspolitisch ein aufregendes Ereignis. Die letzten international vergleichenden Schulleistungsstudien der OECD sprechen eine klare Sprache und dokumentieren den Bildungserfolg der Mädchen. Die Pisa-Ergebnisse zeigen, dass Mädchen eine bessere Lesekompetenz haben und sich ihre Leistungen in den Naturwissenschaften, stets eine Männerdomäne, seit dem Jahr 2000 kontinuierlich verbessern. Nur in Mathematik übertreffen die Leistungen der Jungen noch die der Mädchen, wenn auch oft nur knapp. Was auffällt: Ein deutlicher Geschlechterunterschied wird ebenfalls sichtbar, wenn es um die Familienorientierung geht. Schon seit dem Jahr 2000 zeigt die Shell Jugendstudie, dass sich die jungen Frauen in Deutschland zwar zur traditionell etablierten weiblichen Rolle bekennen - und einen starken Akzent auf Harmonie, Gemeinschaft und den Dienst am Gemeinwesen legen. Sie geben sich jedoch längst nicht allein mit Kindern, Küche und Kommune/Kirche zufrieden. Sie erweitern ihre Rolle: Fast 80 Prozent der 12- bis 25-jährigen Mädchen und jungen Frauen wünschen sich neben Familie auch Erfolg im Beruf und fügen den tradierten Ks ein weiteres hinzu: K wie Karriere. Damit bewegen sie sich in wesentliche Bereiche der traditionellen Männerrolle hinein. Bei den jungen Männern hingegen sind nur rund 40 Prozent bereit, sich auf die als »weiblich« codierten Lebensbereiche einzulassen. Die Mehrheit betrachtet eine solche Rollenerweiterung als erniedrigend und unter ihrer Würde. Damit sperren sie sich ungewollt in eine enge Rolle von Männlichkeit ein und hemmen die eigene soziale, kulturelle und ökonomische Entfaltung - was wiederum negativ auf die Bildungsaktivitäten der Jungen ausstrahlt.

Bedeutet diese Umwälzung der Geschlechterverhältnisse nun, dass die Frauen auch in der Berufswelt den Männern Paroli bieten? Dies hängt von vielen Faktoren ab. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass ihr Bildungskapital wertgeschätzt wird. Die meisten Männer in Führungspositionen, die in Deutschland immer noch eine überwältigende Mehrheit ausmachen, tun sich hier sehr schwer. Sie fremdeln mit den jungen Frauen und ihrer dezenten Art. Im Zweifelsfall ziehen sie einen mittelmäßig qualifizierten, aber forsch und kantig auftretenden männlichen Bewerber einer hoch qualifizierten Frau vor. Der Mann bringt vertraute Verhaltensweisen mit - »Mann« weiß, dass er in das bestehende System hineinpasst. Das hängt auch mit den unterschiedlichen Einstellungen zu Karriere und Beruf zusammen: Männern geht es vor allem um die Sicherheit des Arbeitsplatzes, ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten. Sie sind der Meinung, Überstunden und Wochenendarbeit gehörten dazu, wenn man etwas werden will. Frauen dagegen betonen stärker die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns, die Selbstverwirklichung im Erwerbsleben. Es geht ihnen mehr als den jungen Männern um das Gefühl, etwas leisten zu wollen, und darum, die Chance zu haben, eigene Ideen in die Berufstätigkeit einzubringen. Wenn es um die Vereinbarkeit von Kind und Karriere geht, suchen die jungen Frauen nach Möglichkeiten, die Arbeitszeit flexibel an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, und setzen auf verlässliche soziale Strukturen. Das alles verunsichert die Macht habenden Männer in den Führungspositionen. Nicht selten fürchten sie, die Ansprüche der Frauen könnten die etablierten Abläufe im Unternehmen stören. Deshalb zögern sie, hoch qualifizierte junge Frauen einzustellen.

Eine paradoxe Situation: Die jungen Frauen sind bestens ausgebildet, krisenerprobt und bringen viel soziales Kapitel mit. Und doch gelingt es ihnen nicht, diese Stärke in beruflichen Erfolg umzumünzen. Das hat viele Gründe: Noch dominieren Männer die Führungspositionen und haben eine Schlüsselposition bei Nachwuchsentscheidungen. Noch erweist es sich als Karrierehindernis, eine Frau zu sein, weil die Doppelbelastung von Beruf und Familie überwiegend an ihnen hängen bleibt. Noch fallen sie bei der Geburt des ersten Kindes unter dem Druck von Partnern und Verwandtschaft in traditionelle Muster zurück, ziehen sich aus dem Arbeitsleben zurück und werden entgegen ihrer Planung Hausfrau. Noch ist die öffentliche Kinderbetreuung nicht so zuverlässig und flexibel, dass sie sich guten Gewissens um Führungspositionen bewerben können. Außerdem glauben sie immer noch, sämtlichen Anforderungen einer Ausschreibung genügen zu müssen, ganz anders als die Männer, die hier viel weniger skrupulös sind. Noch blockieren sich Frauen wegen ihrer idealistischen Berufsorientierung selbst, weil sie nicht erkennen, dass eine wirkliche Gestaltung von beruflichen Verhältnissen nur möglich ist, wenn sie als Führungskraft Macht ausüben können. Und aus all diesen Gründen schnappen ihnen die jungen Männer mit viel schwächeren Schul- und Ausbildungszertifikaten nach wie vor die attraktiven Stellen vor der Nase weg.

Aber die Lage wird sich ändern. Wir befinden uns in einer Übergangszeit. Vielleicht noch zehn Jahre, länger werden die Abwehrbastionen in den Chefetagen nicht mehr standhalten. Auch weil der Fachkräftemangel sich weiter ausbreitet und die globalen Konkurrenzanforderungen größer werden. Um international anschlussfähig zu bleiben, wird innovatives Personal benötigt, Frauen also. Immer mehr junge Frauen mit hervorragenden Bildungs- und Ausbildungsabschlüssen sind sich ihres hohen Marktwertes inzwischen bewusst. Das wird sich in der Forderung nach gleicher Bezahlung niederschlagen. Sind sie erst einmal im Beruf, werden sich die jungen Frauen mit der gleichen Geschicklichkeit und Flexibilität wie in ihrer Bildungskarriere auch den Bedingungen anpassen, die für Berufskarrieren gelten. Sie werden für ein neues Denken bei der Gestaltung von Führungspositionen sorgen und großen Druck auf die Unternehmen ausüben, Familienleben und Karriere miteinander verbinden zu können. Denn diese jungen Frauen stehen praktisch für alles, was in modernen Lehrbüchern des Unternehmensmanagements seit Langem dringend gefordert wird.


Über den Autor
Klaus Hurrelmann ist Bildungs- und Jugendforscher an der Hertie School of Governance in Berlin. Er leitet die Shell Jugendstudie, die alle vier Jahre erscheint.

Aus DIE ZEIT :: 25.05.2016

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