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Sie wollen alle studieren

VON FELIX RAUNER

China hat ein Problem: Weil in Ballungsregionen 70 Prozent eines Jahrgangs studieren, fehlen Facharbeiter.

Sie wollen alle studieren© mikado50 - Photocase.comAusgebildete Fachkräfte sind in China gefragt
Die großen Schiffswerften in Shanghai haben international längst eine Spitzenposition erreicht, nun aber sind sie mit einem unerwarteten Engpass konfrontiert: Gut ausgebildete Schweißer, die den hohen Qualifikationsanforderungen des Schiffbaus genügen, sind rar. Mit hohen Löhnen versucht die Schiffsbranche gegenzusteuern. Schweißer zählen heute zu den Spitzenverdienern unter den chinesischen Facharbeitern. Ihr Einkommen übersteigt mittlerweile das von Hochschulabsolventen bei Weitem. Das schon deshalb, da viele Akademiker keine Beschäftigung finden, die ihrer Qualifikation entspricht.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat der internationale Trend der Akademisierung der Bildung auch China erreicht. 70 Prozent eines Altersjahrgangs in Shanghai beginnen ein Hochschulstudium - in einem Land, das durch die Produktion gewachsen sei und in Zukunft durch Qualitätsproduktion wachsen solle, wie Premierminister Wen Jiabao verlauten lässt. Nur dürften dafür in den Zentren bald die Fachkräfte fehlen. Die Akademisierung der Bildung in den Ballungszentren mit Studienanfängerquoten von 70 und mehr Prozent kann man daher als eine Fehlentwicklung betrachten.

Doch das Streben nach einer universitären Bildung trifft in China auf einen besonders fruchtbaren Boden: Die chinesische Bildungskultur ist geprägt durch die Philosophie von Konfuzius, wonach wahre Bildung sich der Entfaltung der Geisteskräfte widmet. Gesellschaftliche Anerkennung und berufliche Karrieren sind heute wie kaum in einem anderen Land verbunden mit einem akademischen Bildungsabschluss. Die chinesischen Eltern der Ein-Kind-Familien betrachten es als ihre wichtigste Aufgabe, ihrem einzigen Kind mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den Zugang zu einem Hochschulstudium zu verschaffen.

Vor allem zwei Hürden müssen dabei überwunden werden: Beim Übergang von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II, mit 16 Jahren, entscheidet ein landesweiter Test in den Provinzen darüber, ob die allgemeinbildende Schule besucht und damit die Hochschulreife erworben werden kann. Wer diese Hürde nicht schafft, gilt als Verlierer. Er macht eine zweijährige schulische Berufsausbildung und anschließend ein betriebliches Praxisjahr. Die zweite Hürde ist die Zulassungsprüfung zur Universität, die Gaukao. Wer sie nicht schafft, landet im beruflichen Bildungssystem und bekommt nur in seltenen Ausnahmefällen die Chance, ein Hochschulstudium anzuschließen. Der berufliche Bildungsweg ist eine Sackgasse und gilt daher als ein Karriererisiko.

Warum einer so großen Zahl von chinesischen Schülern der Zugang zu einem Hochschulstudium gelingt, hat Pisa 2010 gezeigt. Chinesische Schüler nahmen zum ersten Mal teil und belegten in allen drei Fächern - Mathematik, naturwissenschaftliche Grundbildung und Lesen - die Spitzen plätze. Umso seltsamer erschien dagegen ein anderes Ergebnis: Bei einem vergleichenden »Berufsbildungs-Pisa« für Elektroniker und Mechatroniker, an dem je etwa 1500 deutsche und chinesische Auszubildende und Fachschulstudierende teilnahmen, erreichte nur ein kleiner Teil der chinesischen Testteilnehmer das Niveau der deutschen Auszubildenden. Nach genauerer Begutachtung lassen sich die exzellenten Testergebnisse der chinesischen Schüler bei Pisa 2010 und die auffällig schwachen Ergebnisse beim praktischer orientierten Berufsbildungstest auf dieselbe Ursache zurückführen: auf das große Lernpensum, das von chinesischen Schülern zu absolvieren ist, selten unter 14 Stunden pro Tag, sowie die ausgeprägten passiven Lernformen bei der Aneignung des regelbasierten Wissens. Dabei bleiben das selbstständige Lernen und die Entfaltung kreativer Kompetenzen auf der Strecke.

Von der im deutschen Berufsbildungssystem seit den 1970er Jahren etablierten Leitidee, angehende Fachkräfte in ihrer Ausbildung dazu zu befähigen, »die Arbeitswelt in sozialer und ökologischer Verantwortung mit zu gestalten«, was einen neuen Fachkräftetypus begründet, ist in China nichts zu spüren. Das extrem hohe Lernpensum sowie die passiven Lernformen bestehen weiter - obwohl sie auch in China inzwischen als eine zentrale Ursache erkannt werden für eine dramatisch unterentwickelte Kreativität, Selbstständigkeit und niedriges Qualitätsbewusstsein bei chinesischen Fachkräften. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fachkräfteausbildung gegenüber der universitären Ausbildung lange Zeit vernachlässigt wurde.

So wurden zum Beispiel die staatlichen Bildungsausgaben für das Berufsbildungssystem zwischen 1995 und 2002 von 12 Prozent auf 6 Prozent aller Bildungsausgaben halbiert. Nicht universitäre berufliche Bildung war nicht nur kulturell stigmatisiert, sondern auch bildungspolitisch unterbewertet. Warum? In den Jahrzehnten nach der Kulturrevolution galt das Interesse erst einmal der Reetablierung des Hochschulsystems. Von der universitären Bildung wurde der entscheidende Beitrag zur Umsetzung der neuen sozialistischen Marktwirtschaft erwartet. Doch während in Deutschland nach wie vor die Ausweitung der hochschulischen Bildung auf der Tagesordnung steht, leidet China längst unter seiner Politik der Akademisierung der Bildung in den Großstädten. Schon das politische Nahziel, wenigstens jeden zweiten Jugendlichen für eine berufliche Bildung zu interessieren, gilt als kaum realisierbar. Trotzdem scheint man erkannt zu haben: Die nach dem Vorbild der USA etablierte College for all-Politik führt in die falsche Richtung. Hochschulbildung für alle - wo bliebe da die Berufsbildung?

Erst mit einem Fünfjahresplan von 2005 bis 2010 wurde diese Politik durch ein umfangreiches, eine Milliarde Euro schweres Reformprojekt für berufliche Bildung korrigiert. Dabei ging es vor allem um drei Ziele, an deren Umsetzung sich sieben Ministerien beteiligten. 1. Die Aufwertung der beruflichen Bildung im öffentlichen Bewusstsein, vor allem durch die verstärkte Etablierung beruflicher Hochschulen. Deren Etikett »akademisch« hat zu einer Aufwertung der »höheren Berufsbildung« im öffentlichen Bewusstsein beigetragen. 2. Die stärkere Verschränkung von theoretischem und praktischem Wissen durch duale Studiengänge. In vielen schließt sich an ein zweijähriges Studium noch ein Praxisjahr an. Da die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben nicht auf der Grundlage einer Ausbildungsordnung geregelt ist und in den Betrieben eher beiläufig ausgebildet wird, bleibt der Erfolg dieses Modells aber aus. 3. Die Aus- und Weiterbildung der Berufsschullehrer. Doch das alles reicht noch nicht aus. Die Fachkräfte sind überwiegend nicht ausreichend qualifiziert, nur vier Prozent verfügen über eine Meister- oder Facharbeiterqualifikation. Ein Problem, wenn es, wie Premierminister Wen Jiabao glaubt, im Prozess der Globalisierung darauf ankomme, sehr schnell die Phase der Massenproduktion zugunsten einer Produktionsstruktur zu überwinden, die auf Qualitätserzeugnisse setze. »Made in China« müsse zu einem positiv besetzten Leitbild für Qualität im Bereich chinesischer Produkte und Dienstleistungen werden. Ein hehres Ziel, von dem man weit entfernt ist. Auch wenn Maßnahmen wie die Etablierung von beruflichen Hochschulen sich positiv ausgewirkt haben, konnte das Problem noch nicht nachhaltig gelöst werden.

Wie bei den Schweißern hat der Fachkräftemangel auf Facharbeiterniveau auch in anderen Branchen zu einer zum Teil erheblichen Anhebung des Lohnniveaus geführt. Dies verstärkt die Attraktivität der Ausbildung an Facharbeiterschulen. In einigen Regionen gilt der Meister mittlerweile als eine attraktive Alternative zu hochschulisch qualifizierten Führungskräften. Eine Selbstregulierung: Das Geld lockt Menschen, den Berufsbildungsweg zu gehen - teilweise mit Erfolg. So gibt es immer mehr Uni-Absolventen, die noch eine Ausbildung machen. Der entscheidende bildungspolitische Schritt, um die Reihenfolge wieder richtig zu sortieren, steht jedoch aus. Bislang sind die beruflichen Bildungsgänge kaum für das Prinzip geöffnet worden, dass sich anschließend noch ein auf die Berufsausbildung aufbauendes berufsbezogenes Hochschulstudium anschließt.

Erst wenn die berufliche Bildung einen gleichwertigen Zugang zur hochschulischen Bildung bis zum Masterabschluss ermöglicht, dürfte es in China gelingen, ein für Eltern und Schüler attraktives sowie für die Wirtschaft dringend erforderliches modernes Berufsbildungssystem zu etablieren und damit ähnlich wie in der Schweiz ein Problem zu lösen, das sich auch Ländern mit einer etablierten Berufsbildung wie Deutschland stellt. Immerhin verfügen wirtschaftliche Ballungszentren schon jetzt über Berufsbildungszentren, die mit ihren Bildungsgängen, ihrer Ausstattung sowie ihren Gestaltungsspielräumen keinen internationalen Vergleich scheuen müssen. Für die neue chinesische Berufsbildungspolitik steht auch die Beteiligung der Unternehmen ganz oben auf der Dringlichkeitsliste. Daran werde sich entscheiden, ob das Reformprojekt berufliche Bildung gelinge, so Zhiqun Zhao, Direktor des Instituts Aus- und Weiterbildung der renommierten Beijing Normal University. Die philosophische und religiöse Mischung Chinas und die daraus resultierende sprichwörtliche Unbefangenheit, mit der sich China Außeneinflüssen öffnet, lassen eine eher zunehmende Pluralität neben einan der existierender Berufsbildungsformen erwarten, die erst in einigen Jahrzehnten in eine neue systemische Struktur der beruflichen Bildung einmünden wird.

Die Wichtigkeit der beruflichen Bildung wurde jedenfalls auch in China längst erkannt: »Wir brauchen eine Kulturrevolution, um das zweigleisige chinesische Bildungssystem mit einer Elite- Bildung für die höheren Beamten sowie der naturwissenschaftlich-technischen und ökonomischen Intelligenz einerseits und einer beruflichen Bildung, die den Zugang zum Hochschulsystem verschließt, zu überwinden.« Diese Aussage eines Schulleiters in Guangzhao hört man heute in ähnlicher Weise sehr häufig.

Felix Rauner leitet die Forschungsgruppe Innovative Berufsbildung an der Universität Bremen und ist Advisory Professor an zwei chinesischen Universitäten.


Aus DIE ZEIT :: 13.10.2011

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