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Simulierter Markt, Gutachter für den Wettbewerb

Von STEFAN HORNBOSTEL UND KATJA PATZWALDT

Wettbewerb gehörte schon immer zur Wissenschaft. Doch eine Universität funktioniert nicht wie eine Autofabrik. Mit welchen Problemen muss man rechnen, wenn der Wettbewerb in der Wissenschaft weiter intensiviert wird?

Simulierter Markt, Gutachter für den Wettbewerb© joexx / photocase.deDas Gerüst der Wissenschaft besteht neben dem Wettbewerb auch aus Kooperation
Seit dem 19. Jahrhundert hat man immer wieder Analogien zwischen der Ökonomie und der Wissenschaft hergestellt und dabei sowohl die Produktion wissenschaftlichen Wissens wie auch die Verbreitung und Honorierung dieses Wissens nach dem Vorbild arbeitsteiliger Produktion, marktförmiger Dissemination und entsprechenden Preisbildungsprozessen modelliert. Mit der Einführung des New Public Managements wurden aus den theoretischen Überlegungen ganz reale Steuerungsmodelle in einer Zeit, in der Wissenschaft zunehmend als der zentrale Treiber einer wissensbasierten Wirtschaft gesehen wird. Die Schlüsselelemente sind dabei Wettbewerb, Markt und strategiefähige Akteure.

Am deutlichsten ist diese Entwicklung am stetig steigenden Anteil der Drittmittel an der Forschungsfinanzierung abzulesen (an den deutschen Hochschulen stieg der Anteil der Drittmittel am Gesamtbudget von 15 Prozent in 2000 auf rund 24 Prozent in 2012), aber auch Rankings und die großen Wettbewerbe, Akkreditierungen und Evaluationen und der tatsächliche oder vermeintliche "Publikationsdruck" sind Zeichen dieser Veränderung. Verschärft wird die Situation dadurch, dass Drittmittel, Publikationen und Zitationen meist mehrfach in unterschiedlichen Bewertungssystemen verarbeitet werden (interne leistungsorientierte Mittelvergabe, individuelle Zielvereinbarungen, Rankings usw.).

Nun ist unbestritten, dass Wettbewerb zwar immer schon zur Wissenschaft gehörte, aber eine Universität eben nicht wie eine Autofabrik funktioniert, dass die Verbreitung von Wissen auch nicht einfach dem Modell von Angebot und Nachfrage folgt und ebenso, dass unregulierte globale Märkte katastrophale Formen von Marktversagen entwickeln können. Mit welchen Problemen muss man also rechnen, wenn der Wettbewerb weiter intensiviert wird?

Wettbewerb auf simulierten Märkten

Märkte in der Wissenschaft verteilen Reputation; der Preisbildungsprozess funktioniert also nicht primär über Geld, sondern über die Verteilung von Anerkennung, die dann allerdings auch den Zugriff auf materielle Ressourcen ermöglicht. Anerkennung lässt sich aber nicht durch Feilschen oder Handeln herstellen, sie wird vielmehr durch aufwändige Verfahren der Begutachtung produziert.

Diese wissenschaftsinternen Begutachtungsprozesse (peer review) für Manuskripte, Forschungsanträge, Evaluationen, Berufungsverfahren usw. funktionieren nur, wenn die begutachteten Wissenschaftler mit guten Gründen davon ausgehen können, dass das Verfahren, die Auswahl der Gutachter und die Sorgfalt der Gutachter eine faire und sachkundige Begutachtung sicherstellen. Steigt die Wettbewerbsintensität - wie in den letzten Jahrzehnten - schnell an, dann wächst der Begutachtungsaufwand deutlich schneller als das wissenschaftliche Personal. Mehr noch: Die Belastung durch Begutachtungen ist ungleich verteilt, weil in der Regel solche Wissenschaftler als Gutachter angefragt werden, die nicht nur sachkundig, sondern auch bekannt und zuverlässig sind. Laut iFQ-Wissenschaftsbefragung 2010 haben die begehrten Professorinnen und Professoren (rund 10 Prozent der Befragten) der Mathematik und der Geisteswissenschaften in einem Jahr etwa zwischen 55 und 60 Gutachten, in Chemie/Physik knapp 130 Gutachten verfasst.

Die steigende Nachfrage nach Gutachten konzentriert sich also auf einen kleinen Gutachterkreis. Dies führt nun einerseits zu wachsenden Schwierigkeiten bei den Fördereinrichtungen (ESF Survey on Peer Review Practices 2011) und Verlagen, qualifizierte Personen zu gewinnen. Andererseits können sich gerade bei den sehr gefragten Gutachtern Erschöpfungserscheinungen (,reviewer fatigue') breit machen, unter denen auch die Sorgfalt, mit der Gutachten verfasst werden, leidet.

Begutachtungsintensität nach Fächergruppen © Forschung & Lehre iFQWissenschaftlerbefragung: Begutachtungsintensität nach Fächergruppen
Anhaltspunkte dafür finden sich in der iFQWissenschaftlerbefragung: Über 50 Prozent der Professorinnen und Professoren geben dort an, selbst nachlässig zu begutachten oder Befangenheit zu verschweigen oder dieses Verhalten bei Kollegen beobachtet zu haben. Diese Auskünfte korrespondieren mit den vielen wissenschaftlichen Untersuchungen, die dem peer review erhebliche Probleme hinsichtlich der Validität und Reliabilität attestieren (z.B. Richard Smith in J R Soc Med 2006; Martin Reinhart 2012; Bornmann in Science Reviews 2013). Neben vielfältigen Formen der Urteilsverzerrungen zeigen diese Studien insbesondere, dass es den Gutachtern schwer fällt, im mittleren Qualitätsbereich hinreichend zu differenzieren.

Derartige Probleme der Validität des peer review fallen so lange nicht sonderlich ins Gewicht, wie hohe Bewilligungschancen oder Annahmeraten der Fachzeitschriften dazu führen, dass kritische reviews nicht zwangsläufig auch zu Ablehnung führen. Diese Situation hat sich allerdings grundlegend geändert: Während die DFG in den 1980er Jahren noch ca. 80 Prozent der Anträge in der Einzelförderung bewilligte, liegt diese Quote heute (2014) bei 34 Prozent (Deutsche Forschungsgemeinschaft: Zahlen und Zusammenhänge. Grund- und Strukturdaten zur Forschungsförderung der DFG. Bonn 1998; Website). Dies ist allerdings kein deutsches Phänomen. So sanken etwa die Förderquoten der amerikanischen NIH im selben Zeitraum von etwa 30 bis 35 Prozent auf 18 Prozent (R01 Research Grant/ Equivalents, Website des Office of Extramural Research, NIH).

Nachlässigkeit und Befangenheit bei Begutachtungen © Forschung & Lehre iFQWissenschaftlerbefragung: Nachlässigkeit und Befangenheit bei Begutachtungen
Das bleibt nicht ohne Folgen für die "Reputationswährung", die durch diese Verfahren erzeugt wird. Wissenschaftler, deren Förderanträge mehrfach abgelehnt wurden, zweifeln die Qualität des Begutachtungsverfahren an (iFQ-Wissenschaftlerbefragung). Daran hat scheinbar auch die inzwischen übliche Praxis, den Antragstellern in anonymisierter Form die Entscheidungsgründe mitzuteilen, nichts geändert. Dass insgesamt das Vertrauen in die meritokratische Entscheidungsbasis sinkt, zeigt ein Vergleich der Allensbacher Hochschullehrerbefragung aus den 1970er und 1980er Jahren zur DFG-Förderung mit den Ergebnissen der iFQ-Wissenschaftlerbefragung. Während in den 70er und 80er Jahren nur ca.

Vergleich der Allensbacher Hochschullehrerbefragung zur DFG-Förderung © Forschung & Lehre iFQ-Wissenschaftlerbefragung: Vergleich der Allensbacher Hochschullehrerbefragung zur DFG-Förderung
10 Prozent der Behauptung "Es ist doch immer der gleiche Kreis von Leuten, der das Geld für seine Forschung bekommt" voll zustimmten, lag der entsprechende Wert 2010 bei rund 24 Prozent.

In einer spieltheoretischen Modellierung kommen Roebber und Schultz (PLoS ONE 2011) zu dem Schluss, dass ab einer bestimmten Schwelle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihr Verhalten bei Forschungsförderungsanträgen und Manuskripteinreichungen ändern und die schlechten Chancen durch immer mehr Anträge zu kompensieren versuchen. Die Autoren sehen eine Förderquote von 15 Prozent, wie sie für Neuanträge bei den NIH schon Tatsache ist, als Schwelle dafür, ab der die effektivste Strategie für einen Antragserfolg darin besteht, die individuelle Menge an Einreichungen zu erhöhen. Wird mehr eingespeist, bei tendenziell sinkender Qualität, werden Gutachten natürlich umso wichtiger und die Gutachterbelastung steigt weiter.

Zugleich steigt die Erwartung, durch viele, möglichst hochrangige Veröffentlichungen an Reputation - und damit an Förderchancen - zu gewinnen. Das Begutachtungssystem gerät entsprechend nicht nur in der Forschungsförderung unter Druck, sondern auch bei Manuskriptbeurteilung. Die wachsende Zahl der Zurücknahmen bereits publizierter Artikel (retractions) aufgrund wissenschaftlichen Fehlverhaltens oder ernsthafter Qualitätsmängel (vgl. Nature 2011/2015) und die öffentliche Kommunikation über Qualitätsprobleme (insbesondere mangelnde Reproduzierbarkeit, vgl. Ioannidis et al. in Lancet 2014) werfen Fragen danach auf, ob das Begutachtungssystem noch als zuverlässiger Qualitätsfilter funktioniert, denn die meisten retractions betreffen gerade die hochzitierten Fachzeitschriften, die i.d.R. Wissenschaftler mit hoher Reputation als Gutachter einsetzen.

Fatalerweise setzt diese Debatte und die zunehmend intensivere Beobachtung der funding acknowledgements, die im publizierten Artikel Auskunft darüber geben, wer die Arbeit gefördert hat, sowie die intensivere Beobachtung der retractions (vgl. retractionwatch.com ) die Gutachter unter einen zusätzlichen Erfolgsdruck. Keine Zeitschrift sieht es gerne, wenn Artikel zurückgezogen werden (müssen), und keine Förderorganisation möchte gern mit inkriminierten Publikationen in Verbindung gebracht werden. Der immer wieder kritisierte "Konservatismus" des peer review, also die Tendenz der Gutachter, anstelle von Originalität und Innovation eher planbare Ergebnisse und statistisch signifikante Befunde zu honorieren (Risikoaversion), wird durch derartige "Erfolgskontrollen" sicherlich nicht geringer werden.

Auch die Versuche der Fördereinrichtungen (z.B. der DFG), durch Begrenzung der Publikationslisten in den Förderanträgen (es darf noch eine kleine Zahl der besten Veröffentlichungen aufgeführt werden) den Anreiz für ausufernde Publikationsaktivität zu dämpfen, sind vermutlich nicht sehr wirkungsvoll. Gutachter legen nämlich häufig Wert darauf, die ausführliche Publikationsliste der Antragsteller zu sehen, um das gesamte OEuvre beurteilen zu können (Möller et al. 2012, Exzellenz begutachtet, iFQ Working Paper No. 11), und sie greifen durchaus auch auf fragwürdige bibliometrische Indizees zurück, die im Internet inzwischen massenhaft angeboten werden.

Wie auch auf echten Märkten, kann die Währung der Wissenschaft sich inflationär entwickeln. Wenn Antragserfolg und Veröffentlichung zu einem großen Teil als Zufall und nicht als Leistung angesehen werden, droht ein Verlust an Systemvertrauen. Mehr Wettbewerb führt daher nicht immer zu mehr Leistung.

Mehr Wettbewerb oder mehr Kooperation?

Während auf ökonomischen Märkten ordnungs- und geldpolitische Maßnahmen eingesetzt werden, um Dysfunktionen und Überhitzungen einzudämmen, verfügt das Selbststeuerungssystem der Wissenschaft nicht oder nur sehr eingeschränkt über solche Instrumentarien. Auch wenn Wettbewerb und die dazu notwendigen organisierten Bewertungsprozesse ein selbstverständlicher Teil von Wissenschaft sind und sicherlich bleiben müssen, lohnt es angesichts der geschilderten "Aufschaukelungsbewegung" darüber nachzudenken, ob nicht andere Aspekte der Wissensproduktion vermehrter Aufmerksamkeit bedürfen.

Wissenschaftler konkurrieren nicht nur, sie kooperieren auch. Fruchtbare Kooperationen basieren meist auf längerfristigen Strategien, in denen das Verhältnis sehr andersartiger Partner durch Vertrauen reguliert wird. Kooperation erlaubt Arbeitsteilung, Interdisziplinarität, Replikation von Studien, Qualitätssicherung durch unterschiedliche Standards und Governance und bessere Nutzung teurer Infrastruktur. Nachhaltige Wissenschaft, die kooperationsförderlich ist, bedarf einer verlässlichen Grundmittelausstattung. Der Vergleich von Universitäten (eher Drittmittelwettbewerb) mit außeruniversitären Einrichtungen (eher verlässlicher Grundmittelaufwuchs über den Pakt für Forschung und Innovation) zeigt die mögliche Vielfalt der wissenschaftlichen Organisations- und Governanceformen auf, die es zugunsten einer Aufwärtsspirale aus Qualität und Produktivität zu nutzen gilt.


Über die Autoren
Dr. Stefan Hornbostel ist Leiter des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) und Professor für Soziologie (Wissenschaftsforschung) am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.
Katja Patzwaldt arbeitet als wissenschaftliche Referentin der Institutsleitung am iFQ.

Aus Forschung & Lehre :: August 2015

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