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Sind Profs schlechte Lehrer? Von der Schule lernen.

Das Gespräch führten THOMAS KERSTAN und MARTIN SPIEWAK

Wie wir die Lehre an deutschen Hochschulen verbessern können, erklärt der Bildungsforscher Manfred Prenzel.

Sind Profs schlechte Lehrer? Von der Schule lernen.© markusspiske - photocase.deDie Bedeutung der Lehre wird in der Wissenschaft an den Rand gedrängt
DIE ZEIT: Herr Prenzel, Sie sind nicht nur Vorsitzender des Wissenschaftsrates, sondern als Professor auch Hochschullehrer. Haben Sie das Unterrichten irgendwo gelernt?

Manfred Prenzel: Ich hatte im Studium das Glück, einen fantastischen Professor als Lehrer zu haben - Hans Schiefele, der dann auch später mein Chef war. Er pflegte in seinen Veranstaltungen einen sehr offenen Stil. Das hat mich stark geprägt. Während des Studiums habe ich dann als Tutor jüngere Studierende betreut, später kamen im Promotionsstudium Lehraufträge dazu. Auch da hatte ich das Glück, von erfahrenen Kollegen zu lernen.

ZEIT: Sie haben zweimal das Wort Glück benutzt. Hängt es also vom Zufall ab, ob man als angehender Professor lernt, wie man lehrt?

Prenzel: Früher war es so. Inzwischen bieten aber viele Hochschulen Trainings für die Lehre an, manche sogar Coachings. Da wird zum Beispiel die Veranstaltung gefilmt, und man bespricht gemeinsam, was der Dozent hätte besser machen können. Gerade jüngere Wissenschaftler nutzen diese Angebote, denn sie versprechen sich bessere Karrierechancen, wenn sie mit Lehrkompetenz punkten können. Aber dieser Blick auf die Lehre ist mir viel zu eng.

ZEIT: Inwiefern?

Prenzel: Gute Lehre hängt nicht in erster Linie vom einzelnen Dozenten ab. Sie muss gut geplant werden, die Dozenten müssen sich über das Curriculum austauschen. Was sollen die Studierenden nach all den Vorlesungen, Seminaren und Übungen denn können? Wie prüfen wir ihre Fähigkeiten? Wie schneiden wir unsere Veranstaltungen auf diese Lehrziele zu? Was müssen wir Professoren dazu lernen? Alle diese Fragen müssen die Mitglieder eines Instituts oder einer Fakultät gemeinsam besprechen.

ZEIT: Passiert das denn?

Prenzel: Durch die oft kritisierte Bologna-Reform hat sich einiges bewegt. Zumindest mussten sich die Professoren eines Fachbereichs darüber verständigen, was die Studenten lernen sollen und wie man das in Module aufteilt. Hinzu kommen muss aber eine echte Auseinandersetzung über die Inhalte mit Folgen für die Lehre. Sie gehört zur Profession des Professors, daher müssen wir die Lehre professionalisieren.

ZEIT: Wie weit sind wir denn da?

Prenzel: Viele Professoren haben das auf dem Schirm. Das Problem ist eher, dass die Bedeutung der Lehre im wissenschaftlichen Alltag an den Rand gedrängt wird. Die Bürokratie verschlingt Zeit und die Forschung, von der die Karriere entscheidend abhängt. In dieser Situation ist die Gefahr groß, dass die Lehre in der Rubrik »Muss ich auch noch machen« landet.

ZEIT: Weil man sich über die Lehre nicht besonders profilieren kann?

Prenzel: Forschungsleistungen sind nicht nur höher angesehen, sie lassen sich auch besser messen. Meinen Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift kann ich vorzeigen, meine Drittmittel lassen sich zählen. Mein Lehrerfolg ist schwer zu fassen.

ZEIT: Sollte man gute Dozenten stärker mit Preisen und Auszeichnungen bedenken?

Prenzel: Das kann nicht schaden, aber institutionelle Strategien erscheinen mir nachhaltiger zu wirken. Natürlich soll jeder in seinem persönlichen Stil lehren, aber für die Hochschulen sind die Abstimmung untereinander und die Strategie für eine gute Lehre wichtiger.

ZEIT: Ist die Lehre durch die Exzellenzinitiative weiter marginalisiert worden?

Prenzel: In der Tendenz wahrscheinlich leider schon. Zum einen sind solche Wettbewerbe ein Zeitmagnet, ich muss ständig irgendwelche gut begründeten Anträge schreiben. Zum anderen entstanden eher neue Stellen in der Forschung. Dabei sind die Studierendenzahlen in den letzten Jahren extrem gestiegen, die Zahl der Professuren ist dagegen fast gleich geblieben. Das kann nicht so weitergehen.

ZEIT: Der Wissenschaftsrat hatte vor Jahren vorgeschlagen, Lehrprofessuren zu schaffen, die sich verstärkt auf die Lehre konzentrieren sollen. Doch die Lehrprofessuren erwiesen sich als Flop.

Prenzel: Den Lehrprofessuren schadet die Ansicht, sie seien Professuren zweiter Klasse. Tatsächlich könnte man sie auch als Experten für die Lehre betrachten.

ZEIT: Kann man Anreize für eine bessere Lehre schaffen, etwa mehr Geld geben?

Prenzel: Geld ist ein starkes Steuerungsinstrument. Wir sollten bei der Bewertung der Lehre aber nicht auf zu einfache Indikatoren setzen, wie etwa Studierendenmeinungen oder Abschlussraten, sondern auch auf das Urteil der Kollegen hören.

ZEIT: Also Vorlesungsbesuche durch andere Professoren?

Prenzel: Nein, die Bewertung einzelner Hochschullehrer bringt uns nur in Einzelfällen weiter. Wir müssen die Hochschule oder die Fakultät als Ganzes in den Blick nehmen. Welches Fortbildungskonzept haben sie für ihre Dozenten? Welche Strategie verfolgt eine Universität beim Nutzen digitaler Medien für die Lehre? Da kann man durch Wettbewerbe einiges voranbringen.

ZEIT: Wissen die Hochschulen denn, was die Studenten im Studium wirklich gelernt haben?

Prenzel: Sie glauben es zu wissen, indem sie die Studierenden Aufgaben lösen lassen, von denen die Professoren meinen, dass sie die geforderten Kompetenzen messen.

ZEIT: Und tun sie das nicht?

Prenzel: Daran kann man zweifeln. Ich halte es jedenfalls für einen vielversprechenden Ansatz, die Prüfungen unter dieser Fragestellung einmal zu untersuchen. Denn Prüfungen sind extrem wichtig, wenn man das Lernen steuern will. Wir haben einmal Studenten gefragt, wie sie sich auf Klausuren vorbereiten. Die meisten haben geantwortet: Indem wir die Klausuren unserer Vorgänger gepaukt haben. Das kann ja nicht Sinn der Sache sein. Man könnte auch die Alumni systematischer nutzen, die nun in der Praxis stehen. Die werden heute im besten Falle als Freunde und Gönner angesprochen, aber leider nicht, um die Lehre zu verbessern.

ZEIT: Wie könnte das geschehen?

Prenzel: Man könnte als ersten Schritt zehn, zwanzig Alumni eines Faches, die in unterschiedlichen Arbeitsstellen gelandet sind, drei oder fünf Jahre nach dem Studium befragen, was sie für ihren Job aus dem Studium mitgenommen haben, was sich als Ballast erwiesen hat und was ihnen fehlt. Das wäre hochinteressant und ließe sich ohne allzu großen Aufwand umsetzen. Ein Vorbild liefert die Medizin. Warum gibt es da so viele Reformen im Studium?

ZEIT: Sagen Sie es uns?

Prenzel: Weil die Professoren in den Uni-Kliniken, zum Beispiel im Praktischen Jahr, sofort sehen, was »ihre« früheren Studenten können und was nicht. Damit hat man eine Rückbindung des Studiums an die Praxis. Diese Rückkopplung in die Praxis fehlt in vielen Studiengängen, dabei ist sie gewissermaßen ein Fenster in die Zukunft und wichtig für die Lehre. Leider mangelt es daran auch in der Lehrerbildung. Denn wie sich die Lehramtsstudenten in der Praxis bewähren, bekommt ein Fachdidaktiker an der Uni normalerweise nicht zu spüren.

ZEIT: Sie sind von Ihrer wissenschaftlichen Herkunft Schulforscher. Können die Hochschulen etwas von der Schule lernen?

Prenzel: Mit dem Begriff Verschulung werden Verbesserungen in der Lehre gern miesgemacht. Als sei die Schule von heute noch die Paukschule von ganz früher. Für mich ist das schlicht eine Frage der Ziele. Die Lehre hat genau wie der Unterricht das Ziel, die Wahrscheinlichkeit, etwas zu lernen, deutlich zu erhöhen - im Vergleich zu jemandem, der allein vor sich hin lernt. Daran muss sich die Lehre messen lassen. Und da kann die Hochschule selbstverständlich auch von gutem Unterricht an der Schule lernen.

ZEIT: Vorlesungen spielen da immer weniger eine Rolle: Warum muss man eigentlich zuhören, wenn einem der Professor etwas vorliest?

Prenzel: Wir machen in München in meinem Fach praktisch keine mehr. Um Studenten Wissen zugänglich zu machen, ist die Vorlesung nicht die beste Form.

Aus DIE ZEIT :: 22.10.2015