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Smart Home oder der Helfer im Spiegel

VON JOHANNA RITTER

Wohnungen werden künftig wissen, was ihre Bewohner tun. Sie nennen sich "Smart Home". Gesucht sind Ingenieure, die ihnen das beibringen.

Smart Home oder der Helfer im Spiegel© FraunhoferDas Smart Home soll alten Menschen den Alltag erleichtern
Das Labor von Matthias Breuel sieht aus wie eine elegante Wohnung. Die Möbel sind aus hellem Holz und mit glatten, weißen Oberflächen versehen, große Fenster lassen viel Licht herein, ein Streifen Tapete mit Blumenmuster sorgt für einen edlen Kontrast. Doch das schicke Ambiente ist es nicht, was die Wohnung besonders macht. Dieses Apartment ist intelligenter als andere, die Einrichtung denkt mit: Die Rollläden bewegen sich nach dem Stand der Sonne, der Badezimmerspiegel erinnert daran, Medikamente einzunehmen, und wenn man das Bett per Knopfdruck in die richtige Position bringt, erkennt der Fernseher, dass er gleich zum Einsatz kommt. An der Technik, die das möglich macht, arbeiten Matthias Breuel und seine Kollegen.

Die Wohnung ist Teil eines Projekts des Fraunhofer-Instituts in Duisburg. Sie wurde speziell für alte und teilweise pflegebedürftige Menschen eingerichtet. Die eingebaute Technik erinnert die Bewohner an alltägliche Dinge, erleichtert die Hausarbeit und informiert bei Notfällen einen Pflegedienst - kurzum, sie soll es möglich machen, länger selbstständig zu Hause zu wohnen und Altersheime und Pflegekassen dadurch entlasten. »Meine Motivation ist es, die Gesundheit der Menschen zu erhalten und zu fördern«, sagt Matthias Breuel, »so ähnlich wie ein Arzt, nur eben als Ingenieur.«

Den Markt für solche altengerechten Assistenzsysteme schätzt Hartmut Strese, Senior Consultant bei der Beratungsgesellschaft VDI/VDE Innovation + Technik, auf mehrere Milliarden Euro jährlich in Deutschland. Dabei ist Smart Home, so wird das vernetzte Zuhause genannt, nicht nur ein Konzept für Senioren. Häuser und Wohnungen sollen das Leben künftig sicherer, energieeffizienter oder einfach komfortabler machen. Die technischen Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Aspekte des Wohnens: So gibt es Heizungen, denen man vom Arbeitsplatz aus befehlen kann, schon mal das Wohnzimmer anzuwärmen, statt sie den ganzen Tag über laufen zu lassen; vernetzte Rauchmelder, die sich alle melden, auch wenn es nur an einer Stelle brennt; oder den Herd, der nicht nur Speisen erhitzt, sondern auch passende Rezepte aus dem Internet besorgt.

Noch ist das vernetzte Zuhause ein Luxusprodukt

»Der Smart-Home-Markt wächst rasant«, sagt Michael Schidlack, der beim Branchenverband Bitkom den Bereich Consumer Electronics und Digital Home leitet. Immer mehr Geräte im Haushalt haben einen Internetanschluss, sind also grundsätzlich vernetzbar. Auf 12,7 Milliarden Euro schätzt Bitkom den Umsatz, den die Branche mit solchen Geräten im vergangenen Jahr gemacht hat. 2011 soll der Markt noch mal um ein Drittel wachsen. Allerdings sei ein komplett vernetztes Zuhause bisher noch ein Luxusprodukt, räumt Schidlack ein.

Das ändert nichts daran, dass die Branche auf wachsende Marktchancen hofft und Fachkräfte sucht, wie den Ingenieur Matthias Breuel. Der 28-Jährige steht in der Laborwohnung und lässt sich auf das Bett fallen - selbstverständlich zu Demonstrationszwecken. Auf dem Bildschirm gegenüber leuchtet jetzt »Nachtruhe« auf. Breuel ist genau für diesen Weg - zwischen dem Sensor in der Matratze und dem Rechner, an den der Bildschirm angeschlossen ist - zuständig. Als Softwareentwickler kümmert er sich darum, dass die Daten, die ein Sensor erkennt, auf einem Computer ankommen und dort gespeichert, verarbeitet und weitergeleitet werden - zum Beispiel zu einem Pflegedienst, der so den Tagesablauf des Bewohners mitverfolgen und in Notfällen reagieren kann. »Ich mache die Technik, die man gar nicht sieht«, erklärt Breuel.

Damit ist er Spezialist für einen Teilbereich des Smart Home, aber er muss auch verstehen, was seine Kollegen machen, die die Hardware entwickeln. Oft arbeiten sie im Team, damit die einzelnen Komponenten genau aufeinander abgestimmt sind. »Wir konzipieren hier mit von Grund auf ein System, und gerade das macht mir Spaß«, schwärmt Breuel. Das Fachwissen für seine Arbeit hat er sich an der Universität in Karlsruhe angeeignet. Dort studierte er Elektro- und Informationstechnik und spezialisierte sich im Hauptstudium auf Medizintechnik und Systemintegration, also das Vernetzen von Hard- und Softwarekomponenten. Mit dieser Fächerkombination ist Breuel für seinen heutigen Job gut aufgestellt. Wer in die Smart-Home-Branche möchte, kann sich aber auch auf andere Bereiche spezialisieren, zum Beispiel auf die Energie- oder Automatisierungstechnik.

Um die raren Fachkräfte buhlen neben Forschungsinstituten zahlreiche Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen: Auf die Gebäudeautomatisierung haben sich bereits eigene Firmen spezialisiert, aber auch Energieversorger, Telekommunikationsunternehmen, Pflegedienstleister und viele andere wollen auf dem wachsenden Smart-Home-Markt mitmischen und suchen nach gut ausgebildeten Ingenieuren. Berufseinsteiger können laut einer Umfrage des Vereins Deutscher Ingenieure mit einem Bruttogehalt zwischen 38 400 und 47 000 Euro rechnen. Die große Auswahl an Arbeitgebern habe aber auch einen Haken, gibt Branchenberater Strese zu bedenken: »Momentan steckt vieles noch in der Entwicklung, deswegen ist nicht klar, welche Firmen und welche technischen Standards sich auf dem Markt halten werden.« Allerdings dürfte das den Ingenieuren beim derzeitigen Fachkräftemangel kaum zum Verhängnis werden.

Mit technischem Know-how will Breuel »den Menschen dienen«

Matthias Breuel fand direkt im Anschluss ans Studium die Stelle beim Fraunhofer-Institut. In seinem Job ist aber mehr gefragt als das reine technische Know-how, das er an der Uni erworben hat. Das Smart Home muss nämlich vor allem »den Menschen dienen«, wie Breuel sagt. »Am Anfang einer Produktentwicklung steht deshalb immer die Frage, was die Leute wollen. Die Technik soll ja im Alltag ganz unbemerkt unterstützen.« Dafür hat ihn vor allem die Zusammenarbeit mit einem Pflegedienst als Projektpartner sensibilisiert. Breuel fand es spannend, die Arbeitsweise des Dienstes kennenzulernen, manchmal stellte ihn die Kooperation aber auch vor Herausforderungen: »Wir mussten erst eine gemeinsame Sprache finden - weg vom Fachchinesisch hin zu einfachen Wörtern.«

Wie wichtig es ist, über die Fachgrenzen hinaus zu denken, betont auch Anke Hüneburg, Leiterin des Bereichs Energie beim Industrieverband ZVEI: »Unsere Mitgliedsunternehmen suchen Gebäudeautomatisierer und Planer, die technisch fit sind und verschiedene Systeme miteinander vernetzen können, aber sie müssen auch gesellschaftliche Entwicklungen erkennen.« Verkaufstalent sei ebenfalls von Vorteil. Denn vom Massenmarkt sind viele Smart-Home-Produkte noch weit entfernt. Es scheitert oftmals nicht nur an hohen Kosten, sondern vor allem an den Vorbehalten der Verbraucher. Laut einer Bitkom-Studie sind 41 Prozent der Befragten positiv gegenüber der digitalen Heimvernetzung eingestellt, ein Drittel aber ist noch skeptisch. Gut informiert über die technischen Möglichkeiten fühlten sich nur 15 Prozent der Befragten.

Auch die Technikbranche sieht noch Hürden für das Geschäft. »Oft geben die Bauherren ihr Geld lieber für teure Fliesen aus als für intelligente Gebäudetechnik«, sagt Hartmut Strese. Das liege aber auch daran, dass Architekten die Vernetzung oft gar nicht einplanen würden und zu wenige Handwerker in der Lage seien, die Technik schließlich zu installieren. Matthias Breuel weiß von der Zusammenarbeit mit dem Pflegedienst, dass es gerade bei älteren Nutzern etwas Überzeugungskraft für das Smart Home braucht. Vor Kurzem ist eine Wohngemeinschaft für Demenzkranke mit der Technik aus dem Fraunhofer-Labor ausgestattet worden - dort wird das System auf den Prüfstand gestellt. Und auch für den Ingenieur war es ein besonderer Moment. »Es hat mich schon stolz gemacht, als ich wusste, das funktioniert auch im täglichen Gebrauch«, sagt Breuel. Dabei macht er es sich in einem intelligenten Sessel bequem, der dem Fernseher das Signal zum Anschalten gibt und dem Pflegedienst mitteilt: Es ist alles in Ordnung.

Aus DIE ZEIT :: 08.09.2011

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