Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Soll man es zugeben?

VON ANJA REITER

Noch immer ist es schwierig, dem Arbeitgeber eine psychische Erkrankung mitzuteilen. Dabei gibt es klare Regeln.

Soll man es zugeben?© Meikel.inSpirit - photocase.deViele Arbeitnehmer versuchen ihre psychische Erkrankung in ihrem Job zu verstecken
Sonntagabends krochen die Ängste herein. Angst vor Kreativstress, Telefonklingeln, dem Gefühl von Einsamkeit. Jeden Sonntagabend bekam sie Heulkrämpfe, konnte stundenlang nicht einschlafen. Montagfrüh dann, mit Ringen unter den Augen und Make-up darüber, radelte Maja Scholz* dennoch zur Arbeit.

Das war vor drei Monaten. Eigentlich war der Volontärin in einer PR-Agentur da längst klar: Irgendwann würden ihre Kollegen das Versteckspiel bemerken. »Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und habe viele Fehler gemacht«, erzählt sie. Bereits vor Wochen hatte der Hausarzt die Diagnose Depression gestellt. »Doch ich dachte immer: Ich muss funktionieren, die anderen funktionieren ja auch. Ich kann mein Team nicht im Stich lassen.« Wenn sie zum Psychotherapeuten ging, sagte sie ihrem Chef, sie hätte Physiotherapiestunden. Wenn sie krankmachte, um Energie aufzutanken, sagte sie, sie habe Bauchschmerzen. Auch privat kapselte Scholz sich immer mehr ab. Doch irgendwann sah sie ein: »Ich bin eine schlechte Lügnerin.« Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Obwohl es so viele betrifft, sind psychische Erkrankungen ein heikles Thema, werden noch immer unterschätzt. Für einen Bandscheibenvorfall hat jeder Verständnis - aber für eine Depression? In Büros und Fabriken im ganzen Land verstecken deshalb viele Arbeitnehmer ihr seelisches Leid - aus Angst davor, stigmatisiert zu werden. Sie wollen sich nicht outen, fürchten sie doch Karrierenachteile. Zu Recht?

»Was Depressionen angeht, gibt es in unserer Gesellschaft immer noch enorme Wissenslücken und eine Bagatellisierung«, sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Viele Menschen würden glauben, die Depression sei keine richtige Krankheit: einmal ausschlafen, ein Kurzurlaub, schon sei das Problem gelöst. Alles würde in einen Topf geworfen: Burn-out, Überarbeitung, Depression. Oftmals werden die Erkrankungen auch noch unterschiedlich bewertet, beobachten Experten: Ein Manager mit Burn-out habe für sein Unternehmen gebrannt, während ein einfacher Angestellter mit Depression sich offenbar nur hängen lässt. »Burn-out ist die Krankheit der Starken, Depression die Krankheit der Schwachen«, kritisiert Carsten Burfeind, Trainer für psychische Gesundheit in der Arbeitswelt, der Unternehmen im Umgang mit psychisch Kranken berät.

Macht Stress im Beruf depressiv? Während nach landläufiger Meinung unsere beschleunigte Arbeitswelt immer mehr psychisch Kranke ausspuckt, sehen die meisten Experten keinen so simplen Zusammenhang zwischen Arbeit und psychischen Erkrankungen. »Dass Depressionen häufiger diagnostiziert werden, liegt vor allem daran, dass sie häufiger erkannt werden«, sagt Hegerl. Für ihn steht fest: Die Arbeit ist es nicht allein, die krank macht. Die Gene spielen dabei ebenso eine Rolle wie persönliche Erfahrungen und Erziehung. Die Krankheit macht auch keine Klassenunterschiede: Sie trifft Manager, Leistungssportler und Politiker ebenso oft wie Büroangestellte, Fabrikarbeiter oder Mütter. Die Frage ist, wie offen die Arbeitswelt mit dieser Tatsache umgeht. Irgendwann stehen die meisten Arbeitnehmer mit einer psychischen Erkrankung schließlich vor der Frage: Soll ich es dem Chef sagen, oder soll ich doch lieber schweigen? »Wenn man merkt, dass man mit der Arbeit nicht mehr zurechtkommt, sollte man darüber sprechen«, sagt Hegerl. Vor einem Outing sollte man aber abwägen, wie gut die Arbeitsatmosphäre und wie offen das Team sind. Coach Carsten Burfeind rät Betroffenen, erst zu überlegen, ob sich die Arbeitsbedingungen auf das Entstehen der Krankheit ausgewirkt haben. Haben der Druck, die Unsicherheit oder die Atmosphäre in der Arbeit die Krankheit mitverursacht? Dann müsse in einem Gespräch mit dem Vorgesetzten um Verständnis geworben und über Veränderungen nachgedacht werden. Solange der Auslöser aber nicht der rücksichtslose Chef oder die nicht zu bewältigende Arbeit sei, sieht Burfeind vorerst keinen Grund, mit seinem Vorgesetzten über seine psychische Krankheit zu sprechen. Denn am Arbeitsplatz ist niemand dazu verpflichtet, über eine konkrete Diagnose Auskunft zu geben - sei es Diabetes, Aids oder eben eine Depression.

Maja Scholz war irgendwann an dem Punkt, dass sie die Heimlichkeiten nicht mehr ertrug. Wochenlang hatte sie versucht, alle Aufgaben so gut es ging zu bewältigen. Doch das Vertuschen belastete ihre Psyche noch zusätzlich. Eines Morgens bat sie ihren Vorgesetzten um ein vertrauliches Gespräch. »Ich habe ihm einfach ganz konkret gesagt, dass ich eine Depression habe«, sagt Scholz. Sie hatte Glück: Ihr Chef reagierte verständnisvoll. Gemeinsam überlegten sie, was nun zu tun sei. Auch Vorgesetzte kommen durch die psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter in ein Dilemma: Einerseits müssten sie laut Gesetz ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter achten, andererseits stehen sie unter Druck, ihr Unternehmen oder ihre Abteilung erfolgreich zu führen. Und natürlich: Arbeitnehmer mit psychischen Erkrankungen sind auch ein enormer Kostenfaktor. 2013 waren rund 13 Prozent aller betrieblichen Fehltage auf psychische Erkrankungen zurückzuführen, heißt es in einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer.

»Unternehmen sind nachdenklicher geworden, weil sie ihre eigenen Krankenstände beobachten«, sagt Carsten Burfeind. Allerdings sei die Sensibilisierung für das Thema psychische Erkrankungen stark branchenabhängig: »Im Bereich Verwaltung und Wissensarbeit passiert sicherlich mehr als im Bereich Produktion, Handwerk und Vertrieb«, sagt Burfeind. In manch einem Betrieb sehe man gar keine Notwendigkeit, das Thema anzupacken. »Die sagen: Wenn jemand eine Depression hat, geht er halt in den Krankenstand und kommt irgendwann gesund wieder.« Dass in der Arbeitswelt ein Umdenken stattfindet, sieht man aber insbesondere an den Vorreitern unter den Großunternehmen: 70 Prozent von ihnen haben laut einer Befragung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung bereits ein betriebliches Gesundheitsmanagement, Tendenz steigend.

Bei der Deutschen Bahn etwa ist die psychische Gesundheit ein Schwerpunktthema in Mitarbeitergesprächen. Jeder Angestellte kann außerdem jederzeit einen Psychologen des Unternehmens aufsuchen. Der Ursprung dieser ganzheitlichen Sichtweise von Gesundheit ist freilich ein trauriger: Suizide oder Suizidversuche auf den Gleisen gehören zum Alltag für Lokführer. Posttraumatische Belastungsstörungen sind deshalb schon lange ein Thema im Gesundheitsmanagement der Bahn. Vor über zehn Jahren hat die Bahn ein Konzept entwickelt, um betroffene Mitarbeiter zu unterstützen; seit 2010 steht das Programm allen Beschäftigten zur Verfügung. Einer, der das Thema Depression am Arbeitsplatz von beiden Seiten kennt, ist Thomas Müller-Rörich. Der selbstständige Unternehmer litt Mitte der neunziger Jahre an schweren Depressionen. Gegenüber seinen zehn Mitarbeitern versuchte er anfangs, die Fassade zu wahren und Unsicherheiten zu überspielen. An eine psychische Erkrankung habe er zu Beginn noch gar nicht gedacht, erzählt er heute, eher an Alterserscheinungen oder Erschöpfung. Unzählige Arztbesuche blieben erfolglos. Erst die Urlaubsvertretung seines Hausarztes durchblickte Müller-Rörichs Psyche und stellte endlich die richtige Diagnose: Depression.

Heute ist Müller-Rörich wieder gesund und gibt Seminare zum Thema psychische Belastung am Arbeitsplatz. Darin wirbt er bei Personalverantwortlichen und Führungskräften um mehr Sensibilisierung für psychische Erkrankungen. Er empfiehlt, bei Alarmzeichen das Gespräch zu suchen. Auch Depressive seien in der Pflicht, sich behandeln zu lassen, um möglichst schnell wieder leistungsfähig zu sein. Wenn der betroffene Mitarbeiter keinerlei Bereitschaft zeigt, sich helfen zu lassen, dürften Vorgesetzte auch signalisieren, dass der Arbeitsplatz dadurch gefährdet ist. »Das kann sogar ein heilsamer Impuls sein«, sagt Müller-Rörich. Psychiater Hegerl sagt: Überfürsorge vonseiten der Vorgesetzten kann genauso kontraproduktiv sein wie Überforderung. Depressive brauchten Wertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit; sie zu sehr zu schonen sei nicht zielführend. Arbeit habe mitunter sogar eine therapeutische Wirkung. »Sie kann Kranken helfen, schneller gesund zu werden, indem sie Struktur schafft«, sagt Hegerl. Neben der Sorge um den erkrankten Mitarbeiter dürfen Vorgesetzte auch die Fürsorgepflicht für die Kollegen des Betroffenen nicht vernachlässigen - ein schwieriger Spagat. Auch sie leiden unter der negativen Atmosphäre am Arbeitsplatz, müssen mitunter Zusatzarbeiten übernehmen oder spontan für den erkrankten Mitarbeiter einspringen.

Wie individuell Lösungen im Einzelfall aussehen, zeigt der Fall von Maja Scholz. Vorerst einigte sie sich mit ihrem Chef darauf, nur noch die Hälfte der Zeit arbeiten zu müssen: zwanzig Stunden pro Woche. Doch der Druck und die Angst wollten nicht schwinden. »Ich hatte immer mehr das Gefühl, meine Kollegen im Stich zu lassen, wenn ich am frühen Nachmittag das Büro verließ«, sagt Scholz. Nach zwei Wochen ließ sie sich krankschreiben und machte eine Therapie. Heute, knapp drei Monate später, arbeitet Scholz wieder - in ihrem alten Team.

*Name von der Redaktion geändert

Aus DIE ZEIT :: 08.10.2015

Ausgewählte Stellenangebote