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Sozial exklusiv: Über den Zugang zur Wissenschaftselite

von ANGELA GRAF

Für die Wissenschaft und insbesondere für die Wissenschaftselite wird die Gültigkeit des Leistungsparadigmas vorausgesetzt. Aber nehmen in der Wissenschaft auch leistungsfremde, das heißt soziale Faktoren Einfluss auf Karrierewege und wissenschaftlichen Erfolg?

Sozial exklusiv: Über den Zugang zur Wissenschaftselite© MichaelJBerlin - photocase.deWelchen Einfluss üben soziale Faktoren auf die wissenschaftliche Karriere aus?
Der Begriff "Elite" ist in der deutschen Wissenschafts- und Hochschulpolitik in den letzten Jahren zu einer Art Schlüsselbegriff avanciert. Wiederholt wurden Forderungen nach der Bildung und Sichtbarmachung wissenschaftlicher Eliten laut, die ihren Niederschlag inzwischen in zahlreichen Reformbemühungen gefunden haben. Man denke hier nur an die "Exzellenzstrategie" als prominentestes Beispiel. Vor diesem Hintergrund verwundert es umso mehr, dass die Frage nach der bisherigen Konstitution der Wissenschaftselite kaum in den Blick geriet, obwohl dies für eine Abschätzung möglicher Folgen der gegenwärtigen Entwicklungen elementar ist. Alle aktuellen wissenschaftspolitischen Reformbemühungen eint, dass sie unter dem Leitbild von Leistung und Exzellenz verhandelt werden. Diese Argumentationslinie steht ganz im Einklang mit dem Selbst- und Fremdbild der Wissenschaft. Mehr noch als in anderen gesellschaftlichen Bereichen wird gerade für die Wissenschaft unhinterfragt die Gültigkeit des Leistungsparadigmas angenommen.

Wissenschaftliche Leistung bzw. Exzellenz wird somit als einzig wirksames und legitimes Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg und damit für den Zugang zur Wissenschaftselite betrachtet. Demgegenüber weisen elitesoziologische Befunde wiederholt darauf hin, dass neben persönlicher Leistung der sozialen Herkunft noch immer eine zentrale Rolle für den Zugang zu gesellschaftlichen Elitepositionen zukommt. Obwohl es ein offenes Geheimnis ist, dass auch in der Wissenschaft leistungsfremde, das heißt soziale Faktoren Einfluss auf Karrierewege und wissenschaftlichen Erfolg nehmen, wie nicht zuletzt an der immer noch deutlichen Unterrepräsentanz von Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen offensichtlich wird, wurde der Aspekt der sozialen Herkunft als möglicher Einflussfaktor auf den Zugang zu wissenschaftlichen Spitzenpositionen bislang kaum thematisiert - um nicht zu sagen tabuisiert.

Das Sozialprofil: Soziale Exklusivität der Wissenschaftselite

Eine Studie verdeutlicht nun einerseits die soziale Exklusivität und Homogenität der deutschen Wissenschaftselite, zeigt aber andererseits auch interessante Differenzen innerhalb der Wissenschaftselite. Betrachtet wurden anhand biographischer Daten die soziale Zusammensetzung sowie die Werdegänge von über 400 Personen, die zwischen 1945 und 2013 Spitzenpositionen innerhalb der deutschen Wissenschaftslandschaft einnahmen. Dabei wurden zwei Fraktionen innerhalb der Wissenschaftselite unterschieden: die "Prestigeelite" und die "Positionselite". Der Prestigeelite wurden jene Wissenschaftler zugerechnet, die von der Scientific Community mit den höchsten wissenschaftlichen Preisen (Nobel- oder Leibnizpreis) ausgezeichnet wurden und daher die höchste Anerkennung für ihre wissenschaftliche Leistung seitens ihrer Fachkollegen erhielten. Demgegenüber wurden der Positionselite jene Personen zugeordnet, die innerhalb der Wissenschaft die höchsten Ämter besetzen und damit über weitreichende personelle und finanzielle Entscheidungsmacht verfügen, nämlich die Präsidenten der wichtigsten Forschungsgesellschaften (Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gemeinschaft, Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren) und die Präsidenten der zentralen wissenschaftspolitischen Intermediärgremien (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz).

Sozial exklusiv: Über den Zugang zur Wissenschaftselite © Forschung & Lehre Soziale Zusammensetzung der deutschen Wissenschaftselite und die Verbindung ihrer Elternhäuser zur Wissenschaft
Ein erster Blick auf die empirischen Befunde zeigt, dass der Zugang zur Wissenschaftselite offenbar eng mit einem spezifischen sozialen Profil verknüpft ist: Die Wissenschaftselite ist männlich und stammt aus sozio-ökonomisch privilegierten Familien mit enger Verbindung zur Wissenschaft, so könnte man die Ergebnisse etwas polemisch resümieren. Unter den über 400 Elitemitgliedern finden sich gerade einmal 33 Frauen (8,1 Prozent), wobei es sich fast ausschließlich um Mitglieder der Prestigeelite, insbesondere um Leibnizpreisträgerinnen handelt. Lediglich zwei Frauen standen seit 1945 einem wissenschaftspolitischen Gremium vor, an die Spitze einer Forschungsgesellschaft hat es bislang noch keine Frau geschafft. Diese Verteilung veranschaulicht, dass für Frauen die Chance auf eine Mitgliedschaft in der Wissenschaftselite, insbesondere aber auf eine institutionelle Machtposition, immer noch sehr gering ist.

Zudem zeigt sich, dass die deutsche Wissenschaftselite außerordentlich sozial exklusiv zusammengesetzt ist: Nicht einmal ein Drittel der Elitemitglieder stammt aus der breiten Bevölkerung. Mit anderen Worten: zwei von drei Inhabern wissenschaftlicher Elitepositionen sind in Familien aufgewachsen, die den obersten 3,5 Prozent der Gesellschaft angehören, jeder Vierte stammt sogar aus großbürgerlichen Verhältnissen, den obersten 0,5 Prozent der gesamtgesellschaftlichen Hierarchie. Nur bei sieben der über 400 Personen handelt es sich um Arbeiterkinder, die die Spitze der Wissenschaft erreichten.

Sozial exklusiv: Über den Zugang zur Wissenschaftselite © Forschung & Lehre Soziale Zusammensetzung der wissenschaftlichen Teileliten
Darüber hinaus weisen die Elternhäuser der Elitemitglieder eine enge Verbindung zur Wissenschaft auf. Über die Hälfte kommt aus Akademikerfamilien, was angesichts dessen, dass viele der Väter in führenden Positionen keinen Hochschulabschluss hatten, einen beachtlichen Anteil darstellt. Ein Drittel ihrer Väter ist darüber hinaus promoviert, allein jeder siebte hat sogar einen Professor zum Vater. Auch um an die Spitze der Wissenschaft aufzusteigen, scheint also offensichtlich das Elternhaus nicht gerade unbedeutend zu sein. Allerdings zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede in der sozialen Zusammensetzung zwischen den wissenschaftlichen Teileliten. Während die Positionselite und die Nobelpreisträger insgesamt eine ähnlich exklusive Zusammensetzung aufweisen, finden sich unter den Leibnizpreisträgern mehr soziale Aufsteiger. Von ihnen stammt gut ein Drittel aus der "Normalbevölkerung".

Bei den Präsidenten und den Nobelpreisträgern trifft dies nur auf jeden Vierten zu. Insbesondere Nachkommen aus dem Großbürgertum sind in diesen beiden Gruppen erheblich stärker vertreten. Jeder dritte Präsident ebenso wie jeder dritte Nobelpreisträger stammt aus einem großbürgerlichen Elternhaus, von den Leibnizpreisträgern hingegen "nur" jeder Fünfte. Unterschiede finden sich auch im Hinblick auf die familiäre Nähe zur Wissenschaft. Die Mitglieder der Positionselite stammen im Vergleich zu den Preisträgern deutlich seltener aus Akademikerfamilien. Über die Hälfte ihrer Väter hat keinen Hochschulabschluss, während dies bei den Preisträgern nur auf etwa 40 Prozent zutrifft.

Sozial exklusiv: Über den Zugang zur Wissenschaftselite © Forschung & Lehre Bürgertumsanteil in der Wissenschaftselite und in der Studierenden schaft
Besonders markant ist der Unterschied zwischen den Präsidenten und den Nobelpreisträgern. Gut jeder vierte Nobelpreisträger entstammt einer Professorenfamilie; dies trifft bei den Amtsinhabern gerade einmal auf knapp jeden Zehnten zu. Insbesondere in den Leitungspositionen der Forschungsgesellschaften findet sich dafür ein hoher Anteil an Personen, die dem Wirtschaftsbürgertum entstammen, deren Väter also führende Positionen im Wirtschaftssektor besetzten. Dies trifft auf zwei Drittel der Bürgerkinder unter ihnen zu, aus dem Bildungsbürgertum stammt hingegen nur knapp ein Drittel. Bei den Preisträgern verhält es sich indes genau umgekehrt. Diese Differenzen lassen annehmen, dass die soziale Herkunft für den Zugang zur Prestige- und zur Positionselite unterschiedliche Bedeutung hat. Je mehr Entscheidungsmacht mit einer Spitzenposition einhergeht, desto bedeutsamer sind offensichtlich eine hohe sozio-ökonomische Herkunft sowie eine familiäre Verbindung zur Wirtschaft.

Umgekehrt scheint die familiäre Nähe zum wissenschaftlichen Feld für den Aufstieg in die Prestigeelite von besonderer Bedeutung, wie sich an dem hohen Anteil der Professorenkinder unter den Nobelpreisträgern eindrücklich zeigt. Im Zeitverlauf lässt sich zwar eine gewisse soziale Öffnung der Wissenschaftselite feststellen - bis zu den Geburtsjahrgängen um 1920 stammten fast alle Elitemitglieder aus dem Bürgertum, danach pendelt sich der Bürgertumsanteil bei etwa 60 Prozent ein -, jedoch verdeutlicht ein Vergleich der sozialen Herkunft der Elitemitglieder zum Zeitpunkt ihres Studiums mit der Sozialstruktur der entsprechenden gesamten Studierendenpopulation nochmals die soziale Exklusivität der Wissenschaftselite. Über den gesamten betrachteten Zeitraum liegt der Bürgertumsanteil in der Wissenschaftselite deutlich über dem der Studierendenschaft. Die separate Betrachtung der wissenschaftlichen Elitefraktionen erweckt darüber hinaus den Eindruck, dass sich auf Seiten der Positionselite für die jüngeren Studienkohorten eine erneute soziale Schließung andeutet. Eine dauerhafte soziale Öffnung lässt sich insofern nur für die Prestigeelite nachweisen.

Die Werdegänge: Ungleiche Wege an die Spitze

Neben der bisherigen sozialen Konstitution bietet auch die Analyse der Werdegänge der Wissenschaftselite Anhaltspunkte, die im Lichte der aktuellen Veränderungen in der deutschen Wissenschaftslandschaft brisant erscheinen. So zeichnen sich die Werdegänge der Elitemitglieder aus privilegierten Familienverhältnissen beispielsweise durch hohe Mobilität aus und vermitteln insgesamt den Eindruck von Ungezwungenheit und Selbstverwirklichung. Besonders markante Differenzen lassen sich bei den Großbürger- und den Professorenkindern feststellen. Sie wechseln deutlich häufiger zwischen universitären und außeruniversitären Einrichtungen und weisen durchschnittlich eine größere Anzahl an Karrierestationen auf. Ähnliches gilt auch mit Blick auf die Auslandserfahrung: Sie verbrachten nicht nur häufiger eine gewisse Zeit im Ausland, ihre Aufenthalte waren im Durchschnitt auch länger. Offensichtlich verfügen sie gewissermaßen über mehr Bewegungsfreiheit innerhalb der Wissenschaft und bespielen sozusagen das gesamte Spielfeld, während die Laufbahnen der sozialen Aufsteiger unter den Elitemitgliedern schmalspuriger ausfallen.

Diese Befunde lassen sich als starke Indizien für den Einfluss der sozialen Herkunft auf Wissenschaftskarrieren generell interpretieren. Es ist anzunehmen, dass Personen aus sozial privilegierten Familienverhältnissen nicht nur über größere Souveränität und intimere Kenntnisse der Strukturen und Regeln in der Wissenschaft verfügen, sondern auch aufgrund ihrer potenziellen ökonomischen Absicherung durch die Herkunftsfamilie eher in der Lage sind, risikoreichere Karrierestrategien zu wählen, was ihnen den Weg an die Spitze ebnet. Erkenntnisse über die bisherige Konstitution der Wissenschaftselite Deutschlands geben nicht nur einen Einblick in die historischen Chancen- und Machtstrukturen in der Wissenschaft, sondern erlauben auch, über mögliche Folgen der aktuellen wissenschaftspolitischen Entwicklungen nachzudenken.

So birgt die Verschärfung der Wettbewerbsstrukturen und die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsbedingungen die Gefahr, dass die soziale Herkunft für den Einstieg, den Verbleib und damit auch den Erfolg in der Wissenschaft eher an Bedeutung gewinnt als verliert. Eine Konzentration der Spitzenforschung auf wenige "Exzellenzeinrichtungen", wie dies im Zuge der "Exzellenzstrategie" anvisiert ist, lässt darüber hinaus annehmen, dass diese für die wissenschaftliche Sozialisation der zukünftigen Mitglieder der Wissenschaftselite (und nicht nur dieser) enorm an Bedeutung gewinnen. Mit Blick auf die Eliteeinrichtungen anderer Länder droht die Gefahr einer erheblichen Bedeutungszunahme der sozialen Herkunft für die Aufnahme und die langfristige Mitgliedschaft in diesen Institutionen. Die Konsequenz wäre eine (erneute) soziale Schließung der bisher schon sozial selektiven Wissenschaftselite bzw. eine Legitimation ihrer sozialen Exklusivität über akademische Titel bestimmter Institutionen. Diese Entwicklungen könnten somit einen Verlust potenzieller wissenschaftlicher Spitzenkräfte für die Wissenschaft bedeuten und insofern den wissenschaftspolitisch gesetzten Zielen der Förderung von Spitzenleistungen und damit der Bildung einer international sichtbaren wissenschaftlichen Elite geradezu zuwider laufen.


Über die Autorin
Dr. Angela Graf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Friedrich Schiedel-Stiftungslehrstuhl für Wissenschaftssoziologie an der Technischen Universität München.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2017

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