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Sozialarbeiter überholen Ingenieure

VON OLIVER BURGARD

Eine Studie zeigt einen neuen Engpass auf dem Arbeitsmarkt.

Sozialarbeiter überholen Ingenieure© David-W- / photocase.deAbsolventen aus den sozialen Bereichen sind gefragt wie nie
Überraschung! Die gefragtesten Akademiker auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind nicht mehr die Absolventen von technischen oder medizinischen Studiengängen. Nein, die Spitzenposition im Ranking der gefragtesten Akademiker haben 2015 Absolventen von Fächern wie Sozialpädagogik oder Soziale Arbeit übernommen. Sie werden für die Versorgung und Betreuung von Flüchtlingen gebraucht. Parallel zur Entwicklung der Flüchtlingszahlen sind die Engpässe bei sozialen Berufen von Januar bis Dezember 2015 kontinuierlich gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft, die der ZEIT exklusiv vorliegt. »Die klassische Ordnung der Engpassberufe wurde 2015 auf den Kopf gestellt«, sagt Oliver Koppel, Arbeitsmarktforscher beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Seit 2012 werden die Arbeitsmarktdaten von der Bundesagentur für Arbeit in einem Klassifikationsschema erfasst, das rund 1300 Berufe enthält. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die Daten für 2015 aufbereitet und analysiert. Und dabei für jede Gruppe das Verhältnis von offenen Stellen und Arbeitslosenzahlen ermittelt. Das Ergebnis: In der Gruppe der sozialen Expertenberufe ist die Zahl der bei der Bundesagentur gemeldeten offenen Stellen pro 100 Arbeitslose zwischen Januar und Dezember 2015 von 45 auf 114 gestiegen. Zum Vergleich: Bei den Ingenieurberufen der Energie- und Elektrotechnik bewegte sich die Zahl der offenen Stellen pro 100 Arbeitslose in diesem Zeitraum zwischen 60 und 71. »Durch die Zuwanderung der Flüchtlinge sind bei den sozialen Expertenberufen viele neue Stellen entstanden«, sagt Koppel. Weil für diese Stellen nun die Fachkräfte fehlen, könnten Seiteneinsteiger profitieren, meint Kolja Briedis, Absolventenforscher beim Deutschen Zentrum für Hochschul und Wissenschaftsforschung. Chancen hätten Politik- oder Geisteswissenschaftler, aber auch Absolventen mit Fremdsprachenkenntnissen dürfen auf Jobs hoffen. Eine Empfehlung für ein Studium der Sozialen Arbeit oder Sozialpädagogik könne man hingegen aus den Arbeitsmarktdaten nicht ableiten: »Wer jetzt mit einem Studium startet, ist frühestens in drei Jahren fertig«, sagt Briedis. »Wie der Arbeitsmarkt dann aussehen wird, kann heute noch niemand wissen.«

Aus DIE ZEIT :: 11.02.2016