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Sozialkapital oder Hypothek? Die Ambivalenz der Netzwerke

Von Boris Holzer

In den digitalen sozialen Netzwerken ist es relativ einfach, eine große Zahl von Kontakten zu unterhalten. Das hat Folgen:Wer gut vernetzt ist, hat kaum noch Möglichkeiten, für bestimmte Nachrichten oder Personen nicht erreichbar zu sein. Wird dadurch das akkumulierte Sozialkapital zu einer Hypothek?

Sozialkapital oder Hypothek? Die Ambivalenz der Netzwerke© bedo - iStockphoto.comDie Liste der "Netzwerke" liest sich mittlerweile wie ein bunt gemischtes Branchenbuch
Die Liste der "Netzwerke" liest sich mittlerweile wie ein bunt gemischtes Branchenbuch: "Thüringer Gründer Netzwerk", "FrauenNetzWerk", "Männernetzwerk Dresden", "Städte-Netzwerk NRW", "Eine Welt Netzwerk" - von Facebook, Friendster und Co. ganz zu schweigen. An Netzwerken herrscht also kein Mangel, und glaubt man den mindestens ebenso zahlreichen Ratgebern, dann hat es damit auch seine Richtigkeit. Gut vernetzt zu sein gilt nicht nur als hilfreich für die berufliche Karriere, sondern auch als Erfolgsrezept für Unternehmen und Universitäten. Obwohl Networking zunehmend als Bürgertugend gilt, hat das allzu zielstrebige Nutzen guter Beziehungen auch einen zweifelhaften Ruf. Die scheinbar unschuldigen Netzwerke werden dann schnell zu Seilschaften, Klüngeln und Kartellen. Wir schätzen Netzwerke, aber wir trauen ihnen nicht über den Weg. Worin liegt diese Ambivalenz der Netzwerke begründet?

Kapital und Korruption

Ohne Zweifel: Netzwerke können nützlich sein. Soziologen nennen das "Sozialkapital", um deutlich zu machen, dass man soziale Beziehungen gleichsam besitzen, sogar in sie investieren kann, um später einmal einen Nutzen aus ihnen zu ziehen - ähnlich wie das für Geld und Bildung gilt. Während wir beim ökonomischen Kapital wie selbstverständlich - aber nicht immer zutreffend - davon ausgehen, dass es nicht um seiner selbst willen gehortet wird, bereitet diese Vorstellung beim sozialen Kapital ebenso wie beim kulturellen Kapital Schwierigkeiten. Faktisch mag man sich um Ausbildungszertifikate und Titel allein aus Karrierezwecken bemühen, doch in den entsprechenden Institutionen wird dennoch vorausgesetzt, dass man auch an der Sache selbst interessiert ist. Noch klarer liegt der Fall beim sozialen Kapital: Beziehungen und allen voran der Freundschaft unterstellt man, dass die Beteiligten sie nicht nur deshalb eingehen, weil sie nützlich sind. Schon Aristoteles galt nicht die Nutzen-, sondern die Tugendfreundschaft als erstrebenswert. Persönliche Beziehungen müssen folglich zumindest den Anschein erwecken, um ihrer selbst willen geschätzt und gepflegt zu werden. Nur so können sie dem Anspruch gerecht werden, dass es in ihnen um die konkreten Personen geht und nicht lediglich um das Erreichen spezifischer Ziele durch mehr oder weniger austauschbare Individuen. Wer seinen Bekanntenkreis nur aus potentiellen Umzugshelfern rekrutiert, hat breite Auswahl, macht sich aber keine Freunde. Gerade weil sie nicht allein die kurzfristige Nützlichkeit persönlicher Beziehungen berücksichtigen, können Netzwerke auf Personenkenntnis und Vertrauen bauen. Dem Bekannten der Freundin leiht man das eigene Auto eher als dem Unbekannten auf der Straße. Doch das bedeutet auch, dass Netzwerke nicht nach dem Prinzip "gleiches Recht für alle" funktionieren können, sondern im Gegenteil die Bevorzugung der Bekannten (und ihrer Bekannten) unterstützen.
Wenn Netzwerke eine Rolle spielen, zum Beispiel bei der Personalauswahl, dann wird eben nicht "ohne Ansehen der Person" entschieden. Netzwerke fördern also nicht universalistische, d.h. für alle in gleicher Weise geltende, sondern partikularistische Orientierungen bei Verteilungsproblemen und Wahlentscheidungen. Man berücksichtigt und fördert diejenigen, die man kennt - oder die jemanden kennen, den man kennt. Da die moderne Gesellschaft aber in wichtigen Handlungsbereichen von der Wirtschaft über die Erziehung bis zur öffentlichen Verwaltung den Universalismus zur Norm erklärt hat, erscheinen Netzwerke als strukturfremd oder gar als "korrupt". Und das, obwohl sie doch eigentlich nur einem Prinzip folgen, das wir als solches durchaus zu schätzen wissen: Personen und ihren konkreten Eigenschaften besondere Beachtung zu schenken.

Netzwerke 2.0

Soziale Netzwerke sind offensichtlich keine neue Erfindung, und deshalb hatte die Rede von der "Netzwerkgesellschaft" zunächst auch wenig mit ihnen zu tun. Sie bezog sich auf informationstechnische Netzwerke, allen voran das Internet, die neue Möglichkeiten der Kommunikation über große Distanzen erschlossen - und das, anders als die klassischen Massenmedien wie Zeitung und Fernsehen, nicht nur in eine Richtung. Schon die Telegrafie als eine Art "viktorianisches Internet" (Standage) hatte die Fantasie beflügelt, welche positiven Folgen die weltumspannende Kommunikation haben könnte. Dazu gehörte die Erwartung, der Transport und Kommunikation umfassende "Weltverkehr" könnte nicht nur das Wirtschaftsleben bereichern, sondern auch zu mehr Verständigung und Solidarität führen. Die Entwicklung des Internets begleiteten ähnliche Hoffnungen, nochmals verstärkt durch dessen breitere Verfügbarkeit und stärkere Integration in den beruflichen und privaten Alltag. Erst mit den Social Networking Platforms wie Friendster, Myspace, Facebook etc. schließt sich der Kreis zu den sozialen Netzwerken: Auch wenn sie gelegentlich so bezeichnet werden, sind diese allerdings keine "sozialen Netzwerke". Sie bieten vielmehr technische Plattformen für die Kommunikation in sozialen Netzwerken, indem sie die zugrunde liegenden sozialen Beziehungen in Form miteinander verknüpfter Kontaktlisten speichern und jederzeit verfügbar halten.

Dadurch wird es einfacher, nicht nur auf die eigenen Kontakte, sondern auch auf deren Netzwerke zuzugreifen bzw. umgekehrt: von diesen erreicht zu werden. Je nach Regulierung der Privatsphäre bedeutet virtuelle "Freundschaft", dass auch die Freunde von Freunden Zugang zu bestimmten Informationen erhalten. Facebook und Co. machen die Struktur sozialer Netzwerke damit für die Beteiligten anschaulich und für Dritte zugänglich. Neue Werbemethoden wie das virale Marketing machen sich zunutze, dass man für die Nachricht eines Bekannten mehr Aufmerksamkeit aufbringt als für die anonyme Postwurfsendung. Durch Technisierung verlieren soziale Netzwerke nicht ihre Ambivalenz. Sie tritt in gewisser Hinsicht sogar noch schärfer hervor: Da es relativ einfach wird, eine große Zahl von Kontakten zu unterhalten, können die Folgeprobleme der Vernetzung nicht mehr ignoriert werden, insbesondere die Kosten der Erreichbarkeit. Wer gut vernetzt ist, hat kaum noch Möglichkeiten, für bestimmte Nachrichten oder Personen nicht erreichbar zu sein. Das Sozialkapital wird dann leicht zur Hypothek.


Über den Autor
Boris Holzer ist Professor für Politische Soziologie an der Universität Bielefeld.


Aus Forschung und Lehre :: März 2011

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