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Sozialkompetenzen: wie lassen sie sich lehren und prüfen?

Von Hanna Löhmannsröben und Peter Wex

Ein Ziel der Bologna-Deklaration ist die "Employability". Damit der einzelne Student schließlich "beschäftigungsfähig" ist, sollen nicht nur akademische, sondern auch soziale bzw. methodische Kompetenzen geprüft werden. Doch geht das überhaupt? Und wenn ja, wie?

Sozialkompetenzen: wie lassen sie sich lehren und prüfen?© BeneA - Photocase.comSoziale Kompetenzen bekommen einen immer größeren Stellenwert
Ein erfolgreicher Studienabschluss im Bachelor und Master bescheinigt den Studierenden, das Lernziel erreicht, also die in den Modulen benannten Qualifikationsziele und die genannten Kompetenzen erworben zu haben. Trifft diese Aussage zu? Kann mit einer Klausur oder einer Hausarbeit, den häufigsten Prüfungsformen, z.B. der Erwerb einer Sozialkompetenz, nachgewiesen werden? Welche Kompetenzen werden mit einer mündlichen Prüfung festgestellt? Oder allgemeiner: Mit welchen Prüfungsformen können welche Kompetenzen erfasst werden?

Beschäftigungsbefähigung herstellen

Die Beschäftigungsbefähigung, die "Employability" Studierender herzustellen ist ein zentrales, erklärtes Ziel der Bologna-Deklaration. "Employability" meint die Ausbildung akademischer Kompetenzen mit beruflicher Relevanz und grenzt sich ab von der Berufsbefähigung, die in engerer Definition lediglich den spezifischen Beruf im Blick hat. Die Feststellung von Kompetenzen, erst recht die Prüfung von Kompetenzen, stellt eines der schwierigsten Themen in den Wissenschaftsdisziplinen dar. Gleichwohl ist jede Hochschule verpflichtet, Kompetenzprüfungen zu beschreiben und durchzuführen. Am Ende eines jeden Moduls dokumentieren die Lehrenden, dass und welche Kompetenzen die Studierenden erworben haben.

Herausforderung "methodische Kompetenzen"

Kompetenzen lassen sich allgemein in fachbezogene und überfachliche Kompetenzen gliedern. Relativ verlässlich und praxiserprobt ist die Feststellung und Prüfung von fachlichen Kompetenzen. Die Abfrage der Fachkompetenz korrespondiert unmittelbar mit dem Wissensbestand des Fachgebiets. Ist dieser festgelegte Wissensbestand verstanden und wiedergegeben? Daraus leitet sich ebenso unmittelbar die Folgerung ab, dass eine Klausur oder Hausarbeit geeignet ist, die Fachkompetenz in dem jeweiligen Fachgebiet nicht allein abzufragen, sondern auch ablesbar nachzuweisen.

Etwas herausfordernder ist es, methodische Kompetenzen festzustellen, also z.B. die Fähigkeit, analysieren oder bewerten zu können oder Konzepte zu entwickeln. Im Gegensatz zum Faktenwissen enthält der Nachweis von Analyse- und Bewertungskompetenzen einen komplexeren Vorgang, der auch komplexer zu prüfen ist. Die hier gemäße Prüfungsform muss also z.B. sicherstellen, dass analytisches, bewertendes und konzeptentwickelndes Verständnis in der Prüfung abgerufen werden kann. Damit wird von vornherein die schriftliche Prüfungsform differenzierter zu betrachten sein. Die personale Komponente muss hinzukommen - anders als in der Klausur.


Zur Selbstkompetenz gehören z.B. Selbstreflexion, Stressbewältigung, Zeitplanung, Arbeitsorganisation und Selbstregulation von Bedürfnissen, Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen. Die Anforderungen an geeignete Prüfungsformen steigen. Mit einer Klausur oder Hausarbeit wird bestenfalls ein Teil der Fähigkeit zur Selbstregulierung erfasst. Das gilt ebenso für Stressbewältigungssituationen. Indirekte Prüfungen - etwa Feststellungen über vermutete Teamleistungen bei einem Gruppenreferat - sind riskant. Hier wird zu den personalen Elementen ein situatives Moment hinzutreten, das abgeprüft werden muss. Eine mündliche Prüfung oder ein Rollenspiel erscheinen damit von vornherein geeigneter als die häufigste Prüfungsform "Klausur". Sozialkompetenzen zu prüfen stellt eine besondere Herausforderung dar. Hierunter werden - bei allen Unterschieden - die Fähigkeiten des Umgangs mit Personen und Personengruppen gezählt. Das sind Kommunikationsvermögen, Konfliktfähigkeit, Empathie, Kooperations- und Vernetzungsfähigkeit, kulturelle Kompetenz sowie die Fähigkeit, Arbeits- und Lernbeziehungen zu gestalten.

Vier Formen der Sozialkompetenzprüfung

Bei dem Nachweis von Sozialkompetenzen kommen Skeptiker wie Optimisten gleichermaßen zum Zuge: einerseits wird die Auffassung vertreten, die Sozialkompetenz entziehe sich einem Nachweis, vollzogen in einer bloßen Prüfung. Dieses Gesamturteil könne nur abschließend und durch eine vollständige Einbeziehung der gesamten Persönlichkeit erfasst werden. Andere hingegen prüfen Sozialkompetenzen spezifisch. Dabei können aus unserer Sicht vier Verfahren unterschieden werden:
  • "Summarische Sozialkompetenz-Eingangsprüfung": Sozialkompetenz-Prüfung zu Studienbeginn, um die generelle Sozialkompetenz als Studienvoraussetzung zu überprüfen
  • "Modulintegrierte Sozialkompetenz-Prüfung": Sozialkompetenz-Prüfung ist integriert in mehrere oder alle Module
  • "Additive Sozialkompetenz-Prüfung": Sozialkompetenz-Prüfung in einem oder mehreren zusätzlichen Modulen ausschließlich mit dem Fachinhalt Sozialkompetenzvermittlung
  • "Summarische Sozialkompetenz-Abschlussprüfung": Sozialkompetenz-Prüfung zum Studienabschluss mit Aufnahme des Ergebnisses in das Diploma Supplement.

Und die Sozialkompetenzen der Prüfenden? Zu Recht wird gefordert zu untersuchen, welchen Einfluss die Sozialkompetenzen der Prüfenden auf die Vermittlung des Stoffes haben, sei es, dass die Sozialkompetenzen nur gering vorhanden oder besonders stark ausgeprägt sind. Diese Ausgangslage bestimmt das Prüfungsgeschehen in hohem Maße mit.

Notwendige Standardisierung

Die zu entwickelnden Indikatoren für Sozialkompetenzprüfungen müssen Rückschlüsse auf das Vorhandensein von Sozialkompetenzen erlauben. Nur diejenigen Prüfungsformen dürfen angewendet werden, die Erkenntnisse über Sozialkompetenzen aus den gezeigten Handlungen (Prüfungsgeschehen!) in konstruierten, typischen, relevanten und zuvor gelehrten Praxissituationen des Berufsfeldes erlauben. Geeignete Schritte zur Standardisierung wären:
  • Definition und Beschreibung einzelner Verhaltensdimensionen der zu prüfenden Sozialkompetenz
  • Entwicklung von Indikatoren für das Vorhandensein jeder einzelnen Verhaltensdimension. Dabei kann auf die Deskriptoren für die Kategorien Wissen, Verstehen und Können zurückgegriffen werden unter Einbeziehung des deutschen und europäischen Qualifikationsrahmens für Hochschulabschlüsse und lebenslanges Lernen sowie angelsächsischer Literatur (vgl. z.B. Moon, 2002, The Module and Programme Development, Handbook).
  • Auswahl geeigneter Praxissituationen für die Lehre und das Training der einzelnen Verhaltensdimensionen in der Lehrveranstaltung
  • Konstruktion geeigneter Praxissituationen für die Performanz der Studierenden in der Prüfung und daraus abgeleitet
  • Entwicklung geeigneter Dokumentationsformen von Prüfungsinhalt und -ergebnis.


Konkret angewendet würde eine derartige Standardisierung z.B. Folgendes bedeuten: Der Sozialkompetenz "Konfliktfähigkeit" wird u.a. die Fähigkeit zugeordnet, deeskalierend zu wirken. In einer Prüfungssituation handeln zwei (nicht zu prüfende) Personen als Jugendliche, der eine droht dem anderen Prügel an, wenn dieser nicht sofort sein Handy herausgibt. Der Prüfling hat die Aufgabe, konkret in dieser Situation als Sozialarbeiter zu handeln. Indikatoren deeskalierenden Verhaltens sind z.B. ruhige Stimmführung, verbale Klarheit und Eindeutigkeit, zugewandte Körpersprache, zielorientiertes Einwirken auf beide Beteiligte. Die Prüfenden kreuzen während der zehnminütigen Prüfung auf einer Checkliste an, welche Indikatoren im Verhalten des Prüflings in welchem Ausmaß beobachtbar sind. Geprüft wird also nicht allein das Wissen über deeskalierendes Verhalten. Bewertet wird nicht nach einem vagen Eindruck des gezeigten Verhaltens.

Vielmehr werden die gezeigten Handlungen und Einstellungen geprüft und bewertet, und zwar in konstruierten und typischen Praxissituationen des fachspezifischen Berufsfeldes. Zusätzlich: Die Sozialkompetenzvermittlung und -prüfung stellt im Bolognaprozess (aber nicht nur dort) einen Entwicklungsprozess dar, der sich über die Dauer eines Moduls, vielleicht sogar über das gesamte Studium erstreckt. Deshalb muss die Lernausgangslage erfasst werden, d. h. eine Feststellung darüber, über welche Sozialkompetenzen Studierende zu Beginn des Lernprozesses verfügen. Nach der Strukturierung des gemeinsamen Lernweges im Semester ist abschließend das Lernergebnis festzustellen.

Konsequenzen für Prüfung und Akkreditierung

Schließt man sich den geschilderten Schritten an, gelangt man zu einer neuen Sicht des Prüfungsgeschehens. Die Lehrveranstaltungen würden unter sehr starker Berücksichtigung des Abschlusses konsequent vom Ende her geplant, nämlich von den festzustellenden Lernergebnissen. Damit wäre die qualitative Wechselwirkung von Lern- und Prüfungserfolg didaktisch konstituiert. Zugleich wäre einer der Forderungen aus studentischen Protestaktionen im Wintersemester 2009/10 Rechnung getragen, mit denen unter anderem die Prüfungsausgestaltung vehement kritisiert wird. Es erstaunt in hohem Maße, welches offensichtliche Desinteresse die Adressaten kompetenzorientierter Prüfungen, Prüfer wie Akkreditierungsagenturen, an diesem Thema haben. Obwohl für die Akkreditierung zwingend gefordert wird, ein Studiengang müsse die zu vermittelnden Fach-, Methoden-, Lern- und soziale Kompetenzen benennen, ebenso die Arten der Leistungsnachweise im Prüfungsverfahren, sehen die Akkreditierungsagenturen in der bloßen modularen Darstellung die Aufgaben als erfüllt an. Man kann an dieser Stelle schon fragen, was eine Akkreditierung eigentlich wert ist, wenn Qualitätsstandards eingefordert werden, ihre Erfüllung aber nicht einmal pauschal oder ansatzweise überprüft wird. Der Auftrag der KMK, Qualität in Lehre und Studium durch unabhängige Agenturen zu befördern und sicherzustellen, läuft hinsichtlich der Kompetenzfeststellungen weitgehend ins Leere.


Hanna Löhmannsröben ist Professorin für Heilpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin.
Dr. Peter Wex ist Experte für den Bologna-Prozess. Er hat die Arbeitsstelle Bildungsrecht und Hochschulentwicklung an der FU Berlin geleitet.
Die beiden Autoren erreichten mit dem Konzept "Kompetenzorientierte Prüfungsformen" 2009 die Finalrunde des vom Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft durchgeführten Wettbewerbs "Exzellenz in der Lehre".


Aus Forschung und Lehre :: März 2010

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