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Späte Einsicht, fast von selbst

Von Madlen Ottenschläger und Jan-Martin Wiarda

Dass die Bundesregierung ein Milliardenprogramm für die Lehre auflegen will, verdanken die Studenten vor allem zwei mit privaten Geldern finanzierten Initiativen.

Späte Einsicht, fast von selbst© Peter Winandy - RWTH Aachen "Wir müssen raus aus der Anonymität und den Studierenden das Gefühl vermitteln, dass wir wirklich an ihnen interessiert sind", sagt der Prorektor der RWTH Aachen, Prof. Dr. Aloys Krieg, hier im Gespräch mit seinen Studenten
Mit guter Lehre macht man keine Karriere«, sagt Bettina Jorzik vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und fügt nach kurzer Pause hinzu: »Noch nicht.«

An den deutschen Hochschulen tut sich etwas. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat eine Art Exzellenzinitiative für Hochschuldidaktik versprochen. Auf der mit viel Getöse angekündigten Bologna-Tagung am Montag will sie vor Studenten, Hochschulrektoren und Landesministern ihre Pläne erläutern. Die Eckpunkte sind bereits seit einigen Wochen bekannt: Innerhalb von zehn Jahren sollen Dutzende von Standorten mit insgesamt zwei Milliarden Euro unterstützt werden - wenn sie sich an neue, innovative Lehrkonzepte herantrauen.

Ob das Milliardengeschenk von Schavan reicht, um die von Bologna genervten Studenten ruhigzustellen, ist zweifelhaft. Hinzu kommt: Dass die Lehre im Bewusstsein der Politik angekommen ist und nicht mehr nur im Schatten der Forschung steht, hat wenig mit Einsicht und viel mit dem Projekt zu tun, das sich Bettina Jorziks Arbeitgeber Ende 2008 ausgedacht hat: Der Wettbewerb Exzellente Lehre, vom Stifterverband zunächst auf eigene Faust und ohne staatliches Geld geplant, hat die Hochschuldidaktik erstmals aus ihrem Schattendasein geholt. Als mit »Bologna - Zukunft der Lehre« gleich noch eine Initiative gestartet wurde, diesmal finanziert von der Volkswagen- und Mercator-Stiftung, konnte die Politik gar nicht mehr anders, als zu reagieren. Mittlerweile hat Schavan mit ihrer Initiative den Schwarzen Peter geschickt weitergeschoben - an die Bundesländer: Verbunden mit dem Hinweis auf die beiden nichtstaatlichen Vorgängerinitiativen fordert sie von den Ministerpräsidenten, sich gefälligst großzügig an dem Projekt zu beteiligen.

Womöglich wird es ja bereits im Rahmen der Bologna-Konferenz erste Zusagen geben. Insofern ist die durch Jorzik und ihre Mitstreiter angestoßene Kettenreaktion Grund genug, sich die herausragenden Siegerkonzepte der beiden Wettbewerbe noch einmal genauer anzuschauen - werden die dort gemachten Erfahrungen doch die Ausgestaltung des Schavan-Programms entscheidend prägen. Der Wettbewerb vom Stifterverband hatte das große Ganze im Blick: Prämiert wurden Projekte, die die Lehre einer Hochschule insgesamt besser machen sollen. Ein paar Beispiele:

  • Die TU München - die auch beim Exzellenzwettbewerb Forschung erfolgreich war - hat ein Freisemester für die Lehre eingeführt. Ein einfacher Kniff und doch eine kleine Revolution: Freisemester gab es an deutschen Universitäten bislang nur für die Forschung. Während des Lehr-Freisemesters werden in einem Kursus für Dozenten neue Methoden ausprobiert, weg vom Frontalunterricht beispielsweise. An die Reputation der Lehrenden hat die TU dabei auch gedacht, sie müssen ein wissenschaftliches Werk schreiben, in dem sie ihr Konzept vorstellen. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Die neuen Methoden werden so einem breiteren Publikum zugänglich; das ist in der Forschung längst Usus. Und die Professoren haben etwas für ihre Publikationslisten. »Klar ist, dass wir exzellente Forschung brauchen«, sagt TU-Vizepräsident Professor Peter Gritzmann. Aber ohne gute Lehre gehe es nicht, »sonst schneiden wir den Ast ab, auf dem wir sitzen«. Bei der Berufung müssen die Kandidaten deshalb ein Lehrportfolio präsentieren, das zeigt, dass sie sich Gedanken übers Unterrichten machen: Was sind ihre Methoden? Welche Ideen haben sie für künftige Kurse? Studenten werden zu Mitentscheidern: Die TU schickt sie an die Heimatunis der Bewerber, um Lehrveranstaltungen zu besuchen und der Kommission davon zu erzählen.

  • Die RWTH Aachen setzt an der Abbrecherrate an. Und die kann sich so gar nicht sehen lassen: Obwohl auch Aachen exzellent in der Forschung ist, schließen gerade einmal 40 bis 50 Prozent der Studenten ihr Studium an der RWTH erfolgreich ab. »Davon müssen wir weg«, sagt Professor Aloys Krieg, Prorektor an der RWTH. Mit dem neuen Konzept hofft Krieg in Zukunft auf eine Erfolgsquote von 75 Prozent. Kernstück sind Studierfähigkeitstests, auf das Studium allgemein bezogen, und spezielle Studierfähigkeitstests, die zeigen, ob ein Bewerber einem Fach gewachsen ist. »Es geht nicht darum, Angst zu verbreiten«, sagt Krieg. Vorkurse sollen Lücken schließen, die in den Tests sichtbar werden, hinzu kommen Mentoring-Programme: Im Maschinenbau beispielsweise treffen sich die Fachprofessoren dreimal pro Semester in Kleingruppen mit den Studenten, um über die Lehre und Probleme zu sprechen. In der Mathematik wird es Eins-zu-eins-Treffen geben, mit Lehrbeauftragten. »Wir müssen raus aus der Anonymität und den Studierenden das Gefühl vermitteln, dass wir wirklich an ihnen interessiert sind«, sagt Krieg.

  • Die Universität Potsdam schließlich nimmt mit ihrem Konzept schon einige Ziele der Schavan-Initiative vorweg. Sie richtet ein Fortbildungsprogramm für Doktoranden ein, damit sie lernen, was gute Lehre bedeutet - inklusive eines einsemestrigen Vollstipendiums für jeden, der mitmacht. Zweitens sollen neu berufene Professoren und Postdocs künftig unter der Überschrift »Senior Teaching Professionals« Bera tung bei der Planung von Kursen und Prüfungen bekommen. Und drittens soll ein sogenanntes Studentenpanel aufgebaut werden, um herauszufinden, ob die eingeleiteten Maßnahmen auch wirklich funktionieren.


Was vom Stifterverband-Wettbewerb sonst noch in die Milliardeninitiative einfließen soll: Geld wird es nur gegen die Präsentation umfangreicher Konzepte mit Vorschlägen geben, wie die Lehre an den Bewerberhochschulen verbessert werden kann. Es klingt wie die Quadratur des Kreises. Breitenförderung ja, aber nur bei nachgewiesener Qualität des Antrags. Einigen Experten gehen die Wettbewerbselemente des Schavan-Plans nicht weit genug, sie fordern wie bei der Stifterverbandinitiative Besten- statt Breitenförderung.

Und noch ein weiteres wichtiges Signal ging aus von der Initiative Exzellente Lehre: Der Stifterverband hatte es nach zähen Verhandlungen geschafft, die Kultusministerkonferenz an Bord zu holen. Viel staatliches Geld floss zwar bei dem mit insgesamt 10 Millionen Euro dotierten Wettbewerb nicht, aber der Dammbruch war da. Volkswagen- und Mercator-Stiftung wiederum hatten bei ihrem Wettbewerb nicht das große Ganze im Blick, sondern gingen punktuell vor: Ausgezeichnet wurden sechs innovative Stu diengänge und drei Kompetenzzentren. »Der Bologna-Prozess hat Defizite«, sagt Anja Fließ, bei der Volkswagen-Stiftung zuständig für die Initiative. Spätestens seit den Studentenprotesten vom vergangenen Herbst sind die Schwächen nicht mehr nur den Betroffenen bekannt: Die Mobilität der Studenten ist eingeschränkt worden, viele Studienpläne sind zu vollgestopft. Einige Gegenmittel der Siegerhochschulen:

  • »Pons« (Brücken) heißt ein Sieger-Projekt, das die Universität Göttingen entwickelt hat. Es setzt bei der Mobilität in der Klassischen Archäologie an und ist eine Art Erasmus fürs Inland. »Studienortwechsel innerhalb Deutschlands haben mit dem Bologna-Prozess nicht zu-, sondern abgenommen«, sagt Projekt-Koordinator Professor Johannes Bergemann, zu verschieden seien häufig die Bachelorstudiengänge, zu schwer sei es, Leistungen anerkennen zu lassen. Neun Archäologie-Institute gehören zu Pons, sie erarbeiten ein Kern-Curriculum, doch jeder Standort behält auch seine Besonderheit. Das kann ein Schwerpunkt in griechischer Archäologie sein oder in etruskischer. »Wir wollen nicht, dass sich die Studenten formell umschreiben müssen, wenn sie für ein oder zwei Semester die Universität wechseln, um sich einen weiteren Schwerpunkt zu erarbeiten«, sagt Bergemann. »Was im Ausland möglich ist, muss doch im Inland auch gehen. Wir sind gerade dabei, die dafür nötigen Strukturen zu entwickeln.«
  • Die Charité in Berlin hat ein »Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre und evidenzbasierte Ausbildungsforschung« gegründet. Hinter dem komplizierten Namen steckt die Idee, die medizinische Ausbildungsforschung in Deutschland auf internationalem Niveau zu betreiben, die Lehrtätigkeit zu professionalisieren und die Curricula im Medizinstudium praxisnäher zu gestalten. Anstatt die Fachdisziplinen getrennt durchzukauen, soll sich die Lehre künftig noch stärker an den tatsächlichen Kompetenzen auszurichten, die künftige Ärzte brauchen, um ihren Beruf ausüben zu können. Benannt ist das Zentrum nach dem verstorbenen Gründer des ersten Berliner Medizin-Reformstudiengangs.

  • Einen anderen Weg gehen die Universitäten Paderborn und Kassel, dort entsteht ein Kompetenzzentrum Mathematik. »Mathematik ist für manche ein echtes Problem«, sagt Professor Reinhard Hochmuth von der Universität Kassel. Studiengänge wie beispielsweise die Wirtschafts- oder die Ingenieurwissenschaften kommen aber ohne Mathematik nicht aus. Im Kompetenzzentrum soll erforscht werden, warum sich manche Studenten so schwer tun. Fehlt es an Grundlagen? Wie können Lücken geschlossen werden? Welche Vermittlungsmethoden müssen überdacht werden? »Bislang läuft in der Mathematik viel nach Schema F, Vorlesung, Übung, Übungsaufgaben, Klausur«, erzählt Hochmuth. »Vielleicht müssen wir auch noch anders darangehen.«

Obgleich das Milliardenprogramm von Bund und Ländern komplett andere Akzente setzen soll als der Bologna-Wettbewerb - auch der hat bewiesen, dass die Verantwortlichen in den Hochschulen gern bereit sind, sich dem Wettbewerb um die dringend nötigen Gelder zu stellen und selbst das aufwendige Erarbeiten überzeugender Wettbewerbskonzepte nicht scheuen: Jede dritte deutsche Hochschule hat einen Antrag eingereicht, beim Wettbewerb des Stifterverbands sogar jede zweite. Stolze Zahlen. Am Preisgeld allein kann es nicht gelegen haben, das pendelte zwischen einer halben Million und einer Million Euro pro Sieger. Immerhin: Beim Schavan-Wettbewerb könnte es die eine oder andere Million mehr werden.

Aus DIE ZEIT :: 12.05.2010

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