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Spagat der Kleinen Fächer

Von Vera Müller

Die vielgeforderte "Profilbildung" der Universitäten macht den "Kleinen Fächern" das Leben zunehmend schwer. Kleine Fächer bilden selten für einen spezifischen Beruf aus, verfügen über begrenztes Personal und wenige Studierende, sind meist nur an wenigen Hochschulen in Deutschland vertreten und oft drittmittelschwach. Eine aktuelle Studie hat nun die gegenwärtige Situation und Perspektiven der Kleinen Fächer in Nordrhein-Westfalen analysiert. Wesentliche Ergebnisse.

Spagat der Kleinen Fächer: Profilbildung Universitäten© Vege - Fotolia.com
Die gute Nachricht lautet: Die Leitungen und Fakultäten der sechs nordrhein-westfälischen Universitäten, deren Kleine Fächer jüngst im Auftrag des Wissenschaftsministeriums evaluiert wurden, bekennen sich ausdrücklich "zur Vielfalt des an ihrer jeweiligen Hochschule vertretenen Spektrums an Kleinen Fächern". Doch was dieses Bekenntnis tatsächlich wert ist, wird sich bei anstehenden Neu- und Umverteilungen der Mittel zeigen. Darauf verweist die Expertenkommission unter Vorsitz von Hans-Joachim Gehrke, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (Berlin), die die Fächer aus den "Sprachen und Kulturen ausgewählter Epochen und Regionen" der Universitäten Bochum, Bonn, Duisburg-Essen, Düsseldorf, Köln und Münster evaluiert hat. Der Bericht ist eine differenzierte Darstellung der einzelnen Fächer mit einer genauen Stärken- und Schwächenanalyse. Dabei treten die strukturellen Dilemmata zutage, die sich durch die Eigengesetzlichkeit der Kleinen Fächer und die an sie "von außen" gestellten Anforderungen ergeben.

Nachwuchsprobleme

Abgesehen von ihren traditionellen Aufgaben, der fachlich-disziplinären Arbeit, mussten die Kleinen Fächer in der jüngsten Vergangenheit eine Vielzahl neuer Herausforderungen bewältigen: die Koordination neuer Netzwerke, die Etablierung und Organisation der neuen Studiengänge inclusive einem höheren Zeitaufwand für Lehre und Prüfungen. Ein erheblicher Teil dieser Aufgaben lastet vor allem auf den Schultern des wissenschaftlichen Nachwuchses. Seine Situation bezeichnen die Gutachter als besonders prekär und von einer gewissen Perspektivlosigkeit geprägt. Sie empfehlen deshalb eine landesweite bzw. bundesweite "Förderinitiative Nachwuchs Kleine Fächer" vor, die "gezielt" bestimmte Fächer unterstützt. Gefördert werden sollen solche Bereiche, "die in Nordrhein-Westfalen, aber darüber hinaus auch in Deutschland selbst, defizitär, aber angesichts von Migrations- und Globalisierungsprozessen für die kulturelle Orientierung unserer Gesellschaft, zugleich aber auch für ihre wirtschaftliche Entwicklung wichtig sind". Kleine Fächer also mit einem klaren Nutzwert.


Mittelverteilung

Ein weiteres, speziell die Kleinen Fächer betreffendes Problemfeld ist die Mittelverteilung. Nach Erkenntnissen der Autoren haben die Kleinen Fächer schnell das Nachsehen, wo Drittmittel als nahezu einziger Erfolgsmaßstab für Forschungsleistungen herangezogen werden. Eine vor allem auf quantitative Elemente fußende Leistungsbeurteilung privilegiere große Verbünde, die "wissenschaftlicher Kreativität und Originalität nicht in jedem Fall förderlich sind". Die Kommission fordert deshalb "differenziertere Kriterien der Mittelverteilung", die von den Hochschulen mithilfe der jeweiligen Fächer entwickelt werden und vor allen Dingen qualitative Gesichtspunkte berücksichtigen sollten. Wohltuend klar wird betont, der wesentliche Ertrag der Forschungen der Kleinen Fächer liege nach wie vor in der Publikation, eine Bewertung sollte sich deshalb vorrangig an der erbrachten Leistung und nicht etwa an dem Umfang einer bewilligten Antragssumme orientieren.

Trend zur Vernetzung

Kritisch betrachtet die Kommission die Tendenz, in Ermangelung von Drittmitteln die Vernetzung als dominierenden Faktor der Bewertung zu sehen. Notwendig sei eine sinnvolle Balance zwischen disziplinärer Einzelforschung und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Auch die Wirksamkeit von Zentren sollte in Abständen evaluiert werden. Den Gutachtern ist durchaus bewusst, dass Vernetzungen und Zentrenbildungen Chancen, aber auch eigene Probleme bergen. Sie sprechen vom "Spagat", der den Kleinen Fächern gelingen muss; einerseits sollen sie ihre jeweilige fachliche Identität bewahren, andererseits sich möglichst intensiv vernetzen, einerseits "ihre Standards wahren", andererseits sich profilieren. Viele dieser Kleinen Fächer bewältigen diesen Spagat mit ein oder zwei Professoren und maximal drei oder vier wissenschaftlichen Mitarbeitern. Und nicht immer sind sie angemessen in den inneruniversitären Abstimmungsprozess über den Grad und die Form der Vernetzung eingebunden. Und so kommt es vor, dass die aus dieser Vernetzung hervorgehenden neuen Fächerkombinationen nicht immer mehr die Identität der einzelnen Kleinen Fächer erkennen lassen. Das ist die schlechte Nachricht.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

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