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Sparen auf dem Rücken der Universitäten


Interview mit Oliver Günther

Hochschulen müssen seit jeher mit knappen finanziellen Mitteln umgehen. Was aber, wenn Kürzungen so massiv ausfallen, dass sinnvolle Forschung und Lehre kaum mehr möglich erscheinen? Fragen an einen Betroffenen, den Präsidenten der Universität Potsdam.

Sparen auf dem Rücken der Universitäten© Universität PotsdamOliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, zum Sparkurs an den Hochschulen
Forschung & Lehre: Sie sind von Ihrem Amt als stellvertretender Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz zurückgetreten. Was war der konkrete Anlass?

Oliver Günther: Anlass war die Verteilung der Mittel aus dem Hochschulpakt 2020 für das Haushaltsjahr 2013. Brandenburg erhielt insgesamt 41,5 Mio. EUR. Davon gingen 24,2 Mio. Euro an die drei Universitäten, das sind 58 Prozent. Vor dem Hintergrund, dass die Universitäten 68 Prozent der insgesamt gut 51.000 Studierenden im Wintersemester 2012/13 ausbilden und daneben ihren Forschungsauftrag intensiv wahrnehmen, erscheint dies kaum nachvollziehbar.

F&L: Gibt es in Brandenburg zu wenig Geld für die Wissenschaft oder werden die Prioritäten falsch gesetzt?

Oliver Günther: Grundproblem ist die extreme strukturelle Unterfinanzierung der Hochschulen insgesamt. Brandenburg gibt pro Einwohner 114 Euro für seine Hochschulen aus, im Bundesdurchschnitt sind es um die 257 Euro. Damit liegt Brandenburg auf dem letzten Platz. Beim Anteil des Hochschulhaushalts am Landeshaushalt sieht es nicht viel besser aus - mit etwa 2,5 Prozent liegt Brandenburg im Bundesvergleich ganz hinten. Dies sind in etwa 5.000 Euro pro Studierendem pro Jahr - ebenfalls bundesweiter Negativrekord. Vor dem Hintergrund, dass es kaum einen preiswerteren Weg für eine Landesregierung gibt, um Bevölkerungsschwund zu stoppen und Wirtschaftswachstum zu fördern als die angemessene Finanzierung seiner Hochschulen, muss all dies höchst nachdenklich stimmen.

F&L: Sie sprechen von einer "Bevorzugung der Fachhochschulen", die wiederum in der Verteilung der Mittel einen "ausgewogenen Kompromiss" sehen. Unüberbrückbare Gegensätze?

Oliver Günther: Das nächste Problem ist, dass der beschriebene Mangel nicht etwa gleichmäßig verteilt, sondern überwiegend auf dem Rücken der Universitäten ausgetragen wird. Wir haben in Brandenburg außerordentlich leistungsfähige Fachhochschulen, die sich sehr erfolgreich in der angewandten Forschung profilieren. Unser Verhältnis zu den FHs ist ausgesprochen gut, gleiches gilt für das persönliche Verhältnis unter den Präsidenten. Die von der Landesregierung gewählte Mittelverteilung sowie die Ereignisse in der Lausitz werfen allerdings die Frage auf, ob eine Differenzierung zwischen unterschiedlichen Hochschulen überhaupt noch gewünscht wird. Ich bin kein Freund des derzeitigen Zwei-Arten-Systems, sondern würde eine Differenzierung entlang eines kontinuierlichen Spektrums bevorzugen, wobei die individuelle Forschungsstärke einer Hochschule angemessen berücksichtigt wird. Aber dies darf nicht mit Gleichmacherei verwechselt werden. In Brandenburg erhalten die FHs pro Student pro Jahr inzwischen teilweise mehr als die Universitäten. Das passt nicht zusammen.

F&L: Hätten Sie im Amt nicht mehr für die Universitäten erreichen können?

Oliver Günther: Engagieren kann man sich auch ohne Amt. Aber es sollte nachdenklich stimmen, dass derzeit keiner der drei brandenburgischen Universitätspräsidenten bereit ist, sich in der Leitung der Landesrektorenkonferenz zu engagieren.

F&L: Wie soll es jetzt weitergehen mit den Hochschulen in Brandenburg?

Oliver Günther: Die Landesregierung muss sich überlegen, wie wichtig ihr ihre Universitäten sind. Wenn man international sichtbare Forschungsuniversitäten im Land haben will, muss man sie angemessen finanzieren. Forschung ist für die langfristige Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplatzsicherheit essenziell, aber sie kommt nicht zum Nulltarif. Da Forschung nicht gleichverteilt sein kann, weder qualitativ noch quantitativ, bedingt dies eine aufgrund der Forschungsleistung differenzierte Förderung der unterschiedlichen Hochschulen.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2013

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