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»Wir werden zu Spielertypen«

Die Fragen stellte ANNE HÄHNIG

Thomas Kaiser, Doktorand in Jena, fragt sich, wohin der Elite-Wahn die Unis noch führt.

»Wir werden zu Spielertypen«© serggn - iStockphoto.comDer Wettbewerb der Universitäten wirkt sich negativ auf Forschung und Lehre aus
DIE ZEIT: Herr Kaiser, was hat sich bei Ihnen gerade verändert?

Thomas Kaiser: Lustig, dass Sie fragen. Ich habe gerade heute einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.

ZEIT: Glückwunsch! Erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit?

Kaiser: Ich bin Physiker an der Uni Jena, schreibe hier meine Doktorarbeit. Eigentlich kann ich mich nicht beklagen. Mein Institut ist deutschlandweit angesehen, viele der Absolventen hier machen bei namhaften Firmen Karriere, bei Carl Zeiss zum Beispiel. Aber wenn ich ehrlich sein soll, bin ich trotzdem ein bisschen unzufrieden.

ZEIT: Warum?

Kaiser: Ich habe jetzt zum fünften Mal in Folge einen befristeten Arbeitsvertrag unterschrieben. Er gilt gerade einmal für acht Monate. Danach bekomme ich den nächsten befristeten Vertrag. So geht das immer weiter, auch nach der Promotion. Irgendwann werde ich mich sicherlich um einen Job in einem Unternehmen bewerben. Das ist schon okay, ich jammere da auf sehr hohem Niveau. Als Physiker kann ich in jedem Fall eine gute Stelle finden. Aber es ist eben so, dass häufig die besten Absolventen und die talentiertesten Forscher die Uni verlassen, statt hier wissenschaftliche Mitarbeiter zu werden. Es bedeutet nämlich eine verdammt unsichere Existenz, in Deutschland Forscher zu sein.

ZEIT: Befristete Arbeitsverträge gibt es in vielen Institutionen. Was genau stört Sie?

Kaiser: Fakt ist, dass die Hochschulen seit Jahren nur noch auf Wettbewerb getrimmt werden. Das nimmt krankhafte Züge an. Und das ist etwas, was sich gerade auch im Osten wirklich verändert hat. Nach 1990 herrschte die große Aufbauzeit, die Unis wuchsen und wuchsen, aber inzwischen hat man eine regelrechte Vollbremsung eingelegt. Nur die besten Institute überleben, alle anderen schließen nach und nach. Das ist ein knallharter Wettbewerb geworden, mich stört die Denkhaltung, die dahintersteckt.

ZEIT: Welche, denken Sie, ist das?

Kaiser: Die Unis werden zu Effizienzmonstern gemacht. Auch deshalb engagiere ich mich nun als Doktorandensprecher. Es ärgert mich, wie man sich heute in der Wissenschaftsszene winden und anpassen muss, um sich durchzusetzen.

ZEIT: Wer setzt sich durch, wer wird dann am Ende Professor?

Kaiser: Der Wettbewerb zwingt junge Wissenschaftler dazu, ihre Arbeit extrem schnell und deshalb oberflächlich zu erledigen. Es geht nur um die längste Publikationsliste. Wir werden zu Spielertypen gemacht. Da wird nicht unbedingt darauf geachtet, wie gut unsere Forschung ist. Es geht darum, auf sich aufmerksam zu machen - koste es, was es wolle. Typen wie ich finden da gar keinen Platz.

ZEIT: Was sind Sie denn für ein Typ?

Kaiser: Ich bin vor allem ein leidenschaftlicher Lehrer. Ich will nicht unbedingt Professor werden, ich würde gern wissenschaftlicher Mitarbeiter bleiben. Es macht mir einfach Spaß, den Studenten etwas beizubringen. Darin bin ich auch richtig gut, glaube ich. Nur bringt die reine Lehre keinen Profit und wird deshalb weniger wichtig genommen ...

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Kaiser: Allein 60 Prozent der Physikstudenten brechen ihr Studium ab. In vielen anderen naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sieht es ähnlich aus. Sind diese Abbrecher alle zu doof? Ich glaube das nicht. Sie sind nur nicht gut genug betreut. Ich habe mich zum Beispiel vor einigen Jahren schon darüber geärgert, dass so viele Erstsemester durch ihre Prüfungen fallen. Damals hatte ich meinen ersten kleinen Aushilfsjob an der Uni. Ich war selbst erst im dritten Semester und bot den Studenten an, an einem Freitagnachmittag mit mir gemeinsam noch einmal den Klausurstoff durchzugehen. Ich dachte, da kommen vielleicht zwölf Leute.

ZEIT: Wie viele kamen damals?

Kaiser: 120. Der ganze Hörsaal war voll. Am Ende haben viele die Klausur bestanden. So etwas macht mich glücklich. Aber für solche Übungen ist eben kaum noch Geld da. Seit einigen Jahren sollen wir alle am besten Eliteforscher werden. Der Rektor meiner Uni, Klaus Dicke, sagte sogar, die Uni solle wie ein Unternehmen funktionieren.

ZEIT: Ist es nicht normal, dass auch Hochschulen wirtschaftlich arbeiten müssen?

Kaiser: Selbstverständlich! Allerdings müssen Sie Forschung und Verwaltung unterscheiden. Über unsere Uni-Verwaltung kursiert der Witz, sie funktioniere wie die Reichsbahn von 1950. Für jedes klitzekleine Anliegen muss ich einen Antrag schreiben. Wir Wissenschaftler dagegen müssen ständig absurde Leistungstest bestehen. Wissen Sie zum Beispiel, wie manche Uni-Rankings zustande kommen?

ZEIT: Studenten geben zum Beispiel an, wie sie Dozenten einschätzen oder wie gut die Bibliothek bestückt ist.

Kaiser: Richtig. Allerdings versuchen die Studenten schon jetzt, die Rankings zu manipulieren. Am Schwarzen Brett der Juristenfakultät habe ich mal einen Zettel hängen sehen. Den fand ich so krass, den habe ich gleich fotografiert. Da haben Studenten ihren Kommilitonen empfohlen, ihren Studiengang besonders gut zu bewerten, damit der eigene Abschluss möglichst hoch anerkannt ist. Gute Umfragewerte simulieren gute Studienbedingungen. So etwas ist absurd, wenn Sie mich fragen.

Aus DIE ZEIT :: 17.04.2014

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