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Spitzenforschung auch ohne Elite-Stempel


Von Denise Haberger

Laut Exzellenzinitiative findet hierzulande Spitzenforschung vor allem an elf Hochschulen statt. Doch auch an den anderen Universitäten in Deutschland gibt es Forscher, die exzellente Arbeit leisten. Drei Beispiele.

Spitzenforschung auch ohne Elite-Stempel© DFGAnja Feldmann, Informatikerin, TU Berlin

Informatikerin Anja Feldmann (Technische Universität Berlin)

Ob mit Smartphone, Tablet-PC, Laptop oder am PC - die Zahl der Internetnutzer nimmt weltweit rasant zu. Doch mit der steigenden Zahl an Usern steigen auch die Probleme. Das Netz ist zunehmend überfordert mit der Datenflut und bricht immer häufiger zusammen. Kein Wunder, meint Anja Feldmann von der Technischen Universität Berlin: "Das Internet läuft noch mit Ideen, die in den 1960ern bis 1990ern entwickelt wurden." Die Informatikprofessorin entwickelt deshalb das "Internet der Zukunft". Das Ziel ihrer Forschung: das Netz schneller und sicherer, aber vor allem stabiler machen.

Zusammen mit ihrem Team an der TU Berlin und ihrer Forschungsgruppe bei den Deutsche Telekom Laboratories befasst sich die 46-Jährige mit der Infrastruktur des World Wide Web und entwickelt Lösungen, wie diese Struktur optimiert werden kann. "Man kann sich das derzeitige Internet wie ein Haus mit zahlreichen Anbauten vorstellen", beschreibt Feldmann das Problem. "Je mehr angebaut wird, desto instabiler wird das Ganze." Deshalb befasst sie sich mit der Option eines komplett neuen Internets. Eine ihrer Ideen ist, das Internet in verschiedene Netze aufzuteilen. Möglich wären zum Beispiel unterschiedliche Spezialisierungen. Eines der Netze könnte etwa über eine hohe Sicherheitsstufe verfügen, ideal für Bankgeschäfte. Ein anderes wiederum wäre spezialisiert auf das Abspielen von Videos. "Für die Nutzer würde sich kaum etwas ändern", so die Informatikerin. "Sie würden lediglich zwischen der roten und blauen Leitung wählen müssen."

Anja Feldmann sucht den Kontakt zur Wirtschaft

Für ihre bisherige Forschung wurde Feldmann mehrfach ausgezeichnet. Die wichtigste Ehrung davon war 2011 der mit 2,5 Millionen Euro dotierte Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis. Die Jury der Deutschen Forschungsgemeinschaft lobte neben ihren Ergebnissen vor allem die Verbindung zwischen Theorie und Praxis, die Anja Feldmanns Arbeit ausmacht. Eine Herangehensweise, die auf ihre Zeit in den USA zurückzuführen ist. Zehn Jahre lang studierte und arbeitete sie in den Vereinigten Staaten. Von dort brachte sie vor allem eine "pragmatische Herangehensweise" mit. Seitdem arbeitet sie eng mit der Wirtschaft zusammen. "Wir haben den Luxus, dass wir wissen, wo die Probleme liegen", sagt Feldmann. "Die Unternehmen sind Problemlieferanten und Lösungsabnehmer gleichzeitig."

Spitzenforschung auch ohne Elite-Stempel © Fotograf: A. Theismann Jürgen Tautz, Bienenforscher, Uni Würzburg

Bienenforscher Jürgen Tautz (Uni Würzburg)

Laut Umweltstiftung WWF bringen Bienen im Jahr weltweit rund drei Milliarden Euro ein, indem sie Honig produzieren und Pflanzen bestäuben. In Deutschland ist das Insekt nach dem Rind und dem Schwein das drittwichtigste Nutztier. "Die Rolle der Biene für die Erhaltung der Artenvielfalt und ihr wirtschaftlicher Faktor sind sehr groß", weiß Professor Jürgen Tautz, Leiter der BEEgroup am Biozentrum der Universität Würzburg. Doch die Leistung der Bienen ist in Gefahr. Denn seit Jahren beobachten er und seine Forscherkollegen ein massives Bienensterben. Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen hat auch Tautz nicht. Der Klimawandel könne schuld sein, ebenso wie der Einsatz von Pestiziden in der modernen Landwirtschaft und vor allem, als eingeschleppter Parasit, die Varroa-Milbe. "Wir wissen noch zu viel wenig", sagt der 62-Jährige.

Jürgen Tautz präsentiert seine Forschung der Öffentlichkeit

Anfang der 1990er begann sich Tautz für Bienen zu interessieren, nachdem ihm der Verhaltensforscher Martin Lindauer einen Bienenstock schenkte. "Das Verhalten der Tiere hat mich so fasziniert, dass ich mehr über sie herausfinden wollte", erinnert sich Tautz. Nach 20 Jahren hat sich der Schwerpunkt seiner Arbeit verlagert. Seine Mission heute: seine Forschung der breiten Öffentlichkeit vermitteln. Seine Zielgruppe: vor allem Kinder und Jugendliche. Er will die Entscheider von morgen für die schwarz-gelb-gestreiften Insekten begeistern, sie aufklären und zum Handeln animieren.

Vorträge, Artikel, Fachbücher und sogar ein Bienen-Hörbuch - Jürgen Tautz ist sehr umtriebig, wenn es darum geht, seine Arbeit der Allgemeinheit zu präsentieren. "Unter meinen Kollegen bin ich damit ein bunter Hund", erzählt er. "Das ist unter Wissenschaftlern nicht üblich. Denn es kostet Zeit und man kann damit keine Forschungsgelder gewinnen." Sein aktuellstes Projekt ist die Online-Bildungsplattform "HOney Bee Online Studies". Dort finden sich Livestreams aus dem Bienenstock und interaktives Lernmaterial. Für seine "vielfältige und originelle Kommunikationsleistung" verlieh die Deutsche Forschungsgemeinschaft Jürgen Tautz übrigens 2012 den Communicator-Preis.

Spitzenforschung auch ohne Elite-Stempel © DFG Gunther Hartmann, Immunologe, Universitätsklinikum Bonn

Immunologe Gunther Hartmann (Universitätsklinikum Bonn)

Unser Immunsystem sorgt dafür, dass wir gesund bleiben. Ist es stark, wehrt es Eindringlinge wie Bakterien und Viren ab. Ist es hingegen schwach, haben Krankheitserreger leichtes Spiel. So weit, so bekannt. Doch wie funktioniert das Immunsystem überhaupt? Mit dieser Frage beschäftigt sich Professor Gunther Hartmann vom Universitätsklinikum Bonn bereits seit Jahren. Der Schwerpunkt des Mediziners ist die Immunerkennung von Nukleinsäuren. "Das Immunsystem kann anhand dieser Stoffe zum Beispiel Viren erkennen", erklärt Hartmann.

Gunther Hartmann will seine Ergebnisse bei der Tumortherapie einsetzen

Der Klinische Pharmakologe und Labormediziner hat herausgefunden, dass gefährliche Nukleinsäuren die menschliche Abwehr austricksen können, sodass der Körper nicht erkennt, dass er krank ist. Mit seinen Ergebnissen ist der 45-Jährige in der Lage, die Abwehrmechanismen wieder anzuschupsen. Nötig dafür sind künstlich hergestellte Nukleinsäuren, sogenannte Oligonukleotide, die Hartmann zusammen mit seinem Team entwickelt hat und in klinischen Studien testen will. Er plant, seine Entwicklung zunächst vor allem bei der Tumortherapie einzusetzen. "Durch die Oligonukleotide können Zellen Tumore erkennen und Alarmsignale auslösen, damit das Immunsystem gegen die Tumorzellen kämpfen kann", so Hartmann.

Der anwendungsorientierte Ansatz seiner Arbeit ist Hartmann wichtig: "Wir agieren in beide Richtungen. Wir betreiben Grundlagenforschung und entwickeln gleichzeitig auch neue Therapieformen." Seine Ergebnisse haben ihm 2012 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis eingebracht. Den teilt er sich mit seinem Bonner Kollegen Christian Kurts. Auch er forscht zum Thema Immunsystem, allerdings auf einem anderen Gebiet. Mit dem Preisgeld will Hartmann ein Risikoprojekt umsetzen. "Ich will mich mit einer ganz neuen Fragestellung auseinandersetzen", sagt der Mediziner. Was genau will er aber noch nicht verraten. Innovation verspricht auch die Arbeit der Forschungsinitiative "ImmunoSensation", deren Sprecher Hartmann ist und die kürzlich im Rahmen der Exzellenzinitiative der Deutschen Forschungsgemeinschaft als neues Exzellenzcluster der Uni Bonn überzeugen konnte.

academics.de :: Juni 2012

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