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Stets bemüht - Bundesbildungsministerin Johanna Wanka

von Marion Schmidt

Sie liebt den großen Auftritt, hat aber früher als Landespolitikerin wenig Spuren hinterlassen. Im Bundesbildungsministerium will Johanna Wanka sich nun beweisen. Eine Begegnung.

Stets bemüht - Bundesbildungsministerin Johanna Wanka© VladKol - iStockphoto.comBundesbildungsministerin Johanna Wanka absolvierte seit ihrer Ernennung eine Vielzahl an öffentlichen Auftritten
Der Anlass ist klein, die Hochschule unbekannt. Doch für die Bundesbildungsministerin ist kein Termin unwichtig genug, um dafür nicht trotzdem gut auszusehen. Johanna Wanka sitzt auf der Rückbank ihrer Mercedes-Limousine und zieht die Lippen noch einmal rot nach. Bessert den Lidstrich aus und streicht ihre blondierten Haare glatt. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel, und die 62-Jährige schwingt ihre Beine aus dem Dienstwagen.

Vor ihr aufgereiht vor der Hochschule Merseburg stehen dunkle Anzugträger im gleißenden Sonnenlicht Spalier: der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der Wissenschaftsminister, der Landrat, der Bürgermeister, der Rektor. Die Männer sind gekommen, weil Johanna Wanka die Hochschule besucht, an der sie selbst einmal Rektorin war. Sie scharen sich um sie, spreizen sich, buhlen um ihre Gunst. Sie lächelt freundlich, aber unbeeindruckt und tänzelt auf Pfennigabsätzen in den Plattenbau.

Johanna Wanka liebt den öffentlichen Auftritt. In Niedersachsen, wo sie bis Anfang dieses Jahres Ministerin für Wissenschaft und Kultur war, hat sie sich terminlich mehr zugemutet, als notwendig war. Sie hat gefühlt jeden neuen Hörsaal eingeweiht, jede Kunstausstellung besucht und jeden Pokal überreicht. Sie geht lieber zu den Menschen, als dass sie Akten liest. Sie bewegt sich selbstsicher und legt Wert auf elegante Kleidung. In ihrem ehemaligen Büro im Brandenburger Wissenschaftsministerium hing ein Spiegel versteckt hinter der Tür. Dort soll sie, erzählt man sich, vor jedem Termin ihr Aussehen kontrolliert und beim Heraustreten gefragt haben: »Wie wirke ich?«

Für eine promovierte Mathematikerin aus der DDR ist das eher ungewöhnlich. Aber Wanka weiß ihre Stärken zu nutzen. Sie ist selbstbewusst, kann charmant sein und, wenn es um ihren Vorteil geht, kämpfen.

Seit einem halben Jahr ist Johanna Wanka nun Bundesministerin für Bildung und Forschung. Als Ersatzspielerin für Annette Schavan. Die musste im Februar von ihrem Amt zurücktreten. Ihr wurde vorgeworfen, in ihrer Dissertation plagiiert zu haben, daraufhin wurde ihr der Doktortitel entzogen. »Traurig« sei sie gewesen, dass sie ausgerechnet unter diesen Umständen nach oben gerückt sei. Mit Schavan ist sie befreundet. Den Umgang mit ihr und ihrer Promotion findet sie »entsetzlich und absolut ungerecht«. Was ihre eigene Doktorarbeit betreffe, sagt sie, könne sie ruhig schlafen. An der Lösung von Kontakt- und Steuerproblemen mit potential-theoretischen Mitteln möge sich ruhig jeder Plagiatsjäger versuchen.

An akademischen Schummeleien dürfte Wanka also nicht scheitern, auch ist sie in ihrer bisherigen Ministerkarriere skandalfrei geblieben. So ein Kabinettsmitglied weiß Kanzlerin Angela Merkel zu schätzen. Es heißt, die beiden Frauen könnten gut miteinander. Sie sind sich sehr ähnlich: Beide kommen aus dem Osten und sind Naturwissenschaftlerinnen ohne klassische Parteikarriere. Johanna Wanka ist eingesprungen, als die Kanzlerin schnell einen Ersatz für Annette Schavan suchte, sieben Monate vor der Bundestagswahl.

Aber sie will kein Notnagel sein. Sie würde gern im Bundeskabinett bleiben, auch wenn sie der Frage danach ausweicht. »Mal schauen«, sagt sie und lächelt, mehr kokett als verlegen. »Die Arbeit macht mir große Freude. Ich konnte einiges anschieben.« Wanka hat in den vergangenen Monaten Vorschläge vorgelegt für eine Reform des Bafög, und sie will die Hochschulen stärker öffnen für Berufstätige. Das sind keine großen Visionen, aber wichtige Themen, die lange vernachlässigt wurden. Die würde sie gern vorantreiben und umsetzen, auch wenn sie das nicht sagen möchte. Vor der Wahl will sie sich nicht zu sehr vorwagen. Und viel kann Wanka jetzt, in der Sommerpause und im Wahlkampf, ohnehin nicht mehr erreichen, außer Termine wahrnehmen und sich zeigen.

Wie an diesem heißen Julitag, an dem sie Merseburg besucht. An der Hochschule soll sie den 100.000. Teilnehmer eines Chemie-Schülerlabors auszeichnen. Aber darum geht es nur am Rande. Für Wanka ist es eine Rückkehr in ihre Vergangenheit. Hier hat sie promoviert, ihre beiden Kinder sind hier aufgewachsen, hier hat sie die Wende erlebt, sich erstmals politisch engagiert. Auf der Fahrt durch die Felder und Straßen ist sie aufgekratzt. Zeigt auf Gebäude, die sie von früher kennt. Erinnert sich an ihre erste Wohnung dort: 16 Quadratmeter zu dritt, mit Kleinkind. Erzählt von der schlechten Luft damals und den Blumen, die durch das Abwasser aus den Chemiefabriken seltsam bunte Blüten trieben. Eine davon steht bis heute in ihrem Garten in Potsdam.

Merseburg liegt in einer von der Industrie geschundenen Gegend im ehemaligen Chemiedreieck bei Leuna. Auch die dortige Hochschule macht wenig her, ein sanierter Plattenbau. Eine ihrer ersten Amtshandlungen als Rektorin war es damals, den Campus zu begrünen. Jetzt ist Johanna Wanka enttäuscht, wie wenig davon noch übrig ist. Dafür stehen in den Laboren die neuesten Geräte. Bei einem Rundgang lässt sie sich alles zeigen. Es riecht nach Ruß, sie fragt nach der Lüftung. Man kann sich die Akademikerin Wanka nicht vorstellen, wie sie im Wahlkampf Kindern die Wange tätschelt oder sich auf dem Marktplatz die Sorgen von Hartz-IV-Empfängern anhört. Sie ist nie über ein Direktmandat ins Parlament gelangt. Doch in der Wissenschaft kommt ihre nüchterne, pragmatische Art an.

Johanna Wanka hat in ihrem beruflichen Leben, vor allem zu DDR-Zeiten, Widerstände und Krisen überwinden müssen, aber nie Rückschläge erlebt. Nach der Wende ging es für sie immer nur nach oben: Erst wurde sie Professorin in Merseburg, dann dort Rektorin, dann Wissenschaftsministerin in Brandenburg, dann Wissenschaftsministerin in Niedersachsen, jetzt ist sie Bundesministerin. Sie musste nie um ihre Ämter kämpfen, sie wurde von vielen Seiten umworben, gerufen, befördert. Wanka hat sich beharrlich und geschickt vorangearbeitet. »Ich habe schon vor 15 Jahren gewusst, dass Johanna einmal Bundesministerin werden wird«, sagt ihre alte Freundin Tatjana Lange, eine Professorin für Regelungstechnik an der Hochschule Merseburg. »Sie ist sehr straight, sehr rational, sie weiß genau, was sie will«, sagt Frank Ziegele, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung. Er hat sie in Brandenburg bei der Einführung eines neuen Modells zur Hochschulfinanzierung beraten. Andere beschreiben sie als leistungsorientiert, ehrgeizig, durchsetzungsstark. In der DDR, sagt Wanka, »habe ich gelernt, gegen eine Mehrheitsmeinung anzutreten«.

Ihre Zeit im Osten Deutschlands hat Johanna Wanka geprägt. Sie ist aufgewachsen im sächsischen Niemandsland, der Vater Landwirt, die Mutter aus Ostpreußen geflüchtet. In die Schule, sagt sie, sei sie gern gegangen, nach Hause habe sie nur Spitzennoten gebracht, außer in Sport. Trotzdem durfte sie erst auf die erweiterte Oberschule, um Abitur zu machen, nachdem sie in die staatliche Jugendorganisation FDJ eingetreten war. Ihre Studienzeit in Leipzig, erinnert sie sich, »war schön, aber inhaltlich sehr fordernd«. An der Uni lernte sie auch ihren Mann Gert kennen, einen Chemiker. Die beiden heirateten zwischen zwei Prüfungen und gingen, sie hochschwanger, für die Doktorarbeit nach Merseburg. In Leipzig hätte sie SED-Parteimitglied sein müssen, um promovieren zu dürfen.

Die Politikerin

DDR

Johanna Wanka hat sich zu DDRZeiten ferngehalten von Parteien, ihre Unabhängigkeit war ihr sehr wichtig. Mitglied der SED war sie nie. Im Studium in Leipzig hatte man versucht, sie anzuwerben. Sie konnte sich jedoch entziehen. Noch immer hegt sie eine tiefe Abneigung gegenüber der früheren PDS und der heutigen Partei Die Linke.

Wende

Von 1989 an engagierte sich Wanka in der Bürgerrechtsbewegung. Erst 2001 wurde sie Mitglied der CDU - aus Solidarität mit Helmut Kohl und weil sie die konservativen Werte der Partei teilt.

Aufstieg

In Brandenburg war Wanka auch als CDU-Landespolitikerin aktiv. Im Februar 2013 holte Kanzlerin Angela Merkel sie in ihr Kabinett.
Die Wende war für Johanna Wanka eine »Befreiung«, die Zeit damals sei »irre« gewesen. Sie engagierte sich in der Bürgerbewegung. Die Bilder vom Mauerfall rühren sie noch heute zu Tränen. Was hat sie aus der Zeit in der DDR für sich mitgenommen? »Sich in einem solchen System behauptet zu haben ist eine Lebensleistung, auf die man stolz sein kann.«

Johanna Wanka ist nach 1990 schnell im neuen Deutschland angekommen und hat die Chancen, die sich ihr dort boten, beherzt ergriffen. Wanka gibt gern den Ton und das Tempo vor. Wer dabei nicht mitkommt, bleibt zurück.

Zwei Dinge kann sie nicht ertragen: wenn jemand zu langsam denkt oder zu langsam fährt. Dann kann sie ungehalten werden. Sie, die Mathematikerin, die das Fach wählte, weil sie dabei weniger auswendig lernen musste und mehr denken konnte. Manchmal setzt sie sich selbst hinters Steuer des Dienstwagens und gibt Gas. Dabei ist schon einiges Blech zu Bruch gegangen. Und ein Wildschwein unter die Räder gekommen.

Sie gehe mit einem »unglaublichen Selbstbewusstsein« an die Arbeit, heißt es aus der Unionsfraktion im Bundestag, davon fühle sich manch einer vor den Kopf gestoßen. In ihren Ministerien in Potsdam und Hannover hat sie mit ihrer forschen Führung an einigen Stellen durchaus verbrannte Erde hinterlassen. Bei einer hausinternen Umfrage unter Mitarbeitern im niedersächsischen Ministerium vor zwei Jahren wurde ihr mangelnde soziale Kompetenz vorgeworfen, sie könne mit Kritik nicht umgehen und treffe einsame Entscheidungen.

Die Ministerin kann Menschen, die nicht so denken wie sie, gehörig abkanzeln, auch öffentlich. Bei der letzten Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) im Juni habe sie, erzählt man sich, einige Ministerkollegen ziemlich angefahren, als es um die Finanzierung der Inklusion an Schulen ging. Aus den großen Wissenschaftsorganisationen will sich kaum einer öffentlich zu ihr äußern. Man will es sich nicht mit einer wichtigen Geldgeberin verscherzen. Und wenn man ehemaligen Mitarbeitern zuhört, könnte man fast glauben, diese zierliche Frau im roséfarbenen Kostüm hätte in ihrer Umgebung ein Schreckensregime errichtet. Selbst wenn man davon einen gehörigen Teil persönlicher Kränkungen abzieht, bleibt zumindest ein zwiespältiger Eindruck.

Unter Forschern allerdings wird die promovierte Mathematikerin geschätzt, sie kennt die Befindlichkeiten und Themen in der Branche. Sie hat Erfahrung als Ministerin, sie war Vorsitzende der KMK und in der Hochschulrektorenkonferenz für Planung und Organisation zuständig. Doch wenn man sich anschaut, was sie in all den Jahren in Brandenburg und Niedersachsen wirklich geleistet hat, ist die Bilanz eher dürftig. Als Landespolitikerin hat Wanka wenig Spuren hinterlassen.

Im armen Brandenburg hat sie neun Jahre lang versucht, das Beste aus dem wenigen zu machen. Sie hat ihren Haushalt verteidigt, die Mittelverteilung an die Hochschulen neu justiert und gegen viele Anfeindungen eine Art Billigprofessur durchgesetzt. Doch wirklich strittige Themen hat sie gemieden. Die Probleme mit der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) in Cottbus etwa, die in Teilen als forschungsschwach und zu groß dimensioniert gilt, hat sie ausgesessen. Den Konflikt um eine Neuausrichtung der Uni hat sie ihren Nachfolgerinnen hinterlassen.

Auch in Niedersachsen hat sie sich wenig um die Vorgänge an der Universität Lüneburg und den umstrittenen Bau des Stararchitekten Daniel Libeskind gekümmert. Dort ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft wegen Untreue gegen den Vizepräsidenten. Statt sich an solchen Problemfeldern aufzureiben, hat sie sich lieber starkgemacht für Dinge, mit denen sie leichter einen Erfolg verbuchen konnte. Als Landesministerin hat sie sich für die Forschung an Fachhochschulen eingesetzt und eine grenzüberschreitende Medizinfakultät zwischen den Universitäten Oldenburg und Groningen auf den Weg gebracht. »Sie kann Ergebnisse brillant verkaufen«, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, »doch da ist viel Show dabei und wenig Substanz.« Mehr Schein als Sein. Sie hat auf Landesebene solide Arbeit geleistet, ist aber nicht durch besonders gewagte Ideen aufgefallen. »Sie hat nicht viel aus ihrem Amt gemacht«, heißt es in Niedersachsen.

Umso mehr will sie jetzt das Bundesbildungsministerium nutzen, um sich zu profilieren. Bislang lässt das Amt dazu wenig Raum. Seit der Bund vor sieben Jahren im Zuge der Föderalismusreform nahezu alle Bildungskompetenzen an die Länder abgegeben hat, ist dies eine Position, in der es wenig zu entscheiden, aber immerhin viel Geld zu verteilen gibt. Für Schulen ist die Ministerin gar nicht mehr zuständig, bei Hochschulen nur für wenige Themen. Es ist eine Position, in der man Preise vergeben und glänzen kann, aber keine großen Konflikte austragen muss. Wenn man Johanna Wankas bisherigen Lebensweg und ihre Leistungen betrachtet, ist es eine Position, wie geschaffen für sie.

Und sie will etwas daraus machen. Die CDU-Politikerin möchte unbedingt das Kooperationsverbot kippen, das es dem Bund bislang verbietet, Universitäten direkt und dauerhaft finanziell zu unterstützen. »Wir brauchen dringend eine Änderung.« Der Bund soll ausgewählte Einrichtungen von überregionaler Bedeutung fördern dürfen. Nicht nur Exzellenzuniversitäten, auch kleine Institute mit Orchideenfächern, die wichtig sind, für die in den Ländern aber oft das Geld fehlt. Doch sie stellt auch klar: »Der Bund ist keine Zahlmaschine. Mehr Geld gibt es nur mit mehr Mitwirkung.« Wer zahlt, darf entscheiden.

Das klingt deutlich bestimmter als bei ihrer Vorgängerin Schavan. Und es klingt, als ob sie morgens nicht länger ihre Pumps nur polieren möchte, um dann Teilchenbeschleuniger einzuweihen. Es klingt nach Lust an der Macht. Ihr »größter Horror«, sagt Johanna Wanka, sei es, »ohne Tätigkeit zu Hause zu sitzen«.

Aus DIE ZEIT :: 08.08.2013

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