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Stiftungsprofessuren: die Wirtschaft hält sich zurück

Von Jan-Martin Wiarda

Eine Studie belegt: Nur zwei von fünf Stiftungsprofessuren werden von Unternehmen gezahlt - und das auf wenige Jahre befristet.

Stiftungsprofessuren: die Wirtschaft hält sich zurück© ZEIT - Angaben der Förderer
An deutschen Hochschulen arbeiten rund 660 Stiftungsprofessoren, das entspricht knapp zwei Prozent aller Ordinarien. So steht es in einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, die diesen Donnerstag veröffentlicht wird und erstmals verlässliches Datenmaterial zu den privat finanzierten Lehrstühlen liefert. Drei Viertel von ihnen befinden sich demnach an Universitäten, ein Viertel an Fachhochschulen. Nur 42 Prozent der Stellen werden von Unternehmen bezahlt, der Rest von Stiftungen und Forschungsverbünden, aber auch von Verbänden oder Vereinen.

Erwartungsgemäß entfällt jeweils ein gutes Drittel der Lehrstühle auf die Wirtschaftswissenschaften (34 Prozent) und die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, insgesamt 36 Prozent). Allerdings erreichen auch die Geistes- und Sozialwissenschaften mit 11 Prozent einen nennenswerten Anteil. Der Stifterverband spricht von »erfreulichen Ergebnissen«, in denen sich die große Beliebtheit der Stiftungsprofessuren widerspiegele: So gaben rund zwei Drittel aller Förderer und je nach Fragestellung über 90 Prozent der Hochschulen an, ihre Erwartungen hinsichtlich der Nachwuchsförderung, der Stärkung der Innovationskraft und einer verbesserten Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft hätten sich erfüllt. »Die Stiftungsprofessuren haben ihren festen Platz in der deutschen Hochschullandschaft gefunden«, sagt Melanie Schneider, Leiterin des bereits in den achtziger Jahren eingerichteten Förderprogramms, in dem zurzeit rund hundert Lehrstühle betreut werden.

Tatsächlich sehen die geschenkten Lehrstühle nach einem guten Geschäft für alle aus: Die Gönner verbinden ihren Namen mit einer Professur und profitieren so vom seriösen Ruf der Forscher, die Lehrstuhlinhaber, meist Nachwuchswissenschaftler, bekommen einen attraktiven Job und die Hochschulen eine zusätzliche Professorenstelle, die noch dazu durch die Wissenschaftsfreiheit vor Übergriffen durch den Geldgeber gesichert ist. Der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Standesvertretung der Hochschullehrer, bezeichnete die Studie des Stifterverbandes allerdings als »in recht rosigen Farben gemalt«. Zwar seien Stiftungslehrstühle angesichts katastrophaler Betreuungsrelationen an vielen Hochschulen eine unverzichtbare Hilfe, doch müssten bei einem Finanzierungsanteil von weit unter 50 Prozent gerade die Unternehmen »noch eine Schaufel drauflegen«, sagt DHV-Präsident Bernhard Kempen. Auch ließen sich Versuche inhaltlicher Einflussnahme nie völlig ausschließen. »Wir müssen wachsam bleiben.« Kempen fordert, die privaten Förderprofessuren vom Kapazitätsrecht zu befreien. Derzeit müssen die Hochschulen auch für sie zusätzliche Studenten aufnehmen, sodass es zu keiner echten Verbesserung der Studienbedingungen kommt.

Auffällig ist die hohe Konzentration der Stiftungsprofessuren im Süden der Bundesrepublik: Bayern und Baden-Württemberg zählen mit insgesamt 217 Stellen rund ein Drittel aller Lehrstühle. Außerordentlich stark schneidet auch Berlin ab, auf das 60 Stellen entfallen - und damit mehr als auf ganz Nordrhein-Westfalen, das schwach dasteht -, wobei die Zahl aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland bereits von 2005 stammt. Schlusslichter sind Sachsen-Anhalt und Brandenburg mit sieben beziehungsweise neun Professuren. »Die Verteilung ist ein Abbild der wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse, dazu kommt die unterschiedlich hohe Attraktivität der Hochschulen«, sagt Melanie Schneider.
Stiftungsprofessuren: die Wirtschaft hält sich zurück
In der Stifterverbandsstudie tritt eine weitere Schwierigkeit zutage: Viele Professoren berichten, dass sie sich Sorgen um eine Weiterbeschäftigung nach Ablauf der meist auf fünf Jahre begrenzten Förderung machten. Auch ein gutes Drittel der befragten Hochschulen bezeichnet die Übernahme der Professuren in den eigenen Haushalt als ernsthaftes Problem. »Immer weniger Fachbereiche sind bereit, eine dauerhafte Finanzierung von Anfang an zuzusichern«, sagt Schneider. Eine Entwicklung, die Experten nicht wirklich wundert. »Stifter und Universität müssen im eigenen Interesse aufpassen, dass diese Stellen nicht zum Danaergeschenk werden«, sagt Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg. Eine private Anschubfinanzierung dürfe nicht dazu führen, dass Hochschulen langfristig auf Kosten sitzen blieben. Dies gelte selbst dann, wenn eine Weiterführung der Professur nach dem Förderzeitraum nicht vorgesehen sei. »Manchmal wird nur die Professur und nicht der komplette Lehrstuhl samt Ausstattung übernommen. Den Rest muss dann von Anfang an die Universität stemmen«, kritisiert Spoun.

Die durchschnittlichen jährlichen Aufwendungen pro Stiftungsprofessur liegen laut Stifterverband bei 82 000 Euro, das reicht gerade für etwas mehr als die Bezahlung des Lehrstuhlinhabers - im Gegensatz zum US-Modell der Endowed Chairs, deren Finanzierung vollständig und dauerhaft über einen Kapitalstock gesichert ist. Dieses langfristige Engagement wünscht sich Spoun auch von deutschen Stiftern, will aber deshalb auf befristet finanzierte Professuren nicht grundsätzlich verzichten. »Wenn sie inhaltlich zu unserem Profil passen und keine Pflicht zur Einrichtung von Dauerstellen besteht, ist das eine willkommene Entwicklungschance.« So hat die Leuphana-Uni gerade erst eine Stiftungsprofessur der Otto Group für Strategisches Management eingerichtet. Alle Zukunftssorgen befristet angestellter Stiftungsprofessoren ändern zudem nichts an ihrer hohen Gesamtzufriedenheit in der Studie: 83 Prozent antworteten, ihre Erwartungen hätten sich erfüllt. Womöglich ist es ja ein besonderer Menschenschlag, der sich auf die Professuren bewirbt: der 47 Jahre alte Andreas Su cha nek zum Beispiel, Inhaber des Lehrstuhls Nachhaltigkeit und Globale Ethik an der privaten Handelshochschule Leipzig (HHL). Bezahlt wird seine Stelle vom US-Chemiekonzern Dow Chemical - noch, denn Ende August läuft die Förderung aus. Die jahrelange Unsicherheit hat Suchanek nicht besonders beeindruckt.

»Ich habe ein Grundvertrauen, dass es immer irgendwie weitergeht«, sagt er und schwärmt von den Möglichkeiten, die sich dank des Dow-Engagements für ihn eröffnet hätten. »In meinem Forschungsbereich gibt es extrem wenige Stellen.« Suchanek versucht sich an der Formulierung einer neuen Unternehmensethik, die Antworten gibt auf die existenzielle Vertrauenskrise von Wirtschaft und Politik. Seine Ergebnisse nach 20 Jahren Forschung lassen sich in einem Satz zusammenfassen: »Versprechen sind zu halten.« Er sagt es mit einem Lachen und räumt nebenbei mit einem gängigen Klischee auf: dass Stiftungsprofessoren nur auf rasche ökonomische Verwertbarkeit getrimmt seien. Oft sind es sogar ganz im Gegenteil die Nischenforscher, die ihre verdiente Chance bekommen. Menschen wie Andreas Suchanek eben.

Aus DIE ZEIT :: 16.07.2009

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