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Stil, Demut, Widerstand

Zusammengestellt von CHRISTIAN HEINRICH

Wir haben Hochschullehrer gefragt, was sie von ihren Studenten gelernt haben - und überraschende, berührende Antworten bekommen.

Stil, Demut, Widerstand© goldenKB - iStockphoto.comWas lernen Hochschullehrer von ihren Studenten?

Für eine Idee brennen

Nach einer ganz konkreten Verbesserung streben, und dieses Streben aufrechterhalten! Darauf kommt es eigentlich an, wenn man als Wissenschaftler erfolgreich und als Mensch glücklich sein will - das habe ich von einer Studentin gelernt. Nach zehn Jahren als Professor erhielt ich eine Einladung von einer meiner Pädagogikstudentinnen zu einer Preisverleihung. Sie und ihre Schülerinnen und Schüler bekamen für ein Schulprojekt den Bertini-Preis. Allein hinten im Publikum im Hamburger Ernst Deutsch Theater sitzend, wurde mir klar, dass es nicht die großen Drittmittelsummen, Projekte und Exzellenzcluster sind, die mich ausmachen, sondern mein (früheres) Brennen für eine ganz konkrete Idee. Mir scheint, dass heute im Laufe einer wissenschaftlichen Bilderbuchkarriere gerade das Verfolgen einer eigenen guten Idee und die Begeisterung für eine Sache systematisch und nicht nur zufällig verloren gehen. Die Studentin hat mir unbewusst geholfen, diese Begeisterung wiederzuentdecken.
Jens Siemon lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg

Vier Erkenntnisse

Lehren ist sexy.
Ausdauer bringt Erfolg.
Kunst beflügelt.
Sehen.
Joachim Becker lehrt Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin

Dinge neu überdenken

Es sind jene unbekümmerten und lässigen Fragen der Studierenden, auf die ich als Lehrender nicht sofort eine Antwort parat habe, die mich dazu zwingen, bestimmte Sachverhalte neu zu überdenken. Und es sind jene feinen Entdeckungen der Studierenden auf Bildern, die Veranlassung geben, das kunsthistorische Standardwissen als ungesichert und vielfach überholt zu begreifen. Wissenschaft ist Glück!
Michael Glasmeier lehrt Kunstwissenschaft an der Hochschule für Künste Bremen

Stilvoll bleiben

Ich komme immer im Anzug zur Vorlesung, was heute eher ungewöhnlich ist. Anfangs habe ich mir dabei gar nichts gedacht, war aber dann sehr überrascht, als eines Tages ein Großteil des Auditoriums ebenfalls mit Anzug oder Abendkleid im Hörsaal saß. Ich habe mich erst erschrocken und geglaubt, ich hätte einen wichtigen Termin - ein Fakultätsfest oder Ähnliches - vergessen. Es war aber als ein nettes Kompliment gedacht. In der Evaluation schrieben die Studenten, dass sie es schätzen, wenn die Vorlesung einen stilvollen Rahmen hat.
Stephan Sieber lehrt Chemie an der TU München

Probleme sind relativ

Wenn unter unseren ausländischen Gästen der indische Doktorand Seite an Seite mit dem Studenten aus Pakistan arbeitet und die Studentin aus einem arabischen Land mit dem Gast aus Israel gemeinsame Experimente plant - dann lerne ich, dass Frieden im Kleinen immer möglich ist. Wenn eine Promotionsstudentin von einem Heimaturlaub aus Kamerun zurückkehrt und berichtet, dass sie jetzt gegen zwei Säcke Reis und drei Flaschen Öl verheiratet wurde - dann lerne ich, dass Probleme, die hier bereits gelöst werden, woanders noch tief verwurzelt sind.
Inga Neumann lehrt Neurobiologie an der Universität Regensburg

Respekt und Demut

Ich hatte eine fast blinde Psychologiestudentin, die kaum noch sehen konnte und deshalb nur mit starker Vergrößerung lesen konnte. Trotzdem brachte sie gute Leistungen. Später erfuhr ich dann auch noch, dass sie herztransplantiert war. Als ich schließlich ihre hervorragende Diplomarbeit korrigierte, verspürte ich Respekt und Demut. Ich lernte, alles wieder im richtigen Licht zu sehen: meine eigenen kleinen Probleme als klein und ihre großen Leistungen als groß.
Rolf van Dick lehrt Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Bedeutung des Wendelkneters

Ich hatte einen türkischen Studenten aus Bochum, dessen Vater ganz plötzlich verstorben war, sodass er von einem Tag auf den nächsten die Leitung der familieneigenen Großbäckerei übernehmen musste. Trotzdem wollte er unbedingt noch seine Diplomarbeit schreiben. Wir haben dann überlegt, dass er doch über das Thema »Konzentration und Wettbewerb in der Backwarenbranche unter Berücksichtigung von Herstellung, Großhandel und Einzelhandel: Eine ökonomische Analyse der Entwicklung seit 1980« schreiben könnte. Gegenstand war also die zunehmende Konzentration bei Bäckereiketten. Aus der Arbeit habe ich unheimlich viel gelernt, zum Beispiel dass der technische Fortschritt mit der Erfindung des Wendelkneters, der Verbreitung kleiner Backstationen und neuer Backmischungen dazu geführt hat, dass die optimale Betriebsgröße wesentlich größer ist als früher.
Justus Haucap lehrt Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Erfahren, was »draußen« passiert

Als Fachhochschule haben wir in unseren Seminaren einen großen Praxisbezug. Aber nicht etwa nur wegen uns Lehrenden, sondern auch wegen der Studierenden: Die meisten von ihnen haben vorher eine Ausbildung in einem Unternehmen gemacht. Dadurch bringen sie aktuelle betriebliche Trends und Anforderungen sowie modernes Prozesswissen als Erfahrungshintergrund ein. So bleibe ich über meine Studenten auf dem Laufenden, was sich »draußen« in der Wirtschaft tut.
Ulrich Schäfermeier lehrt Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Bielefeld

Sich mit Kindern organisieren

Tiefen Respekt lehrt mich immer wieder die Begegnung mit Studentinnen, die neben dem Studium noch die Kinderbetreuung organisieren müssen - und trotzdem im Studium besonders engagiert sind. Oder gerade deswegen?
Steffen Klumpp lehrt Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Erlangen-Nürnberg

Den Bezug zur Moderne behalten

Welches literarische Werk ist noch aktuell, was sehen vielleicht gerade junge Menschen anders als ich, und was ist, so leid es einem Literaturhistoriker tun mag, nur noch für Spezialisten interessant? Der Kanon dessen, was ich in meinen Lehrveranstaltungen vermittele, ändert sich immer auch durch die Rückmeldungen der Studierenden. Sie sind für mich gewissermaßen der Modernitätstest für ältere Literatur.
Paul Geyer lehrt Romanistik an der Universität Bonn

Widerstand lohnt sich

Es ereignete sich auf der documenta 12, das war im Jahr 2007. Ich war dort mit einer Gruppe Studierender des Lehramtes Kunst auf Exkursion. Die Organisatoren der documenta hatten ein rigides Konzept, um ihre eigenen Führungsangebote zu verkaufen: Das Personal, das die Ausstellung beaufsichtigte, war angewiesen, jegliche Form der selbst organisierten Führung zu unterbinden - und tat dies auch. Bereits das Zusammenstehen und Diskutieren von mehr als zehn Personen vor einem Werk war nicht erwünscht, darauf wurde man sofort unmissverständlich hingewiesen. Es war aber gerade unser Interesse, Formate der Vermittlung zeitgenössischer Kunst zu entwickeln und sie vor Ort miteinander zu erproben und zu reflektieren. Die Studierenden waren sich einig, dass sie sich das nicht vorschreiben lassen wollten. Sie entwickelten also Strategien, um der Situation widerständig und nichtkonfrontativ, ja künstlerisch zu begegnen: zum Beispiel das Zerstreuen der Personengruppe und das erneute Zusammenfinden vor einem anderen Werk. Es wurde sogar die Choreografie von Trisha Brown - einer documenta 12-Künstlerin - einstudiert, die die Gruppe spontan aufführte, wenn wir aufgefordert wurden, unsere Gespräche vor einem Werk zu beenden. Die Arbeit des Künstlers Guy Tillim war für die Strategie des Ausstellungspersonals auf besondere Weise ungünstig: Die Fotoserie thematisiert die ersten demokratischen Wahlen im Kongo.

Vor einem Werk, das sich explizit mit dem fragilen Projekt Demokratie auseinandersetzt, wollten wir uns nicht vertreiben lassen. Es war die Entscheidung der Studierenden, es vor dieser Arbeit darauf ankommen zu lassen und den Konflikt zu wagen. In einem Gespräch wurde abgewogen, welche Konsequenzen das haben könnte. Ich sah mich in der Verantwortung, auf ein mögliches Hausverbot oder sogar weitere rechtliche Konsequenzen hinzuweisen, unterstützte die Studierenden aber voll und ganz in ihrer aus meiner Sicht mutigen Aktion. Es kam zur Auseinandersetzung mit den aufsichtsführenden Personen und einer schnell herbeigeholten verantwortlichen Person, in der die Studierenden selbst eine inhaltliche Debatte anstießen und auf die Ambivalenz des Führungsverbotes einerseits und der gesellschaftlichen und politischen Dimension der documenta und der Kunst andererseits hinwiesen und mit aller Deutlichkeit ihren Standpunkt verteidigten: Vor einem Kunstwerk, das sich mit Demokratie befasst, darf man sich weder das Zusammenfinden noch das gemeinsame Gespräch verbieten lassen. Die verantwortliche Person war einsichtig und zog sich zurück. Das war eine besondere Lernsituation für mich. Vor der Zivilcourage der Studierenden in dieser Situation bin ich noch heute beeindruckt.
Bettina Uhlig lehrt Kunstpädagogik an der Universität Hildesheim

Den Spieltrieb zurückerobern

Die Studierenden helfen mir mit ihrer Neugierde und Lebenslust, den Spieltrieb zurückzuerobern, der in der universitär-disziplinären Sozialisation oft zugunsten von Routinen, Fachwissen, Zwängen und Institutssitzungen verloren geht. Das ist für einen Wissenschaftler essenziell.
Martin Tröndle lehrt Kulturbetriebslehre an der Zeppelin University in Friedrichshafen

Aus Prüfungen lernen

Bei schriftlichen Prüfungen habe ich am meisten von meinen Studenten gelernt. Ich war immer wieder überrascht, wie unterschiedlich meine Prüfungstexte verstanden werden konnten und welch vielfältige Lösungen die Studenten fanden.
Wilhelm Gaus lehrte Epidemiologie und Medizinische Biometrie an der Universität Ulm.

Aus DIE ZEIT :: 27.06.2013

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