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Stille Stunde - Geplantes ungestörtes Arbeiten


von Cornelius König und Martin Kleinmann

Die ständige Erreichbarkeit durch E-Mails, SMS und Telefon führt immer häufiger zum Zustand großer Erschöpfung sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Das bewusste und geplante Einräumen einer Pause, in der still gearbeitet wird, führt zu angenehmerem und produktiverem Arbeiten und zur Entspannung.

Stille Stunde - Geplantes ungestörtes Arbeiten© Daniel Ernst - Fotolia.comWer eine Stille Stunde in den Arbeitsalltag integriert, steigert seine Produktivität
Wäre es nicht schön, man hätte mal wieder richtig viel Zeit für die Wissenschaft? Man könnte in Ruhe Gedanken sortieren, die schon länger im Kopf herumschwirren, Quellen lesen, die man schon immer mal nachlesen wollte, Projekte aushecken, die einen wesentlichen Schritt vorwärts für das eigene Feld bedeuten werden, und endlich das schreiben, was schon seit Monaten darauf wartet, mitgeteilt zu werden.

Nur sieht die Realität leider häufig anders aus. Kaum sind wir im Büro, meldet der Computer viel zu viele neue E-Mails, das Dekanat wartet zudem auf einen Rückruf, die Lehre ist noch nicht fertig vorbereitet, Mitarbeitende hoffen noch auf einen schnellen Rat, und atemlos hetzt man in die nächste Besprechung. Den Alltag prägen Hetze und Unterbrechungen - Zeit, um in Ruhe arbeiten zu können, ist Mangelware.

Alltag verändern

Dieser Artikel stellt eine Technik vor, die helfen kann, den Alltag so zu verändern, dass Wissenschaftler mehr Zeit dafür haben, was ihnen wichtig ist: die Stille Stunde. Mit einer Stillen Stunde bezeichnet man im Zeitmanagement eine Stunde, in der man sich abkapselt von seiner Umwelt. Das Telefon und das Smartphone sind abgestellt, ein "Bitte nicht stören"-Schild hängt an der geschlossenen Bürotür, und das E-Mail-Programm ruft keine neuen E-Mails ab - geplantes ungestörtes Arbeiten also.

Die Stille Stunde funktioniert - nachweisbar. Wir haben die Wirksamkeit dieser Zeitmanagementtechnik mit Managern aus der Finanzindustrie getestet. Diese haben sich darauf eingelassen, in einer Woche jeden Tag eine Stille Stunde einzurichten und in einer zweiten Woche ihre Arbeitstage möglichst flexibel zu gestalten, um auf Unvorhergesehenes adhoc reagieren zu können (eine Zeitmanagementstrategie, die manchmal empfohlen wird). Die Manager nahmen sich an den Tagen mit Stiller Stunde als produktiver wahr, und eine positive Bewertung war auch noch drei Monate später messbar. Im Übrigen arbeiteten sie nicht länger im Vergleich zu Tagen, an denen sie keine Stille Stunde eingerichtet hatten. Erwähnenswert ist weiterhin, dass die Persönlichkeitseigenschaft Gewissenhaftigkeit die Wirkung der Stillen Stunde beeinflusste: Personen, die sich im Allgemeinen als weniger gewissenhaft beschreiben, profitierten in besonderem Maße von der Stillen Stunde.

Zwei Mechanismen erklären, warum die Stille Stunde funktioniert. Erstens verkleinert sie deutlich die Anzahl der Unterbrechungen, die Menschen aus ihrer Arbeit reißen. (Übrigens reduziert sie sich in unserer Studie nicht auf Null - einem Ideal der absoluten Isolation muss man also nicht anhängen, um positive Effekte zu spüren.) Zweitens erlaubt die Stille Stunde, dass man sich insbesondere Aufgaben widmen kann, die zwar wichtig sind, aber nicht dringend und die deswegen leicht im Alltag auf morgen, übermorgen oder noch später verschoben werden. Was die Stille Stunde nicht verändern kann, ist die Anzahl der Selbstunterbrechungen. Denn neben den Unterbrechungen durch andere gibt es auch die Unterbrechungen, die wir selbst verursachen. Wer Schwierigkeiten hat, dem spontanen Impuls zu widerstehen, beispielsweise bei "Spiegel Online" nachzuschauen, was sich in der großen weiten Welt ereignet hat, den wird die Stille Stunde davon auch nicht abhalten.

Zwar waren unsere Studienteilnehmer aus der Finanzindustrie, aber geeignet ist die Stille Stunde für Wissenschaftler vielleicht noch mehr. Denn diese haben besonders viel Freiheit - wer in Betrieben eine Stille Stunde einführen will, ist vermutlich stark in ein organisationales Korsett eingebunden und auf die Rückendeckung des Chefs angewiesen. Gerade Professoren sind in der Gestaltung ihres Berufsalltags so frei wie sonst am ehesten noch Selbstständige.

Literaturtipp

König, C. J., Kleinmann, M. & Höhmann, W. (2013).
A field test of the quiet hour as a time management technique.
European Review of Applied Psychology, 63, 137-145. doi:10.1016/j.erap.2012.12.003

Individuell gestalten

Diese Freiheit in der Wissenschaft sollte man auch nutzen, um die Stille Stunde individuell zu gestalten. Manche legen sie sich vielleicht lieber in den frühen Morgen, andere in den Nachmittag - manche präferieren vielleicht eine feste Stunde mit genau 60 Minuten, andere kürzen sie gerne ab. Wiederum andere halten es für produktiver, wenn sie statt einer Stillen Stunde pro Tag einen Stillen Vormittag pro Woche festlegen (was man sich insbesondere für das Schreiben von wissenschaftlichen Texten gut vorstellen kann). Außenstehende haben eh keinen ausreichenden Einblick in den Alltag anderer, so dass jeder selbst entscheiden muss, was in den eigenen Alltag am besten passt.

Viele Wissenschaftler haben weiteren Entscheidungsspielraum: ob man die Stille Stunde lieber zu Hause oder im Büro verbringt. Zu Hause ist das Abschirmen vermutlich leichter - zumindest werden keine Kollegen an die Tür klopfen und nach Rat fragen (dafür aber möglicherweise kleinere Familienmitglieder). Das Arbeiten zu Hause birgt allerdings die zusätzliche Herausforderung, Anlässe zu Selbstunterbrechungen ignorieren zu müssen ("Die Spülmaschine ist fertig, sagt das Piepen in der Küche, da könnte ich jetzt, wo ich gerade nicht weiterkomme beim Schreiben, doch noch schnell..."). Im Büro weisen die Reize der Umgebung stärker auf Arbeiten hin, was das Arbeiten erleichtert. Aber eine Stille Stunde im Büro verlangt mehr Abstimmung, denn es wäre doch sehr unhöflich, wenn das Umfeld nicht wüsste, dass man für eine Stunde nicht erreichbar ist - man sollte den anderen eine Chance geben, sich darauf einzustellen, damit diese z.B. ihre Fragen vorher loswerden können.

Planung

Ob nun zu Hause oder im Büro: von alleine ergibt sich nur selten eine Stille Stunde. Im Gegenteil, sie will geplant sein. Sie sollte eingetragen werden in den eigenen Terminkalender (und ebenso in den der Arbeitsgruppe) und geschaffen sein für eine sorgfältig ausgewählte Aufgabe, und dadurch sollte sie mit Vorfreude erwartet werden. Wie so häufig im Zeitmanagement ist die Technik der Stillen Stunde an sich nicht spektakulär - selbst wer den Begriff der "Stillen Stunde" nicht kannte, wird doch geahnt haben, dass ein Abschirmen vor Unterbrechungen für eine wichtige Aufgabe sinnvoll sein kann. Im Zeitmanagement gibt es in der Regel keine Wissensdefizite, sondern Handlungsdefizite. Vielleicht konnten wir ja den einen oder die andere ermutigen, die Stille Stunde mal für eine Weile auszuprobieren. Die Manager unserer Studie, die die Technik der Stillen Stunde ausprobiert hatten, gaben im Übrigen drei Monate später an, weiterhin regelmäßig die Stille Stunde in ihrem Arbeitsalltag zu nutzen - sie werden wissen warum.


Über die Autoren
Cornelius König ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, Universität des Saarlandes, Saarbrücken.

Martin Kleinmann ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, Universität Zürich.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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