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Stimmung, Kollegen!

Von Marie-Charlotte Maas

Um Mitarbeiter zu halten, lassen sich Firmen einiges einfallen. Jetzt stellen sie sogar Feel-Good-Manager ein.

Stimmung, Kollegen!© contrastwerkstatt - Fotolia.comFeel-Good-Manager kümmern sich um das Wohlbefinden der Mitarbeiter
Der Schlüssel liegt in einem geheimen Versteck. Nicht einmal der Chef weiß, wo er ist. Ein kleiner Hinweis vielleicht? »Nein«, sagt Lena Blinstein nachdrücklich und schüttelt den Kopf.

Der Schlüssel gehört zu einem Holzkasten, der vor ihr auf dem Tisch steht. »Optimierer« steht darauf. Und weiter: »Sicher gibt es etwas in unserer Firma oder an unserer Zusammenarbeit, was du gerne anders hättest. Und sicher gibt es auch Dinge, die nach deinem Geschmack genauso bleiben sollen, wie sie sind. Schreib es auf.« Lena Blinstein, die Herrin des Schlüssels, ist Feel-Good-Managerin beim Onlinevergleichsportal billiger-mietwagen.de in Köln. Ihre Aufgabe ist es, für das Wohlergehen der Mitarbeiter zu sorgen.

Es gibt erst eine Handvoll solcher Feel-Good-Manager in Deutschland, aber das Interesse an dem Berufsbild wächst. Eine Akademie aus Stuttgart plant bereits eine Weiterbildung zum Feel-Good-Manager. Zu den Qualifikationen, die in Stellenanzeigen verlangt werden, gehören Gespür im Umgang mit anderen Menschen, Kreativität und manchmal sogar gute Kenntnisse der örtlichen Kneipenlandschaft. »Letzteres war bei mir kein Einstellungskriterium, aber damit kenne ich mich auch aus«, sagt Blinstein.

Im Optimierer sammelt die 27-Jährige die Wünsche der Mitarbeiter - wer ein Anliegen hat, wirft einen Zettel hinein. Zu Schulzeiten hieß so eine Box Kummerkasten und diente dazu, die Atmosphäre in der Klasse zu verbessern. Die Idee für den Optimierer ist also keineswegs neu. Sogar Blinstein gibt zu, dass viele Kollegen sie anfangs belächelt haben. »Ich fand es zunächst ein bisschen albern«, verrät einer der 70 Angestellten, »warum soll man seine Probleme und Ideen nicht offen beim Chef ansprechen? Dann wurde mir aber klar, dass ich das sagen kann, weil ich schon lange hier arbeite. Neuen Angestellten und jüngeren Kollegen fällt das schon schwerer.«

Die Aufgaben der Feel-Good-Manager sind vielseitig, in erster Linie geht es immer darum, dafür zu sorgen, dass sich die Mitarbeiter am Arbeitsplatz wohlfühlen. Dafür kaufen sie Obst, organisieren gemeinsame Kochaktionen, bestellen Masseure, haben ein offenes Ohr für Probleme und versuchen in Konflikten zu vermitteln. Blinstein plant zum Beispiel das Sommerfest der Firma und organisiert Ausflüge zum Paddeln oder Skifahren. Das alles fand schon statt, bevor ihr Vorgesetzter sie zur Gute-Laune-Beauftragten machte. Aber durch das Schaffen der neuen und offiziellen Position seien diese gemeinsamen Aktionen tiefer in den Köpfen der Mitarbeiter verankert - und würden stringenter durchgeführt, beobachtet Lena Blinstein. »Das Thema Wohlbefinden rückt so mehr in den Mittelpunkt.«

Seit einem Jahr arbeitet die Kölnerin mittlerweile als Feel-Good-Managerin bei billiger-mietwagen.de. Sie begann als Werkstudentin bei der Firma, wurde dann feste Mitarbeiterin in der Personalabteilung, zu der sie auch heute noch gehört. Den Schwerpunkt Personal hat Blinstein auch in ihrem BWL-Studium gewählt. Die Spezialisierung passt zu ihrer Tätigkeit, ist aber kein Muss. Andere Feel-Good-Manager sind Soziologen oder Eventmanager. »Ich glaube, es kommt nur darauf an, dass man ein offener Mensch ist.« Gerade bei neuen Mitarbeitern versucht Blinstein besonders aufmerksam zu sein: Fühlen sie sich wohl? Wo kann ich weiterhelfen? »Aber ich gebe mir Mühe, ihnen nicht zu nahe zu treten. Ich will niemanden bemuttern.« Blinstein reicht es, dass die Kollegen wissen, dass sie bei Fragen da ist. Sie ist eine Art lebendes Statement für die Mitarbeiter: Ihr seid uns wichtig, wir kümmern uns um euch.

Eine sinnvolle Idee, meint der Arbeitspsychologe Torsten Holstad von der Universität Leipzig. »Das Gefühl der Wertschätzung und der Eindruck, dass sich der Arbeitgeber bemüht, sind vielen Arbeitnehmern wichtig, manchmal sogar wichtiger als das Gehalt.« Das weiß auch Blinsteins Chef. »Wir sind keine Gutmenschen«, sagt Jochen Cholin, »wir haben dabei natürlich auch einen Hintergedanken.« Fachkräftemangel ist hier das Stichwort: Gerade im IT-Bereich muss man Angestellten einiges bieten, um attraktiver zu sein als die Konkurrenz. Cholins Firma wächst, er ist ständig auf der Suche nach neuen Mitarbeitern - und bemüht, diejenigen zu halten, die schon da sind. Cholin war es auch, der eines Tages auf einen Artikel über Feel-Good-Manager stieß und gleich dachte: Das wollen wir auch haben, das passt zu uns. Den Artikel reichte er an Lena Blinstein weiter, weil er sie gleich für die Aufgabe im Auge hatte: »Lena ist ein Mensch, der mit jedem gut zurechtkommt, irgendwie wusste ich schnell, dass sie die Position übernehmen soll.«

Sie sind auch Vermittler zwischen der Chefetage und den Angestellten

Der Name Feel-Good-Managerin klingt nach Spiel und Spaß. Doch in Blinsteins Job geht es um mehr als das Verbreiten guter Laune. Sie ist Vertrauensperson und Psychologin, Eventmanagerin und Sprecherin, Kumpel und Kollegin. Das Wichtigste an ihrem Job ist, dass die Kollegen ihr vertrauen, darum bleibt das Versteck des Schlüssels auch ein Geheimnis. Sehr private Dinge äußern die Mitarbeiter aber ohnehin nicht über den Optimierer. »Mit ernsten Themen, wie Unstimmigkeiten mit Kollegen oder dass sie sich mal ungerecht behandelt fühlen, kommen sie persönlich zu mir. Ich kümmere mich darum und spreche zum Beispiel mit dem Chef über das Anliegen.«

Oft komme es aber ohnehin nicht vor, dass die Kollegen ein schwerwiegendes Problem umtreibe, betont Blinstein, die Stimmung in der Firma sei sehr gut. »Ich habe gemerkt, dass meistens schon ein kurzes Gespräch hilft, etwas zu klären. Häufig sind es nur Kleinigkeiten, die sich in dem Moment aufgestaut haben.« Dann fährt Blinstein mit den Kollegen aus dem Büro im sechsten Stock mit dem Aufzug runter auf die Straße, um eine Zigarette zu rauchen und in Ruhe zu reden.

»Lena ist einfach deutlich näher an den Kollegen dran, als wir es als Vorgesetzte sein könnten. Sie ist für uns eine Art Mittelsmann zwischen Angestellten und Chefetage«, sagt Cholin. Regelmäßig kommt sie mit den Wünschen aus dem Kasten zu ihm. Gemeinsam wird überlegt: Was ist realistisch, was geht nicht? Anschließend werden die Bitten in einer E-Mail kommentiert. Die Wünsche reichen von schärferen Messern in der Küche über eine gemeinsame Kanutour mit den Kollegen vom Standort in Freiburg bis hin zu einem Zwergesel, der die Taschen durch das Büro transportieren soll. »Manchmal sitzen die Kollegen freitagabends im Büro bei einem Bier zusammen und denken sich alberne Dinge aus«, erklärt Blinstein. Auch wenn nicht jeder Vorschlag gleichermaßen ernst gemeint ist - der Psychologe Torsten Holstad hält es grundsätzlich für ein gutes Zeichen, wenn Unternehmen Feel-Good-Manager einsetzen: »Firmen haben erkannt, dass es in ihrem Umgang mit den Mitarbeitern nicht nur um deren körperliche Unversehrtheit gehen darf, sondern um ein langfristiges Wohlbefinden.« Trotzdem mache das Vorhandensein einer Wohlfühlfachfrau allein keinen guten Arbeitgeber aus. »Natürlich ist es wichtiger, dass in der Firma gute Arbeitsbedingungen vorliegen. Der Feel-Good-Manager kann nur das I-Tüpfelchen sein.

Manchmal stößt auch Blinstein an ihre Grenzen. Sie beugt sich über den letzten Zettel aus dem Optimierer. Die Schrift ist nicht einfach zu lesen. »Date mit Jure«, steht da. Das ist ein Kollege. Sie lacht: »Ich glaube, da kann ich nicht weiterhelfen.«

Aus DIE ZEIT :: 25.07.2013

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