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Streit um die neuen Bauernregeln


Das Gespräch führten CHRISTIANE GREFE und ANDREAS SENTKER

Die Bundesregierung plant den Ausbau der Agrarforschung. Aber mit welchen Zielen? Zwei Kontrahenten debattieren über Knappheit, Gentechnik und langfristiges Denken.

Streit um die neuen Bauernregeln© partagasnr4 - Photocase.comBei der Gentechnik sind die Fronten nach wie vor verhärtet
DIE ZEIT: Die deutsche Agrarforschung wurde sträflich vernachlässigt, im Herbst will die Bundesregierung eine neue Strategie vorstellen. Was ist Ihr Idealbild künftiger Landwirtschaft?

Reinhard F. Hüttl: Sie wird jedenfalls in Zukunft über Ackerbau und Viehzucht weit hinausgehen. Vor allem der Klimawandel stellt uns vor immense Herausforderungen; wir brauchen Biomasse als Ersatz für fossile Rohstoffe. Weltweit wächst der Wohlstand und damit die Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln. Wir müssen das vorhandene Ackerland effektiver nutzen. Da heißt die Antwort: Bioökonomie.

Urs Niggli: Aber der eigentliche Wandel ist doch, dass wir uns nach Jahrzehnten des Überflusses neuer Knappheit bewusst werden; einer Knappheit der Energie, des Wassers, der Böden, die durch den Klimawandel verstärkt wird. Für die natürlichen Ressourcen Sorge zu tragen, wie wir es im Ökolandbau von jeher tun, muss Vorrang bekommen. Die Bioökonomie betont dagegen weiter die kurzfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Hüttl: Das ist zu kurz gesprungen. Unser Konzept basiert wesentlich auf langfristigen Wertschöpfungsperspektiven, und es gibt keine Bioökonomie ohne Nachhaltigkeit. Auch die Ressourcenproblematik werden wir adressieren.

ZEIT: Wie harmonisch - sind Sie sich so einig?

Niggli: In der Analyse schon, alle forschen heute unter der Prämisse der Nachhaltigkeit. Die landwirtschaftliche Praxis aber belastet die Ökosysteme immer stärker. Daran muss sich die Forschung messen. Da werde ich immer ungeduldiger.

Die Kontrahenten

Reinhard Hüttl sitzt dem Bioökonomierat vor. Der Bodenkundler ist acatech-Präsident und steht an der Spitze des GeoForschungs Zentrums GFZ in Potsdam.

Urs Niggli ist seit 20 Jahren Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau im schweizerischen Frick. Er berät die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) als Mitglied der Senatskommission für Stoffe und Ressourcen in der Landwirtschaft.
Hüttl: Die Umweltbelastung ist immerhin aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts schon zurückgegangen. Wir betreiben heute eine Präzisionslandwirtschaft mit schonenden Maschinen und einem gezielteren Einsatz von Düngemitteln. So konnten die Erträge trotz geringerer Ressourcenbelastung weiter steigen. Und Ertragssteigerungen brauchen wir auch, wenn wir im Jahr 2050 neben der Erzeugung von Energiepflanzen und Biomasse für die Chemieindustrie neun Milliarden Menschen ernähren wollen, die alle vielfältig essen möchten.

Niggli: Nicht diese neun Milliarden Menschen begründen das ökologische Desaster, sondern die bis zu 30 Milliarden Nutztiere, die dann im Jahr 2050 Eier, Milch und Fleisch liefern sollen.

Hüttl: Auf einen Wandel des Ernährungsstils kann man aber leider nicht bauen - zumal wir selbst in dieser Hinsicht kein Vorbild sind. Deshalb sollten wir in der EU mehr Geld in Forschung und Entwicklung als in Agrarsubventionen investieren.

Niggli: Aber es wird keine Technologie geben, die 30 Milliarden Nutztiere umweltfreundlich macht! Wissenschaftler müssen endlich die Grenzen, welche unser Planet der Umweltbelastung setzt, respektieren und in ökologischen Systemen denken. Wir müssen quer durch die Disziplinen zusammenarbeiten, Bauern und Fachleute hinzuziehen, die auf dem Acker aktiv sind. Stattdessen arbeiten wir weiter hoch spezialisiert in Einzeldisziplinen.


Hüttl: Von jedem Forscher zu erwarten, dass er den gesamten Kontext beherrscht, ist einfach nicht realistisch. Vor allem: Die Systeme, innerhalb derer Sie wirtschaften wollen, kennen wir viel zu wenig. Denken Sie an das Waldsterben vor 25 Jahren. Damals hieß es: Ein Schadstoffproblem, der Boden versauert. Erst später wurde erkannt, dass Entschwefelungsanlagen und Katalysatoren nur Teile der Lösung waren; dass wir auch den Wald mit mehr Laubbäumen ökologisch stabilisieren mussten. Das notwendige Wissen über die Stoffkreisläufe verdanken wir der Spezialisierung. Ich bin ein Anhänger der Methodenentwicklung. Wir müssen in die Tiefe gehen.

Niggli: Ich spreche doch keiner Oberflächlichkeit das Wort! Ich versuche, die Tiefe moderner Forschungsmethoden und die horizontale Vernetzung der Fächer in Einklang zu bringen. Spezialisten müssen miteinander reden, die Institutionen müssen sich zusammentun. Auch wenn das mehr kostet.

Hüttl: Damit haben wir doch längst begonnen. Die Agrarfakultäten von Rostock, Berlin und Halle kooperieren, so wie die verschiedensten Disziplinen in München und Hohenheim. Auch wir Bodenkundler aus rund 50 Forschungseinrichtungen wollen jetzt gemeinsam herausfinden, ob Deutschlands Böden CO2 emittieren oder speichern.

Niggli: Aber es muss sich viel mehr ändern! Noch immer ist die Züchtungsforschung auf Pflanzen ausgerichtet, die auf besten Böden bei üppiger Düngung hohe Erträge erzielen sollen. Dabei müssen Nahrungspflanzen künftig mit weniger Stickstoff, Phosphor, Kali und Wasser auskommen und abwechselnd auf Nässe- und Trockenheitsstress reagieren. Die Umweltwissenschaftler beschreiben solche Zukunftsszenarien, doch nur die wenigen ökologischen Züchtungsinitiativen reagieren.

ZEIT: Geht es etwas konkreter?

Niggli: Nehmen Sie die pfluglose Bodenbereitung, die gerade weltweit vorangetrieben wird. Sie funktioniert nur mit mehr Stickstoffdünger, mit einem Totalherbizid gegen Unkräuter und mit gentechnisch veränderten Soja- oder Maispflanzen, die gegen das Herbizid resistent sind. In diese Felder, die nie geöffnet werden, können wir die Nährstoffe aus der Tierhaltung nicht zurückbringen. Sie überdüngen die Wiesen und am Ende die Meere.

Hüttl: Man kann einfach nicht mehr sagen, dass solche Fragen nicht bearbeitet werden. Klimaschutz, die Wasserhaltefähigkeit der Böden, für all das gibt es Forschungsvorhaben, und auch der Bioökonomierat greift das Thema Tierhaltung auf. Hinter die Paradigmen der Nachhaltigkeit fällt niemand zurück.

Niggli: Aber wir arbeiten nicht nachhaltig! Und die Forschung entwickelt häufig gentechnikbasierte Lösungen, die Ökosysteme schwächen. So wird sie sogar kontraproduktiv.

ZEIT: Bei der Gentechnik sind die Fronten nach wie vor verhärtet, dabei ist die Entwicklung vorangeschritten. Etwa bei einer Kartoffel, die gentechnisch gegen Phytophthora, den Erreger der Kartoffelfäule, resistent gemacht wurde. Das Gen stammt aus einer Wildkartoffel, der Bauer muss nicht mehr spritzen - was, Herr Niggli, ist daran verwerflich?

Niggli: Krankheitsresistente Sorten gibt es dank traditioneller Züchtung schon seit 30 Jahren, bei Kartoffeln, Reben, Äpfeln. Nur hat der Handel an solchen Eigenschaften kein Interesse, und die Verbraucher sind nicht informiert. Immerhin: In der Schweiz ist ein Drittel aller Bioäpfel auf dem Markt schorfresistent. Warum also auf die Versprechungen der Gentechnik warten?

ZEIT: Sie können also auch anders - aber was spricht gegen Gentechnik?

Niggli: Sie ist ja nicht nur kontrovers, weil Forscher und Umweltfundamentalisten einen ideologischen Krieg gegeneinander führen. Auch innerhalb der Wissenschaft wird intensiv diskutiert, und solange diese Debatte nicht zu befrie digenden Kompromissen führt, gehe ich kein Risiko ein. Dabei bin ich selbst kein militanter Kritiker der Gentechnik, und Erkenntnisse der Molekularbiologie fließen im Biolandbau ständig ein. Es gibt so viele »smarte« Anwendungen der neuesten Forschung, dass ich keineswegs den Notstand sehe, wir müssten mit der Gentechnik sofort auf den Acker.

Hüttl: Für uns gibt es keinen Notstand - anderswo in der Welt aber schon! Eine Milliarde Menschen hungern, zwei Milliarden sind mangelernährt. Nachhaltigkeit hat auch eine ethische Komponente, wir müssen Verantwortung übernehmen. Natürlich ist die Güterabwägung bei der Gentechnik notwendig, da stimme ich Ihnen zu. Im Gutachten des Bioökonomierates spielt sie mit fünf Prozent der Empfehlungen keine zentrale Rolle. Aber im globalen Maßstab sollten wir uns mit dieser Technologie auseinandersetzen.


ZEIT: Das mahnte der Bioökonomierat bereits in seinen ersten Empfehlungen an, und nahezu wortgleich fordern die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und die Deutsche Forschungsgemeinschaft mehr Offenheit gegenüber der Gentechnik. Scheinbar ist das aus wissen schaftspolitischer Sicht doch ein großes Thema.

Hüttl: Im Bioökonomierat keineswegs. Groß ist eher die öffentliche Diskussion. Ich kann damit leben, für Teilpositionen auch einmal in der Schublade zu landen. Gott sei Dank hat die Wissenschaft einen langen Atem. Dass wir als technikwissenschaftliche Akademie stärker Themen wie die Biotechnologie beleuchten, ist doch nur konsequent. Deutschland ist ein Hightech-Standort. Wir müssen gegen Länder wie Frankreich, die Niederlande oder die USA bestehen.

ZEIT: Ein Grund für die Kritik am Bioökonomierat ist, dass neben Wissenschaftlern auch Chemieund Pflanzenschutzunternehmen starken Einfluss haben. Ein gentechnikkritisches Blog polemisierte, die Bundesregierung finanziere mit zwei Millionen Euro ihre eigene Industrie- und Gentechniklobby.

Hüttl: Nicht die Regierung hat den Bioökonomierat eingesetzt, sondern die acatech, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften ...

ZEIT: ... die von der Bundesregierung als Ratgeber eingesetzt und finanziell unterstützt wird.

Hüttl: Nur zu einem Drittel. Ein Drittel kommt aus Spenden, ein weiteres Drittel ist projektfinanziert. Als - zur Zeit der Gründung - einzige nationale Akademie in Deutschland wollten wir größtmögliche Unabhängigkeit haben. Und die Vertreter von BASF oder RWE sind nicht als Lobby ihrer Firmen eingeladen, sondern ad personam als Forscher. Außerdem: Technik ohne Wirtschaft zu entwickeln - das macht keinen Sinn. Die Unternehmen betreiben zwei Drittel der Forschung in Deutschland. Gewiss, ihr Ziel ist der Profit. Aber methodisch arbeiten sie nicht anders als wir.

ZEIT: Im Bioökonomierat fehlten jedoch Biobauern, Fischer, Förster, Naturschützer, Entwicklungsexperten, Verbraucher, sagen die Kritiker. Und die Erfahrung mit Kernenergie oder Gentechnik zeigt: Erst treiben Wissenschaftler Technologien voran, dann folgen jahrzehntelange quälende Akzeptanzdebatten. Warum nicht gleich andere Teile der Gesellschaft einbeziehen?

Hüttl: Ich glaube, dass es acatech gelungen ist, die bioökonomierelevanten Bereiche repräsentativ im Rat abzudecken. Der Ökolandbau bringt in der landwirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland einen einstelligen Prozentsatz und macht bei Lebensmitteln weniger als fünf Prozent aus. Mit Folkhard Isermeyer, einem Vater der Förderprogramme für den Ökolandbau, hat auch dieses Thema Sitz und Stimme. Außerdem kooperieren wir mit dem Ethikrat, dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Um welt ver än derungen, dem Sachverständi genrat für Umweltfragen und dem Nachhaltigkeitsrat. Im Herbst stellen wir unser Programm vor, dann geht die Diskussion weiter. Wir wollen ein lernendes Programm.

Niggli: Trotzdem: Der ganze Bioökonomie- Ansatz zielt nur darauf, Technologien in neue Produkte zu verpacken, die unsere Industrie wettbewerbsfähiger machen. Ich investiere lieber in die Köpfe von Landwirten, die nachhaltig wirtschaften.

Hüttl: Technologiebasierte Innovationen könnten auch die Produktionsmethoden des Ökolandbaus verbessern, etwa durch Substitute für die heute üblichen Kupferspritzmittel. Neue Technologien können vor allem jenen helfen, die vom Wettbewerb ausgeschlossen sind, den Kleinbauern in Asien und Afrika.

Niggli: Den Welthunger bekämpft man auf andere Weise ebenso erfolgreich. Wo Kleinbauern hungern, führt der Ökolandbau mit Leguminosen, Kompost, biologischem Pflanzenschutz und lokalem Saatgut zu gewaltigen Ertragssteigerungen. Warum sollen sie dann teures Saatgut von Syngenta oder Monsanto kaufen? Wir brauchen eine viel größere Vielfalt der Lösungsansätze.

Hüttl: Da widerspricht doch niemand. Eine Vielfalt der Lösungen ist geradezu unser Hauptansatz.


ZEIT: Herr Niggli, Sie haben den Ökolandbau als »Innovationsmotor« bezeichnet. Das klingt in vielen Ohren paradox.

Niggli: Das ist die Krux der Wahrnehmung: Gentechnik gilt als Innovation - Ökolandbau nicht. Mich erinnert das an die Medizin: Wir wissen, dass Vorsorge am wichtigsten wäre, aber die ist nicht sexy. Auch in der Landwirtschaft muss die Prävention stärker erforscht werden: Wie machen wir Anbau- und Tierhaltungssysteme robust und reaktionsfähig? Wie werden sie produktiv, ohne andere Ökosystemleistungen zu verbrauchen? Der Agrarwissenschaftler der Zukunft muss sagen: Ich vermehre die Erträge, aber nicht auf Kosten der Bodenfruchtbarkeit, der Arten- und Sortenvielfalt oder der Qualität der Landschaft, sondern indem ich das alles mit verbessere. Dann müssten wir uns keine Sorgen mehr um die Bienen als Bestäuber machen. Der Ökolandbau definiert Produktivität nicht nur als Ertrag, sondern auch als Output an Ökosystemdienstleistungen. Das ist innovativ! Wir brauchen nicht nur das Essen für unser Überleben, sondern auch funktionierende Ökosysteme.

ZEIT: Aber der Ökolandbau verbraucht mehr Fläche als die konventionelle Landwirtschaft.

Niggli: Es sind noch beträchtliche Ertragssteigerungen möglich. Beispielsweise wissen wir aus der Zusammenarbeit mit dem Saatzuchtunternehmen KWS: Wenn wir Sorten für den Ökolandbau auf konventionellen Standorten mit hohem Düngerniveau auslesen, dann verlieren wir oft erfolgreiche Eigenschaften. Wählen wir die Sorten unter Ökobedingungen aus, dann haben wir eine raschere Steigerung der Erträge.

Hüttl: Auch der Bioökonomierat befasst sich mit der Funktion der Ressourcen, ihren komplexen Regelungsmechanismen und den Grenzen, an denen Schädigungen einsetzen. Aber genau dazu noch einmal mein Einwand als Wissenschaftler, und den meine ich sehr ernst: Sie legen nahe, wir wüssten bereits, was die Nachhaltigkeit von Ökosystemen ist und wie wir sie dauerhaft erhalten können. Ich aber glaube, dass wir davon weit entfernt sind und dass wir dynamischer denken müssen. Es gibt so viele offene Fragen an Systeme wie den Boden oder den Klimawandel. Die lassen sich nur mit akribischer wissenschaftlicher Arbeit beantworten, nicht mit Philosophie oder Ideologie. Deshalb sollten wir alle Technologien weiterentwickeln. Wir müssen flexibel bleiben.

ZEIT: Monokulturen wie in den USA, auf die Hightech wegen der hohen Kosten meist hinausläuft, sind alles andere als flexibel.

Hüttl: Die wollen wir auch nicht mehr. Wir plädieren für eine höhere Ertragssicherheit durch unterschiedliche Produkte auf einer Fläche. Da machen wir auch Anleihen in den Entwicklungsländern und beim Ökolandbau. Wir wollen die Gesamtbilanz von Systemen mit geringem Einsatz wan Agrarchemie untersuchen.

Niggli: Jetzt usurpieren Sie ja meine Themen! Aber gesagt ist noch nicht getan ...

Hüttl: Wir müssen in alle Richtungen offen bleiben. Wenn ich mich als Wissenschaftler mit einer Idee so gemeinmache, dass ich mich trotz anderer Faktenlage nicht mehr davon lösen kann, dann bin ich kein Wissenschaftler mehr. Wir Forscher können auch nicht zugleich die Anwender sein. Die Verantwortung dafür tragen die Entscheider.

Aus DIE ZEIT :: 08.07.2010

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