Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Streitlust und -frust: Die Hochschule als konfliktträchtiger Ort

von Justus Lentsch

Hochschulen sind besondere Institutionen, in denen wissenschaftliche Innovation und individuelle Genialität organisiert werden müssen - und in denen auch besondere Konflikte auftreten. Lässt sich diesen Konflikten mit akademischem Konfliktmanagement beikommen? Fragen an einen Mediator.

Streitlust und -frust© Carmen Martínez Banús - iStockphoto.comKonflikte an Hochschulen sind häufig speziell und bedürfen daher auch einer besonderen Form von Konfliktmanagement
Forschung & Lehre: Diskussion und Auseinandersetzung gehören naturgemäß zur Wissenschaft. Wie streitfähig sind Wissenschaftler bei inneruniversitären Konflikten?

Justus Lentsch: In der Tat gehören Diskussion und Einsicht kraft des besseren Arguments untrennbar zur Wissenschaft. Auch beruht die Autonomie der Wissenschaft wesentlich auf ihrer Fähigkeit zur Selbstregulation - und damit auf ihrer Fähigkeit, Konflikte selbst zu lösen. Daher mag es verwundern, wenn im Alltag mitunter so wenig von einem Bemühen um wechselseitiges Verständnis und um plausible Argumente für die Position der Gegenseite wahrzunehmen ist.

Das scheinbare Fehlen einer um Verstehen und produktive Vereinbarungen bemühten Diskurskultur hat aber auch systematische Gründe: Erstens ist Wissenschaft ein soziales System, in dem naturgemäß auch Konflikte auftreten. Diese können aber vielfach nicht angesprochen werden. Denn einem weitverbreiteten Verständnis nach sollte die Produktion von Wissen und allem, was damit zusammenhängt, unabhängig von sozialen Rahmenbedingungen sein. In dieser Logik gibt es, vereinfacht gesagt, allenfalls Sachkonflikte oder im schlimmsten Fall: "schlechte Praxis". Die offene Thematisierung von Konflikten wird vor diesem Hintergrund leicht als eine "Psychologisierung epistemischer Probleme" missverstanden. Ein Beispiel dafür sind Konflikte in der Promotionsausbildung, die nicht allein in schlechter Praxis, sondern oftmals in ungeklärten konfligierenden persönlichen oder institutionellen Rollenerwartungen wurzeln.

Zweitens sind Hochschulen sehr besondere Organisationen. In der Literatur werden sie oft als "organisierte Anarchien" beschrieben: Immer da, wo es um die Organisation von Innovation und somit um nicht standardisierbare Aufgaben geht, wie eben in der Forschung, lassen sich ex ante vielfach keine verlässlichen Entscheidungsroutinen entwickeln. In einer solchen Situation sind informelle Settings und fluide "Trading Zones" zum Abgleichen der unterschiedlichen Präferenzen und Werthorizonte oftmals die einzige Möglichkeit, überhaupt eine Entscheidung herbeizuführen. Im Einzelfall ist dies aber überaus konfliktträchtig.

F&L: Welche Rolle spielt der wachsende Druck von außen?

Justus Lentsch: Die wissenschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre, allen voran die Exzellenzinitiative, haben den Druck auf Hochschulen zur Profilbildung erhöht. Zunehmend müssen sich Hochschulen als Gesamtorganisationen positionieren und entsprechend handeln. "Turning the University into an organizational actor", wie es die Hochschulforscher Georg Krücken und Frank Meier genannt haben, erfordert allerdings einen hohen Grad interner Koordination. Dieser überfordert die etablierten Entscheidungs- und Beteiligungsformen in den Einrichtungen vielfach. Die Folge sind Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen: der internen Governance (also bspw. Konflikte zwischen Hochschulleitung/Verwaltung und Fachbereichen oder in der akademischen Selbstverwaltung), der externen Governance (bspw. Konflikte über angemessene Evaluationskriterien) oder Konflikte in der Forschung, insbesondere in den zunehmend geforderten inter- oder gar transdisziplinären Projektzusammenhängen und Clustern.

F&L: Wie begegnen Hochschulen als "organisierte Anarchien" traditionell Konflikten?

Justus Lentsch: Viele Konflikte werden in informellen Verhandlungs- oder Gesprächsarenen beigelegt. Daneben sind in der Wissenschaft aber auch bereits etliche formale Elemente eines Konfliktmanagements etabliert, auch wenn sie nicht so bezeichnet werden. Denken Sie an Ombudsgremien, Senatsberichterstatter in Berufungskommissionen oder an die Trennung von Betreuung und Bewertung in der Promotionsbeziehung.

F&L: Kann man Kernbereichen wie Forschung, Lehre oder Berufungen mit akademischem Konfliktmanagement beikommen?

Justus Lentsch: Ja, denn die Wissenschaft löst ihre Konflikte am besten selbst. Die kommunikativen "Ressourcen" dazu sind da, sie müssen den jeweiligen Akteuren nur zugänglich gemacht werden. Und genau dort setzt akademisches Konfliktmanagement an: nämlich die Selbstregulierungsfähigkeit in der Wissenschaft und in ihren Organisationen zu stärken. Durch kompetente, unvoreingenommene und allparteiliche Gesprächsführung sorgt es für faire Gesprächsabläufe, unterstützt durch besondere Gesprächstechniken die Beteiligten, die Perspektive der jeweils anderen Seite nachzuvollziehen, und erweitert den Raum der Lösungsoptionen. So kann ein kompetentes akademisches Konfliktmanagement die Konfliktbeteiligten darin unterstützen, zu produktiven und allseits verbindlichen Vereinbarungen zu gelangen. Leisten kann man dies in der Regel aber nur, wenn man neben einer entsprechenden Ausbildung mit den internen Regeln und Werten des Wissenschaftssystems vertraut ist und Akzeptanz bei den Beteiligten und "peers" genießt.

F&L: Sind andere Länder beim inneruniversitären Konfliktmanagement weiter als Deutschland?

Justus Lentsch: In anderen Ländern, vor allem den angelsächsischen Ländern, Österreich, Spanien und den Niederlanden, haben universitäre Ombudsgremien zur Etablierung eines akademischen Konfliktmanagements beigetragen. Aber auch in Deutschland wird das Potenzial eines akademischen Konfliktmanagements zunehmend erkannt und genutzt. Vorwiegend adressieren diese Angebote allerdings bislang lediglich Arbeits- und Führungskonflikte.


Über den Autor
Dr. Justus Lentsch ist ausgebildeter Mediator und Mitglied des Netzwerks Wissenschaftscoaching.

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2013

Ausgewählte Artikel